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Empowerment in der psychosozialen Praxis

Ausarbeitung 2012 29 Seiten

Zusammenfassung

„Man hilft Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst können“
Abraham Lincoln
1. Einleitung
Das Eingangszitat von Abraham Lincoln verdeutlicht sehr gut was, meiner Ansicht nach, einen der wesentlichen Leitgedanken des Handelns im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld darstellen sollte. In vielen Bereichen der sozialen Arbeit bestimmt noch immer der ‚Defizitorientierte Blick‘ die Entscheidungen und das Verhalten der professionellen Mitarbeiter. Herriger beschreibt dies wie folgt: „Soziale Arbeit, wie so viele andere helfende Berufe auch, hat viele Bestände ihrer Theorie und Praxis auf der Annahme aufgebaut, daß Klienten zu Klienten werden, weil sie Träger von Defiziten, Problemen, Pathologien und Krankheiten sind, daß sie - im kritischen Maße - beschädigt oder schwach sind (Herriger, 2010, S.68). Empowerment richtet sich an die Arbeitshaltung der professionellen Mitarbeiter und fordert von ihnen, den Klienten mehr Selbstbestimmung und Verantwortung in ihrem Handeln zu übertragen. Dabei soll sich die Sichtweise der Sozialarbeiter von den Schwächen der Klienten lösen und deren Fähigkeiten und Ressourcen mehr Beachtung geschenkt werden. Jedoch entspricht das Empowerment-Konzept gegenwärtig nicht den wissenschaftstheoretischen Anforderungen und darf daher nicht als Methode verstanden werden. Hinzu kommt, dass keine klaren Vorgaben bestehen, auf die die Vertreter dieses Konzepts in verschiedenen (Problem-)Situationen zurückgreifen können. Allerdings ist ein Ziel dieses Konzeptes Denkanstöße zu geben, um die eigene Arbeitshaltung zu überprüfen und in einem anderen, neuen Blickwinkel zu betrachten (vgl. Stark 1996, S. 155).
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Zusammenfassung meiner Bachelor-Arbeit.
Die vorliegende Arbeit befasst sich speziell mit der Thematik, welche Rolle Empowerment in der psychosozialen Praxis spielt. Dabei wird zu Beginn versucht, einen Überblick über den Begriff ‚Empowerment‘ zu gegeben und wie er in die die psychosoziale Praxis eingebunden ist. Anschließend werden die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, das Konzept der Salutogenese und die Ressourcenorientierung vorgestellt, um ein Hintergrundwissen für die Förderung von Empowermentprozessen zu geben.

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Empowerment
2.1. Geschichtlicher Hintergrund
2.2. Definition Empowerment
2.3. Phasenmodell von Kieffer
2.4. Ebenen
Die individuelle Ebene
Die Ebene von Gruppen und Organisationen
Die strukturelle Ebene
2.5. Zugänge
2.6. Empowerment in der psychosozialen Praxis

3. Sozialpsychologische Grundlagen
3.1. Erlernte Hilflosigkeit
3.2. Salutogenese
Kontinuum vs. Dichotomie
Gesundheitsfaktoren vs. Risikofaktoren
Heterostase vs. Homöostase
Verstehbarkeit (kognitive Komponente)
Handhabbarkeit (kognitiv-emotionale Komponente)
Bedeutsamkeit (motivationale Komponente)
Förderung der Verstehbarkeit
Fördern der Handhabbarkeit
Fördern der Bedeutsamkeit
3.3. Ressourcenorientierung

4. Fördermöglichkeiten von Empowerment durch die Soziale Arbeit
4.1. Unterstützungsmanagement
4.2. Ressoucendiagnostik
4.3. Förderung von Kontaktfähigkeit und sozialen Beziehungen
4.4. Biografiearbeit
4.5. Fördern des Selbstbestimmungsrechts
4.6. Motivierende Gesprächsführung

Literaturverzeichnis (und weiterführende Literatur)

Literaturverzeichnis

„Man hilft Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst können“

Abraham Lincoln

1. Einleitung

Das Eingangszitat von Abraham Lincoln verdeutlicht sehr gut was, meiner Ansicht nach, einen der wesentlichen Leitgedanken des Handelns im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld darstellen sollte. In vielen Bereichen der sozialen Arbeit bestimmt noch immer der ‚Defizitorientierte Blick‘ die Entscheidungen und das Verhalten der professionellen Mitarbeiter. Herriger beschreibt dies wie folgt: „Soziale Arbeit, wie so viele andere helfende Berufe auch, hat viele Bestände ihrer Theorie und Praxis auf der Annahme aufgebaut, daß Klienten zu Klienten werden, weil sie Träger von Defiziten, Problemen, Pathologien und Krankheiten sind, daß sie - im kritischen Maße - beschädigt oder schwach sind (Herriger, 2010, S.68). Empowerment richtet sich an die Arbeitshaltung der professionellen Mitarbeiter und fordert von ihnen, den Klienten mehr Selbstbestimmung und Verantwortung in ihrem Handeln zu übertragen. Dabei soll sich die Sichtweise der Sozialarbeiter von den Schwächen der Klienten lösen und deren Fähigkeiten und Ressourcen mehr Beachtung geschenkt werden. Jedoch entspricht das Empowerment-Konzept gegenwärtig nicht den wissenschaftstheoretischen Anforderungen und darf daher nicht als Methode verstanden werden. Hinzu kommt, dass keine klaren Vorgaben bestehen, auf die die Vertreter dieses Konzepts in verschiedenen (Problem-)Situationen zurückgreifen können. Allerdings ist ein Ziel dieses Konzeptes Denkanstöße zu geben, um die eigene Arbeitshaltung zu überprüfen und in einem anderen, neuen Blickwinkel zu betrachten (vgl. Stark 1996, S. 155).

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Zusammenfassung meiner Bachelor-Arbeit.

Die vorliegende Arbeit befasst sich speziell mit der Thematik, welche Rolle Empowerment in der psychosozialen Praxis spielt. Dabei wird zu Beginn versucht, einen Überblick über den Begriff ‚Empowerment‘ zu gegeben und wie er in die die psychosoziale Praxis eingebunden ist. Anschließend werden die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, das Konzept der Salutogenese und die Ressourcenorientierung vorgestellt, um ein Hintergrundwissen für die Förderung von Empowermentprozessen zu geben.

2. Empowerment

2.1. Geschichtlicher Hintergrund

Die Empowerment-Idee wurde erstmals in der Bürgerrechtsbewegung derafroamerikanischen Minderheitsbevölkerung in Amerika in den 50er Jahren aufgegriffen. Martin Luther King inspirierte die Bewegung zu selbstorganisierten Aktionen gewaltfreien Widerstands, um sich gegen bestehende Diskriminierung und Benachteiligung aufzulehnen und für gesellschaftliche und politische Teilhabe zu kämpfen. Der Grundgedanke der Bürgerrechtsbewegung war, dass gesellschaftlich benachteiligte Menschen und Gruppen mit Hilfe ihrer eigenen Stärken ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Der Feminismus in den 60er Jahren stellte eine zweite Bewegung dar, in der der Empowerment-Gedanke zum Tragen kam. Bis heute gibt es unter dem Banner des Empowerments eine Vielzahl von sozialen Bewegungen, wie beispielsweise der Friedens-, Behinderten- oder Gesundheitsbewegung. Hinzu kommen verschiedene Zusammenschlüsse, wie Selbsthilfegruppen, Selbstermächtigungskampagnen, Bürgerinitiativen, Stadtteil- oder Nachbarschaftsprojekte, die trotz unterschiedlicher Hintergründe das Ziel verfolgen, ein Mehr an (politischer) Mitsprache, Einflussvermögen und Entscheidungsmacht auf ihre unmittelbare Lebensumstände zu erlangen oder riskanten gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken (vgl. Theunissen, Plaute2002, S. 15).

2.2. Definition Empowerment

Das Fundament des Empowerment-Konzeptes bildet das humanistische Menschenbild. Die Stärken und Ressourcen der Klienten werden bei diesem Handlungsansatz in den Vordergrund gerückt (Miller, Pankofer 2000, S. 7). Empowerment bedeutet wörtlich übersetzt ‚Selbstbefähigung‘ oder ‚Stärkung von Autonomie‘. Herriger beschreibt Empowerment als einen Entwicklungsprozess über eine gewisse Zeitspanne hinweg, die ein Mensch benötigt, um genügend Stärke zu entwickeln, sein Leben nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen so zu gestalten, dass er es als ein ‚besseres Leben‘ wahrnimmt. Diese Beschreibung dient als gemeinsamer Kerngedanke der unterschiedlichen Auslegungen des Empowerment-Konzepts. Herriger merkt kritisch an, dass die Auslegungen durch die zahlreichen Interpretationsmöglichen von ‚besseren Leben‘ variieren können (vgl. Herriger 2010, S. 7). Herriger vergleicht Empowerment mit einem „Begriffsregal, das mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen, Werthaltungen und moralischen Positionen aufgefüllt werden kann“ (Herriger 2010, S. 13). Obwohl der Begriff Empowerment unterschiedlich ausgelegt werden kann, weisen alle Auslegungen in eine Richtung, nämlich, dass er Prozesse der Selbstbemächtigung beschreibt,

„in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen“ (Herriger 2002, S. 18).

Es werden also Prozesse der Selbstaneignung von Fähigkeiten und Prozesse einzelner Personen oder Gruppen beschrieben, die durch ihre wiedergewonnenen Stärken und Handlungsfähigkeiten ihre Lebenssituation verbessern können.

2.3. Phasenmodell von Kieffer

Kieffer geht davon aus, dass sich die Empowermentprozesse in vier Phasen aufteilen, siehe Abbildung 1. Die erste Phase heißt Mobilisierung. Die Menschen erkennen ihre schwierige Lebenslage und versuchen aktiv ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und bewusst etwas zu verändern. Die zweite Phase wird als ‚ Engagement und Förderung‘ bezeichnet. Nach den Rückschlägen und positiven Erfahrungen aus der ersten Phase wird nun die Energie in ein stabiles Engagement investiert. Der Austausch von Erfahrungen mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebenslage sind, ist in dieser Phase besonders relevant. In der dritten Phase, die ‚Integration und Routine‘ genannt wird, verfestigen sich die zusammengeschlossenen Gruppen. Sie werden Bestandteil der Gesellschaft und werden nun auch von dieser gesehen und gehört. Sie reifen in ihrem Fachwissen und setzen sich mit sozialen und politischen Fragen und Problemen auseinander und wenden sich an die Öffentlichkeit. Sie verstehen sich in ihrem Gebiet als Experten und wollen auch als diese akzeptiert werden. Durch diesen Reifeprozess findet bei den betroffenen Menschen eine Veränderung der Eigen- und Fremdwahrnehmung statt. Die letzte Phase trägt den Namen ‚ Überzeugung und brennende Geduld‘. Diese Phase darf nicht als Abschluss der Empowermentprozesse gesehen werden, sondern bedeutet vielmehr, dass die gereifte Organisations- und Konfliktfähigkeit auch auf weitere Lebenslagen übertragen wird (vgl. Pankofer 2000, S.15). Dem geht die Überzeugung voraus, „dass es möglich ist, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzuhaben und gemeinsam mit anderen Ziele zu erreichen und Veränderungen herbeizuführen“ (Stark 2002, S. 58). Diese Reihenfolge der Phasen spiegelt einen ideal-typischen Verlauf wieder. In der Praxis ist sie jedoch von Brüchen und Rückschlägen gekennzeichnet (vgl. Stark 1996, S. 124).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Entwicklungsphasen von Empowerment

2.4. Ebenen

Die Prozesse des Empowerments spiegeln sich nach den Kiefferischen Studien auf drei Ebenen wieder.

Die individuelle Ebene

Diese Ebene beschreibt den Prozess, in dem Menschen beginnen, ihr Leben (wieder) eigenständig zu organisieren. Sie versuchen gegen das Gefühl der Demoralisierung und Hilflosigkeit anzugehen und verloren geglaubte Ressourcen und Stärken zu mobilisieren. Es wurden retrospektive Analysen und Feldbeobachtungen durchgeführt um herauszufinden, weshalb ein Teil der Bevölkerung eigenständig aktiv werden kann und der andere Teil dies nicht vermag. Dabei wurden verschiedene Parameter psychologischer Empowermentprozesse auf der individuellen Ebene entdeckt. Die Basis, um eigenständig Empowerment für sich zu nutzen, stellt nach diesen Untersuchungen das Bewusstsein dar, kommende Ereignisse durch eigene Initiative beeinflussen zu können. Diese Personen stellen sich Herausforderungen und fühlen sich nicht schnell von Aufgaben überfordert oder überlastet (vgl. Stark 1996, 128-131).

Die Ebene von Gruppen und Organisationen

Mit dieser Ebene ist der Zusammenschluss von Menschen gemeint, die in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit ihre Stärken entdecken. Beispiele hierfür sind Solidargemeinschaften, die sich in Form von Selbsthilfegruppen oder Stadtteilgruppen etablieren. Für die psychosozialen Mitarbeiter ist es wichtig, Empowerment nicht nur auf den Einzelnen zu reduzieren, sondern auch im sozialen Kontext zu arbeiten (vgl. Stark 1996, S. 134 und 135).

Die strukturelle Ebene

Hierbei wird ein erfolgreiches Zusammenwirken von Individuen, Gruppen und Organisationen unter einer fördernden Atmosphäre beschrieben. Diese haben einen großen Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Positive Beispiele sind hierfür die Frauenbewegung oder die Bürgerinitiative (vgl. Miller, Pankofer 2000, S. 14).

„Die Kraft dieser Prozesse liegt gerade in der wechselseitigen Abhängigkeit und Integration von Veränderung auf individueller, gruppenbezogener und strukturellen Ebene. In diesem Sinn beschreibt Empowerment das Verständnis von individuellen und gemeinschaftlichen Prozessen hin zu einer gesellschaftlichen Konflikt- und Gestaltungsfähigkeit; gleichzeitig jedoch auch den Aufbau von strukturellen Rahmenbedingungen, die diese Entwicklung ermöglichen und fördern“ (Lenz, Stark 2002, S. 61).

2.5. Zugänge

Es können vier Zugänge zum Empowerment abgeleitet werden:

- Politisch: Dieser Zugang beinhaltet die Umverteilung von politischer Macht. Personen mit wenig politischem Einfluss eignen sich mehr Macht, Verfügungskraft und Entscheidungsvermögen an.
- Lebensweltlich: In diesem Zugang wird Menschen die Fähigkeit zugeschrieben, ihr Leben eigenständig zu führen und Lösungsstrategien für mögliche Probleme und Schwierigkeiten selbstständig zu entwickeln.
- Reflexiv: Menschen eignen sich selbstständig und aktiv Macht, Kraft und Gestaltungsvermögen an.
- Transitiv: Unter diesem Zugang wird das Fördern und Ermöglichen von Selbstbestimmung und das Bereitstellen von Ressourcen, wie Räumlichkeiten oder Finanzen, durch Dritte verstanden (vgl. Herriger 2010, S. 12).

(vgl. Herriger 2010, S. 17).

2.6. Empowerment in der psychosozialen Praxis

Für die Mitarbeiter der psychosozialen Praxis bedeutet Empowerment, dass sie die Klienten bei der (Wieder)Entdeckung ihrer Fähigkeiten und Kräfte unterstützen und den Weg in die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung begleiten. Stimmer führt diesen Gedanken fort und überträgt ihn auf die Anforderungen an professionelle Helfer oder auch an das soziale Umfeld der Betroffenen:

„Menschen sollen ermutigt und unterstützt werden, ihre Kompetenzen wieder wahrzunehmen und sie zur Lösung ihrer Probleme einzusetzen bzw. um ihre Zielvorstellungen in ihrer Lebenswelt aktiv (auch politisch) zu verfolgen“ (Stimmer 2006, S. 51).

Dabei ist darauf zu achten, dass die Mitarbeiter sich von der defizitorientierten Sichtweise auf die Klienten lösen und nun den Fokus auf die Selbstgestaltungskräfte und Ressourcen legen (vgl. Herriger 2010, S. 7 und 13). Das Empowerment-Konzept darf nicht als eine Methode, sondern als Handlungsansatz bzw. ‚professionelle Haltung‘, betrachtet werden, die ihren Schwerpunkt auf die Selbstbefähigung der Klienten legt und ein Vertrauen in die Stärken der Adressaten hat. Die Betreuung im psychosozialen Feld bedeutet in diesem Zusammenhang nicht mehr das Umsetzen von Dienstleistungen oder das stellvertretende Handeln für die Klienten, sondern die Begleitung der Klienten auf dem Weg in die Selbstständigkeit (vgl. Miller, Pankofer 2000, S. 13).

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656134718
ISBN (Paperback)
9783656134930
DOI
10.3239/9783656134718
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Erscheinungsdatum
2012 (Februar)
Schlagworte
empowerment praxis

Autor

Zurück

Titel: Empowerment in der psychosozialen Praxis