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Schreibabys - Mögliche Ursachen und Hintergründe bei Säuglingen sowie Eltern und Hilfemöglichkeiten

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Das kindliche Schreiverhalten als frühes Kommunikationsmittel
2.1 Kommunikations- und Bindungsaufbau durch Schreien
2.2 Unterschiede zwischen „normalem“ und exzessivem Schreiverhalten

3. Mögliche Ursachen und Hintergründe für exzessives Schreien
3.1 Körperliche Ursachen
3.2 Defizite in der Selbstregulation
3.3 Kommunikations- und Interpretationsprobleme zwischen Eltern und Säugling
3.4 Auswirkungen aufgrund elterlicher Belastung

4. Eventuelle Emotionen und Reaktionen der Eltern auf das Schreien
4.1 Emotionale Belastung und mögliche Reaktionen
4.2 Veränderungen in der Partnerschaft

5. Selbsthilfe und Hilfeangebote
5.1 „Richtiges“ Reagieren auf kindliche Bedürfnisse und ein geregelter Tagesablauf
5.2 Beruhigungsmethoden
5.3 Pause vom eigenen Baby
5.4 Schreiambulanzen

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Schreibabys“, welche möglichen Ursachen und Hintergründe es für dieses Schreiverhalten bei Säuglingen sowie bei den Eltern gibt und welche Hilfemöglichkeiten erfolgreich sein können.

In der Sozialpädiatrie wird das Schreien im Säuglingsalter in vier verschiedene Klassifikationen unterteilt (vgl. Lucas 1999, S. 15):

- Das primär physiologische, also körperlich bedingte Schreien, welches durch Geburtsfolgen, Schmerzen, Hungergefühl, erschreckenden Lärm und ähnliches verursacht wird.
- Das primär pathologische, also krankhaft bedingte Schreien. Diese Schreien wird aufgrund einer schweren Erkrankung des zentralen Nervensystems oder durch Chromosomenanomalien, beispielsweise das 5p-Syndrom (Katzenschreisyndrom) beim Säugling ausgelöst.
- Das sekundäre (exzessive) Schreien, verursacht durch vorübergehende Erkrankungen. Dazu gehören zum Beispiel die Gastritis (Magenschleimhautentzündung), die Otitis media (Mittelohrentzündung) oder die Ösophagitis (Entzündung der Speiseröhre).
- Das primäre exzessive Schreien, welches auch als chronische Unruhe bezeichnet wird und dauerhaft schreiende Säuglinge im Alter von zwei Wochen bis drei Lebensmonate, maximal sechs Lebensmonate betrifft.

Die Arbeit geht auf exzessiv schreienden Säuglinge ein, welche keine erblichen Vorerkrankungen haben und somit als „gesund“ gelten. Sie wird sich einleitend damit befassen, warum das Schreien für Säuglinge so wichtig ist und ab welcher zeitlichen Abfolge von einem exzessiv schreienden Säugling gesprochen werden kann.

Anschließend wird sie auf wichtige Hintergründe für diese chronische Unruhe untersuchen und kindliche sowie elterliche Ursachen differenzieren. Danach folgt ein Einblick auf mögliche Emotionen, die sich bei den Bindungspersonen, aufgrund des dauerhaften Schreiens, entwickeln können. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit Unterstützungsmethoden, welche die Eltern anwenden können, um den schreienden Säugling zu beruhigen.

Im wissenschaftlichen Kontext werden Regulationsstörungen (Symptombilder sind exzessives Schreien, Fütter- und Schlafstörungen) als ernst zunehmende Belastungen und Gefährdungen für die kindliche Entwicklung, seine psychische Gesundheit und das Kindeswohl im Allgemeinen beschrieben. Des Weiteren wird aufgezeigt, dass frühe Verhaltensregulationsprobleme sich auf Verhaltensauffälligkeiten des Säuglings niederschlagen und auch fast immer zu einer besonderen Belastung der Eltern bzw. beeinträchtigen die Eltern-Kind-Interaktion führen. Das belastete Interaktionsmuster zeichnet sich beispielsweise in verkürzten Phasen positiver Interaktionen und in einer geringeren Feinfühligkeit der Eltern aus. Solche disharmonischen Interaktionen erhöht das Risiko späterer Auffälligkeiten und trägt damit zu einer ungünstigen Prognose bei.

Adolf Portmann arbeitete unter dem Aspekt der psychischen Entwicklung von Kindern heraus, dass ein menschliches Neugeborene eine "physiologische Frühgeburt" ist (Portmann, 1951). Bei der Gegenüberstellung eines menschlichen Neugeborenen mit anderen hoch entwickelten Säugern kam er zu dem Schluss, dass eine menschliche Schwangerschaft 20 Monate dauern müsste, damit ein Neugeborenes eine vergleichbare Hirnreife aufweisen kann. Aufgrund des relativ unausgereiften Nervensystem kommt es in den ersten Lebensmonaten oft zu Anpassungsproblemen (vgl. Akademie für Fortbildung in Psychotherapie).

Epidemiologische Erhebungen verdeutlichen, dass die Prävalenz des primär exzessiven Schreiens je nach Stichprobe, Erhebungsinstrumenten und Zeitpunkt erheblich schwankt. Reijneveld et al. (2001) fand bei einer Erhebung in einer niederländischen Population (unter Verwendung von zehn verschiedenen Operationalisierungen exzessiven Schreiens) eine Häufigkeit von 1,5 – 11,9 % heraus. Weitere Erhebung unter Anwendung der „Dreier-Regel“ nach M. Wessel et al. (1954) arbeiteten Prävalenzzahlen zwischen 9,2 % (Dänemark; Alvarez, 2004) und 16,3 % (Deutschland; von Kries, Kalies, & Papousek, 2006) heraus (ebd.).

2. Das Schreiverhalten als frühes Kommunikationsmittel

Der junge Säugling besitzt mehrere Möglichkeiten, um mit seiner Bindungsperson und seiner Umwelt zu kommunizieren. Dazu gehören beispielsweise der Blickkontakt, die Körperhaltung und das Nörgeln oder Quengeln. Das wirkungsvollste aller Kommunikationsmittel, die ihm zur Verfügung stehen, ist der kindliche Schrei. Nur durch ihn kann der Säugling auf sich aufmerksam machen und seine Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Damit sichert dieses effektive Alarmsignal seine Existenz.

2.1 Kommunikations- und Bindungsaufbau durch Schreien

Der neugeborene Säugling besitzt noch keine Fähigkeiten zur selbstständigen Befriedigung seiner grundlegendsten Bedürfnisse und benötigt zu dieser Prozessregulation die Hilfe seiner Bezugsperson. Somit ist das Schreien die effektivste Lösung, um unmittelbar Kontakt aufzunehmen und „die Bindung mit den wichtigsten Bezugspersonen (Mutter/Vater) aufrechtzuerhalten“ (Lucas 1999, S. 20, 114). Mit seinem Schreien will er darauf aufmerksam machen, dass ihm etwas missfällt und er sein Problem nicht allein lösen kann. Gründe für dieses Verhalten können elementare Bedürfnisse und Prozesse wie Hunger- bzw. Durstgefühl und die Schlaf- wach- Regulation darstellen, aber auch zwischenmenschliche Bedürfnisse wie das Verlangen nach Schutz, Wärme und Geborgenheit. „In den ersten Lebenstagen haben Babys noch wenig Kontrolle über die Ausdrucksformen ihres Schreiens. Sie lernen erst im Laufe der Zeit differenzierte, für sie typische Laute zu bilden, sozusagen ihr Schreien zu perfektionieren.“ (Diederichs/Olbricht 2002, S. 59). Durch diese Perfektionierung entstehen unterschiedliche Schreinuancen für verschiedene Bedürfnisse.

Desweiteren muss auch der Kommunikationspartner, in erster Linie die Bindungsperson, lernen die hilfesuchenden Signale richtig zu differenzieren und angemessen darauf zu reagieren. Gerade in den ersten Lebenswochen des Säuglings entstehen hierbei des Öfteren Interpretationsprobleme, welche sich jedoch aufgrund einer sich entwickelnden Harmonisierung, einem verbesserten Erkennen der Schreinuancen oder einer besseren Verhaltensbeobachtung des Säuglings nach und nach reduzieren.

Die kommunikative Interaktion wird durch eine „intuitive kommunikative Didaktik“ (vgl. Papoušek 1994, S 31f.) unterstützt. Das bedeutet, dass sich die Bindungsperson, weitestgehend unbewusst, an das Verhalten und die Kompetenzen des Säuglings spezifisch anpasst, somit kommt es zu einer adäquaten Verständigung auf gleicher Kommunikations-ebene. Dieses intuitive elterliche Verhalten unterstützt die eingeschränkten Fähigkeiten der Säuglinge und lässt sie in diesem Lernprozess „entdecken, dass ihr Verhalten vorhersagbare Konsequenzen hat und sie ››die Welt‹‹ beeinflussen können.“ (Barth 2008, S. 21).

2.2 Unterschiede zwischen „normalem“ und exzessivem Schreiverhalten

Das Schreiverhalten von Säuglingen dient der Aufmerksamkeitsgewinnung, zur Bedürfnisbefriedigung und Unterstützung von Regulationsprozessen.

Nach Brazelton et al. (1962) schreien „normale“ Säuglinge in den ersten zwei Lebenswochen durchschnittlich 1,75 Stunden am Tag, mit der sechsten Lebenswoche steigert sich dies täglich um ca. eine Stunde. Er verzeichnete allerdings einen kontinuierlichen Abfall bis zur zwölften Woche auf ca. eine Stunde am Tag und bezeichnete demzufolge die ersten drei Lebensmonate als die Zeit, in der der Säugling am meisten schreit. Möglicherweise gibt es in dieser Phase bestimmte Entwicklungsschübe, wie beispielsweise die Reifung des Zentralnervensystems oder die Erweiterung des Wahrnehmungssystems, durchlaufen werden, welche die Ursache für diesen Verlauf darstellen. Im Tagesverlauf äußert sich das „normale“ Schreien vermehrt in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden.

Da das Umfeld, vorrangig die Bindungspersonen des Säuglings, das Schreien individuell wahrnehmen und gegebenenfalls als störend ansehen, ist die Kategorisierung, ob das Schreiverhalten „normal“ oder exzessiv ist, vorrangig subjektiv. „Ungefähr 10-20% der Eltern klagen, insbesondere in den ersten Lebensmonaten, über belastende Schreiprobleme ihres Kindes.“ (Barth 2008, S. 51).

Mit Hilfe der „Dreier-Regel“ nach M. Wessel et al. (1954) kann objektiv eingeschätzt werden, ob ein Säugling exzessives Schreiverhalten aufweist. Laut dieser Regel ist ein Säugling ein Schreibaby, wenn er „an mindestens drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag schreit und dieses Schreiverhalten mehr als drei Wochen lang anhält.“ (Lucas 1999, S. 26). Die Anwendung dieser Regel in einer deutschen Erhebung im Jahr 2006 ergab eine Gesamtprävalenz für exzessives Schreien von 16% bis zum 3. Lebensmonat und ca. 6% zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat (vgl. Kries et al. 2006).

Dieses exzessive Schreiverhalten stellt auf Dauer sowohl für den Säugling, als auch für seine Bindungspersonen eine enorme psychische und physische Belastung dar. Es bedeutet für beide Seiten einen dauerhaften Stresszustand, bis hin zur Gefährdung der Gesundheit.

3. Mögliche Ursachen und Hintergründe für exzessives Schreien

Die Frage nach der Ursache für das exzessive Schreien des Säuglings muss differenziert betrachtet werden. In erster Instanz sollte medizinisch untersucht werden, ob der Säugling somatische (körperliche) Störungen aufweist. Ist dies nicht der Fall, sollte in Betracht gezogen werden, dass er Defizite in seinen selbstregulativen Fähigkeiten hat. Eine weitere mögliche Ursache stellen Kommunikations- und Interpretationsprobleme während der Interaktion mit Bindungspersonen dar oder diese sind aufgrund einer enormen Belastung nicht in der Lage, sich adäquat auf die Bedürfnisse ihres Säuglings einzustellen. Papoušek und Papoušek ordnen diese Störfaktoren, unter Berücksichtigung ihrer dynamischen Systemtheorie in einen „diagnostischen Trias frühkindlicher Regulationsstörungen“ ein (siehe Anhang, Abb. 1).

3.1 Körperliche Ursachen

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Ursache für exzessives Schreiverhalten bei Säuglingen somatische Beeinträchtigungen darstellen.

Als primär auslösender Faktor wurde eine gastrointestinale Störung vermutet. Das Verdauungssystem der Neugeborenen ist zwar noch nicht vollständig ausgereift, dennoch haben die meisten Säuglinge (die zum errechneten Termin geboren sind) keine Probleme bei der Verdauung. Es wird vermutet, dass es bei einigen Säuglingen während des Verdauungsprozesses zu einer vermehrten Ansammlung von Gasen im Magen- Darm- Trakt kommt, welche schmerzhafte Verkrampfungen der Magen- Darm- Muskulatur auslösen (vgl. Lucas 1999, S. 31f). Beobachtet werden diese kolikartigen Bauchschmerzen ab der zweiten Lebenswoche bis zum dritten Lebensmonat, weshalb dieses Phänomen oft als Drei- Monats-Koliken beschrieben wird. Eine weitere mögliche Ursache für das exzessive Schreiverhalten kann in der veränderten Muttermilchzusammensetzung begründet liegen. Mit Beginn der dritten Stillwoche wird das bis dahin homogene Gemisch aus Muttermilch und Kolosum zu einer lactosehaltigen Vormilch, mit einer durstlöschenden Wirkung und einer fetthaltigen Hintermilch (setzt nach ca. zehn Minuten ein) mit einer sättigenden Wirkung aufgespalten (vgl. Rankl 2009, S. 74). Gerade empfindliche Säuglinge reagieren auf diese Umstellung sensibel. Symptome, die sie aufzeigen, sind das plötzliche Schreien bis hin zum Schmerzschreien nach der Nahrungsaufnahme, ein harter oder aufgeblähter und druckempfindlicher Bauch, Blähungen, dauerhafte Unruhe und deutliche Muskelspannung.

Die Theorie der Koliken muss aber kritisch betrachtet werden, da bei einem Vergleich von Röntgenaufnahmen „normaler“ und exzessiv schreiender Säuglinge bewiesen wurde, dass es keine auffälligen Unterschiede hinsichtlich der Gasmenge im Bauch während eines Schreianfalls gibt. Außerdem haben „Schreibabys“ auch keine häufigeren Blähungen als „normale“ Säuglinge (vgl. Rankl 2009, S. 13f).

Weitere somatische Störungen, die einen Säugling zum exzessiven Schreien veranlassen können, sind Unverträglichkeiten gegenüber verschiedenen Lebensmitteln. Dazu zählen in erster Linie die Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), die Milcheiweißallergie (Kuhmilchunverträglichkeit) oder andere Lebensmittelallergien (beispielsweise gegen Nüsse, Meerestiere, Getreide oder koffeinhaltige Nahrungsmittel). Diese Nahrungsmittel nimmt der gestillte Säugling durch die Ernährung der Mutter über die Muttermilch auf. Häufige Folgen sind allergische Reaktionen, wie zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, meist in Verbindung mit Juckreiz und Reaktionen der Schleimhäute in Mund- und Rachenraum.

Andere untersuchte Faktoren, die ebenfalls in Betracht gezogen werden müssen, sind Darminvagination (Einstülpungen von Darmabschnitten) oder ein Darmvolvulus (Darmverschluss). Diese führen zu einer andauernden Verstopfung und bewirken die Bauchschmerzen des Säuglings. Eine andere verdauungsbedingte Ursache ist der Gastroösophagealer Reflux (Rückfluss). Durch den Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre kommt es bei dem Säugling zu Sodbrennen, Entzündungen in der Speiseröhre und gegebenenfalls zum Erbrechen (vgl. Lucas 1999, S. 39f.).

Die Diagnose der kolikartigen Bauchschmerzen aufgrund von Verdauungsproblemen, einer Nahrungsmittelunverträglichkeit oder ähnlichem muss allerdings mit Vorsicht gestellt werden. Heute ist bekannt, dass lediglich 10 % der Säuglinge mit exzessivem Schreiverhalten eine somatische Störung aufweisen (vgl. Miller/Barr 1991). Deshalb sollte das gesamte Umfeld des Säuglings betrachtet werden, um den Grund für das übermäßige Schreien herauszufinden.

3.2 Defizite in der Selbstregulation

Aufgrund ihrer mangelnden cerebralen Ausreifung sind Säuglinge noch nicht in der Lage äußere und innere Reize angemessen abzubauen. Sie besitzen jedoch angeborene selbstregulative Fähigkeiten, welche es ihnen ermöglichen in einem begrenzten Umfang zu starke Reize abzuschirmen. Solche Schutzmechanismen dienen der Beruhigung und sind beispielsweise das Saugen an den Fingern, das Trockensaugen oder das Abwenden und Wegschauen von Kommunikationspartnern während einer Interaktion (vgl. Barth 2008, S. 72ff). Die wichtigsten Regulationsprozesse mit denen die Säuglinge in den ersten drei bis vier Lebensmonaten zurechtkommen müssen, sind Regulation der Nahrungsaufnahme, die motorische Regulation bzw. die Koordination der Körperbewegungen und die Schlaf- Wach- Regulation.

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Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656135364
ISBN (Buch)
9783656135470
Dateigröße
3.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189308
Institution / Hochschule
SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Note
1,7
Schlagworte
Schreibaby exzessiv Schreien Säuglinge Eltern

Autor

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Titel: Schreibabys - Mögliche Ursachen und Hintergründe bei Säuglingen sowie Eltern und Hilfemöglichkeiten