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Der US-amerikanische Präsident als SchauSpiel

Eine Analyse anhand des US-amerikanischen Spielfilmes „Dave“

Seminararbeit 2010 26 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltlicher Teil
1.1. Einleitung
1.2. US-Filmgeschichtsschreibung und SchauSpiel in „Dave“
1.3. US-amerikanische Präsidenten im US-amerikanischen Film
1.4. SchauSpiel in „Dave“ in Bezug auf den Hauptdarsteller Kevin Kline
1.5. Conclusio

2. Anhang

3. Quellenangaben
3.1. Internet
3.2. Literatur
3.2.1. Monographien
3.2.2. Sammelbände
3.2.3. Sammelbandbeiträge
3.2.4. Zeitschrift
3.3. Spielfilm

1. Inhaltlicher Teil

1.1. Einleitung

Das Proseminar erkundet die spezifischen medialen Bedingungen des filmischen Schau spielens in systematischer Perspektive. Im Zentrum stehen dabei Filme, die sich explizit mit der Problematik des Schauspiels beschäftigen und theoretische Perspektiven auf die Dar stellbarkeit von Affekten eröffnen.1

Nachdem die im PS diskutierten Spielfilme hauptsächlich von Schauspielern im Theater oder Spielfilm handelten, entschloss sich der Verfasser der Abschlussarbeit, die US-amerikanische Komödie „Dave“ aus dem Jahre 1993 unter der Regie von Ivan Reitman zum Untersuchungsgegenstand der Abschlussarbeit zu machen.2 Die- ser Spielfilm handelt von einem Protagonisten, welcher in die Rolle des US- Präsidenten schlüpfen soll, da der (im Film) richtige US-Präsident rekonvaleszent ist.

Warum wurde vom Verfasser gerade dieser Film gewählt, handelt er doch vermeintlich hauptsächlich von Politik?

1. Ein zentrales Charakteristikum des Filmes ist der Umstand, dass der Haupt- darsteller eine Doppelrolle spielt, was zwangsläufig einen Fokus auf das dar- stellerische Können des Hauptdarstellers Kevin Kline legt.
2. Da der Verfasser der Proseminararbeit auch Politikwissenschaft studiert, ist ein Interesse an US-amerikanischer Politik vorhanden, was auch die The- menwahl für die Abschlussarbeit beeinflusste. Politik in Washington gleicht in hohem Maße Schauspiel nicht im negativ gemeintem Sinne, sondern in seiner konkreten medialen Darstellung und Ausgestaltung. Ein weiterer Fokus liegt somit in der Untersuchung der Frage, wie das „Schauspiel“ Hollywood im Fall von „Dave“ das „Schauspiel“ Washington reflektiert und dem Publikum aufbe- reitet. Also wie Film-Schauspieler politische Schauspieler verkörpern.
3. Drittens ergibt sich aus zweitens die Erkenntnis, dass Hollywood seit jeher die US-amerikanische Bundespolitik reflektierte, so gibt es etwa etliche weitere Spielfilme (aber auch TV-Serien) wo Figuren von US-Präsidenten vorkommen3 - es stellt sich somit die Frage, inwieweit die US-amerikanische Bundespolitik und somit auch Geschichte von Hollywood determiniert wird, beziehungsweise wie beispielsweise politische Akteure, von Schauspielern verkörpert und nachempfunden, nach und nach ins kollektive Gedächtnis eines USamerikanischen Film-Massenpublikums und somit auch der USamerikanischen Gesellschaft einsickern.

1.2. US-Filmgeschichtsschreibung und SchauSpiel in „Dave“

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit besitzt die Fiktion eine nie zuvor gekannte Macht.4 Wenn man als geschichtswissenschaftlicher Laie gefragt wird, wie denn die Zeit des Wilden Westens sozusagen „wirklich“ war, hat man vor einer möglichen Antwort höchstwahrscheinlich als erstes die Assoziationen von den Cowboys mit Colts, den Saloons mit ihren verschlagenen oder aber auch hilfsbereiten Barkeepern, bösen Großgrundbesitzern, dem obligatorischen Gestrüpp, welches vor dem großen Duell zwischen dem Helden und dem Schurken durch die menschenleeren staubigen Straßen der typischen Westernstadt weht, chinesischen Händlern und Indianern sowie Sheriffs und US-Marshalls usw. im Sinn.

Dieses verklärte Bild von der Zeit des Wilden Westens wird im Allgemeinen von breiten Massen in den nördlichen Industriestaaten unbewusst als historische Realität interpretiert und akzeptiert. Eben dieses Bild des Wilden Westens, also die frühe na- tionale Geschichte der USA, ist für eben diese breite Masse zweifelsohne durch Spielfilme eines spezifischen Filmgenres, die sogenannten Western, aufbereitet wor- den.

Spielfilme sind „(…) kommunikative Akte die Bedeutungszuweisungen auch dann reprä- sentieren, wenn nicht gehandelt, sondern retrospektiv oder fiktiv über einen Handlungsver- lauf gesprochen wird. Daher reicht es zur Generierung von Wirklichkeit aus, wenn ein kom- munikativer Akt über einen vergangenen oder fiktiven Handlungsablauf initiiert wird.5Diese ungewöhnliche Fähigkeit des Films, Realität zu << machen >> , ist seine wichtigste mimetisch- politische Funktion.6

Eben diese Fähigkeit Realität zu generieren und damit auch Identität stiften zu können beschränkt sich allerdings bekanntermaßen nicht ausschließlich auf Sujets längst vergangener Jahrhunderte, auch die jüngere Zeitgeschichte der USA wurde und wird durch Spielfilme gewissermaßen aufbereitet und manipuliert. „ In Amerika zum Beispiel bildete zwischen 1920 und 1950 das Kino das wichtigste kulturelle Mittel für die Erkundung und Beschreibung der nationalen Identität.7Historiker diskutieren, ob der Film einfach die nationale Kultur wiederspiegelte oder ob er ein Phantasiebild davon aufbaute, dass schlie ß lich als Wirklichkeit akzeptiert wurde.8 Dies ist deshalb möglich, weil der Spielfilm „(…) extends imagination and makes sense of experience by recreating and re- casting events.9

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es für Hollywood vor allem, ein passendes Bild des nun aufkommenden Kalten Krieges zu zeichnen. Monaco zufolge „(...) folgte Hol- lywood gehorsamst, als sich die nationalen Mythen des kalten [sic!] Kriegs entwickelten.10

In Retrospektive ist dies auch gelungen, weil im US-amerikanischen Spielfilm „(…) symbolic structures are often more plausible than historical reality and are cast into a seamless stylization of the everyday which becomes more believable than true history. Film recre ations offer a working model of historical events in which people can imagine the event tak ing place and imagine themselves as participants.11

Viele Spielfilme aus Hollywood bringen daher zusammenfassend gesagt für das Publikum „(...) politische Ideologien und zentrale kulturelle Werte zum Ausdruck und vermitteln sie zugleich.12

Dieser Exkurs ist für die Abschlussarbeit deshalb von Relevanz, da (zumindest das Nachkriegs-) Hollywood-Kino, wenn es um die filmische Aufbereitung von US- amerikanischen Präsidenten geht, stets sowohl auf die Tradition des Republikanis- mus als auch auf den US-amerikanischen historischen aber auch historisierenden Mythos der Ambivalenz zwischen gutem und bösem „König“ zurückgreift (also etwa Kennedy und Nixon beziehungsweise aktuell Bush jr. und Obama - der aktuell amtie- rende US-amerikanische Präsident etwa setzte sogar im Wahlkampf auf diesen UrMythos).13

Wenn Hollywood auf Washington trifft, so werden hierbei tradierte programmati- sche Ansätze filmisch aufbereitet. „ Wie in der antiken Vorstellungswelt, so sieht auch der moderne Republikanismus eine gewisse Tugendhaftigkeit des Bürgers als zentrale Voraus- setzung für die Stabilität der politischen Ordnung an. Der Mensch definiert sich in diesem Identitätsmodell nicht als egoistisches, rein interessegeleitetes Wesen, das sich dem politi- schen Proze ß [sic!] nur dann zuwendet, wenn individuelle Vorteile zu erwarten sind. Statt dessen [sic!] wird die Partizipation an denöffentlichen Angelegenheiten als unverzichtbarer Bestandteil einer erfüllten Existenz angesehen. Das Ziel der Politik ist das Gemeinwohl, dem auch alles Regierungshandeln direkt verpflichtet ist, und die Formung einer >> guten Gesell- schaft << .14

„Dave“ im Speziellen handelt von einem „bösen“ US-Präsidenten, welcher aus gesundheitlichen Gründen außer Gefecht gesetzt wird und durch einen Doppelgänger, welcher fortan den „guten“ US-Präsidenten mimt, ersetzt wird. Diese filmische Aufbereitung des US-amerikanischen Republikanismus lässt sich unter dem Begriff Politainment subsummieren. „ Politainment bezeichnet eine bestimmte Form deröffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden.15

Der Spielfilm greift somit den oben erwähnten Mythos auf und macht ihn auf eine das Publikum republikanische Werte lehrende Weise zu seinem zentralen Topos so- wie kombiniert diese politisch-historische Thematik mit einer klassischen Herausfor- derung eines Schauspielers für den Hauptdarsteller - der der Doppelrolle, womit auch klar wird, inwiefern bei diesem Spielfilm von SchauSpiel die Rede sein kann.

Der von Kevin Kline verkörperte Hauptprotagonist des Spielfilmes soll also im Film die Rolle des (auch von Kevin Kline verkörperten) US-Präsidenten übernehmen und bis zu dessen Genesung den US-Präsidenten spielen. „ Ziel ist die Verschmelzung von Rolle und Darsteller.16Die Maske ist die Person. Man könnte auch allgemein sagen: Dasäu ß ere entspricht dem Inneren. Oder anders: Die Rolle und derjenige, der sie spielt, sind identisch.17 Hiermit wird deutlich, dass dieser Spielfilm die generelle Problematik des SchauSpielens thematisiert - der im Film gezeigte US-Präsident hat keinen guten Charakter, der wie es dieser klassischen Hollywood-Komödie eben entspricht als herzensgut porträtierte Hauptprotagonist jedoch schon, im Film wird dann gezeigt wie er den US-Präsidenten schauspielt beziehungsweise eine Amtsführung im Sinne der Republik beginnt.

Es geht in diesem Film also auch um die Frage, inwiefern ein Protagonist bezie- hungsweise Darsteller die Rolle prägt sowie prägen kann oder die Rolle den Prota- gonisten beziehungsweise Darsteller prägt. „ Dave Kovic spielt die Rolle des Präsidenten zunächst willig als Marionette des mächtigen Stabschefs, und es wird deutlich, da ß [sic!] die Politik tatsächlich zu einem reinen Show Business verkommen ist. Jeder beliebige Schau- spieler - die Reminiszenz an Ronald Reagan ist un übersehbar - kann den Posten des mäch- tigsten Politikers der Welt übernehmen. Dennoch wächst auch hier der >> kleine Mann << über sich selbst hinaus, führt sein Amt gewissenhaft und zeigt der Nation, da ß [sic!] es doch noch Raum gibt für eine moralisch integere >> gute Politik << .18 Der Spielfilm greift also auch indirekt die Frage nach der Differenzierung zwischen Schauspieler und Darsteller auf.19

„Dave“ ist somit im dramaturgischen Sinne eine filmische Version des klassischen US-amerikanischen Monomythos, einer „(…) Erzählung vom Alltagshelden, der durch sein Engagement die Gemeinschaft vor politischem und moralischem Verfall rettet.20 Gleichzeitig ist „Dave“ (obwohl es sich bei diesem Spielfilm eigentlich auch wenn man so will um eine Komödie für jung und alt handelt) auch eine Reflexion über das SchauSpiel im schauspielen eines Schauspielers.

Der Spielfilm betrachtet somit die Zusammenhänge von Schauspielerei, politischer Rhetorik und US-amerikanischer Bundespolitik und behandelt den englischen Begriff des Schauspiels auch von seiner grundsätzlichen etymologischen Herkunft her, um Naremore zu zitieren „(…) writers like Demetrius and Cicero were able to develop what E. H. Gombrich has called “ the most careful analysis of any expressive medium ever underta- ken, “ treating language, voice and gesture as an “ organon, an instrument which offers its master a variety of different scales and ‘ stops` “.21Throughout these texts, early theorists of oratory understand rhetoric less as a technique of adjusting to the theatrical environment than as an artful deployment of “ expressions ” to move, persuade, and embody traits of cha- racter. For that reason among others, acting and poetics in Western culture have frequently been studied in the context of public speaking. The very word actor in English was originally meant to suggest the “ action ” of orators, and in Shakespeare ’ s day the style of players on the stage was influenced by guidebooks to Euphuistic eloquence. This tradition was sustained in nineteenth-century America, where the first attempts at formal training of actors issued from elocution schools, and where the theater was long regarded as a declamatory medium (…)”.22

1.3. US-amerikanische Präsidenten im US-amerikanischen Film

Films - from their flickering beginnings - have provided entertainment for Americans. Moreover, they have provided an interesting record of how filmmakers and the public have viewed the presidents and the presidency.23With its designated and implied powers held by one executive, the presidency - the first leadership office in the modern Western world to be consciously created as a constitutional position - attracts more attention than the legisla tive and judicial branches of government.24

[...]


1 Proseminar Konzepte und Techniken von Schau/Spiel - Ordnungen des Schau/Spiels: http://tinyurl.com/ybj6b8d (10.02.2010)

2 Siehe hierzu Reitman, I. (Regie). (2002). Dave [DVD-Video] Warner Home Video.

3 Vgl. etwa hierzu Fictional Presidents as Antagonists in American Motion Pictures - The New Antihero for the Post-Watergate Era: http://tinyurl.com/yc82xht (10.02.2010) Vgl. auch How Hollywood Imagines American Presidents: http://tinyurl.com/a3fhpq (10.02.2010)

4 Monaco, James: Film verstehen. Reinbeck 1995, S. 267.

5 Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung, S. 509.

6 Monaco, James: Film verstehen, S. 267.

7 Ebd. S. 262.

8 Ebd.

9 Etkind, Charlene: Richard Nixon as Dick (1999) and the comedic treatment of the presidency. In: Rollins, Peter (Hg.); O'Connor, John (Hg.): Hollywood's White House. The American Presidency in Film and History. Lexington 2003, S. 263-275, hier S. 264.

10 Monaco, James: Film verstehen. Reinbeck 1995, S. 281.

11 Etkind, Charlene: Richard Nixon as Dick (1999) and the comedic treatment of the presidency, S. 264.

12 Denzin, Norman: Reading Film. Filme und Videos als sozialwissenschaftliches Forschungsmaterial. In: Flick, Uwe (Hg.); Von Kardorff, Ernst (Hg.); Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hamburg 2005, S. 416-429, hier S. 425.

13 Vgl. hierzu etwa Dörner, Andreas: Politische Kultur und Medienunterhaltung. Zur Inszenierung politischer Identitäten in der amerikanischen Film- und Fernsehwelt. Konstanz 2000, S. 229-232. Vgl. Hierzu etwa auch Bradley, Richard: American political mythology from Kennedy to Nixon. New York, Wien 2000, S. 5, 6.

14 Dörner, Andreas: Politische Kultur und Medienunterhaltung. Zur Inszenierung politischer Identitäten in der amerikanischen Film- und Fernsehwelt. Konstanz 2000, S. 220.

15 Dörner, Andreas: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt am Main 2001, S. 31.

16 Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart, Weimar 2007, S. 169.

17 Weihe, Richard: Die Paradoxie der Maske. Geschichte einer Form. München 2004, S. 183.

18 Dörner, Andreas: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt am Main 2001, S. 51, 52.

19 Vgl. hierzu etwa Hickethier, Knut: Der Schauspieler als Produzent. Überlegungen zur Theorie des medialen Schauspielens. In: Heller, Heinz (Hg.); Prümm, Karl (Hg.); Peulings, Birgit (Hg.): Der Körper im Bild. Schauspielen - Darstellen - Erscheinen. Marburg 1999, S. 9-29, hier S. 17, 18.

20 Dörner, Andreas: Medien als politische Identitätsgeneratoren. Zur Inszenierung des Republikanis- mus in der amerikanischen Medienkultur. In: Politische Vierteljahresschrift 1/1998, S. 3-27, hier S. 3. 6

21 Naremore, James: Acting in the Cinema. Berkeley, Los Angeles, London 1988, S. 46.

22 Ebd.

23 Bolam, Sarah Miles; Bolam, Thomas: The Presidents on Film. A Comprehensive Filmography of Portrayals from George Washington to George W. Bush. Jefferson 2007, S. 1.

24 Ebd. S. 4.

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656130444
ISBN (Buch)
9783656129738
Dateigröße
4.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189120
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Politfilm Filmische Darstellung von Politik US-Präsidenten im Film Schauspielen

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