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Buddhistische Leidbewältigung als Provokation des Christentums

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Allgemeines

2. Die Vier Hohen Wahrheiten
2.1. Was ist Leiden
2.2. Die Entstehung des Leidens
2.3. Die Vernichtung des Leidens
2.4. Der heilige achtfache Pfad

3. Die Anattā-Lehre

4. Überlegungen zur christlichen Sicht des Leidens

5. Annäherung beider Religionen

6. Unterschiede beider Religionen

7. Schlussbetrachtungen

8. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Arbeit folgt getreu der aufgeworfenen Frage des Seminars: Wozu Gott? Buddhistische Leidbewältigung als Provokation des Christentums. Meine Vorgehensweise besteht nun darin, die buddhistische Leidbewältigung näher zu betrachten und mit der christlichen Vorstellung derselben zu vergleichen. Dann sollen mögliche Provokationen bezüglich des Christentums aufgezeigt werden. Es stellt sich die Frage, die im Hintergrund dieser Analyse schwebt, ob es überhaupt verschiedene Arten von Leidbewältigungen geben kann. Eine Antwort soll uns die folgende Darlegung ermöglichen.

Wenn man sich mit den Religionen beschäftigt und ihren Gehalt miteinander in Beziehung setzen möchte, so ist man versucht Rückschlüsse zu ziehen, welche dem eigenen Verständnis entsprechen. Man erfasst das, wozu man in der Lage ist. Die Lage möge eine gute oder schlechte sein. In religiösen Fragen ist es wichtig, nicht Dogmen zu übernehmen. Man muss in sich selbst hineingehen und eine Antwort suchen. Die heiligen Schriften zeigen uns den Weg, vielleicht verwerfen sie auch so manche irrige Annahmen. Sie können dazu dienen, in Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg zu treten. Dabei könnte der Verstand zu Recht gebogen werden. Doch ist es immer bei einem selber gelegen. Es heißt, nur ein Buddha könnte einen Buddha erkennen.1 So sind wir, insofern wir nicht erleuchtet sind, dazu aufgerufen, wenn wir Buddhismus und Christentum vergleichen wollen, den Weg der verstandesmäßig erfasst werden kann zu beschreiten.

Manche sagen, dass man entweder Christ oder Buddhist sein müsste. An einem bestimmten Punkt hätte man sich zu entscheiden. Bei allen Gemeinsamkeiten ließen sich doch solche Gegensätze ausmachen, und diese würden eine solche Entscheidung notwendig machen. Es kommt darauf an, welches Verständnis man einbringt. Ein Christ, welcher fest an einen personalen Gott glaubt, dürfte sich schwer daran tun, den buddhistischen Glauben zu akzeptieren. Ein Christ hingegen, für welchen der Begriff Gott ein Ausdruck der unermesslichen letzten Wirklichkeit ist, könnte sich dem buddhistischen Glauben leichter annähern. In diesem Sinne schreibt Wilhelm Gundert, der das maßgebliche Buch des Zen, das Bi-Yän-Lu, ins Deutsche übertragen hat, über den Begriff ‚Gott’:

„Wann und wo immer von Gott die Rede ist, muß man doch stets wiederholen, dass man eigentlich von >Ihm< nicht, wie von irgendeinem Gegenstande, reden kann.“2

1.1. Allgemeines

In Folge der vier hohen Wahrheiten vom Leiden, die der Buddha Gautama in seiner Rede von Benares verkündete, ist der Mensch befähigt, durch eigene Anstrengung zum Heil zu gelangen. Dies wird im Allgemeinen als der größte Gegensatz zum Christentum angesehen. Im Christentum ist der Mensch nämlich auf die Gnade Gottes angewiesen. Beim Untersuchen dieser beiden Vorstellungen wird sich zeigen, inwieweit die Vorstellungen selber es sind, welche den Heilsweg vorgeben. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede, wohingegen in der Wahrnehmung des Leides selbst keine so großen Unterschiede aufkommen. Vielmehr finden wir bei beiden Religionen eine gewisse Ablehnung der weltlichen Gegebenheiten. Diese ist in den buddhistischen Ordensgemeinden (samghās), wie auch bei christlichen Mönchsorden anzutreffen. Die Regeln dieser Mönche sind im Wesentlichen dieselben. Grob kann man sie als Keuschheit, Armut, Demut, Entsagung und Gebet (Meditation) zusammenfassen. Das Ziel ist beiderseits, den weltlichen Genüssen und somit dem eigenen Ego zu entsagen. Das Wahrnehmen des Leides auf dieser Welt führte dazu, erklären zu wollen, warum es denn ein solches überhaupt gibt. Eine letzte Ursache konnten oder wollten die beiden Religionen nicht darstellen. Eine schöne Anschauung darüber überliefert uns Buddha, indem er die Frage eines vom Pfeil getroffenen Mannes nach dem Woher des Pfeils und wer diesen Pfeil abgeschossen haben könnte als störend ansieht. Solche Fragen würden den Geist verwirren und einem vom Weg zur Erlösung abbringen. Allein das Herausziehen des Pfeils verschaffe Linderung.3 Der Buddha lehrt also, dass das Leben Leiden sei. Folgerichtig muss man diesem Leben entkommen, um dem Leid zu entgehen. Wie das Leiden entsteht, wie man es aufheben kann, soll später dargelegt werden. Charakteristisch für den Buddhismus ist die empirische Darstellung der Lehre (darhma). Bis zu einem gewissen Punkt kann sie mit dem Verstand nachvollzogen werden. Allein das Erleben der Kontemplation muss dem Meditierenden vorbehalten bleiben. Beim Christentum ist die symbolhafte Sprache der Bibel ein Hindernis für den leichten Zugang mit dem Verstand. Da ein personaler Gott vorausgesetzt wird, welcher allmächtig und allgütig sein soll, so muss die Schuld des Leides auf dieser Welt dem Menschen zugesprochen werden. Dies stellt der Sündenfall und die darausfolgende Erbsünde anschaulich dar. Aber es ist offensichtlich nur ein Behelf, um den Zustand der Menschen zu versinnbildlichen. So ist Adam nicht als Sündenbock zu verstehen, sondern als Abbild eines jeden Menschen. Aber dennoch ist das Leid für den Christen die Folge einer Schuld, eine Schuld, die für den Gottesgläubigen zur Sünde wird. Eine Schuld in dem Sinne gibt es im Buddhismus nicht. Es fehlt ein Richter dieser Welt, der einen zur Rechenschaft ziehen könnte. Doch bleibt bei beiden Religionen bestehen, dass die Verfehlungen im Leben Konsequenzen nach sich ziehen. So bleibt man im Buddhismus als Mensch, der noch dem Durst dieser Welt (tanhā) anhaftet, dem Samsāra unterworfen. Das Samsāra bringt notwendig Leid mit sich. Im Christentum ist die Gefahr der Hölle oder des Fegefeuers (purgatio) gegeben. Beides ist unerwünscht. Der rechte Lebenswandel ermöglicht den Eingang ins Nirvāna oder ins Himmelreich. Also muss dieser rechte Lebenswandel in beiden Religionen aufgezeigt werden. Wie oben gesagt ist das beim Buddhismus nicht allzu schwer, doch beim Christentum macht sich eine gewisse Unklarheit bemerkbar. Es heißt, dass der Glaube an Jesus Christus dazu verhelfen würde, das ewige Leben zu erlangen. Nur was dieser Glaube nun sein möge und wie sich daraus ein rechter Lebenswandel entwickeln würde, das ist eine heikle Frage. Es muss doch aber ein rechter Lebenswandel deutlich sein, um dem Anspruch zu genügen. Das Leid ist im Christentum da, um überwunden zu werden. Es ist eine Chance, daran zu wachsen. Der Buddhismus will das Leid aufheben.

Der Buddhismus bezieht sich auf Gautama Śākyamuni (ca. 566 - ca. 486 v. Chr.), dem „zur Wahrheit Erwachten“ (buddha)4. Dessen Bedeutung ist so groß, dass Buddhisten ihren Kalender mit dem parinirvāna (endgültiger Eingang ins Nirvāna nach dem Tod) des Buddha beginnen lassen5. Die kanonischen Schriften werden im Sanskrit als >Tripitaka< (Dreikorb) oder im Pâli als >Tipitaka< bezeichnet.

„Dabei wurden die heiligen Texte - Sutten - auf mehreren Konzilien in Gruppen - Nikāyos - geordnet und in Pitakas, Körbe, zusammengefasst, und zwar als das Suttapitakam, der Korb der Reden, und das Vinayapitakam, der Korb der Ordensregeln. Diesen beiden >Körben< wurde später als eine selbstständige Weiterbildung das Abhidhammapitakam, der Korb der Scholastik, angefügt.“6

Der in der Pâli-Sprache abgefasste Kanon, ist vollständig überliefert und soll im 1. Jahrhundert v. Chr. in Ceylon niedergeschrieben worden sein7. Die Richtungen, die sich ausschließlich auf das Tipitakam beziehen, werden als Hînayânam (kleines, mangelhaftes, Fahrzeug) bezeichnet. Diese Bezeichnung ging vom Mahāyānam (großen Fahrzeug) aus8, welcher den Kanon des Hînayâna anerkennt, aber durch zahlreiche, neuere Schriften ergänzte9. Natürlich gibt es noch weitere buddhistische Lehren, welche, je nach Land und der dortigen geistigen Tradition, verschieden sind. Auch ist ein Unterschied des gelebten Buddhismus zwischen den Mönchsgemeinden und der Volksreligion zu beachten.

In dieser Arbeit beziehe ich mich auf den Pāli-Kanon.

2. Die vier hohen Wahrheiten des Leidens

„Was aber, ihr Brüder, ist das Leiden, was ist die Entstehung des Leidens, was ist die Vernichtung des Leidens, was ist der zur Vernichtung des Leidens führende Weg?“10

2.1. Was ist Leiden?

„Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Gram und Jammer, Schmerzen, Trauer und Verzweiflung sind Leiden, nicht erlangen, was man begehrt:

Das ist Leiden - kurz, die fünf Elemente des Lebensdranges sind Leiden.“11

Diese fünf Elemente des Lebensdranges werden auch die fünf Gruppen des Anhaftens genannt. Aus den fünf Gruppen des Anhaftens wird die Persönlichkeit zusammengesetzt. Es sind dies der Körper, die Empfindungen, die Wahrnehmungen, die Gemütsregungen und das Erkennen.12 Der körperliche Organismus - nāma-rūpam - besteht aus dem Leib (rūpam) und dem Geist (nāmam)13. Anhand des Ineinandergreifens von Bewusstsein und körperlichem Organismus können die anderen Gruppen wirksam werden. Also ist die Persönlichkeit bedingt durch den körperlichen Organismus und das Bewusstsein. Das Bewusstsein ist an den körperlichen Organismus geknüpft und umgekehrt. Da nun aber der körperliche Organismus aus den vier vergänglichen Hauptelementen (Erde, Wasser, Feuer und Luft) zusammengesetzt ist, besagt dies die Vergänglichkeit der Persönlichkeit. Da wir nun einmal die gesamte Lebensumwelt, unser gesamtes Leben, nur mittels der Persönlichkeit erfahren können, ist die Leidenswahrnehmung unmittelbar mit dieser verknüpft. Das heißt, schon allein die Tatsache, dass wir eine Persönlichkeit haben, ist leidvoll.

[...]


1 Vgl. Brück, Michael von / Lai, Whalen: Buddhismus und Chrisrentum. S. 295 ~ 1 ~

2 Gundert, Wilhelm: Bi-Yän-Lu. 3. Band. S.111.

3 vgl. Grimm, Georg: Die Lehre des Buddho. Die Religion der Vernunft und der Meditation. S. 12 ~ 2 ~

4 Vgl. Brück, Michael von / Lai, Whalen: Buddhismus und Christentum. S. 583

5 Ebd.

6 Grimm, Georg: Die Lehre des Buddho. Die Religion der Vernunft und der Meditation. S. XLIV ~ 3 ~

7 Vgl. Glasenapp, Helmuth von: Die fünf Weltreligionen. S. 112

8 vgl. Grimm, Georg: Die Lehre des Buddho. Die Religion der Vernunft und der Meditation. S. XLVI

9 vgl. Glasenapp, Helmuth von: Die fünf Weltreligionen. S. 123

10 Neumann, Karl Eugen: Buddhistische Anthologie. Texte aus dem Pāli-Kanon. S.25. Majjhima-Nikāyo. I. Bd., I. Thls. 9.Suttam: Sammāditthisuttam.

11 Ebd.

12 Grimm, Georg: Die Lehre des Buddho. Die Religion der Vernunft und der Meditation. S.36

13 vgl. Grimm, Georg: Die Lehre des Buddho. Die Religion der Vernunft und der Meditation. S. 51 ~ 4 ~

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656124504
ISBN (Buch)
9783656124986
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188666
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Buddhismus Christentum Religionswissenschaft Gott Leiden

Autor

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