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Franz Kafka, Der Aufbruch - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 8 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1 Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich
2 ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich
3 eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und
4 hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitet der Herr?“
5 „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg
6 von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ „Du kennst also dein Ziel“, fragte er.
7 „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch. Weg von hier – das ist mein Ziel.“[1]
7 „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch. ‚Weg-von-hier’, das ist mein Ziel.“ „Du
8 hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise
9 ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme.
10 Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheuere
11 Reise.“[2]

Der Text ist wohl im Frühjahr 1922 entstanden und nicht von Kafka selbst, sondern von Max Brod veröffentlicht worden, aus dem handschriftlichen Nachlass zusammen mit anderen Texten unter „Titeln, die vom Herausgeber stammen.“[3]

Die Parabel handelt, um mit einem Romantitel Martin Gregor-Dellins aus dem Jahr 1969 zu sprechen, von einem „Aufbruch ins Ungewisse“.

Das erzählte Geschehen kreist vordergründig um den Abschied eines Herrn von seinem Diener. Der erzählte Ort, den der Ich-Erzähler verlassen will, wird nicht näher konturiert, sondern in der Figurenrede lediglich mit dem Adverb „hier“ (Z. 5, 6, 7) be-zeichnet. Ebenso kurz ist die erzählte Zeit: sie umfasst nur die Dauer der gesproche-nen Rede. Der Inhalt der Erzählung, der normalerweise das Handeln der erzählten Figuren bildet, besteht nur aus einer vom Diener nicht befolgten Anweisung des Ich-Erzählers, ihm sein „Pferd aus dem Stall zu holen“ (Z. 1), der darauf folgenden Reaktion des Protagonisten und einem Dialog zwischen dem Diener und seinem inzwischen aufgesessenen Herrn. Figurenunabhängige Ereignisse treten nicht ein.

Es gibt zwei erzählte Figuren, das Ich und den Diener. Der Narrator/ Erzähler berichtet nicht von einer anderen Figur, die in der 3. Person Singular. als Er auftritt, sondern von sich selbst in der 1. Person Singular des Personalpronomens. Das Ich als erzählte Figur tritt im Nominativ auf und handelt. Das Handeln dieser erzählten Figur (im Folgenden Ich-Erzähler genannt) und was ihr widerfährt, bilden das knappe erzählte Geschehen.

Da sich der Ich-Erzähler nicht als Aussagesubjekt ins Spiel bringt, indem er, sich aus dem Erzählzusammenhang lösend, mit einem Kommentar oder durch eine Leseranrede in das erzählte Geschehen eingreift, also nach Stanzel der erzählten Welt einen Besuch abstattet, liegt kein auktoriales, sondern ein personales Erzähl-verhalten vor. Es gibt demnach keinen allwissenden Erzähler, der die erzählte Wirklichkeit betritt, sondern diese wird nur durch die beiden erzählten Figuren des Ich und des Dieners dargestellt. Der Narrator tritt hinter die Figuren zurück und sieht die erzählte Welt mit deren Augen. Die Konturierung der erzählten Figuren erfolgt durch Erzählerrede, auch Erzählerbericht genannt. Das ist ein Hilfsbegriff für alle Sprach-formen, die nicht Äußerung einer erzählten Figur, sondern unverstellte Verlaut-barung der Erzählfunktion sind.

Figuren- bzw. Personenrede dominiert ab Z. 4 mit der Frage des Dieners “beim Tore“ als direkte Rede mit Inquit-Formel (fragte, sagte, antwortete), also mit gesprochener Rede. Im ersten Satz, beim Befehl des Ich-Erzählers, sein „Pferd aus dem Stall zu holen“ (Z. 1), liegt bei dem erweiterten Infinitiv ein Redebericht vor, da, nach Vogt, nur das „Faktum der Figurenrede“ konstatiert wird, ohne ihren Inhalt wört-lich wiederzugeben. Das Fehlen aller Formen der stummen Rede (wie narrated oder quoted monologue, psycho-narration oder stream of consciousness), die immer Innensicht bedeuten, zeigt das Vorherrschen einer reinen Außensicht.

Ich paraphrasiere zunächst kurz den Inhalt der Parabel: Der Ich-Erzähler befiehlt dem Diener, sein Pferd zu satteln. Der Angesprochene befolgt jedoch die sinnvolle Anweisung nicht, so dass der Herr aktiv wird und handelt. Er geht selbst „in den Stall“ (Z. 2), sattelt und besteigt das Pferd. Kaum ist er aufgesessen, hört er „in der Ferne“ (Z. 2) den Klang einer Trompete und fragt seinen Diener nach dessen bzw. deren Bedeutung. „Beim Tore“ (Z. 4) wird er dann aufgehalten und von dem Diener nach dem Ziel seiner Reise gefragt. Daraus entwickelt sich der den zweiten Teil der Parabel ausmachende Dialog über die Reise, die Verpflegung und das Ziel.

Der erzählten Figur des Dieners sind im ersten Teil des Erzähltextes vorwiegend Verben des Unvermögens zugeordnet: er „verstand“ nicht, „wusste“ und hatte „nichts“ gehört (Z. 3 und 4). Dazu kommen mit dem Aufhalten (Z. 4), dem persönlichen Eingeständnis der Unkenntnis des Zieles (Z. 6) und dem Bedenken hinsichtlich des Essvorrates (Z. 8) weitere Eigenschaften, die auf eine körperliche oder geistige Passivität schließen lassen.

Dem gegenüber wirkt der Ich-Erzähler sehr aktiv: er befiehlt, geht selber, hört das, was der Diener nicht hört, und er macht sich auf den Weg – „weg von hier“ (Z. 5). Bevor er aber losreiten kann, fragt ihn sein Diener aus dem Wunsch heraus, Sicheres zu erfahren, nach dem „Wohin“ (Z. 4). Die Antwort des Ich-Erzählers ist befremdend: er verneint alle Sicherheit und sagt, er wisse es nicht. Dann wiederholt er zweimal „nur weg von hier“ (Z. 5) und fügt hinzu: „Immerfort weg von hier. Nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ (Z. 5/ 6)

Der Diener fragt ihn ungläubig: „Du kennst also dein Ziel?“ Wenn man eine leichte Betonung auf das Personalpronomen „du“ legt, klingt darin der zweifelnde oder vorwurfsvolle Unterton mit: i c h kann darin kein Ziel sehen. Der Ich-Erzähler lässt sich aber davon, dass sein Gegenüber an ihm zweifelt, nicht von seiner Selbstsicher-heit abbringen und bekräftigt sie ein viertes Mal mit „weg von hier“. Er ist mit sich selbst stimmig und fügt der vierten Wiederholung in der Z. 7 noch hinzu: „Das ist mein Ziel.“

Das Demonstrativpronomen „das“ ist Subjekt zu dem Prädikatsnomen „mein Ziel“. Das Possessivpronomen „mein“ verdeutlicht, es ist nicht irgendein Ziel, sondern eins, das nur zu ihm gehört, das nur er sich gesetzt hat, er schließt den Fragenden damit von diesem Ziel aus. Doch auch mit dieser Antwort kann der offensichtlich nur passiv am Geschehen beteiligte Diener nichts anfangen und fragt verständnislos nach dem Essvorrat. Auch die Antwort des Ich-Erzählers, er brauche keinen Reiseproviant, ver- wundert den Diener: die Entgegnung geht über seinen Horizont. Schon die Trompete war für ihn unhörbar gewesen. Auch das Ziel hatte sich seinem Verständnis verschlossen, und dass sein Herr gar nicht vom Brot allein leben werde, überfordert ihn.

Der Ich-Erzähler aber weiß, dass auf dem Weg, den er vor sich hat, seine Rettung vor dem Verhungern nicht von einem Essvorrat abhängt. Was er braucht für die Reise, muss unterwegs gefunden werden. Er wird, um nicht zu verhungern, darauf angewiesen sein, wer oder was ihm unterwegs begegnet.

[...]


[1]) Franz Kafka, Gesammelte Werke, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. 1950 – 1974 (in Einzelbänden), hier in: Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass, o. J. (1954), S. 86

[2]) Paul Raabe, Franz Kafka. Sämtliche Erzählungen, Fischer: Frankfurt/ M. 1970, S. 321 (Fischer- Bücherei Band 1078)

[3]) Kafka-Handbuch in zwei Bänden, unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler hg. v. Hartmut Binder, hier: Band 2, Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 379

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