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Dichtung und Idyllen des Friedrich Wilhelm August Schmidt

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Über Forschungsstand, Quellenlage und biographische Idyllen

II. Di e Karschin, Herr Schmidt und die Volkspoesie

III. Neue Idyllenräume

IV. Literaturverzeichnis

I. Über Forschungsstand, Quellenlage und biographische Idyllen

Nicht von ungefähr, so wie Werneuchen seit jeher noch hinter dem Rand der Großstadt und märkisch-preußischen Literaturmetropole Berlin liegt, ist auch der berühmteste aller Werneuchener nur eine Randfigur der Literaturgeschichte gewesen. Nicht dass die Provinz, sei es als Thema, Herkunft oder Arbeitsort, Friedrich Wilhelm Augst Schmidt von vornherein zu seiner Randlage verurteilt hätte, doch muss man scheinbar Provinz überwinden, sich selbst von ihr abheben, was er bekanntermaßen nie getan hat, um mit ihr oder von ihr aus zu literarischer Geltung zu gelangen.1 Und so hat auch die Literaturwissenschaft Schmidt mit einem einzigen Aufsatz nur gestreift, obgleich doch für sie nichts zu abwegig oder zu entfernt sein könnte, als dass sie sich damit nicht mehr befassen würde. Dennoch scheint über Schmidt alles schon gesagt worden zu sein: Das Urteil fällten noch die ganz Großen der Literaturgeschichte, Goethe, Tieck, Wieland, Fontane, August Wilhelm Schlegel und Jakob Grimm höchstselbst;2 Günther de Bruyn hat ihn für die heutige Nachwelt neu herausgegeben und selbst zu einem versöhnlichen Urteil über ihn gefunden; Alfred Molzan hat die eine, genuin literaturwissenschaftliche Abhandlung über ihn verfasst, welche auch so ziemlich alles klären sollte, nämlich die Sphären (Produktion, Distribution, Rezeption/Konsumption) seiner Literatur und deren „Repräsentanz für eine bestimmte Richtung innerhalb der […] Literaturszene der neunziger Jahre [des 18. Jahrhunderts].“3 Was braucht es da noch mehr? Zumal nichts weiter als seine Gedichte4, die Vorreden für die „Calender der Musen und Grazien“ bzw. für die „Neuen Berlinischen Musenalmanache“ zur Exegese bereit stehen. Allein schon bei Schmidts vermeintlicher Geistesverwandten, Anna Louisa Karsch, würden sich darüber hinaus noch eine umfangreiche Korrespondenz, z. B. mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim, ihre „Vorläufige Lebensbeschreibung“ und die Biographie aus der Hand der Tochter, Caroline Louise von Klencke, finden lassen. Auch wenn Schmidts Werk also quantitativ gesehen gar nicht so schmal ausfällt, so lässt es doch eine qualitative Vielfalt der Gattungen und Textsorten vermissen. Dass es in seinen Gedichten zudem keine größeren Tiefen gibt, die es zu dechiffrieren gilt und denen man Geheimnisvolles, gar Neues abringen könnte, ist auch bekannt. Ferner noch sind andere Quellen, abgesehen von den zahlreichen Parodien, Urteilen, vorgefertigten Meinungen, Legenden und Stilisierungen, kaum vorhanden.

Die allzu häufige Schwatzhaftigkeit dessen, was andere über Schmidt geschrieben hatten, soll an diesem Beispiel illustriert werden: Dass dem schmidtschen Wesen „der Genügsamkeit, Zufriedenheit mit dem Lose, das ihm gefallen“, Grenzen gesetzt waren, hat Fontane wohl übersehen, als er schrieb, dass Schmidt „den Wunsch, seine Werneuchener Pfarre mit einer anderen zu vertauschen, nie gehabt zu haben scheint.“5 Und auch de Bruyn hat nicht ganz Recht, wenn er noch 2006 behauptet, dass Schmidt seinen Umzug nach Werneuchen nie bereut hätte und dass gar Schmidts Produktivität nur „an der Zufriedenheit starb“.6 Es liegen nämlich, als jene wenigen „objektiven“ Quellen, Schmidts Bewerbungen um die Pfarre Alt-Lietzegöricke, die 1802 erfolgte, und um die Pfarre von Fehrbellin, die auf 1804 datiert ist, und die allesamt abschlägig beschieden wurden, vor. Diese fanden sich in Konsistorialakten und wurden 1932 vom Geheimrat Dr. Paul Schwartz zu Tage befördert, als dieser über Schmidts Gielsdorfer Kollegen, den „Zopfschulz“ genannten Johann Heinrich Schulz und dessen Verwicklungen mit dem Religionsedikt vom 9. Juli 17887 forschen wollte. Seine erste Bewerbung begründet Schmidt folgendermaßen: „Ich bin nicht, durch Nahrungssorgen eingeschränkt, im Stande, den Wissenschaften so zu huldigen und für das Beste meiner Familie so zu sorgen, als ich es so herzlich wünsche.“8 Und so seine Zweite: „Da ich schon als Feldprediger schlechter stand als mir über die im Examen bewiesen Kenntnisse ein so günstiges Zeugnis erteilte, so durfte ich eine verbesserte Versorgung, als die Stelle in Werneuchen ist, hoffen. Allein meine Versorgung fiel in die mir ungünstige Periode der damaligen Immediat- Examinations-Komission, weswegen ich vielleicht ein schlechteres Los zog als andere, die gleiche Hoffnungen mit mir teilten. Denn ich darf mit Wahrheit sagen, daß ich bis jetzt folglich über 17 Jahre, in einer Vorbereitungsstelle stand, und glaube daher bei E. K. M. Verzeihung zu finden, wenn ich im Vertrauen auf die bisherige Zufriedenheit meiner Obern und Gemeinden und im Bewußtsein, alle meine Berufspflichten streng und gewissenhaft erfüllt zu haben, meine Bitte wage.“9 Diese sind eindringliche Beschreibungen der prekären ökonomischen Lage Schmidts und dies ist vor allem ein eindeutiger Einspruch der Quellen gegen das von de Bruyn und Fontane gezeichnete Bild des „genossenen ländlichen Glücks“10, bei dem es scheint, als ob die Idyllen der schmidtschen Dichtung ihre Verwirklichung und ihren realen geographischen Ort in Werneuchen gefunden hätten, wodurch noch weiteres Idyllendichten natürlich obsolet geworden wäre. Auf die Idee, dass Schmidt bei vier Kindern und einem Leben am Existenzminimum – und das ist das wahre ländliche „Glück“ um 1800 – vielleicht einfach keine Zeit mehr dafür hatte, seine Textproduktion auf dem bisherigen Niveau zu halten, hat man sich von Molzan abgesehen bisher nicht besonnen.11 Es scheint, als ob die Schriftsteller de Bruyn und Fontane bei ihrer Beschreibung der historischen Person Schmidts selbst ein wenig der Idyllenerdichtung anheim gefallen sind.

Man hat somit doch recht viel über Schmidt gesagt, sei es wie so häufig mit einem Urteil, selten mit Forschungsabsicht oder oftmals einfach nur mit einem historischen Schwätzchen, während er selbst sich kaum offenbart hatte. Und so wird diese Arbeit nichts zu seiner Biographie hinzufügen oder sich in den Chor der Mutmaßungen über Glück und Unglück seines Leben einreihen, noch ein Geschmacksurteil fällen; hier geht es um Zweierlei, nämlich um die Idylle als Gattung des schmidtschen Werkes und dessen Einordnung in die Geschichte dieser Gattung sowie um die Kontextualisierung der Schmidtrezeption in den zeitgenössischen Diskursen um Volksdichtung, Volks- und Nationalliteratur. Im Verlaufe dessen werden dabei zwei Namen des öfteren Fallen: Johann Heinrich Voß und Anna Louisa Karsch.

II. Die Karschin, Herr Schmidt und die Volkspoesie

An dieser Stelle soll nun kein grundlegender Vergleich zwischen Anna Louisa Karsch, genannt die Karschin und Schmidt gezogen werden; doch sind gewisse Aspekte jenes Vergleiches durchaus hilfreich, da allein schon die Forschungslage zur Karschin sich im Gegensatz zu der Schmidts gerade zu üppig ausnimmt und die dort getroffenen Überlegungen an anderer, noch leerer Stelle sehr wohl Anwendung finden könnten. So ist die Karschin, wie Hannelore Scholz nachgewiesen hat, Gegenstand der deutschen Volkspoesiedebatte und für viele ihrer Exponenten bonum exemplum derselben geworden.12 Hannelore Schlaffer geht sogar so weit zu behaupten, „dass die Karschin im 18. Jahrhundert eine poetologische Funktion hatte, die von der poetischen Qualität ihrer Gedichte unabhängig war.“13 Dieses Thema streift Molzan für den Fall Schmidt in seinem Rundumschlag nur am Rand und stellt fest, „dass die Gründe für ihre [i. e. die Gedichte Schmidts, M. M.] Popularität gerade für die klassischen Bemühungen um große Nationalliteratur von Bedeutung sind.“14 Jene Bemühungen wurden von Herder losgetreten, waren aber auch Anliegen der Stürmer und Dränger und wurden z. B. von Gottfried August Bürger formuliert. Fluchtpunkt all ihrer Auslassungen dazu ist die Versöhnung von Kunstdichtung und Volkspoesie unter dem Vorzeichen einer Nationalliteratur; und dass die Betrachtungen der Volkspoesie ihre Berechtigung und diese zumindest ihren eigenen Wert hat, darauf wären sogar die „Hardliner“ der Berliner Aufklärung, etwa Moses Mendelsohn oder Christoph Friedrich Nicolai, konform gegangen. Wie sehr diese beiden Pole allerdings von einander entfernt hatten, ist beim Germanisten und Literaturkenner Gerhard Wolf nachzulesen: „Die Poesie in Preußen treibt zu Beginn seltsame Blüten. Sie brüstet sich mit kämpferischen Kriegsliedern und pathetischen tyrtäischen Oden und gefällt sich, Kehrseite der Medaille, gleichzeitig im Gewand der heiteren Muse mit anakreontischem Getändel. Die wirkliche Seite des Lebens bleibt ihr eigentlich fremd.“15 Umso größer war das Erstaunen, als das „wirkliche Leben“ mit dem Auftritt der Karschin scheinbar fleischgeworden war und durch sie Volk und Natur höchstselbst bis hinauf zum König zu sprechen schienen, was auch im wesentlichen ihre „poetologische Funktion“ darstellte. Hannelore Scholz fasst schließlich die Umstände, aufgrund derer die Karschin einen „Platz innerhalb der Volksdichtungstradition einnehmen konnte“, folgendermaßen zusammen: „1. Sie war ein Beispiel für künstlerisch-produktive Möglichkeiten einer Frau aus sozial niedrigem Stand. 2. Sie verfasste anakreontische Gelegenheitsdichtung. Die Schilderung ihrer Alltagswelt, die Klage über Bauernnot und Kriegsgreuel und ihre Loblieder auf Friedrich II. begünstigten zunächst den Anschluss an Berliner Schriftstellerkreise […]. 3. Ihre ästhetische Stärke lag im Improvisatorischen und Regellosen ihrer Dichtung. Die unmittelbaren, von Empfindungen getragenen Beschreibungen ihrer Umwelt und Lebensverhältnisse waren wirkungsvoller Kontrast zur viel kritisierten „Gelehrtenliteratur“ und Regelpoetik.“16 Nur der 3. Punkt könnte auch auf Schmidt zutreffen.

[...]


1 Die andere Seite der Medaille: Eben da er dies nie getan hat, ist er wohl zu zeitweiliger Berühmtheit gekommen. Doch ohne den literarischen Rang, den nur die Rezensenten verleihen können, sondern nur mit dem „Bestsellerrang“, den die Konsumenten verleihen, auf der Fahne, muss man „liefern“ um nicht wieder in der Versenkung zu verschwinden. Doch die beliebten schmidtschen Lieferungen blieben nach der Jahrhundertwende aus und somit verblasste auch seine Berühmtheit, diese im Sinne von Bekanntheit, nicht von Ruhm.

2 Eine ausführliche Sammlungen all dieser Ausführungen befindet sich bei de Bruyn.

de Bruyn, Günther (Hg.): Einfalt und Natur. Gedicht von Friedrich Wilhelm August Schmidt, Märkischer Dichtergarten, Berlin, 1981. de Bruyn, Einfalt, S. 210-215.

3 Molzan, Alfred : Friedrich Wilhelm August Schmidt – Sandpoet und Volksdichter. Ein Beitrag zur Literaturszene um 1800 in der „Mark“, In: Weimarer Beiträge 34, Nr. 12, 1988, S. 1962-1978. Molzan, S. 1962.

4 Die Gedichte erschienen ab 1787 zunächst verstreut in diversen Zeitschriften und Almanachen, schließlich in den „Neuen Berlinischen Musenalmanachen“ (jeweils für die Jahre 1793-1797), den „Calendern der Musen und Grazien“ (für die Jahre 1795-1797) und die selben Gedichte daraus endlich in diversen anderen Gedichtbänden, dieser Letzte erschien 1940. Das alles ist in der umfangreichen bibliographischen Aufstellung bei de Bruyn nachzuvollziehen. (Vgl. de Bruyn, Einfalt, S. 264-267.)

5 Fontane, Theodor: Werneuchen, In: de Bruyn, Einfalt, S. 216-241. Fontane, S. 228.

6 de Bruyn, Günther: Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807, Berlin, 2006. de Bruyn, Poesie, S. 247.

7 Wie Molzan bemerkt hat, ist auch Schmidt – wenn auch nur mittelbar – Opfer dieses Religionsediktes geworden, da der „Calender der Musen und Grazien für das Jahr 1797“ auf Wunsch seines Verlegers Johann Friedrich Unger in der Zeitrechnung des Republikanischen Kalenders erschien und deshalb von Minister Johann Christoph von Woellner kassiert worden ist. (Vgl. Molzan, S. 1974.)

8 Schmidt, Friedrich Wilhelm August: [zwei Bewerbungen, 1802 und 1804], zitiert nach: Schwartz, Paul: Die beiden Opfer des Preußischen Religionsedikts vom 9. Juli 1788, In: Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte 27, 1932, S. 102-155. Schwartz, S. 107.

9 Ebd., S. 107f.

10 de Bruyn, Poesie, S. 248.

11 Molzan, S. 1964.

12 Scholz, Hannelore: „Doch mein Herz, … dieses ist ganz Gefühl, ganz Freundschaft, so wie es den Dichtern geziemt.“ Die Karschin im Kontext der Volkspoesiedebatte in Deutschland, In: Anke Bennholdt-Thomsen, Anita Runge: „Anna Louisa Karsch (1722-1791). Von schlesischer Kunst und Berliner „Natur“. Ergebnisse des Symposions zum 200. Todestag der Dichterin, Göttingen, 1992, S. 132-148.

13 Schlaffer, Hannelore: Naturpoesie im Zeitalter der Aufklärung. Anna Louisa Karsch (1722-1791). Ein Portrait, In: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 1. Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München, 1988, S. 313-324.

Schlaffer, S. 323.

14 Molzan, S. 1965.

15 Wolf, Gerhard (Hg.): O, mir entwischt nicht, was die Menschen fühlen. Gedichte und Briefe von Anna Louisa Karschin, Märkischer Dichtergarten, Berlin, 1982.

Wolf, S. 278.

So wenig wie Preußen, gerade im friderizianischen Zeitalter, die deutsche Nation darstellte, so wenig hatte die Nationalliteratur bekanntermaßen ein staatlich gebildete Nation zur Referenz. Zunächst war da nur die deutsche Sprache.

16 Scholz, S. 134.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656125679
ISBN (Buch)
9783656126720
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188791
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Friedrich Wilhelm August Schmidt Schmidt von Werneuchen Die Karschin Anna Louisa Karsch Johann Heinrich Voss Berlin Brandenburg 18. Jahrhundert

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Titel: Dichtung und Idyllen des Friedrich Wilhelm August Schmidt