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Das Konzept von Marginalität und Weltmarktintegration von Entwicklungsökonomien bei Hartmut Elsenhans: Eine Interpretation in graphischer Darstellung

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 28 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Abstract:

The concept of marginality and world market integration of developing economies of Hartmut Elsenhans: A graphical interpretation

In the paper develops graphics describing the concept of marginality of Prof. Hartmut Elsenhans and its implications for world market integration. Elsenhans defines marginality as negative marginal productivity of a significant part of the labour force in an economy with low technological capacities. The paper tries to demonstrate that marginality blocks the adjustment process towards more employment by flexible prices and world market integration. The model tries to show that full-employment cannot be achieved through market mechanisms alone. Development strategies for lifting productivity and income of the poor, as well as increasing local production of basic commodities become an inevitable pre-condition for long-term market growth. Elsenhans’ concept of marginality is not fundamentally opposed to the liberal market model. The theory does not deny the negative impact of market distortions and it´s implication for authoritarian political systems, bad governance and under utilization of recourses. The concept of marginality treats the aspect of market failure as an additional factor to the liberal diagnosis concerning rents and rent-seeking.

The paper tries to give a comprehensive explanation of the economic theory of Elsenhans. So far his contribution to developmental economic has been incorporated only marginally by theory discussion.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das für die Theorie von Elsenhans zentrale Marginalitätskonzept widerspricht der neoklassischen These, dass in Entwicklungsländern Marktwirtschaft bei flexiblen Preisen zur Vollbeschäftigung tendiert.

Interpretiert kann die Theorie von Elsenhans als Anwendung des „keynesschen Diagnose“ auf Entwicklungsökonomien: Der Versuch, Beschäftigung alleine mittels Lohnflexibilisierung und Liberalisierung zu mobilisieren scheitert bei Keynes aufgrund ungleicher Verteilung und führt zu entgegen gesetzten Effekten. Aus dieser Perspektive genügen sozialpolitische Abfederungsmaßnahmen bei Liberalisierung nicht. Stattdessen bedarf es einer gezielten Umverteilungspolitik, wie Agrarreformen, Ausstattung der Armen mit Produktionsmitteln oder einer längerfristigen Subventionierung von Arbeitskräften. Im Unterschied zu Keynes bildet im Marginalitätskonzept die zu geringe Grenzproduktivität von Arbeit das zentrale Strukturdefizit für den neoklassischen Anpassungsmechanismus und nicht primär eine sinkende Konsumquote oder zu geringen Investitionen aufgrund negativer Erwartungen.

Marginalität besteht, wenn „ein erheblicher Teil der verfügbaren Arbeitskräfte bei niedrigem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung weniger zusätzlich produziert als er zur Deckung der physischen Minimalbedürfnisse verbrauchen muss“ (Elsenhans, 1995: 193). Bei Marginalität herrscht eine hohe Verfügbarkeit von Arbeit. Zudem kann Arbeit aufgrund der bei niedrigem Entwicklungsstand geringen Qualifikationsanforderungen „ausgetauscht“ werden. Wegen des dann inelastischen Angebots von Arbeit können bei Marginalität die Reallöhne durch eine Verknappung von Arbeit nicht steigen, trotz der in einzelnen4 Bereichen hohen oder steigenden Produktivität. Bei Marginalität hat demnach die Grenzproduktivitätsthese, der zufolge der Lohnsatz bei Erschöpfung des Arbeitsangebots zum alten Lohnsatz entsprechend der Grenzproduktivität von Arbeit steigt, keine Relevanz (Elsenhans, 2000: 35). Damit entfällt die Voraussetzung für kapitalistisches Wachstum und Profit, weil - so die post-keynesiasnische Argumentation bei Hartmut Elsenhans - nur unter der Bedingung langfristig steigender Reallöhne die Nachfragekapazitäten nicht hinter den Angebotskapazitäten zurückbleiben (Robinson; 1978: 18; Elsenhans; 1986: 247-268).[1] Infolgedessen bildet Marginalität ein primäres Hindernis für marktwirtschaftliches Wachstum, weil ein Lohndrift und gesellschaftlicher Druck „von unten“ zugunsten von produktivitätsorientierten Reallohnsteigerungen ausbleiben.

Die bei Marginalität erzielten Überschüsse sind in erheblichem Maße Renten. Renten sind bei Hartmut Elsenhans Surpluseinkommen, die durch strukturelle Blockierung des Wachstumsprozesses und nicht lediglich durch Marktverzerrungen zustande kommen. Renten sind gleichzeitig Voraussetzung für das Überleben eines volkswirtschaftlich erheblichen Teils der Bevölkerung, weil dieser nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bzw. in einer gänzlich liberalisierten Entwicklungsökonomie beschäftigt werden könnte. Entwicklungsökonomien, deren hinreichendes Definitionsmerkmal Marginalität selbst ist, können bei Elsenhans durch Teilintegration in den Weltmarkt externe Renteneinkommen generieren, die zum einen die Beseitigung von Marginalität erschwert, weil eine externe Renten generierenden Weltmarktintegration zu Fehlspezialisierungen führt (bspw. Abhängigkeit von Nahrungsmitteleinfuhren) und die Bildung von durch Renten geprägten politischen Systemen fördert. Zum anderen stellen Renten Ressourcen für das Empowerment der Ärmsten und damit die Überwindung von Marginalität.

2. Das Grundmodell für Marginalität

Im Marktmodell steigt Beschäftigung bei (Real-)Lohnsenkungen. Für Vollbeschäftigung AV in Schaubild 1 muss der Reallohn von R1 auf RV sinken. In seiner Beschäftigungstheorie wendet John Meynard Keynes gegenüber der Neoklassik ein, dass Vollbeschäftigung bei einer angebotskonformen Anpassung des Reallohnes nach unten blockiert sein kann. Sinken die Reallöhne auf RV, weitet sich bei Keynes die Beschäftigung deswegen nicht auf AV aus, weil die effektive Nachfrage weg bricht. Aufgrund der Abhängigkeit der Investitionen von den Nachfrageerwartungen und einer variablen Konsumquote lehnt Keynes nach dem Prinzip der effektiven Nachfrage (Keynes 1936, 2006: 20) das in Schaubild 1 dargestellte inverse Kausalverhältnis von Reallöhnen und Beschäftigung ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hartmut Elsenhans führt für die Entwicklungsökonomien ein anderes Erklärungsmodell für das Scheitern des Anpassungsprozesses an. Mit dem in Schaubild 2 dargestellten Marginalitätsmodell beschreibt er in Anlehnung an Georgescu-Roegen eine geschlossene vorkapitalistische Agrarökonomie (Georgescu-Roegen, 1960). Dargestellt ist eine Ein-Gut-Landwirtschaft. Der Aufwand für die Produktion besteht lediglich aus der Arbeitsleistung (Beschäftigte); die Produktionsfunktion m weist folgende Eigenschaften auf:

(1) Y = m(x) mit m`(x) > 1 und m``(x) < 0, wobei, x = A und A = Anzahl der Beschäftigten und AV = gesamte Erwerbsbevölkerung.

Des Weiteren gilt:

(2) Die Kosten der Arbeitskräfte betragen k = λA.

(3) Im Punkt AM gilt m`(AM) = λ x 1 oder g( AM) = 0, wobei g (x) die Überschüsse pro Arbeiter beschreibt.

Die Grenzproduktivität von Arbeit lässt sich dann beschrieben als:

(4) g(x) = m`(x) – k(x)

Rechts von AM übersteigen die Kosten eines zusätzlichen Arbeiters das Mehrprodukt. Unter der Bedingung vollständiger Konkurrenz ist eine Beschäftigung, die rechts von M liegt, also eine Anpassung des Lohnes an das mengenmäßige Angebot von Arbeit, wie in Schaubild 1 beschrieben, nicht möglich. Während in der Lehrbuchökonomie lediglich der Fall erörtert wird, in dem aufgrund von Mindestlöhnen etwa Unterbeschäftigung durch Senkung des Reallohnes von R1 auf RV beseitigt wird, lässt sich Marginalität im Schaubild 1 als Fall beschreiben, in dem eine angebotsmäßige Anpassung des Reallohnes R1 auf RV ausgeschlossen ist, weil schon bei R > RV der Subsistenzlohn S1 gegeben ist.

Aufgrund der dem Modell unterstellten monopolistischen Besitzverhältnisse ist allerdings eine nichtmarktkonforme Allokation möglich. Die in diesem Modell erzielten Überschüsse sind demnach Renten. Wird der Surplus über nicht-marktökonomische Mechanismen verteilt, ist eine Beschäftigung bis zum Punkt S denkbar (Elsenhans 1995: 194-199).

3. Begrenzte Impulse für die Überwindung von Marginalität durch Weltmarktintegration

Zu überlegen ist, ob eine preisliche Verbilligung des Faktors Arbeit und Beschäftigungszuwächse durch Weltmarktintegration trotz Marginalität möglich sind. In diesem Falle wären Vollbeschäftigung und aufgrund eines knapper werdenden Angebots von Arbeit ein Lohndrift zugunsten steigender Reallöhne denkbar. Die Transformation der Kosten- und Produktionskurve aus Schaubild 2 durch Abwertung ist in Abschnitt 3.1 beschrieben. Bei Elsenhans ist dieser Weg, Beschäftigung zu generieren und die Armut zu bekämpfen, allerdings nur begrenzt möglich. Zum einen führt eine vertiefte Weltmarktintegration durch Abwertung zu hohen gesamtwirtschaftlichen Einkommensverlusten (Kapitel 3.2). Denkbar bleibt, dass Einkommensverluste zugunsten wachsender Beschäftigung in Kauf genommen werden. Es können aber zum anderen absolute Abwertungsgrenzen aufgrund einer Importabhängigkeit von Grundnahrungsmitteln und anderer überlebensnotwendiger Lohngüter bestehen (3.3).

3.1 Weltmarktintegration im liberalen Modell

Schaubild 3 verweist auf den auch im Neo-Faktorproportionentheorem formulierten Mechanismus einer Vollbeschäftigung über Weltmarktintegration.[2] Die Beschäftigung A (Anzahl der erwerbsfähigen Bevölkerung) ist in unserem Modell auf der x-Achse angezeigt; während Beschäftigung eine Funktion des Wechselkurses W bildet, der auf der y-Achse abgetragen ist. Hierbei gilt:

(6) W = WF/WH, wobei WF die Fremdwährung (bzw. die nach dem Handelsvolumen unterschiedlich gewichteten Fremdwährungen) und WH die eigene Währung des betreffenden Lande

[...]


[1] Dass die Reallöhne steigen müssen, kann auch im Rahmen der Mainstream-Ökonomie erläutert werden. So wird von einem konstanten Kapitalkoeffizient ausgegangen, wie er in den „stylized facts“ von Kaldor (1961) beschrieben ist. Daraus muss bekanntlich folgen, dass Reallöhne langfristig steigen. Gleichzeitig determiniert die Sparentscheidung in der Neoklassik die Höhe der Investition: im Modell wird die Sparquote S mit der Investitionsquote I gleichgesetzt (S=I). Über eine steigende Sparquote, die automatisch zu einem gleich hohen Anstieg der Investitionen führt, kann dabei über eine steigende Kapitalintensität k = K/L (wobei K=Kapitalstock und L = Erwerbstätige) ein höherer Wachstumspfad erreicht werden, nicht jedoch eine langfristige Änderung der relativen Einkommen. Demnach müssen Reallöhne langfristig steigen. Nicht geklärt bleibt, wie lange die auch in der Neoklassik unvermeidbaren Reallohnsteigerungen zugunsten von Niveaueffekten durch vermehrtes Sparen und Investieren stagnieren können, ohne dass das System zusammenbricht. Vor diesem Hintergrund kann das Wachstumsmodell von Hartmut Elsenhans als ein Erklärungsmodell in Anschlag gebracht werden, das analysiert, wie lange marktwirtschaftliches Wachstum bei einem stagnierenden Lohnsatz möglich ist, ohne dass Überschüsse auf eine Nachfragelücke stoßen. Eine algebraische Herleitung, wann diese Widersprüche auftreten (Elsenhans, 1986: 247-268), erfolgt an dieser Stelle nicht.

[2] „Bei unterschiedlicher internationaler Faktorausstattung ist jedes Land klarerweise am besten zur Erzeugung derjenigen Güter ausgestattet, die große Mengen der Produktionsfaktoren brauchen, welche dort verhältnismäßig reichlich vorhanden sind (Borchert, 2001: 55).

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656136323
ISBN (Buch)
9783656136668
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189337
Note
Schlagworte
konzept marginalität weltmarktintegration entwicklungsökonomien hartmut elsenhans eine interpretation darstellung internationale beziehungen entwicklungstheorien globalisierung

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