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Franz Kafka, Gib's auf! - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 10 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gib’s auf!

1 Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als
2 ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war,
3 als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese
4 Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt
5 noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief
6 zu ihm hin und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: „Von mir
7 willst du den Weg erfahren?“ „Ja“, sagte ich, „da ich ihn selbst nicht finden kann.“
8 „Gib’s auf, gib’s auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so
9 wie die Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Franz Kafka[1]

Franz Kafka beginnt nach einer längeren Pause im Frühjahr 1922 wieder „ein wenig zu schreiben.“2 In dieser Zeit bis zu seinem Tod 1924 entstehen einige kürzere erzählende Texte, „die zum Teil von Kafka selbst publiziert, zum großen Teil erst aus dem Nachlass herausgegeben wurden“[2], wie „Ein Hungerkünstler“, „Forschungen eines Hundes“, „Von den Gleichnissen“, „Eine kleine Frau“ u. a.

„Gib’s auf!“ findet sich mit „Das Ehepaar“ im „sogenannten Schwarzen Quartheft II“[3], in der Forschung als „Ehepaar-Heft“ bekannt. Michael Müller, Mitherausgeber der Kritischen Kafka-Ausgabe, vermutet als Entstehungsdatum die zweite Novem-berhälfte 1922, weil sich in diesem Heft der Entwurf eines Briefes an Franz Werfel befindet über dessen Drama „Schweiger“, bei dessen Beurteilung Kafka sich unsi-cher war. An die letzte Zeile des Briefes schließt sich die Nominalphrase „Ein Kom-mentar“ an, und darunter folgt die kurze Parabel.

„Ein Kommentar“ wäre also „die von Kafka intendierte Überschrift, die aber eigentlich nur im Zusammenhang mit den vorangehenden Aussagen über seine Unsicherheit bezüglich literarischer Urteile sinnvoll ist.“[4] Max Brod veröffentlicht den Text erstmals mit der Überschrift „Die Auskunft“ 1933 im „Jüdischen Almanach auf das Jahr 5694“ und schließlich 1936 als „Gib’s auf!“ in dem Band „Beschreibung eines Kampfes“.

Die erste Zeile des narrativen Kurztextes besteht aus drei asyndetisch gereihten kurzen Hauptsätzen, die bereits Wesentliches über die erzählte Wirklichkeit aussa-gen. Der Erzähler berichtet nicht von einer anderen Figur, die in der 3. Person Sin-gular als ER auftritt, sondern von sich selbst in der 1. Person Singular des Personal-pronomens. Das ICH tritt im Nominativ als erzählte Figur auf und handelt. Das Han-deln dieser erzählten Ich-Figur (im Folgenden Ich-Erzähler genannt), was ihr widerfährt und alle figurenunabhängigen Ereignisse bilden das erzählte Geschehen. Da sich der Ich-Erzähler nicht als Aussagesubjekt ins Spiel bringt, indem er, sich aus dem Erzählzusammenhang lösend, kommentierend oder durch eine Leseranrede in das erzählte Geschehen eingreift, also nach Stanzel der erzählten Wirklichkeit einen Besuch abstattet, liegt kein auktoriales, sondern ein personales Erzählverhalten vor. Es gibt demnach keinen allwissenden Erzähler, der die erzählte Wirklichkeit betritt, sondern diese wird nur durch die beiden erzählten Figuren des Ichs und des Schutz-mannes dargestellt; der Narrator tritt hinter die Figuren zurück und sieht die erzählte Welt mit deren Augen. Die Konturierung der erzählten Figuren erfolgt durch Erzählerrede (auch Erzählerbericht genannt); das ist ein Hilfsbegriff für alle Sprach-formen, die nicht Äußerung einer erzählten Figur, sondern unverstellte Verlautbarung der Erzählfunktion sind. Figuren- bzw. Personenrede taucht erst mit dem Dialog des Ichs mit dem Schutzmann auf als direkte Rede mit Inquit-Formel (gesprochene Rede). Vorher, bei der Frage des Ichs nach dem Weg, haben wir einen Redebericht, da (nach Vogt) nur das „Faktum der Figurenrede“ konstatiert wird, ohne ihren Inhalt wörtlich wiederzugeben. Das Fehlen aller Formen der stummen Rede, die immer Innensicht bedeuten, zeigt das Vorherrschen einer reinen Außensicht.

Das erzählte Geschehen ist ein alltägliches: jemand geht frühmorgens zum Bahnhof, bemerkt, dass er sich wohl verspätet hat, fragt deshalb einen Polizisten nach dem Weg und erhält eine Auskunft.

Die erzählte Zeit und der erzählte Ort sind damit genannt. Der Leser erfährt allerdings nicht, wer das namenlose Ich ist oder warum es aus der ebenfalls nicht genannten Stadt abreisen will. Jedenfalls geht der Ich-Erzähler ziemlich zielstrebig seines Weges. Er ist früh aufgebrochen, der zweite, elliptische Hauptsatz „die Stra-ßen rein und leer“ scheint ihn in seiner Sicherheit, er werde den Zug nicht verpassen, zu bestätigen. Obgleich er sich seines Weges sicher ist, will er ganz sicher gehen und vergleicht eine Turmuhr mit seiner Uhr (Z. 2).

Der Ich-Erzähler hat sich ja bis dahin sehr bedeckt gehalten und den Leser über sich weitgehend im Unklaren gelassen: er hat seinen Namen, geschweige denn sein Geschlecht nicht genannt, wir erfahren nicht, wie er aussieht oder wie alt er ist. Lediglich die in Z. 4/ 5 eingeräumte Erklärung, er kenne sich „in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus“, zeigt, dass er da wohl ein Fremder ist, ein Zugereister oder ein Besucher, der sich mit dem Ort noch nicht vertraut gemacht hat. Dazu passt, dass er bei seinem Vorhaben, den Ort zu verlassen, allein ist, niemand begleitet ihn. Könnte man aus diesem Umstand auf Einsamkeit schließen?

Auf jeden Fall verändert der Uhrenvergleich die Situation und das Verhalten des Ich-Erzählers in entscheidender Weise. Die Einsicht, dass seine Uhr offensichtlich nachgeht, führt zum Verlust des Selbstvertrauens auf seine eigene persönliche Zeit-einteilung, er fühlt sich dadurch unter Druck gesetzt: „ich musste mich beeilen“ (Z. 3), der Schrecken geht von der zeitlichen in eine räumliche Verunsicherung über. Die plötzliche Erkenntnis, er könnte sich auf dem Weg zum Bahnhof verirren, treibt ihn zur Eile, er beginnt zu laufen (Z. 5). Den Grund für seine Entrückung aus der „Welt der unverrückbaren Ordnung“[5] des Wegenetzes habe ich schon genannt. Vordergründig beinhaltet der Hauptsatz mit dem Eingeständnis, dass er sich mit den Straßen nicht auskenne, eine Entschuldigung. Unterschwellig klingt aber auch eine Selbstanklage mit an: wäre ich länger in der Stadt, wäre ich hier nicht ein Fremder geblieben und hätte mich mit den Wegen vertraut machen können.

Zum Glück ist „ein Schutzmann in der Nähe“ (Z. 5). Das Adverbial „glücklicher-weise“ klingt aus der Sicht des Ich-Erzählers wie ein erleichtertes „Gottseidank“. Der Narrator sagt nicht, der Schutzmann sei plötzlich aufgetaucht oder der Mann habe ihn in seiner Eile zufällig entdeckt, sondern – wie die Turmuhr – ist er einfach da. Der Ich-Erzähler fragt nicht nach dem Woher oder Warum des Polizisten, obwohl die leeren Straßen zu früher Stunde, ohne Passanten und ohne Verkehr, eigentlich keines Schutzmannes bedürfen. Er nimmt ihn als Repräsentanten einer selbstver-ständlichen Ordnung als gegeben an, er akzeptiert die Amtsperson ohne Hinterfragen im geglaubten Wissen, sie werde ihm den Schutz gewähren, dessen er bedarf, „Schutz vor der Fremde, der dahingeeilten Zeit, der eigenen Unsicherheit.“[6] Er wird an der Auskunft des Schutzmannes so wenig zweifeln wie an dem Stundenzeiger der Turmuhr.

[...]


[1]) Franz Kafka, Gesammelte Werke, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. 1950 – 1974, hier in: Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass, o. J. (1954), S. 87

[2]) Kafka-Handbuch in zwei Bänden, unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler hg. v. Hartmut Binder, hier: Band 2, Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 378

[3]) Binder, S. 380

[4]) Michael Müller, Kleine Fabel – Gib’s auf!, in: Interpretationen: Franz Kafka. Romane und Erzählungen, hg. v. Michael Müller, Reclam: Stuttgart 2003, S. 381

[5]) Heinz Politzer, Eine Parabel Franz Kafkas. Versuch einer Interpretation, in: Interpretationen, hg. v. Jost Schillemeit, Band IV: Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka, Fischer: Frankfurt/ M. 1966, S. 323

[6]) Politzer, S. 322

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