Lade Inhalt...

Elterliche emotionale Vernachlässigung in der frühen Kindheit – Risikofaktoren, Auswirkungen und Prävention

Hausarbeit 2011 29 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Elementare Basisbedürfnisse eines Kindes für eine altersgemäße Entwicklung

3 Formen elterlicher Vernachlässigung

4 Zusammenhang der Definitionen von Vernachlässigung, emotionaler Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung

5 Mögliche Ursachen und Risikofaktoren der emotionalen Vernachlässigung
5.1 Elternebene
5.2 Familienebene
5.3 Kindebene

6 Folgen und Auswirkungen von Kindeswohlgefährdung für die weitere Entwicklung des Kindes
6.1 Mögliche Kurzzeitfolgen
6.2 Mögliche Langzeitfolgen

7 Möglichkeiten der Prävention
7.1 Verhindern von Kindesvernachlässigung durch Präventionsmaßnahmen
7.1.1 Primärprävention
7.1.2 Sekundärprävention
7.1.3 Tertiärprävention
7.2 Bedeutung der Intervention für das Kind

8 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist „Elterliche emotionale Vernachlässigung in der frühen Kindheit“ und befasst sich mit den Risikofaktoren und Auswirkungen von Kindesvernachlässigung und deren Prävention. Zunächst haben sich mir im Laufe der Literatur- und Materialbeschaffung einige Fragen aufgetan, die ich versuchen möchte in der Arbeit zu beantworten. Was braucht ein Kind grundsätzlich um leben zu können? Was braucht es, um eine gesunde geistige und seelische Entwicklung zu erfahren? Wenn ein Kind auf die Welt kommt, benötigt es von seinen Bezugspersonen Beachtung, Zuwendung, Freundlichkeit, Schutz, Pflege und die Bereitschaft zu kommunizieren. Wenn alle diese Bedürfnisse erfüllt werden, kann sich das Kind optimal entwickeln. Doch welche Auswirkungen kann es für das Kind haben, wenn ihm diese Basisbedürfnisse durch seine Bezugspersonen verwehrt bleiben? Welche Folgen kann eine solche Vernachlässigung für das weitere Leben und die Entwicklung des Kindes haben? „Kinder müssen geschützt werden“ ist eine Aussage in aller Munde. Doch was bedeutet es, Kinder zu schützen?

„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch die Vernachlässigung großer Dinge“ (Wilhelm Busch).

Emotionale Vernachlässigung von Kindern erhält in den Medien und der Öffentlichkeit, aber auch in der professionellen Wahrnehmung, eine erkennbar geringere Aufmerksamkeit als die körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch. Dabei ist die Berichterstattung der Medien oftmals von einseitigen Schuldzuschreibungen geprägt und nach den Ursachen der Kindesvernachlässigung wird kaum gefragt. Nach Schätzungen liegt die Zahl der vernachlässigten Kinder um ein Vielfaches höher als etwa die des sexuellen Missbrauchs. Es besteht aktuell aber noch ein relativ geringes Wissen, denn emotionale Vernachlässigung von Säuglingen und Kleinkindern ist bislang ein wenig beachtetes Phänomen. Gerade diese Tatsache hat mein Interesse geweckt, mich näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich klären, was grundsätzliche und notwendige Basisbedürfnisse von Kindern sind und deren Wichtigkeit herausarbeiten. Somit ist der Begriff der Kindesvernachlässigung besser nachzuvollziehen und damit eine einheitliche Grundlage für die weitere Arbeit geschaffen. Zu einem besseren Verständnis, werde ich auch auf weitere Formen der Vernachlässigung eingehen, da diese nicht strikt voneinander zu trennen sind. Daneben beschäftigte ich mich mit zahlreichen Risikofaktoren, welche mögliche Ursachen für eine Kindeswohlgefährdung darstellen. Anhand charakteristischer Merkmale von Vernachlässigungsfamilien erkläre ich die Hintergründe der Kindesvernachlässigung und schildere, wie belastende Lebensumstände Eltern in ihren Fähigkeiten einschränken können, ausreichend für ihr Kind zu sorgen. Die Definition von Vernachlässigung ist allgemeingültig und auf alle Formen der Kindesvernachlässigung zu übertragen. Des Weiteren werde ich die möglichen vielfältigen Folgen der emotionalen Vernachlässigung skizzieren. Die Auswirkungen solcher traumatischen Erfahrungen sind komplex und es ist kaum möglich, sie auf allgemeingültige Folgeerscheinungen zu reduzieren. Im Anschluss daran betrachte ich die Präventionsmöglichkeiten bezüglich des Kindes. Aufgrund der zahlreichen Präventionskonzepte werde ich in dieser Arbeit auf gültige Aussagen zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention eingehen. Den Bereich der Intervention beleuchte ich hierbei nur kurz, da ich diesem Thema, aufgrund des Umfangs der Arbeit, kein eigenes Kapitel widmen kann.

Zudem verzichte ich weitgehend bewusst auf den Einbezug von statistischen Daten, da bisher keine einheitlichen Datenerhebungen zu emotionaler Kindesvernachlässigung in der Bundesrepublik Deutschland gemacht und entwickelt wurden und sie somit in diesem Zusammenhang nicht aussagekräftig sind.

Ich werde oft, aufgrund der besseren Lesbarkeit, von dem Kind sprechen. Dennoch beziehen sich meine Ausarbeitungen auf das Säuglings- und Kleinkindalter, welches auch den Schwerpunkt der Hauarbeit darstellt.

2 Elementare Basisbedürfnisse eines Kindes für eine altersgemäße Entwicklung

Kinder haben das Recht auf eine individuelle, personale und soziale Entwicklung. Das heißt, sie haben das Recht zu wachsen, zu lernen und zu gedeihen, ihre Persönlichkeit zu entfalten und sich damit zu emotional stabilen, eigenständigen, einfühlsamen und sozial verantwortlichen Persönlichkeiten zu entwickeln.

Für eine optimale Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit ist eine zuverlässige Erfüllung der Grundbedürfnisse („basic needs“) nötig. Unabdingbar ist der Zusammenhang zwischen der Befriedigung dieser kindlichen Bedürfnisse und einer guten Entwicklung des Kindes.

„Welche Bedürfnisse zu den Grundbedürfnissen von Kindern zählen, wird einerseits anhand von Menschenbildern und insbesondere anhand von Bildern von Kindern und Kindheit begründet, die in unserer Gesellschaft geformt werden. Andererseits haben empirische Forschungen nachgewiesen, welche Bedürfnisse von großer Bedeutung für die Entwicklung von Kindern sind und daher zu den Grundbedürfnissen gehören“ (Galm et. al 2010, S.33).

Abraham Harold Maslow hat die Bedürfnisse, die für die gesunde Entwicklung eines Kindes erfüllt sein müssen, im Rahmen einer Hierarchie in Form einer Pyramide angeordnet (siehe Anhang 1). Maslow zufolge müssen in der Regel zunächst die Basisbedürfnisse bis zu einem Mindestmaß befriedigt sein, damit sich auf der nächsten Bedürfnisstufe überhaupt Interessen entwickeln und deren Befriedigung angestrebt werden kann. „Je älter das Kind ist, desto mehr Gewicht bekommen die auf den oberen Ebenen benannten Bedürfnisse. Abhängig sind diese auch vom Entwicklungsstand des Kindes und von seiner Gesamtkonstitution“ (Alle 2010, S.70). Vernachlässigung bedeutet hier, dass die Bedürfnisse auf einer oder mehreren Ebenen der Bedürfnispyramide chronisch unzureichend befriedigt werden. Die Folgen sind umso gravierender, je niedriger die versagten Bedürfnisse in dieser Hierarchie angesiedelt sind. So führt das Ausbleiben physiologischer Bedürfnisbefriedigung nach einer gewissen Zeit zum Tode. Die Befriedigung höherer Bedürfnisebenen verträgt dagegen eher einen Aufschub.

Grundlegend werden die kindlichen Basisbedürfnisse in drei wesentliche Gruppen gegliedert. Diese Gruppen stehen miteinander in Zusammenhang und sind in ihrer Wirkung voneinander abhängig. Sie können als gleichwertig und grundlegend angesehen werden.

In die erste Kategorie wird das Bedürfnis nach grundlegender Versorgung und Schutz eingeordnet. Sie stellt eine Zusammenfassung von Ansprüchen dar, die für das Leben und Überleben des Heranwachsenden existenziell sind. Diese beinhaltet die körperliche Unversehrtheit, Versorgung und Sicherheit.

Damit sich ein Kind physisch und kognitiv gesund entwickeln kann, müssen in Verbindung mit dieser Bedürfniskategorie bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Ein Kind muss regelmäßig und genügend mit gesunden und ausgewogenen Nahrungsmitteln und Getränken versorgt werden. Zudem ist es wichtig, dass die Eltern bzw. die Bezugspersonen auf Hygiene und Körperpflege des Kindes achten und für einen angemessen Wach- und Ruherhythmus, sowie Schlaf sorgen. Ebenso ist es Aufgabe der Bezugspersonen, ihren Nachwuchs vor Gewalt, Zwängen und anderen physisch und psychisch verletzenden Handlungsweisen zu schützen. Das Kind muss gegen ungünstige und schädliche äußere Einwirkungen und Einflussfaktoren (zum Beispiel Witterung), Gefahren (z.B. Straßenverkehr und Alkohol etc.) und Krankheiten abgesichert werden (vergleiche Galm et. al 2010, S.34).

Kinder haben, ebenso wie Erwachsene, von Natur aus weiterhin ein Bedürfnis nach sozialer Bindung und Beziehung. Dieses Basisbedürfnis wird grundlegend durch das Heranwachsen des Kindes in einer beständigen und liebevollen Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson erfüllt. Dadurch ist ebenso gewährleistet, dass sich die Identität eines heranwachsenden Individuums entwickeln kann. Also eine Verbindung, die sich durch Nähe, Fürsorge, Zärtlichkeit, Empathie, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Bezugspersonen auszeichnet. Dabei werden die Beziehungen in Abhängigkeit von dem individuellen Kind, seinem Temperament, seiner Gefühlsregulation und Ausdrucksfähigkeit mitgestaltet. In den ersten Lebensjahren geht das Kind Bindungen zu den Personen ein, die seine physischen und psychischen Bedürfnisse regelmäßig befriedigen. Diese Bindungen sichern das Überleben und stellen Erfahrungen dar, die das zukünftige Bindungsverhalten und den Umgang mit anderen Menschen mitbestimmen. Das ist beim Knüpfen von sozialen Kontakten (z.B. zu Gleichaltrigen) von großer Bedeutung. Die stabilen und konstanten Bindungen ermöglichen auch die Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten. Positive Verbindungen erleichtern die Exploration und fördern damit auch die geistige Entwicklung, indem sie Konstanz und Verlässlichkeit sicherstellen, sowie Konzentration und Aufmerksamkeit ermöglichen. Diese Beziehungen bieten dem Kind eine Basis für Rückzugsmöglichkeiten und Unterstützung (vgl. Julius et. al 2009, S.13f). „Als größerer Rahmen kann dem Bedürfnis nach sozialen Beziehungen und Verbundenheit das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach stabilen, unterstützenden Gemeinschaften und nach kultureller Kontinuität zugeordnet werden. Soziale Kontakte, faire, durchschaubare und respektvolle gemeinschaftliche Verhältnisse und gemeinschaftlich getragene Werte und Normen, aber auch die Auseinandersetzung mit anderen und die Akzeptanz anderer können die Entwicklung der Persönlichkeit und von sozialer Verantwortung unterstützen“ (Brazelton/Greenspan 2002 S.31).

Alle Menschen, aber insbesondere Kinder und Jugendliche haben auch ein Basisbedürfnis nach Wachstum. Um sich geistig und auch körperlich entwickeln zu können, muss das Bedürfnis nach kognitiven, emotionalen, ethischen und sozialen Anregungen, Orientierungen und Erfahrungen erfüllt werden.

Der Explorations- und Wissensdrang von Kindern und Jugendlichen schließt gleichermaßen das Verlangen nach Spiel und Leistung ein. Durch Ermutigung und angemessene Stimulierung unterstützen die Bezugspersonen das Explorationsverhalten. Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungsräume, in denen sie selbstständig üben und sich unter Beweis stellen können. In ihnen benötigen sie zum Einen Struktur und Halt durch Eltern und Bezugspersonen, wie auch sinnvoll gesetzte Grenzen. Eltern benötigen dabei viel Geduld, um beständig bleiben zu können. Daneben gilt es insbesondere, in den Zusammenhängen von Erwartungen und Leistung das Bedürfnis des Heranwachsenden nach Lob und Anerkennung angemessen zu berücksichtigen und zu erfüllen.

Bereits Säuglinge wollen und benötigen für ihre Entwicklung eine anregungsreiche materielle (z.B. Mobile, Spielzeug, Bücher etc.) und soziale Umwelt. Dabei ist es für die Entwicklung günstig, vom einzelnen Kind und nicht von altersgebundenen allgemeinen Vorgaben auszugehen. Sowohl ständige Über- als auch Unterforderung wirken sich altersunabhängig negativ aus (vgl. Galm et. al 2010, S.36f). „Die Möglichkeit zur Teilhabe an ausgewählten Aktivitäten der Erwachsenen und zu möglichst selbstständigen Versuchen der Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben und Probleme in gestalteten Erfahrungsräumen sowie die Anerkennung dieser Leistungen ist in jeder Altersstufe für eine positive Selbstkonzept- und Selbstkompetenzentwicklung wichtig“ (Galm et. al 2010, S.36).

Kinder sind von der Erfüllung der Bedürfnisse durch die Bezugspersonen abhängig. Alle Grundbedürfnisse sind für ein gesundes Aufwachsen von Heranwachsenden von überaus großer Bedeutung.

3 Formen elterlicher Vernachlässigung

Es gibt zum Einen eine aktive und zum Anderen eine passive Art der Kindesvernachlässigung. Die passive Form, welche unbewusst geschieht, entsteht aus mangelnder Einsicht, Nichterkennen von Bedarfssituationen oder unzureichendem Handlungspotential der sorgeberechtigten Personen. Die aktive Vernachlässigung ist die wissentliche Verweigerung von Handlungen, die sich auf einen erkennbaren Bedarf des Kindes richten. Die Grenzen zwischen aktiver und passiver Kindesvernachlässigung sind jedoch als fließend anzusehen (vgl. Deegener/Körner 2005, S.37).

Vernachlässigung tritt in verschiedenen Erscheinungsformen und Ausprägungen auf und ist multidimensional. Eine eindeutige und einheitliche Kategorisierung von Vernachlässigungsformen hat sich in der wissenschaftlichen Forschung jedoch bisher nicht herausgebildet. Allerdings bestehen wesentliche Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Formsystemen (vgl. Galm et. al 2010, S.25). So wird in der Regel körperliche Vernachlässigung ebenso als Unterform betrachtet wie kognitiv-erzieherische und emotionale Vernachlässigung, sowie unzureichende Beaufsichtigung.

Körperliche Vernachlässigung ist ein Ausdruck einer Überforderung der Eltern im Hinblick auf die alltäglich notwendige Grundversorgung ihres Kindes. Sie ist gekennzeichnet durch eine unzureichende und inadäquate Ernährung, unzureichenden Wohnraum, mangelnde Körperpflege und unhygienische Verhältnisse, sowie unangemessene Kleidung. Häufig zeigt sich ebenso ein Desinteresse an Gesundheitsfürsorge und Vorsorge (z.B. Verweigerung und/oder Verzögerung medizinischer Behandlungen bei Erkrankungen des Kindes), wie auch fehlende oder unzureichende Beaufsichtigung und Schutz vor Gefahren, die zu erheblichen Gedeih- und Entwicklungsstörungen, Unfällen, Verletzungen oder Krankheiten führen können. Oftmals sind die Schlafzeiten des Kindes unregelmäßig und seinem Alter nicht entsprechend (vgl. Galm et. al S.25).

Beschäftigen sich Eltern kaum mir ihrem Kind (Mangel an Konversation, Spiel und anregenden Erfahrungen) nehmen sie einen unzureichenden erzieherischen Einfluss. Wenn die Eltern zudem keinerlei Einwirkung auf einen unregelmäßigen Schulbesuch oder Suchtmittelgebrauch etc. haben und den Erziehungs- und Förderbedarf ihres Kindes missachten, wird dies als kognitive und erzieherische Vernachlässigung bezeichnet (vgl. Galm et. al 2010, S.25).

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656123521
ISBN (Buch)
9783656123859
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188668
Institution / Hochschule
SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Note
1,3
Schlagworte
Kindeswohlgefährdung Vernachlässigung Kinder Kindheit Missbrauch emotional Eltern

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Elterliche emotionale Vernachlässigung in der frühen Kindheit – Risikofaktoren, Auswirkungen und Prävention