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Rezension zu "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Eve Chiapello

Rezension / Literaturbericht 2007 6 Seiten

Leseprobe

Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello greifen eine zentrale Kategorie von Max Weber auf, um den „neuen Geist des Kapitalismus“ in der Netzwerkgesellschaft der Gegenwart „spuken“ zu lassen. Dabei gehen sie davon aus, dass die Welt der Wirtschaft nicht allein gesetzmäßigen Strukturen unterliegt, welche sich den handelnden Subjekten gänzlich entziehen würden. Vielmehr hält sich der Kapitalismus erst durch die eigene Rechtfertigung gegenüber seiner Kritik am Leben.1

Mit ihrer eigenen Definition von Webers Begriff bezeichnen sie „eine Ideologie (...), die das Engagement für den Kapitalismus rechtfertigt“ als Geist des Kapitalismus. Die Notwendigkeit einer Rechtfertigung sehen sie allerdings in der Natur des Kapitalismus als System begründet. Dieses halten sie im Grunde für absurd und bescheinigen ihm ein Plausibilitätsdefizit: Werden die Arbeitnehmer den Produkten ihrer Arbeit entfremdet, so sind die Arbeitgeber gefangen in einem Teufelskreis aus beständiger Investition, Profitmaximierung und Reinvestition, der durch das Akkumulationsprinzip und den Druck der Konkurrenz aufrecht erhalten wird.2

Der Kapitalismus selbst bleibt ein amoralischer Prozess, ist also gezwungen Anreize zu schaffen, die über seine Grundprinzipien hinausgehen, um sich die Beteiligung der Menschen zu sichern. Drei wesentliche Bedürfnisse muss der Kapitalismus deshalb zu allen Zeiten befriedigen. Er soll:

1. eine „Quelle der Begeisterung“ darstellen
2. minimale Sicherheit bieten
3. dem Allgemeinwohl gegenüber zu rechtfertigen sein.3

Die konkrete Gestalt des Geistes hängt dabei jeweils davon ab, welche Antworten die Vertreter des Kapitals auf die Vorhaltungen der Kritik finden. Sie dient dem Kapitalismus somit als Motor zur Veränderung. Erst durch sie ist der Geist nicht statisch, sondern dynamisch und kreativ. Der Kapitalismus bleibt somit auf seine Kritiker angewiesen.

Sobald sich ein Prozess in dieser Dialektik zwischen Kapital und Kritik entwickelt hat, machen Boltanski und Chiapello drei unterschiedliche Ausprägungen des Geistes seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus.

Die erste Variante drehte sich um das patriarchale Unternehmertum der Bourgeoisie. In ihr ergänzten sich eine „neuartige Wirtschaftshaltung“, die durch Sparsamkeit, Rationalisierung und Kalkül geprägt war, mit überkommener Moral und familiären Werten. Die zweite Phase des Geistes kennzeichnet sich durch Taylorismus, Massenproduktion und Karriereoptionen für Akademiker. Das System als ganzes ist hoch bürokratisiert und zentral organisiert. Es besteht eine hohe Identifikation mit dem fürsorglichen Großkonzern.4

Seine dritte, aktuelle Ausprägung beginnt der Geist des Kapitalismus seit den achtziger Jahren anzunehmen. Diesen wollen die beiden Autoren dem zweiten Geist vergleichend gegenüberstellen, um zu veranschaulichen, wie sich seine Veränderungen vollzogen haben. Methodisch gehen sie im Rahmen einer Diskursanalyse vor. Sie benutzen das Textanalyseprogramm „Prospero@“, um zwei etwa tausend Seiten umfassende Textkorpora auszuwerten. Den Inhalt der Korpora stellt Beraterliteratur für Manager der sechziger und neunziger Jahre in Frankreich dar.5 Das entstehende Theoriegebäude bezieht sich also empirisch explizit auf die Situation in Frankreich, dennoch halten seine Erfinder es für übertragbar auf Managerkulturen in anderen Ländern.

Um zu verstehen, mit welchen Strategien die Manager auf Kritik reagieren, greifen die Autoren auf Boltanskis Modell der sechs Poleis zurück. Diese stellen „Wertigkeitsordnungen“ dar, die gesellschaftliche Akzeptanz finden, so dass sie zur Legitimation bemüht werden können. Die „marktwirtschaftliche Polis“ etwa bietet die Möglichkeit, sich auszuzeichnen, indem man sich als Kaufmann bewährt, die „bürgerweltliche Polis“ verleiht „Größe“ an Vertreter, die „den Allgemeinwillen zum Ausdruck bring[en]“ etc. So bilden die sechs Poleis einen Referenzrahmen, der in den verschiedenen Phasen des Geistes unterschiedlich bemüht wird.6

Für die Zeit der neunziger Jahre stellt sich heraus, dass das Hinzufügen einer weiteren Polis angebracht ist, um eine adäquate Beschreibung zu erhalten: die „projektbasierte Polis“. Diese entspricht dem Netzwerkcharakter des gegenwärtigen Kapitalismus. Aktivität, Flexibilität, das Generieren von Projekten, das Knüpfen von Kontakten, Belastbarkeit und Bindungslosigkeit sind hier die Kriterien der Wertigkeit.7 Die Zuweisung von Wertigkeiten innerhalb einer Polis erfolgt über sogenannte „Bewährungsproben“, die zugleich einen wichtigen Ansatzpunkt für die Kritik darstellen. Sie können zum Beispiel über den Zugang zu Bildung entscheiden (Bewährungsprobe: Eingangstest an einer Universität), und somit über Status und Einkommen. Die Kritik einer Bewährungsprobe könnte etwa ihre Legitimität oder ihre Transparenz betreffen.8

Da sich die Gestalt des Geistes über die Rechtfertigungen gegenüber der Kritik formt, spielen die Inhalte der Kritik einen entscheidende Rolle. Die These von Boltanski und Chiapello lautet, dass der neue Geist die Kritik teilweise integriert hat, um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Anliegen der Autoren ist es dabei auch, „einen Beitrag zur Stärkung der Kritik zu leisten.“9

Die Verfasser machen eine entscheidende Differenzierung innerhalb der Kritik bezüglich ihrer Ausrichtung aus. Auf der einen Seite besteht die sogenannte „Sozialkritik“, die sich gegen Ungleichheiten und die Ausbeutung der Arbeiterschaft wendet. Auf der anderen Seite gibt es die „Künstlerkritik“, die sich für Individualität, Authentizität und gegen Unterdrückung und Disziplinierung einsetzt.10 Die Kritik der 68er-Bewegung, die laut Chiapello und Boltanski den Wandel vom zweiten zum dritten Geist des Kapitalismus angestoßen hat, umfasste sowohl Sozial- als auch Künstlerkritik und richtete sich zunächst gegen „beinahe alle institutionalisierte[n] Formen der Bewährung (...), auf denen die Legitimität der sozialen Ordnung beruht.“ Dies bezog sich sowohl auf die Verteilung von Macht und Einkommen als auch auf die Möglichkeiten sozialer Mobilität.11

In einer ersten Reaktion gingen die Arbeitgeberverbände auf einige Forderungen der Sozialkritik ein. So wurde unter anderem ein „Abkommen zur Arbeitsplatzsicherheit“ getroffen (1969), vier Wochen bezahlter Urlaub (1969) sowie ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt (1970). Dennoch war daraufhin die Kritik nicht gebändigt, da sie nicht davon abließ, die Autorität von Unternehmensführern in Frage zu stellen, die keine Mitbestimmung zulassen wollten.12

[...]


1 Boltanski, Luc, Chiapello, Eve, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003, S. 44.

2 Ebd., S. 42 f.

3 Ebd., S. 54.

4 Ebd., S. 54 ff.

5 Ebd., S. 95 ff.

6 Ebd., S. 61 ff.

7 Boltanski, Luc, Chiapello, Eve, Die Rolle der Kritik in der Dynamik des Kapitalismus und der normative Wandel, in: BJS 4 (2001), S. 466 f.

8 Boltanski, Der neue Geist, S. 72 - 79.

9 Brunner, Karl-Michael, Rez., Luc Boltanski, Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, in: SR 28 (2005), S. 253.

10 Boltanski, Der neue Geist, S. 81 f.

11 Boltanski, Die Rolle der Kritik, S. 474.

12 Boltanski, Der neue Geist, S. 228 - 235.

Details

Seiten
6
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656130666
DOI
10.3239/9783656130666
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189028
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichte
Note
2,3
Schlagworte
rezension geist kapitalismus boltanski chiapello

Autor

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Titel: Rezension zu "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Eve Chiapello