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Praktikumsbericht zum Orientierungspraktikum am Evangelischen Schulzentrum Martinschule in XX

Praktikumsbericht / -arbeit 2007 23 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Erkundungsaufgaben: Die Martinschule XX

3. Hospitationsaufgaben
3.1 Struktur des Unterrichts
3.2 Umfassendes / Ganzheitliches Lernen
3.3 Soziales Lernen
3.4 Lehrer- und Schülerverhalten

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine meiner Studienfreundinnen absolvierte ihr Sozialpraktikum im Evangelischen Schulzentrum Martinschule (ESM) in XX. Sie war von ihrer Arbeit so begeistert, dass sie sagte: „Wenn ich einmal Kinder habe, sollen sie in eine solche Schule gehen.“

So wurde ich auf diese Schule aufmerksam.

Eine meiner Erwartungen an dieses Praktikum ist, nach sechs langen und relativ trockenen Studiensemestern wieder durch die lebendige „Wirklichkeit“ einer Schule genährt zu werden und Anregungen zu bekommen.

Ich möchte außerdem in meinem Praktikum meinen Blick für die Details, die den Unterricht erfolgreich bzw. nicht so erfolgreich machen, schärfen. Dies wird mir helfen, später selbst einen guten Unterricht zu gestalten.

Dazu werde ich hauptsächlich die 1.Klasse der Grundschule besuchen. Obwohl man die drei in dem ESM bestehenden Schulteile (Schule zur individuellen Lebensbewältigung (SIL), Grundschule mit Hort, Integrierte Gesamtschule (IGS)) auf Grund der vielfältigen Verflechtungen nicht voneinander getrennt betrachten kann, werde ich schwerpunktmäßig die Grundschule beobachten.

2. Erkundungsaufgaben: Die Martinschule XX

Das Evangelische Schulzentrum Martinschule in freier Trägerschaft der Johanna-Odebrecht-Stiftung in XX existiert als Schule zur individuellen Lebensbewältigung seit 1992. Nach einem Kooperationsversuch der Martinschule mit der Grundschule Greif wurde 2002 das Evangelische Schulzentrum um eine eigene Grundschule mit Hort erweitert. Damit konnte nun allen Schülern mit einer geistigen Behinderung die Möglichkeit gegeben werden, intensiv mit anderen nichtbehinderten Schülern zusammen zu arbeiten. In diesem Sinne entstanden Patenschaften zwischen Grundschul- und SIL-Klassen. Die ersten Schüler, die 2002 in der Grundschule eingeschult wurden, konnten 2006 in die Integrierte Gesamtschule übernommen werden, welche im Evangelischen Schulzentrum nun mit jedem Jahr weiter aufgebaut wird. Somit können die Schüler der kooperierenden SIL- und Grundschulklassen auch weiterhin zusammen lernen und leben. Zudem ist den Schülern der Grundschulklassen zukünftig eine christlich geprägte Bildung und Erziehung in der Schule ermöglicht worden. Die Schulerweiterung realisiert ein längeres gemeinsames Lernen von unterschiedlich begabten Schülern über die Grundschulzeit und die Orientierungsstufe hinaus, wobei Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten individuell gefördert und gefordert werden, ohne jemanden auszuschließen. 2012 werden die ersten Schüler in die gymnasiale Oberstufe der IGS übergehen. (vgl. Internetseite der Schule)

Der Schultag beginnt für alle Klassen um 8.00 Uhr. Die Grundschule und der erste Teil der SIL (1.-4. Klasse) werden als volle Halbtagsschule (bis 14.15, freitags bis 13.00) geführt. Es gibt Ganztagsangebote und Hortbetreuung bis 16.00 Uhr. Die IGS und der zweite Teil der SIL (ab der 5. Klasse) besteht als Ganztagsschule (montags bis 14.15 Uhr, freitags bis 13.00 Uhr, sonst bis 16.00 Uhr) wobei montags und freitags bis 16.00 Uhr nach Bedarf eine Betreuung organisiert wird. (vgl. Internetseite der Schule)

Im Tages- und Wochenablauf wird auf einen regelmäßigen Wechsel zwischen Arbeits- und Erholungsphasen geachtet. Die Schüler finden hier eine Ordnung des Lebens und der Dinge vor, in die sie hineinwachsen, indem sie sie mitgestalten.

Die Stundenpläne einer Klasse im Grundschul- bzw. IGS-Bereich und der dazugehörigen kooperierenden SIL-Klasse (Patenklasse) sind aufeinander abgestimmt, so dass Freiarbeit, Projekte, Mahlzeiten und Feiern zusammen stattfinden können. Um eine möglichst gute Kooperation zu verwirklichen und dennoch jedem Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, besitzt jede Klasse eigene Räumlichkeiten (inklusive eigener Sanitäranlagen und eigener oder mit der Patenklasse gemeinsamer Küchen), die sich aber in der Nähe der Räume der jeweiligen Patenklasse befinden. Wöchentliche Teambesprechungen zwischen den Lehrern und pädagogischen Unterrichtshilfen der kooperierenden Klassen sichern die praktische Umsetzung und Weiterentwicklung der Kooperation.

Das ESM formuliert seine Aufgabe in der Konzeption folgendermaßen: „Aufgabe [des Evangelischen Schulzentrums Martinschule] ist es, christliche Nächstenliebe zu praktizieren. Dies geschieht auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes – jeder Mensch als Geschöpf Gottes hat von ihm Würde und Einmaligkeit seines Lebens, unabhängig von Leistung und Fähigkeit erhalten.“ (Internetseite der Schule)

Die christliche Orientierung umfasst auch die Vorbereitung und Durchführung von Höhepunkten im Kirchenjahr (Erntedankfest, mittelalterlicher Markt zum Martinstag, Weihnachtszeit mit dem Aufführen des Krippenspiels, Passionszeit und Ostern, Pfingsten, …) und gemeinsame Andachten des gesamten ESM in der Aula (spezielle Andachten und die Wochenabschlussandacht am Freitag).

Nach außen hin pflegt das ESM insbesondere Kontakte mit dem Jugendamt, mit den näheren Kirchengemeinden (besonders mit dem Dom, in dem das Krippenspiel aufgeführt wird), mit der Stadtbibliothek, Theater, Zooschule und mit der Universität (besonders in der „Kinder-Uni“). Betriebe im Umland (z.B. die Ausbildungsgärtnerei in Kemnitz-Meierei) und elterliche Betriebe werden gern in die Schulaktivitäten einbezogen. Weitere Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternschaft wird durch die gewählte Elternvertretung, dem regelmäßigen Elternstammtisch, Elternbesuche und -gespräche (zwei Mal jährlich) sowie durch das gut geführte Mitteilungsheft gesichert. Zudem wird auch das Telefon als direktes Kommunikationsmittel zwischen Lehrern und Eltern häufig genutzt.

Für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Schülern wird in jeder Klasse ein Schülersprecher (in größeren Klassen auch ein Vertreter) gewählt. Die Schülersprecher treffen sich einmal pro Monat zu einem gemeinsamen Mittagessen, bei dem aktuelle Probleme besprochen werden. Als Beispiel für die erfolgreiche Lösung eines praxisrelevanten Problems sei der behindertengerechte Fußgängerüberweg vor der Schule genannt: die Schülersprecher haben diesen mit Unterstützung des Vertrauenslehrers und des Schulleiters bei der Stadt XX beantragt und er wurde gebaut! Die Schülersprecher bekommen auch in der Schulzeit eine feste Zeit eingeräumt, in der sie mit der Klasse sprechen können (wenn gewünscht, auch ohne Beisein des Lehrers). In der wöchentlichen Abschlussandacht gehört es zu den Aufgaben der Schülersprecher, die Geburtstagskinder der Woche nach vorn zu rufen und ihnen zu gratulieren.

Natürlich können die Schüler auch selber an den Klassenlehrer, den Vertrauenslehrer oder den Schulleiter herantreten, um Probleme zu schildern.

Die Klassenlehrer sind für die erfolgreiche Gestaltung des Unterrichts in ihrer Klasse verantwortlich. Dies beinhaltet die Sicherstellung der Kooperation mit der Patenklasse sowie die thematische und methodische Anbindung des Fachunterrichts an den Hauptunterricht durch Teamgespräche. Sie bieten auch Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag an, organisieren Klassenfahrten, Wandertage, Unterrichtsgänge, Feste, Feiern sowie die wöchentlichen Andachten und die täglichen Mahlzeiten. Besonders wichtig ist ihnen der enge Kontakt zu den Eltern (regelmäßige Hausbesuche, persönliche und telefonische Gespräche).

Damit Fachlehrer ihren Unterricht auf das jeweilige Projektthema abstimmen können und schülerspezifische Information möglichst schnell und direkt zwischen ihnen und dem Klassenlehrer fließen können, werden regelmäßige Besprechungen abgehalten. Weiterhin übernehmen Lehrer folgende Aufgaben: Vertrauenslehrer, Computerbeauftragter, Mitglied der Steuergruppe zur Unterstützung der Schulleitung und Verantwortlicher für Qualitätsmanagement. Jeder Lehrer soll zusätzlich pro Schuljahr eine schulinterne Fortbildung organisieren und dabei selbst mitwirken.

Die Kinder der ESM kommen aus meist kirchlichen Kindergärten und Grundschulen der Stadt XX, Ostvorpommerns, Nordvorpommerns und sogar von der Insel Rügen. In den SIL-Teil werden Kinder aus Fördereinrichtungen der Stadt und Umgebung, der Montessori- und der Pestalozzi-Schule ein- oder umgeschult. Da die Schüler am ESM alle Schulabschlüsse erwerben können, gehen sie anschließend in die berufliche Ausbildung über bzw. studieren. Für Schüler des SIL-Teils kommen anschließend diverse Werkstätten in XX und Umgebung in Frage, in denen sie schon während der letzen Schuljahre Praktika absolvieren können.

Das ESM bezieht seine finanziellen Mittel aus staatlichen Zuschüssen, von der Johanna-Odebrecht-Stiftung als Träger und im Grundschul- sowie IGS-Bereich auch aus Schulgeldern. Zudem wird das Schulzentrum vom Evangelischen Schulverein Martinschule XX e.V. unterstützt. (http://www.odebrecht-stiftung.de/schule/dokumente/Satzung%20F%F6rderverein.pdf) Die Forderung des Schulgeldes ist sicher der wichtigste Grund dafür, dass der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund oder mit einem arbeitslosen Elternteil verschwindend gering ist, obwohl das ESM mitten in Schönwalde I liegt. Dennoch kann man nicht von einer „Schule der Reichen“ reden, da die finanziellen Verhältnisse der Familien von einfach bis gut rangieren. Da trotz der evangelischen Ausrichtung der Schule auch Schüler anderer Konfessionen bzw. konfessionslose Schüler aufgenommen werden, liegt der Anteil von evangelischen Familien „nur“ bei ca. 40%. Auffallend ist außerdem, dass viele Kinder, deren Eltern Lehrer sind, diese Schule besuchen.

Es ist kennzeichnend für die Eltern der Martinschule, dass sie sich vermehrt Gedanken um die Entwicklung ihrer Kinder machen und diese Schule bewusst aussuchen. Dadurch und durch die oben erwähnte Notwendigkeit, Schulgeld zu bezahlen, was von sozial schwachen Familien nicht geleistet werden kann, erfolgt bereits vor dem ersten Schultag eine Selektion der Kinder.

Während meines Praktikums hospitierte ich in der Klasse 1b und einen Tag in der 2a. Auch an einer Hausteamsitzung durfte ich teilnehmen.

3. Hospitationsaufgaben

3.1. Struktur des Unterrichts

Meine Aufgabe bestand darin, Unterricht zu beobachten sowie nach verschiedenen Schwerpunkten auszuwerten und einzuschätzen. Das erste Problem besteht in der Definition von Unterricht. Also allgemein: Was ist Unterricht? Und speziell: Woran erkenne ich Unterricht in dieser Schule?

Zu der ersten Teilfrage haben schon viele Menschen ihre Gedanken geäußert: „Unterricht ist die organisierte, gemeinsame, systematische Tätigkeit von Lehrenden, die Kenntnisse und Können vermitteln, den Lern- und Erziehungsprozess lenken und durch ihr Vorbild die Herausbildung von Überzeugungen fördern, und Lernenden, die sich Wissen und Können sowie stabile Bewusstseins- und Verhaltenseigenschaften aneignen, ihr Erkenntnisvermögen entwickeln und ihre Weltanschauung ausbilden. Der erzieherische Charakter des Unterrichts, der Hauptform der Bildung und Erziehung der heranwachsenden Generation, wird durch die jeweilige Gesellschaft geprägt.“ (UNIVERSAL LEXIKON Band 5, S. 293)

Professor Prüß definiert Unterricht als ein Mittel der Erziehung, bei dem der Lehrende versucht psychische Dispositionen (Leistungseigenschaften wie Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeit; und Verhaltenseigenschaften wie Einstellungen, Charaktereigenschaften und Interessen) seiner Schüler zu verbessern, zu erhalten oder zu beseitigen. Hierbei sind ein positives Klassenklima und eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung ebenso wichtig, wie die Fähigkeit des Lehrers den einzelnen Schüler dort abzuholen, wo er steht und durch organisierte Schülertätigkeit, Erfahrungsräume und Abrechnungsformen ihn in die „richtige“ Richtung zu lenken. (vgl. PRÜß, F., VORLESUNG ALLGEMEINE DIDAKTIK)

Steindorf hingegen definiert Unterricht als planmäßige Vermittlung von Wissen besonders über seine Struktur: „Gemeinhin werden der Unterrichtsgestaltung vier Stufen zugrunde gelegt. Diese Stufen sind die Stundeneröffnung, die Begegnung mit dem Neuen, die Vertiefung und der Stundenabschluss.“ (STEINDORF 2000, S. 197)

Obwohl es in den Details Unterschiede in der Formulierung und auch z.T. im Inhalt gibt, scheinen sich jedoch alle darin einig zu sein, dass es beim Unterricht Lehrende und Lernende gibt. Außerdem besteht Einigkeit darin, dass Unterricht strukturiert aufgebaut ist und meist in Phasen gegliedert werden kann: Die 1. Phase, die Phase der Einführung, Aktivierung und Organisation, soll die normativen Bedingungen sichern (eine Arbeits- und Lernatmosphäre schaffen) und eine Zielorientierung gewährleisten z.B. durch Formulierung eines Leitgedankens, Problemstellung etc. In dieser Phase soll der Schüler motiviert werden, so dass in ihnen der Wunsch geweckt wird, sich mit der Thematik auseinander zusetzen. Weiterhin soll an das Vorverständnis des Schülers angeknüpft und Vermitteltes gegebenenfalls reaktiviert werden. Die 2. Phase, die Phase der Erstaneignung, geistigen Verarbeitung und Gestaltung, hat zum Inhalt, dass sich der Schüler in einen neuen Sinn-, Sach- oder Problemzusammenhang einarbeitet, neue Kenntnisse erwirbt und Fähigkeiten, Fertigkeiten, Gewohnheiten und Haltungen entwickelt. Die 3. Phase, die Phase des Festigens, Meisterns und Bewahrens, soll dazu dienen, dass der Schüler sein erworbenes Wissen stabilisiert und festigt. Ihm sollen z.B. Möglichkeiten geboten werden, sein Wissen selbstständig oder in Gruppen zu erproben. Die 4. Phase, die Phase der Kontrolle, Bewertung und Auswertung, hat zur Aufgabe, einen Soll-Ist-Vergleich zu erstellen, indem der Wissensstand des Schülers überprüft wird. Weiterhin werden die Ergebnisse bewertet, um Erfolg und Misserfolg des Lernprozesses deutlich zu machen. (vgl. PRÜß, F., VORLESUNG ALLGEMEINE DIDAKTIK)

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Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656136378
ISBN (Buch)
9783656136514
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189288
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
Schlagworte
praktikumsbericht orientierungspraktikum evangelischen schulzentrum martinschule

Autor

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