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Ehe, Familie und Paarbeziehung im Wandel der Zeit

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein historischer Überblick über Familie, Ehe und Paarbeziehung
2.1 Vor- und Frühgeschichte
2.2 Antike (6. Jh. v. Chr. – 5. Jh.)
2.3 Mittelalter (5. – 15. Jh.)
2.4 Neuzeit (16.- 19. Jh.)
2.5 Neueste Geschichte (20. - 21. Jh.)

3. Reflexion

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jeder Mensch wird in eine Familie hineingeboren und erlebt sie je nach gegebenen Umständen unterschiedlich.

Nach der Familiensoziologin Nave-Herz sind Familien gekennzeichnet durch: (1.) ihre biologisch-soziale Doppelnatur (Reproduktions- und Sozialisationsfunktion), (2.) die Generationendifferenzierung (Großeltern/Eltern/Kinder), (3.) ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen ihren Mitgliedern, wodurch ihnen bestimmte Rollen zukommen. (vgl. Huinink/Konietzka 2007, S. 25)

In unserer Umgebung können wir immer ausdifferenziertere Formen von Familien ausmachen: Eltern-Kind-Familien, Alleinerziehende, Familien bei denen die Eltern verheiratet sind oder nicht, Patchworkfamilien u.v.a

Unbestritten ist jedoch, dass im Normalfall die Heirat bzw. die Ehe als Legitimation einer Paarbeziehung und als Basis für eine Familie gesehen werden. Man heiratet, um eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen.

Die Ehe definiert Nave-Herz wie folgt: „Mit Ehe bezeichnet man (1.) eine durch Sitte und/oder Gesetz anerkannte, auf Dauer angelegte Form gegengeschlechtlicher sexueller Partnerschaft. Weiterhin ist (2.) ein wesentliches Strukturmoment aller Ehen, auch der heutigen, dass sie über das Paarverhältnis der Familie hinausweist.“ (zit. nach ebd. S. 32)

Heutzutage verzichten jedoch viele Paare auf die Eheschließung und leben sozial anerkannt ohne den Trauschein.

„Die Paarbeziehung ist als Beziehungsform durch eine exklusive dyadische Beziehung zwischen zwei Personen definiert. Eine weitergehende Definition bestimmt eine Paarbeziehung als enge, persönliche und intime, auf Dauer angelegte, exklusive Beziehung zwischen zwei erwachsenen Personen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts. Typischerweise zeichnet sich eine Paarbeziehung durch Liebe, persönliches Vertrauen und sexuelle Interaktion aus.“ (ebd. S. 30)

Allgemein lässt sich eine Tendenz ausmachen, dass weniger Menschen heiraten, viele Ehen wieder geschieden werden und immer weniger Kinder geboren werden. Doch wie lassen sich diese Entwicklungen erklären?

Um dies zu untersuchen, werde ich im Folgenden auf die Geschichte der Familie, Ehe und Paarbeziehung eingehen. Hierbei gliedere ich nach Epochen: Vor- und Frühgeschichte, Antike, Mittelalter, Neuzeit und Neueste Geschichte

2. Ein historischer Überblick über Familie, Ehe und Paarbeziehung

2.1 Vor- und Frühgeschichte

Über die Art des menschlichen Zusammenlebens in prähistorischen Zeiten existiert ein eher unvollständiges Wissen. Anhand archäologischer Funde kann man bis zum Ende der Steinzeit nur sehr wenige Aussagen über die Organisation dieser menschlichen Existenzform ausmachen. (vgl. Huinink/ Konietzka 2007, S. 57) Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Menschen in Gruppen oder Horden von nicht mehr als 20 bis 40 miteinander verwandten Personen zusammenlebten. Sie waren Jäger und Sammler und bereits in dieser Zeit lässt sich eine Arbeitsteilung nach Geschlechtern erkennen. Weiterhin wird angenommen, dass eine Kontrolle der Kinderzahl praktiziert wurde wie z.B. simple Formen der Empfängnisverhütung, Abtreibungen und Kindstötungen.

Im Zuge des Übergangs zu Garten- und Ackerbaugesellschaften und der neusteinzeitlichen Revolution kam es zu einer Veränderung der Lebensumstände: Die Menschen wurden sesshaft. (vgl. ebd. S. 58) Nun lebten die Personen in größeren über Verwandtschaft verbundenen Verbänden. Die Kernfamilie war noch im Hintergrund. Die Umstände für die Kinderaufzucht verbesserten sich. Die Kinder mussten bei der landwirtschaftlichen Arbeit mithelfen. Daraus resultiert eine größere „Bedeutung“ der Kinder für die Produktion, sodass mehr Kinder überlebten bzw. am Leben gelassen wurden. Bereits zu dieser Zeit gab es Familien, die auf einer Ehe gegründet wurden. Auch herrschte „eine große Vielfalt an Sitten und institutionellen Regeln zur Sexualität, zu Paarbeziehungen und Ehen, zu Familienformen und Verwandtschaftsordnungen“ (ebd. S. 59).

2.2 Antike (6. Jh. v. Chr. – 5. Jh.)

Kennzeichen für die Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse in den frühen Großreichen bis zu den Gesellschaften der Antike sind „patriarchale Strukturen und patrilineare Deszendenz“ (ebd. S. 59). Mit patriarchalen Machtstrukturen ist die absolute gesellschaftliche Vormachtstellung der Männer gemeint. Die patrilineare Deszendenz bedeutet soviel wie „männliche Abstammungslinie“ oder Abstammung nur über männliche Vorfahren, die es fortzusetzen und zu sichern gilt. Oftmals herrscht Polygynie vor. „Die soziale Position und das soziale Ansehen der Frauen sind aber in dieser frühen Zeit durchaus unterschiedlich ausgeprägt.“ (ebd. S. 59)

In der griechischen und römischen Antike zählen zur Familie/Hausgenossenschaft die Ehepartner, die Kinder und die Sklaven. Die eigentliche Kernfamilie (Eltern und Kinder) wird durch Sklaven erweitert. Die Hauptaufgaben der Familie, wie Wirtschaft und Erziehung, kamen dem Familienvater zu. Auch die Religion spielte für die Familien eine große Rolle. „Der männliche Familienvorstand (pater familias) hatte unbeschränkte Rechte und Gewalt über die Familienmitglieder bis hin zur Tötung von Ehefrauen und Kindern und zum Verkauf von Sklaven und Kindern. Seine Machtbefugnisse endeten erst mit dem Tod.“ (ebd. S. 60) Die Ehefrauen hatten in etwa den gleichen Status wie die Kinder. Männliche Nachkommen waren erwünscht, um die patrilineare Deszendenz fortzusetzen. Trotz der patriarchalen Strukturen ist das Verwandtschaftssystem wohl bilinear. (vgl. ebd. S. 60) Die Frauen gewannen die Frauen eine weitgehende Unabhängigkeit, wenn sie trotz Ehe weiterhin der Autorität ihrer Väter unterstanden (sine manus-Ehe). Ihnen wurde die Erziehung der kleinen Kinder überlassen. Das Heiratsalter der Männer war hoch und das der Frauen niedrig. Voraussetzung für die Ehe war die Heiratsmündigkeit bzw. die Einwilligung der Partner oder deren Väter. Auch Heirat zwischen nahen Verwandten war möglich. Notwendig war eine Mitgift der Familie der Braut. Scheidungen waren sehr häufig, vermutlich weil diese leicht durchzuführen waren. Auch Frauen konnten diese beantragen. Häufig kam es anschließend zu Wiederheiraten. Neben der Ehe gab es das ehelose Konkubinat als Form des Zusammenlebens, legitime Nachkommen entstanden jedoch nur in einer Ehe (uneheliche Kinder wurden jedoch auch kaum sozial benachteiligt). Zu dieser Zeit überlebten sehr wenige Kinder aufgrund der hohen Sterblichkeit und in zunehmenden Maße auch absichtlich beispielsweise durch Kindstötung.

Über die germanische Familie zur Zeit der Antike ist noch weniger bekannt als über die römische und griechische, da es keine schriftlichen Zeugnisse aus dieser Zeit gibt. Die Familien (Ehepaar, Kinder, Gesinde) lebten zusammengeschlossen als Sippen und waren auch patriarchalisch organisiert. Die Verwandtschaft war bilinearer Abstammung. Die Frauen hatten hohes gesellschaftliches Ansehen aber keine rechtlichen Absicherungen. Auch bei den Germanen gab es verschiedene Formen der formellen und informellen Ehe sowie Polygynie. Anstatt einer Mitgift wurde die formelle Ehe durch einen Vertrag des Bräutigams mit der Sippe der Braut beschlossen (Sippenvertrag). Durch Auflösung des Sippenvertrags konnte eine Scheidung gültig gemacht werden.

2.3 Mittelalter (5. – 15. Jh.)

Der Familienvater hatte als Familienoberhaupt große Autorität, wenn auch nicht mehr in dem Maße des römischen pater familias. Er war für seine Familienmitglieder aber auch verantwortlich (Versorgung, Schutz). Bilineare Deszendenz setzt sich in Europa durch. Das Hauptmotiv der Familie - Fortführung der Abstammungslinie - tritt nun in den Hintergrund. Stattdessen ist die Familie vermehrt ein Produktionsort von landwirtschaftlichen und handwerklichen Gütern. Durch den Einfluss des Christentums kommt es zu einigen einschneidenden Veränderungen. Die Kindstötung und die Heirat naher Verwandter wurde verboten. Außerdem ging die Kirche gegen Adoption, Konkubinat und Wiederheirat durch. „Die Ehe galt als unauflöslich, auch wenn eine eindeutige Position der Kirche zum Verbot der Scheidung erst relativ spät formuliert wurde.“ (ebd. S. 62) Nach Huinink/ Konietzka (2007) ist es unbestritten, dass durch diese neuen, von der Kirche vorgegebenen Regelungen, eine Schwächung der patriarchalen Verwandtschaftsverbände herbeigeführt wurde.

Im Mittelalter gab es verschiedene Familienformen und Haushalte:

Bei den Fürsten- und Adelsfamilien war die Bedeutung der Fortsetzung der Abstammungslinie noch am stärksten ausgeprägt. Bei den ländlichen und städtischen Familienhaushalten trat nun mehr das Motiv der Sicherung der Familie als Produktionsort in den Vordergrund. Zu diesen Familienhaushalten zählten in West- und Mitteleuropa neben der Kernfamilie (Ehepaar und Kinder) teilweise auch Lehrlinge, Handwerksgesellen, Knechte, Dienstmägde und das Gesinde, unter denen auch unverheiratete Verwandte sein konnten (Ganzes Haus). Hauptzweck der Familie war das reibungslose Funktionieren als Produktionsgemeinschaft, das Familienleben musste sich dem unterordnen. Zweckmäßige Beziehungen innerhalb der Familienmitglieder waren vorherrschend, für „gefühlsmäßige Bindungen unter den Mitgliedern der Kernfamilie war wenig Platz und Möglichkeiten des persönlichen Rückzugs gab es kaum“ (ebd. S. 64). In den Bauernfamilien wurden die Kinder, sobald sie groß genug waren, in die Produktion mit einbezogen. Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist jedoch davon auszugehen, „dass die Bedeutung von Liebe und Emotionen für die Beziehung der Eltern zu den Kindern (wie auch der Ehepartner untereinander) in vorindustriellen Familien bisher unterschätzt worden ist“ (ebd. S. 64). Innerhalb der Familie herrschte eine hohe Mitgliederfluktuation bedingt durch die hohe Sterblichkeit der Menschen und das frühe „Ausziehen“ der Kinder. Somit musste das „Personal“ ständig ersetzt werden. Auch die Wiederheirat nach dem Ableben des Ehepartners war in den bäuerlichen Familien typisch. In der Stadt gab es Formen des Alleinlebens, alleinerziehende Familien oder Wohngemeinschaften von Frauen z.B. Witwen mit und ohne Kinder. Neben den Familien mit Produktionsfunktion gab es auch besitzlose Familienhaushalte bzw. Familien ohne Produktionsfunktion. Meist waren sie kleine Kernfamilien, deren Mitglieder außer Haus arbeiteten (u.a. Lohnarbeit).

Besonders in der langen historischen Phase des Mittelalters bestimmte die Institution Kirche weitgehende Bereiche des menschlichen Lebens. Flandrin (1984) untersucht in seinem Aufsatz „Das Geschlechtsleben der Eheleute in der alten Gesellschaft: Von der kirchlichen Lehre zum realen Verhalten“ die christliche Moral und wie diese von den Menschen umgesetzt wurde. Im Mittelpunkt dieser christlichen Moral „(…) steht ein tiefes Misstrauen gegen alle sinnlichen Freuden, weil sie den Geist zum Gefangenen des Körpers machten und ihn daran hinderten, sich zu Gott zu erheben. (…) Ebenso sind wir verpflichtet, uns mit dem anderen Geschlecht zu vereinigen, um Kinder zu zeugen; aber wir dürfen uns nicht mit dem sexuellen Verlangen hingeben. Die Sexualität hat zum alleinigen Zweck die Fortpflanzung; wer sie mit anderen Interessen verknüpft, etwa den Genuss, der treibt Missbrauch mit ihr.“ (Flandrin 1984, S. 147)

Außereheliche Sexualität diene auch nicht den Interessen der Fortpflanzung, weshalb auch sie eine Sünde darstellt. Sie ist verboten. Eheliche Sexualität war nur legitim, wenn sie dem Zwecke der Fortpflanzung, der Einhaltung des Ehevertrags oder zum Angehen gegen sündiges Verlangen unternommen wurde. „(…) Empfängnisverhütende Maßnahmen und Abtreibungen [galten folglich] in jedem Falle als gröblich sündhaft.“ (ebd. S. 149) Es ist anzunehmen, dass es nur dann zu einem sexuellen Kontakt kam, „(…) wenn einer der Gatten vom anderen die Erfüllung der Pflicht verlangte und dieser sie auch erfüllte“ (ebd. S. 150). Frauen, die ihre Wünsche nicht laut äußern durften, sondern die vom Mann „erraten“ werden mussten, blieben meist auf der Strecke und konnten keine sexuelle Befriedung erfahren. Für die eheliche Sexualität wurden außerdem bestimmte Zeiten und Orte von der Kirche erlaubt. Es gab vielfältige Zeiten (Fast- und Festtage, Zeiten der Unreinheit der Frau), Orte (heilige Stätten, Kirchen) und Stellungen, die als verboten galten. Jedoch „(…) kommt keiner der alten Theologen in den Debatten über die eheliche Sexualität auf die Liebe zu sprechen“ (ebd. S. 154). Abschließend folgert Flandrin, „(…) dass man in recht unterschiedlichen Schichten der alten Gesellschaft Abneigung dagegen empfand, allzu frei mit seiner Frau zu verkehren, und dass man sich die eigene Frau eher keusch als verliebt wünschte. Offenbar teilte man die theologische Behauptung vom Gegensatz zwischen der Ehe einerseits und den Liebesbeziehungen andererseits; während der Zweck der Ehe in der Fortpflanzung gesehen wurde, assoziierte man mit der Liebesbeziehung eine ungehemmte Begehrlichkeit und ein exzessives Streben nach Lust“ (ebd. S. 162).

Auch Ariès (1984) kennzeichnet ebenfalls „den Unterschied nämlich, den die Menschen in nahezu allen Gesellschaften und fast zu allen (außer der unseren) zwischen der Liebe in der Ehe und der Liebe außerhalb der Ehe gesehen haben“ (Ariès 1984, S. 165). Er führt weiterhin aus, dass es erwünscht war und auch häufig vorkam, dass sich die Liebe nach der Heirat im Laufe der Ehe entwickelte – auch wenn sie nicht Grund für die Eheschließung war.

Die mittelalterliche Kirche schwankte „(…) zwischen den zwei Polen angestrebter idealisierter Spiritualität und mühsam legitimierter Sexualität in der Ehe (…) hin und her“ (Schnell 2002, S. 103)

2.4 Neuzeit (16.- 19. Jh.)

In der vorindustriellen Zeit „(…) hat es in West- und Mitteleuropa die Drei-Generationen-Familie wegen der geringen Lebenswahrscheinlichkeit, wegen eines relativ späten Heiratsalters und aus ökonomischen Gründen viel seltener gegeben, als häufig angenommen wird (…)“ (Nave-Herz 2006, S. 37).

Nave-Herz (2006) unterscheidet in ihren Ausführungen über vorindustrielle Familienformen konsequent zwischen Familien mit Produktionsfunktion und denen ohne Produktionsfunktion. Die Familien mit Produktionsfunktion lebten eher in mehreren Generationen zusammen als die ohne Produktionsfunktion, weil es dort die Voraussetzungen für das Zusammenleben gab, bzw. dass der Unterhalt für drei Generationen ausreichte.

Ehen und Familien besaßen in der vorindustriellen Zeit immer einen instrumentellen Charakter. Eine Ehe wurde in Hinblick auf Kinder, also auf Reproduktion, eingegangen. Je nach Schicht sollte damit das Vermögen, der Name weitervererbt werden und auch um die Altersversorgung der Eltern abzusichern. Im Mittelpunkt der Familie stand der Haushalt. Unterschiede gab es zwischen den Familien in Form von Größe und Zusammensetzung der Mitglieder. Besonders arme Familien hatten sehr wenige Familienmitglieder, da sie nur so viele Personen halten konnten, wie sie auch ernähren konnten. Auch damals hat es schon eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gegeben. Die Frauen waren für den Haushalt und für bestimmte Bereiche der Produktion zuständig. Die Männer waren für handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeiten, sowie auch einige hauswirtschaftliche (Holzhacken etc.) Arbeiten zuständig. Diese Funktionen von Mann und Frau - der Mann übernimmt einige hauswirtschaftliche Tätigkeiten, die Frau einige Produktionsarbeiten – lassen sich dadurch erklären, dass es in den Haushaltsfamilien „in jener Zeit keine strikte Trennung zwischen Innen- und Außenbereich, zwischen Familien- und Erwerbsbereich“ (ebd. S. 40) gab. Innerhalb der Mitglieder gab es dennoch individuelle und persönliche Beziehungen, die durch Nähe, Geborgenheit und Intimität gekennzeichnet waren. Für die Ehe galt die Liebe als biblisches Gebot, sie war jedoch nicht Grund für die Eheschließung.

„Das eheliche Bündnis sollte vor allem nicht auf Leidenschaft beruhen, sondern auf Zuverlässigkeit, Nüchternheit und Achtung des Partners, und deshalb galten damals auch völlig andere Partnerwahlkriterien als heute.“ (ebd. S. 41)

Allen Familienformen der vorindustriellen Zeit „(…) waren sowohl Ort der sozialen Reproduktion als auch der ökonomischen Produktion. Auch alle jene, die selbst keine eigene Familie gründen konnten, lebten und arbeiteten im ‚ganzen Haus’ und waren seinen Gesetzen und Abhängigkeiten unterworfen“ (Sieder 1980, S. 143)

Für die Partnerwahl waren das Arbeitsvermögen und die Gesundheit des Partners Hauptkriterien. Es standen also „(…) nicht emotional-affektive Beziehungen im Vordergrund, sondern soziale und ökonomische Motive“ (ebd. S. 143). Die Kinderzahl war gering. Verheiratete Frauen hatten zwar 8-12 Geburten und somit alle 1 ½ bis 2 ½ Jahre eine Geburt, jedoch starben weit mehr als die Hälfte der Kinder im Säuglings- oder Kleinkindalter (durch Epidemien, Kriege, Hunger, Krankheiten). Man muss somit stark zwischen der Geburten- und der Kinderzahl unterscheiden. (vgl. Nave-Herz 2006, S. 41) Die Geburtenzahlen waren hoch, die Kinderzahl je Familie mit ca. drei bis vier Kindern gering. Durch die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit kam es zu großen Altersabständen zwischen den Geschwistern. Außerdem war dadurch die geplante Altersversorgung oft nicht gewährleistet. Durch diese Diskrepanz zwischen vielen Geburten und hoher Sterblichkeit der Kinder lässt sich die „(…) sachliche Beziehung zwischen Müttern und ihren Säuglingen“ (ebd. S. 42) erklären. Eine sachliche Beziehung darf man jedoch nicht als Vernachlässigung und Gefühlslosigkeit verstehen. Die Mutter war weiterhin nicht die einzige Bezugsperson für die Kinder. Die Mutter-Kind-Beziehung hatte damals einfach eine andere Qualität als die heutige.

„Außerehelich gezeugte Kinder sind jedenfalls kein Gradmesser der ‚Unsittlichkeit’ und ‚Verwahrlosung der niederen Klassen’, sondern Ausdruck ihres zeitlichen oder prinzipiellen Ausschlusses von der Möglichkeit zur Eheschließung bzw. Ausdruck der Möglichkeit, außerhalb der Ehe als assoziierte Mitglieder der Hausgemeinschaft für sich und ihre Kinder als Dienstboten und Tagelöhner das Auslangen zu finden.“ (Sieder 1980, S. 148 f.)

In den vorindustriellen Familien gab es außerdem „(…) keine Trennung zwischen Familie und familienfremden Personen und keine Ausprägung einer familialen Intimsphäre“ (Nave-Herz 2006, S. 43) auch wesentlich bedingt durch die Wohnverhältnisse.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656133087
ISBN (Buch)
9783656133346
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189209
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Soziologie
Note
3,0
Schlagworte
liebe historik entwicklung familie mann frau kinder paarbeziehung

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