Lade Inhalt...

Framing der Anti-Atomkraft-Bewegung

Inwieweit hängt die Mobilisierungsfähigkeit einer sozialen Bewegung von der Qualität ihres Framings ab?

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Framing und Mobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung
2.1. Zum wissenschaftlichen Stand des Framing-Ansatzes
2.2. Entstehung und Mobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung
2.3. Welche Faktoren die Mobilisierungsfähigkeit beeinflussen

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Gegner der Atomenergie sind Reaktionäre. Sie wenden sich gegen den Fortschritt.

Sie wollen den Bürger mit einer Strategie des Rückschritts und der Armut beglücken.“

(Helmut Kohl, 1978 anl ä sslich

des Energie-Kongresses der CDU)1

Mittlerweile würde der frühere Bundesvorsitzende der Christlich Demokratischen Union Deutschlands und spätere Bundeskanzler, Helmut Kohl, den Gegnern der Atomenergie sicher mit größerem Verständnis begegnen, als es noch beim Energie-Kongress seiner Partei 1978 der Fall war. Spätestens die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 hat das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der CDU-geführten Bundesregierung um Kanzlerin und Physikerin Angela Merkel für die Gefahren der zivilen Nutzung der Atomtechnologie geschärft. Auch abseits von Castor-Transporten durch die Bundesrepublik hat die Anti- Atomkraft-Bewegung durch den Reaktorunfall wieder an medialer und damit an öffentlicher Beachtung gewonnen. Sie hat neue Unterstützer gefunden, zum Umdenken der Regierung Merkel und schließlich zum Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie geführt. Weltweit haben die Explosionen in den Reaktorblöcken Bestürzung und Angst vor radioaktiver Strah- lung ausgelöst. Doch die Diskussion um die zivile Nutzung der Atomenergie ist keineswegs neu. Ebenso wenig wie der Protest gegen die Atomtechnologie, wie das Kohl-Zitat zeigt. In den 80er- und 90er-Jahren verzeichnete die Anti-Atomkraft-Bewegung große Erfolge und erfuhr enormen Zuspruch aus der Bevölkerung. Nicht zuletzt, als es im amerikanischen Har- risburg und im ukrainischen Tschernobyl zur Katastrophe kam.

Diese Hausarbeit befasst sich mit der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland der 80er- und 90er-Jahre: Inwieweit hängt die Mobilisierungsfähigkeit einer so- zialen Bewegung von der Qualität ihres Framings ab? Am Beispiel der Anti-Atomkraft- Bewegung soll diese Frage geklärt werden. Es wird gezeigt, wie sich die Propagierung der Interessen und Sorgen kollektiver Akteure auf die Mobilisierungsfähigkeit einer sozialen Be- wegung auswirken. Dies ist relevant, um die Annahme zu bestätigen, dass soziale Bewegun- gen nur erfolgreich sein können, wenn sie eine ausreichende Öffentlichkeit erreichen und be- schäftigen. Dazu werden zunächst die Framing-Ansätze verschiedener Theoretiker wie Rucht, Neidhardt und Snow beschrieben. Im weiteren Verlauf untersucht die Hausarbeit die Mobili- sierung anhand der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik. Schließlich wird analy- siert, in welcher Abhängigkeit Mobilisierung und Qualität des Framings zueinander stehen.

2 Framing und Mobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung

2.1 Zum wissenschaftlicher Stand des Framing-Ansatzes

Weitestgehend Einigkeit herrscht in der Wissenschaft darüber, dass Akteure sozialer Bewe- gungen ihre Interessen und Probleme in Deutungsrahmen, so genannten Frames, formulieren. Umstritten ist jedoch, welche Bedeutung dem Framing selbst im Bezug auf die Mobilisie- rungsfähigkeit einer sozialen Bewegung beigemessen werden muss, dies gilt es im Verlauf dieses Kapitels zu zeigen.

Das vom amerikanischen Professor der Soziologie David A. Snow u.a. maßgeblich entwickelte Framing-Konzept2 sowie die Überlegungen der deutschen Soziologen Friedhelm Neidhardt und Dieter Rucht3 zur Thematik sind grundlegende Ansätze zum Framing sozialer Bewegungen und werden in dieser Arbeit zusammenfassend4 dargestellt.

Neben den Theorieansätzen der politischen Gelegenheitsstruktur sowie der Ressourcenmobi- lisierung hat sich der Framing-Ansatz in der Bewegungsforschung etabliert. Schnell an Be- deutung gewann der von Snow und dem amerikanischen Soziologen Robert D. Benford in die Bewegungsforschung eingeführte Begriff des „collective action framing“5, der in einer großen Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten verwendet und ausgearbeitet wurde.6 Unter „Frame“ ver- stehen Snow und Benford ein „interpretive schemata that simplifies and condenses the ,world out there’ by selectively punctuating and encoding objects, situations, events, experiences, and sequences of actions within one’s present or past environment“7. Somit ist mit Framing das Propagieren und Entwickeln eines Deutungs- und Erklärungsrahmens gemeint, den Ak- teure sozialer Bewegungen verwenden, um ihre Interessen durchzusetzen. Innerhalb dieses Deutungsrahmens definieren und rechtfertigen sie ihre Kampagne, den vorliegenden Konflikt, ihre Ziele und ihr Vorgehen. Von Benford und Snow wird Framing als dynamischer, andau- ernder Prozess verstanden, in dessen Verlauf Charakter und Reichweite der Frames ständig verändert werden. So ist festzustellen, dass Framing eine ständige Aufgabe für kollektive Ak- teure bedeutet, die beispielsweise auf Alternativdeutungen und Gegendiskurse, zu der von ihnen vertretenen Position, flexibel reagieren müssen.8

Im Gegensatz zu Snow, der unter Framing die bereits erwähnte Entwicklung und Propagie- rung eines Deutungsmusters versteht, stellen Neidhardt und Rucht fest: „Frames sind kollek- tive Deutungsmuster, in denen bestimmte Problemdefinitionen, Kausalzuschreibungen, An- sprüche, Begründungen und Wertorientierungen in einen mehr oder weniger konsistenten Zusammenhang gebracht werden, um Sachverhalte zu erklären, Kritik zu fundieren und For- derungen zu legitimieren.“9 Damit erweitern sie Deutungsmuster um die Benennung der Wer- torientierung kollektiver Akteure.

Als zentrale These des Framing-Ansatzes nach Snow bezeichnet der Diplom-Politologe Felix Kolb, dass „die Mobilisierungsfähigkeit einer sozialen Bewegung entscheidend von der Qua- lität ihres Framings abhängt“10. Neidhardt und Rucht bezeichnen Frames zudem als „die pro- grammatischen Stabilisatoren sozialer Kollektive, also auch von Bewegungen“11. Unbestritten scheint, dass dem Framing eine massive Bedeutung in der Betrachtung von Er- folg und Mobilisierungsfähigkeit einer sozialen Bewegung beigemessen wird. Nun stellt sich jedoch die Frage, wie ein Deutungsmuster aussehen muss, um eine möglichst große Mobili- sierungswirkung zu erreichen.

Das Framing sozialer Bewegungen lässt sich in einem so genannten Master-Frame zusammenfassen. Master-Frames bezeichnen „übergreifende Deutungsrahmen, die von mehreren Bewegungen und/oder über die Bewegung hinaus geteilt werden“12. Ein Master-Frame setzt sich laut Kolb in der Regel aus drei verschiedenen Elementen zusammen:

1. Dem „Diagnostic Framing", das die Problemdefinition und damit den Grund des sozialen Protests aufweist. In ihm wird formuliert, welche Umstände aus welchen Gründen nicht akzeptabel sind und wer für diese Umstände verantwortlich ist.13 Rucht und Neidhardt bezeichnen das „Diagnostic Framing“ als das Skandalisierungsmuster, welches das soziale Problem dramatisiert und legitimiert und dadurch förderlich auf die Mobilisierung der Bewegung wirkt.14
2. Dem „Prognostic Framing“, welches eine Vorstellung davon entwickelt, wie, von wem und mit welchen Mitteln das soziale Problem behoben werden kann.
3. Dem „Motivational Framing“, das eine Verbindung zwischen dem Umstand und je- dem Bürger aufzeigt, um ihn über Anreize und Motive zu motivieren, sich an der Kampagne zu beteiligen und diese zu unterstützen.15

Zusammenfassend ist also festzustellen, dass in jedem Master-Frame folgende Bestandteile enthalten sein müssen: Teile, die das Problem identifizieren und analysieren sowie Teile, die eine Lösung des Problems vorschlagen. Zuletzt muss es Bestandteile aufweisen, die zur Teil- nahme an der Kampagnenaktivität motivieren. Kolb stellt fest: „Die Mobilisierungskraft des Frames hängt von diesen drei Komponenten und ihrem Zusammenspiel ab.“16 Im folgenden Teil der Arbeit wird nun untersucht, inwieweit sich diese drei Bestandteile des Framings auf die Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er- und 90er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland anwenden lassen, um zu bewerten, inwiefern sie für die Mobilisierungswirkung dieser sozialen Bewegung von Belang waren.

2.2 Entstehung und Mobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung

Um im weiteren Verlauf die Mobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland analysieren zu können, ist ein knapper Exkurs zur Lage der zivilen Nutzung der Atomkraft in den 80er- und 90er-Jahren notwendig.

Bereits in den 60er-Jahren gab es in der Bevölkerung vereinzelt Angst vor der zivilen Nut- zung der Atomenergie. Größer war die Sorge vor dem atomaren Wettrüsten verschiedener Staaten und damit vor der Atombombe. Vereinzelt gab es immer wieder kleinere, lokale Pro- teste gegen den Bau neuer Atomanlagen wie den Forschungsreaktor im nordrhein- westfälischen Jülich. Die Bundesregierung hegte zu dieser Zeit großes Interesse an der Atom- energie und hielt sie für unerlässlich, um eine stabile Energieversorgung zu gewährleisten. Mit drei Atomprogrammen wurden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur zivilen Nut- zung der Atomenergie zwischen 1958 und 1972 gefördert.17 Am 31. Dezember 1977 waren 14 Atomkraftwerke18 in der Bundesrepublik in Betrieb, 17 weitere befanden sich im Bau oder waren beauftragt.19

[...]


1 Zitiert nach Dieter Rucht, Modernisierung und neue soziale Bewegungen. Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, Frankfurt am Main 1994, S.449.

2 David A. Snow / E. Burke Rochford Jr. u.a., Frame Alignment Processes. Micromobilization and Movement Participation, in: American Sociological Review 51. 1986, S. 464-484.

3 Dieter Rucht / Friedhelm Neidhardt, Auf dem Weg in die „Bewegungsgesellschaft“? Über die Stabilisierbarkeit sozialer Bewegungen, in: Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis 44. 1993, S. 305-326.

4 Ausführlich stellen die Autoren ihre Ansätze zum Framing in den Zeitschriftenartikeln, die in den Fußnoten 1 und 2 aufgeführt sind, vor.

5 David A. Snow / Robert D. Benford, Ideology, Frame Resonance, and Participant Mobilization, in: Klandermans / Kriesi / Tarrow (Hg.), International Social Movement Research, Greenwich 1988, S. 197-217.

6 Der Umfang dieser Arbeit erlaubt es nicht, einen repräsentativen Überblick zu geben. Benford und Snow zählen jedoch in einem Überblicksartikel etwa 250 Arbeiten, die auf das „collective action framing“ zurückgreifen: Robert D. Benford / David A. Snow, Framing Processes and Social Movements: An Overview and Assessment, in: Annual Review of Sociology 26. 2000, S. 611-639.

7 David A. Snow / Robert D. Benford, Master Frames and Cycles of Protest, in: Morris und Mueller (Hg.), Frontiers in Social Movement Theory, New Haven 1992, S. 137.

8 Vgl. Snow, Master Frames, S. 628.

9 Rucht, Weg, S. 308.

10 Felix Kolb, Soziale Bewegungen und politischer Wandel, Bonn 2002, S. 31 f.

11 Rucht, Weg, S. 308.

12 Sebastian Haunss, Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Bremen 2004, S. 37.

13 Vgl. Kolb, Bewegungen, S. 33 / Rucht, Weg, S. 308.

14 Vgl. Rucht, Weg, S. 308.

15 Vgl. Kolb, Bewegungen, S. 33.

16 Ebd.

17 Vgl. Rucht, Modernisierung, S. 443-446.

18 Im Folgenden wird die geläufige Abkürzung AKW parallel mit dem Wort Atomkraftwerk verwendet.

19 Vgl. Lutz Mez, Bundesrepublik Deutschland. Der unaufhaltsame Aufstieg zur Atommacht, in: Lutz Mez (Hg.), Der Atomkonflikt. Berichte zur internationalen Atomindustrie, Atompolitik und Anti-Atom-Bewegung, Berlin 1979, S. 29.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656123118
ISBN (Buch)
9783656124146
DOI
10.3239/9783656123118
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188590
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
framing anti-atomkraft-bewegung inwieweit mobilisierungsfähigkeit bewegung qualität framings

Autor

Zurück

Titel: Framing der Anti-Atomkraft-Bewegung