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Migration in Rumänien. Ein Exkursionsbericht

Aspekte der Migrationsbewegungen innerhalb Europas

von Lisa Fink (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 6 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

1. Einleitung

Migrationsbewegungen sind spätestens heute, im Zeitalter der Globalisierung und wachsenden Mobilität, als fester Bestandteil des Weltgeschehens, aus diesem nicht mehr wegzudenken. Mobilität schafft Verbindung, Verbindung schafft Vernetzung, Vernetzung schafft Abhängigkeit. Längst sind die Vorstellungen von starren, undurchlässigen Grenzen der Realität der permeablen Grenzen und verschwommenen Räume gewichen und zwingen zur Konfrontation mit der Thematik der zahlreichen nationalen, sowie internationalen Migrationbewegungen.

Im Kontext der weltweiten Globalisierungsprozesse sind, durch die unterschiedlichsten Migrationsströmungen, multiethnische Gesellschaften fest verankert. Migration ist dabei ein weiter Begriff, nicht nur für Bewegungen von Individuen, sondern auch von Menschengruppen, entweder innerhalb von Räumen, oder auch raumübergreifend, etwa innerhalb eines Staates, oder zwischen unterschiedlichen Staaten.

Als ein Beispiel eines multiethnisch zusammengesetzten Staates soll in dem vorliegenden Text die Republik Rumänien betrachtet werden.

Als Rahmen sollen hierbei anhand von Anmerkungen zur Europäisierungsforschung von Sabine Hess, über Forschungsergebnisse des von der Kulturstiftung des Bundes in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts „TRANSIT MIGRATION“, in Bezug auf Mobilität und Mobilisierung, innerstaatliche, sowie länderübergreifende Veränderungen fokussiert werden, die der europäische Integrationsprozess mit sich bringt, wobei Arbeits- und Lebenssituationen im soziokulturellen, ökonomischen und politischen Wandel besonders in den Vordergrund, sowie die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Vorstellung einer „Festung Europas“ in Frage gestellt werden sollen.

Als Beispiele für Migrationsbewegungen innerhalb, nach, bzw. aus Rumänien, soll, auf Basis des Artikels „Chinesische ImmigrantInnen in Bukarest: Eine neue rumänische Minderheit?“ auf die wirtschaftliche Situation und Bedeutung, sowie die Lebensverhältnisse der „chinesischen Community“, der Minderheit der chinesischen Immigranten in Bukarest, welche nach 1989 im Zusammenhang von Transformationsprozessen nach Rumänien immigrierten, sowie Veränderungsprozesse sowohl im Herkunftsland China, als auch im Immigrationsland Rumänien eingegangen werden.

Des Weiteren sollen die Lebensverhältnisse rumänischer Auswanderer in wirtschaftlich starken Ländern in Bezug auf den „Market Effect“ anhand eines Artikels des rumänischen Professors Petre Raluca aus Constanta verdeutlicht und auf die unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen der Auswanderer, sowie der im Herkunftsland gebliebenen Rumänen und die daraus resultierenden Missverständnisse mit deren sozialen und wirtschaftlichen Folgen hervorgehoben werden.

2. TRANSIT MIGRATION – Transnationale Zonen der Prekarität

Das 2002-2006 von der Kulturstiftung des Bundes für eine Ausstellung in Auftrag gegebene Projekt TRANSIT MIGRATION, erforscht Migrations- und Grenzregimepraktiken, sowie Akteure einer sich neu formierenden transnationalen Migrationslandschaft im Südosten Europas. Das Forschungsteam betrachtete daher das Geschehen vom Rande Europas – Griechenland, Türkei, dem Balkan – aus, nicht aus dem Herzen Europas, wie etwa aus Brüssel (Vgl. Hess 2007, S.23). Nach Sabine Hess befinden sich dort nämlich, statt an den Binnengrenzen, an den süd- und osteuropäischen Rändern der EU, seit dem Schengener Abkommen 1997, die eigentlichen „Hot Spots“ der europäischen Migrationsbewegungen (Vgl. Hess 2007, S.26).

TRANSIT MIGRATION stellt daher die Vorstellung einer „Festung Europas“ in Frage und betont, dass sich die Grenzen weit über Europa hinaus ausgedehnt haben, dass es sich bei Migrationsbewegungen um einen politisch-dynamischen Aushandlungsprozess auf nationaler und internationaler Ebene handelt, sich Migrationspraktiken und jene des Regimes wechselseitig herausfordern (Vgl. Hess 2007, S.25).

Erforscht wird durch TRANSIT MIGRATION auch die Transnationalisierung als Strategie des Umgehens und Überschreitens, sowie teilweise Außerkraftsetzen nationaler Kontrollansprüche. Die Grenzregime reagieren auf ihre Art: Mit der Europäisiserung der Migrationspolitiken, sowie dem transnationalen Ausbau der Kontrollapparaturen, wobei die (ambivalente) Beteiligung transnationaler und zwischenstaatlicher Akteure, die als humanitäre Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle für Migrationspolitik spielen, besondere Aufmerksamkeit verdient. Sabine Hess verdeutlicht dies am Beispiel der Türkei: Diese befand sich von 2001 bis 2005 in der so genannten EU-Vorbeitrittsphase. Trotz der Bedeutung der Türkei als Einwanderungs- und Transitland, fehlte es an einer Migrationspolitik, was der EU ein Dorn im Auge war. Überhaupt ist die Forschung auf dem Gebiet Migrationsforschung bislang in den neuen Einwanderungs- und Transitländern, sowie in den „alten“ Einwanderungsländern, kaum ausgeprägt. Statt jedoch der Türkei die eigene Migrationspolitik aufzudrängen, bediente sich die EU eines Tricks: Die Beitrittsgespräche wurden in Form von Seminaren und Workshops abgehalten. Um den Problemen in Zusammenhang mit der Migration entgegenzuwirken, berief man sich auf die in der Türkei sehr wohl bestehende Asylpolitik, indem man die Notwendigkeit betonte, Migranten von Flüchtlingen zu unterscheiden und Letztere, etwa in Flüchtlingslagern, zu schützen. So lenkte die EU die Türkei in Bezug auf Migrationspolitik auf raffinierte Weise dahin, wo sie sie haben wollte. Diese Taktik bezeichnet Sabine Hess als „Governance ohne government“. Nachteilige Nebenfolgen, wie etwa die dadurch geförderte illegale Arbeitsmigration, waren von der EU nicht intendiert (Vgl. Hess 2007, S.30ff.)

TRANSIT MIGRATION hat daher zum Ziel, Europa als „Mehrebenenstaat“, oder „Network-State“ darzustellen (Vgl. Hess 2007, S.28) und auf die weit reichenden Verflechtungen und Abhängigkeiten durch die neuen transnationalen Migrationsströmungen, sowie die Ausnahmezustände der Zirkulationsbereiche, mit den zahlreichen damit verbundenen wirtschaftlichen Effekten und Strategien der unterschiedlichen Akteure, ebenso die Lebensgeschichten von zahlreichen in der Mobilität gefangenen Individuen (Vgl. Hess 2010, S.186ff.), hinzuweisen. Dass die EU die grenzüberschreitende Mobilität nicht völlig unterbindet, dass darauf folgend also die naive Vorstellung einer „Festung Europas“ unzeitgemäß ist, dürfte deutlich geworden sein (Vgl. Hess 2010, S.192).

3. Ein Beispiel für eine bedeutende Migrationsströmung in Osteuropa – Die chinesische Community in Bukarest

Ein Beispiel für Migrationsströmungen in Europa stellt die chinesische Community in Bukarest dar. Öffentlich und wissenschaftlich bekannt, handelt es sich dabei dennoch um eine wenig beachtete Migrantengruppe (Vgl. Wundrak 2006, S. 129). Sie ist bislang kaum Gegenstand der Migrationspolitik, bzw. des Diskurses in westeuropäischen Ländern. Dies ist erstaunlich, stellt diese Gruppe doch eine der wichtigsten Migrationsströmungen Europas und eine der größten Immigrantengruppen in Bukarest, mit derzeit etwa 6000 bis 12000 Chinesen dar. In der Blütezeit 1997/98 geht man sogar von bis zu 20000 Chinesen aus (Vgl. Wundrak 2006, S.131).

Als bedeutende politische Ereignisse, die als Auslöser für diese Strömung nach Osteuropa nach 1989 angesehen werden können, gelten u.a. die Aufhebung der Visumspflicht für Chinesen in Ungarn 1988, von wo aus sich die Migranten –insbesondere auch über Moskau – auf ganz Osteuropa verteilten, sowie die blutige Niederschlagung des Studentenaufstands 1989 in Peking (Vgl. Wundrak 2006, S.135). Des Weiteren liegen die Gründe für die Auswanderungswelle der Chinesen nach Osteuropa, in den politischen und ökonomischen Prozessen in Richtung Marktwirtschaft, der Einführung kapitalistischer Formen, der Arbeitsmarktpolitik, sowie dem daraus resultierenden ausgeprägten Migrationsgeschehen innerhalb des Landes und später im Ausland (Vgl. Wundrak 2006, S.43).

Die chinesische Migrationsbevölkerung in Osteuropa unterscheidet sich dabei in sofern von den bisherigen chinesischen Communities in Westeuropa, als es sich bei der neuen Bewegung um eine in sich differenzierte, hochmobile Auswanderungsbevölkerung handelt, die transnational agiert und für den wirtschaftlichen Erfolg sehr bedeutend ist (Vgl. Wundrak 2006, S.143).

Der zentrale Wirtschaftszweig, in dem die Chinesen beschäftigt sind, ist der Textilhandel. In Bukarest lebt die chinesische Community - relativ ruhig und zurückgezogen - hauptsächlich im Stadtteil Colentia, in der Nähe von Marktarealen und den entstandenen China-Basaren (Vgl. Wundrak 2006, S. 140).

Der wirtschaftliche Erfolg der Anfangszeit jedoch wurde zunehmend überschattet durch Konflikte, Korruption und Machtkämpfe. Die Mehrzahl der Chinesen lebt ohne Aufenthaltsgenehmigung in Rumänien, befindet sich daher in Abhängigkeit der Arbeitsgeber, der Gesellschaft, sowie der Behörden (Vgl. Wundrak 2006, S. 138).

Ihre soziale Eingliederung in die rumänische Gesellschaft ist von Widersprüchen gekennzeichnet. Während sie in Alltag und Arbeitswelt hohe Akzeptanz erfährt (Vgl. Wundrak 2006, S.144), ist sie gleichzeitig betroffen von einer „Tabuisierung“ neuer Minderheiten, während ältere Minderheiten in Rumänien durchaus anerkannt werden. Migrantengruppen werden also nicht mit Minderheitengruppen gleichgesetzt. Die geradezu tabuisierte Anerkennung der Gruppe als Minderheit, weist jedoch möglicherweise geradezu auf deren Brisanz hin (Vgl. Wundrak 2006, S.133).

Die Community selbst lehnt es ab, als Minderheit bezeichnet zu werden, da sie damit soziale Benachteiligung, anstatt den Erhalt von Sonderrechten assoziiert. Sie präferiert die Bezeichnung einer „globalen Majorität“ (Vgl. Wundrak 2006, S.142).

Auf Grund des unsicheren Rechtsstatus handelt es sich bei der chinesischen Migrantengruppe um eine diskriminierte Gruppe, eine Immigrationspolitik fehlt. Thematisiert werden bislang lediglich die Asylpolitik, sowie die Thematik Rumänien als Flüchtlingsland, die deutsche Minderheit, sowie die Arbeitsmigration nach Westen oder die Problematik des Menschenhandels in Rumänien (Vgl. Wundrak 2006, S.129).

4. The „Market Effect“ – Die Genealogie eines Missverständnisses

Petre Raluca, Professor an der rumänischen Universität in Constanta, untersucht die Erfahrungen, Dilemmata und Zweifel rumänischer Auswanderer in ihrem jeweiligen wirtschaftsstarken Einwanderungsland, in Hinsicht auf den „Markt-Effekt“, sowie die Perspektive der im Ursprungsland Gebliebenen (Vgl. Raluca 2010, S.293).

Das Ende des Kommunismus löste in den heutigen post-sozialistischen Ländern zwischen 1990 und 2005 die größte Auswanderungswelle aus, wobei die Hauptzielländer der zu hunderttausenden Emigrierten, Deutschland und Österreich, sowie die USA und Kanada darstellten (Vgl. Raluca 2010, S.296).

Petre Raluca wählt für seine Forschung das Destinationsland Kanada. Als Quelle beruht er sich auf ein Online-Forum, in welchem rumänische Auswanderer in den Vierzigern, über ihre Erfahrungen mit der Auswanderung und ihrem neuen Leben in Kanada berichten. Anhand dieses Forums verdeutlicht er Aspekte der Erfahrungswelt osteuropäischer Migranten (Vgl. Raluca 2010, S. 294).

Raluca weist darauf hin, dass die Einwohner ehemalig kommunistischer Länder vor 1989 kaum Kontakt zum Ausland hatten, wodurch der Weg für Fantasie-Vorstellungen von einem Paradies des Reichtums und des Wohlstands geebnet wurde (Vgl. Raluca 2010, S. 296). Das Prinzip des freien Austausches, fairer Preise, sowie Privateigentums ist neu für den Einwanderer im neuen Land. Dies ist wohl mit einer der Gründe für das enorme, verschwenderische Konsumverhalten, das in den post-sozialistischen Ländern nach 1989 beobachtbar ist und das den Wunsch nach mehr Komfort und Wohlstand verständlich macht. Raluca weist darauf hin, dass es weniger die reine Notwendigkeit, zu Wohlstand zu kommen, war, die als Motivation für die Auswanderungswelle aus Osteuropa gilt, als viel mehr das Ziel, mehr Wohlstand in kürzerer Zeit anzuhäufen (Vgl. Raluca 2010, S. 298).

Eine große Herausforderung, mit denen die ImmigrantInnen im Einwanderungsland nun konfrontiert werden, ist, von einem „Status-Denken“, von dem die kommunistischen Länder besonders geprägt waren, zu einem „Markt-Denken“, wie es in den wirtschaftlich starken Industrieländern vorherrschend ist, umzudenken. Der Migrant macht dadurch die Erfahrung einer völlig neuen Selbst-Reflexion. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein in Verbindung mit der neuen, marktorientierten Einstellung führen zu der zunehmenden Einbringung des „Newcomers“ in die neue Gesellschaft, was eine Umstellung des Lebensgefühls, sowie der Lebensverhältnisse und letztendlich seinen wirtschaftlichen Erfolg zur Folge hat (Vgl. Raluca 2010, S.297).

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Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656130598
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189129
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Insitut für Volkskunde/Europäische Ethnologie
Note
Schlagworte
Migration Europa Kulturwissenschaft Volkskunde Europäische Ethnologie Rumänien Südosteuropa Kanada Chinesische Cumminitiy Bukarest Migrationsräume

Autor

  • Lisa Fink (Autor)

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