Lade Inhalt...

Das Rolandslied im Spiegel der Kreuzzüge

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 39 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis – Das Rolandslied im Spiegel der Kreuzzüge

A: Vorwort

B: Hauptteil
1. ChR und RL: Das historisches Fundament und die Karlsverehrung ab dem 9. Jh
1.1 Das historische Fundament der ChR und des RL
1.2 Überblick über die Karlsverehrung vom 9. Jh. bis ins 12. Jh
1.2.1 Von der frühen Karlsverehrung hin zur Chanson de geste
1.2.2 Herrschaftsthema und Kreuzzugsthema in der ChR
1.2.3 Die Karlsverehrung unter Friedrich Barbarossa
1.2.4 Die Karlsverehrung im RL durch Heinrich d. Löwen
2. Die Kreuzzugsthematik in der ChR und im RL
2.1 Fragen zu Datierung, Verfasserschaft und Entstehung der ChR
2.2 Kreuzzugsthematik und Patriotismus in der ChR
2.2.1 Die Gottesfriedensbewegung
2.2.2 Die Darstellung der miles Christi
2.2.3 Die Darstellung des Spanienfeldzugs
2.2.4 Parallelen zum Kreuzzugsaufruf Urban II in Clermont 1095
2.2.5 Der fränkische Imperialismus und die französische Heimatliebe
2.3 Datierung und Verfasserschaft des RL
2.4 Konrads religiöse Umgestaltung der ChR
2.4.1 Die Erweiterung des Karlsbildes als miles Christi
2.4.2 Gottesstreiter und Helden
2.4.3 Die Befreiung der ChR vom fränkischen Imperiumsgedanken
3. Die historische Kreuzzugsideologie in den vier Predigten des RL
3.1 Karls erste Predigt (VV.87–106)
3.2 Rolands Predigt (VV.146–156)
3.3 Karls zweite Predigt (VV.181–221)
3.4 Turpins Predigt (VV.243–272)
4. Konrads Verhältnis zum Kreuzritterideal des 12. Jh.s
4.1 Der innere und äußere Kampf der miles Chrsti
4.2 Der religiöse Antrieb der Gottesstreiter
4.3 Die Umsetzung des idealen Kreuzfahrers durch Konrad

C: Zusammenfassung und Bewertung

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A: Vorwort

Die Kreuzzugsbewegung, die Ende des 11. Jh.s einsetzte und bis weit ins 16. Jh. andauerte, war kein seltsames oder kurioses Randphänomen des Hochmittelalters, sondern nach MOELLER „die kennzeichnendste Erscheinung des Mittelalters“.1 So waren alle bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit, egal ob aus dem kirchlichen oder weltlichen Bereich, in sie in- volviert: z.B. Papst Gregor VII , der die geistigen Voraussetzungen für den Kreuzzug schuf, ihn jedoch aufgrund des Investiturstreits nicht verwirklichen konnte oder Bernhard von Clairvaux , Zisterziensermönch, Mystiker und Kreuzprediger. Ausgerechnet der zweite Kreuzzug (1147–1149), zu dem er in vielen Städten mit leidenschaftlichen Predigten auf- rief, war das größte Desaster der Kreuzzugsgeschichte. Auch der große Stauferkaiser Kai- ser Friedrich I Barbarossa konnte sich den Kreuzzügen nicht entziehen und führte den relativ erfolgreichen dritten Kreuzzug (1189–1192) an, fiel ihm aber zum Opfer und er- trank 1190 im kleinasiatischen Flüsschen Saleph. Papst Innozenz III war wohl einer der radikalsten Verfechter der Kreuzzugsidee und rief als solcher gleich zu zwei Kreuzzügen auf. Durch den vierten Kreuzzug (1202–1204) wurde 1204 das bis dahin noch nie eroberte Konstantinopel geplündert und ein lateinisch-katholisches Kaisertum geschaffen, das bis 1264 Bestand hatte. Den fünften Kreuzzug (1217–1221) hat Innozenz zwar noch initiiert, er begann jedoch erst nach dessen Tod und endete in einer militärischen Katastrophe.

Aber nicht nur die „Großen“ ließen sich von den Kreuzzügen begeistern. Unzählige Men- schen, unabhängig von Nationalität und Standeszugehörigkeit, verließen mit großer Be- geisterung ihre Heimat, um in den Orient zu ziehen. Was beseelte diese Menschen? Sie begaben sich in Gefahr, Besitz und Leben in der Welt zu verlieren, gemäß Joh 12,25:

Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Oder gemäß Mt 19,29: Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker ver- lässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.

In dieser Haltung findet sich eine Abwertung alles Irdischen zugunsten einer jenseitigen Welt, einer Überordnung des Geistigen über das Weltliche, die durch die clunianzensische Reformbewegung seit dem 10. Jh. in allen Bereichen des christlichen Abendlandes Ein- gang gefunden hat. In den Kreuzzügen wird den Menschen in diesem Zusammenhang ein großes Ziel vor Augen geführt: der Kampf gegen die Feinde der Christenheit. Um alle Christen von der Dringlichkeit der Befreiung der heiligen Stätten zu überzeugen, hielt Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont 1095 die erste Kreuzpredigt und verhieß allen Kreuzrittern einen Sündenablass. Seitdem wurden die Menschen fast zwei Jahrhun- derte lang in unzähligen Kreuzpredigten und etlichen päpstlichen Bullen immer wieder zum Kreuzzug aufgerufen und dafür begeistert.

Der Niederschlag der in diesen Predigten und Bullen enthaltenen Vorstellungen und Ge- danken entwickelte sich zum Allgemeingut und lässt sich in einer großen Anzahl literari- scher Werke der Zeit finden. Als eines der hervorragendsten Beispiele dafür gilt das RL des Pfaffen Konrad, von dem MERTENS behauptet, dass es sich hier um „die geschlossenste mhd. Darstellung der Kreuzzugsideologie im 12. Jh.“ 2 handelt.

Aufgabe dieser Arbeit wird es sein zu untersuchen, wie weit dieses Werk die Kreuzzugs- idee widerspiegelt und die Ideen aus den Kreuzpredigten und schriftlichen Zeugnissen sei- ner Zeit aufgreift. Zuvor muss allerdings geprüft werden, in welchem Verhältnis die Kreuzzugsthematik im deutschen RL zu der in der frz. ChR, Konrads Quelle, steht, um die Eigenarten in Konrads Auffassung des Kreuzzugsgedankens herauszustellen.

B: Hauptteil

1. ChR und RL: Das historisches Fundament und die Karlsverehrung ab dem 9. Jh.

.1 Das historische Fundament der ChR und des RL

Dem RL des Pfaffen Konrad liegt ein historisches Ereignis zugrunde, will also „Geschich- te“ wiedergeben, jedoch nicht mehr wie die Kchr 3 Weltreichsgeschichte, sondern nur einen Ausschnitt, eine Begebenheit aus dem Krieg Karls d. Großen gegen die spanischen Mau- ren.4 Im Jahr 778 unternahm Karl einen Kriegszug gegen das islamische Spanien, dessen Anlass ein Hilfegesuch des Emirs von Saragossa, Suleiman Ibn-al-Arabi, war, der um Un- terstützung gegen den Emir Abd ar-Rahman I. von Córdoba bat. Karl erkannte sofort die Möglichkeit, die südwestliche Grenze seines Reiches absichern zu können, und sagte zu.

Das Unternehmen misslang jedoch nach ersten Erfolgen. Saragossa konnte er auch nach zweimonatiger Belagerung nicht einnehmen,5 obwohl ihm dessen Übergabe als Dankesge- schenk für seine Unterstützung zugesichert worden war.6 Außer einigen Geiseln von ver- schiedenen muslimischen Machthabern ließ sich nichts gewinnen.7 Während des Rückzugs überfiel er Pamplona, ließ die (baskische bzw. waskonische) Stadt plündern und ihre Stadtmauern zerstören, um keine befestigte Stadt im Rücken zu haben. Auf diese Weise machte er sich die christlichen Basken zum Feind, was diese erbost dazu veranlasste, am 15. August 778 die fränkische Nachhut in den Pyrenäen anzugreifen und aufzureiben. Un- ter den Gefallenen in dieser Schlacht von Roncevalles8 waren zahlreiche Opfer u.a. die Heerführer Eggihard und Anselmus sowie der Befehlshaber der bretonischen Mark Hruod- land oder Roland.9 Die Angreifer konnten sich mit reicher Beute in dem unwegsamen Ge- lände jeder Verfolgung entziehen.

Soweit die Rekonstruktion der Fakten, die das historische Fundament der ChR und des RL bilden. Karls bis dahin unaufhaltsamer Aufstieg hatte also einen ersten Dämpfer erhalten, der die Grenzen seiner Macht aufzeigte. Die zeitgenössische (mehr oder weniger vertrau- enswürdige) Geschichtsschreibung wie die Vita Karoli Magni des fränkischen Gelehrten Einhard im 9. Jh., aber auch die Annales regni Francorum 10 (in ihrer zeitgenössischen und späteren Fassung11) sahen natürlich keinen Anlass zu einer Verklärung dieser Niederlage, vielmehr musste es den Chronisten daran gelegen haben, den Misserfolg Karls in seiner Spanienexpedition möglichst herunterzuspielen.

.2 Überblick über die Karlsverehrung vom 9. Jh. bis ins 12. Jh.

1.2.1 Von der frühen Karlsverehrung hin zur Chanson de geste

Mehr als 300 Jahre später stehen die Tragödie in der Schlacht von Roncevalles und die Gestalten Roland und Karl im Mittelpunkt der ChR, die Konrad als Quelle benutzt hat, und deutet die geschichtlichen Fakten zu einer heroischen Dichtung um.12 Wie kam es dazu? Waren die Jahre 778 bis 1100 völlig frei von jeglicher Karlsverehrung?

Karl, der den Beinamen „der Große“, bereits zu Lebzeiten erhielt und am 25. Dezember 800 zum ersten „römischen“ Kaiser der Christenheit gekrönt wurde, zeichnete sich durch ein ebenso rücksichtsloses, wie klug taktierendes Durchsetzen der herrscherlichen Zentral- gewalt aus. Durch ihn erfuhr das christlich-abendländische Frankenreich aufgrund seiner gewaltigen Expansionspolitik seine größte Ausdehnung. Ein weiteres Merkmal seiner Herrschaft war die imperiale Geltung seines Kaisertums gegenüber der Kirche, die er zwar

förderte, sie jedoch in überlegener Manier seinen politischen Zielen dienstbar machte (vgl. seine Verwaltungs- und Bildungsreform, die sog. „Karolingische Renaissance“).13 Karl d. Große verstand sich also nach außen wie nach innen seines Reichs als der rechtgläubige Verteidi- ger und Wahrer der Christenheit, als der defensor et rector ecclesiae. Kein Wunder, dass er sowohl für das frz. als auch für das dt. Königtum zum maßstabsetzenden Vorbild wurde.

Schon zu seinen Lebzeiten begann der Prozess der literarischen Darstellung, in der seine Person und seine Umwelt Gegenstand poetischer Erhöhung und preisender Verherrlichung wurden und der sich dabei an die (spät-)antike christliche Dichtung anlehnte. Das hier ent- wickelte Bild „des gewaltigen und gütigen, gelehrten und weisen, hochherzigen, christgläubigen, weltlichen Herrschers“ 14 wurde dann wenig später in Einhards Vita Karoli Magni fixiert, das neben Notkers Gesta Karoli Magni (883) sowie klösterlichen Visionsberichten, z.B. der Visio Wettini (824)15 als frühestes Zeugnis der Karlsverehrung gilt.16

Seit dem 11./12. Jh. lassen sich in vielen europäischen Volkssprachen unterschiedlichste gelehrte und epische Werke nachweisen, in denen der große Frankenkaiser als Protagonist agiert. In ihnen erfuhren einzelne bereits vorhandene Erzählkerne und Motive tief greifen- de Überarbeitungen und Durchformungen durch literarisch versierter Autoren, bevor sie als Chanson de geste (frz. Lieder von [Helden-]taten) in der uns heute bekannten Form der altfrz. Heldenepik vorlagen.

Es werden drei Arten dieser chansons unterschieden: Zum einen die Karlsgesten, die die unter Karl d. Großen geführten Kämpfe der Christen gegen die heidnischen Sarazenen schildern. Des Weiteren die Wilhelmsgesten, die sich mit den Taten des Karl treu ergebe- ne Vasallen Wilhelm (Guillaume) von Orange zum Schutze und zur Erhaltung von Karls Erbe unter dem (nach epischer Tradition) unfähigen Nachfolger Ludwig befassen. Schließ- lich die Empörergesten, in denen geschildert wird, wie sich einzelne Vasallen gegen einen als ungerecht und tyrannisch geschilderten König, meist Karl d. Großen, erheben.17 Trotz ihrer figurellen Vielfalt kreisen sämtliche Textzeugen der Chanson de geste um zwei große Themen: das Kreuzzugsthema (Auseinandersetzung zwischen Christentum und Hei- dentum, v.a. im Süden Frankreichs) und das Herrschaftsthema (Diskussion um das Ver- hältnis von Herrscher und Vasall).18

Die Bandbreite des in den drei Arten der Chanson de geste präsentierten Karlsbildes reicht von absolut positiver bis zu extrem negativer Darstellung, was deutlich macht, wie dispo- nibel sich Charlemagne in der Heldenepik für Vereinnahmungen jeglicher Art erwies. Wirtschaftliche, kulturelle und politische Gegebenheiten aus der Entstehungszeit der Epen spiegeln sich im epischen Karl und seinem Umfeld, der Figur Karl werden zudem oft Züge der zeitgenössischen Könige (Philipp I, Louis VII, Philippe II Auguste) zugewiesen. Das epische Karlsbild, entweder idealisierend überhöht oder auch verteufelt, sagt also weniger etwas über den historischen Karl aus, als vielmehr über das Königsbild im 11. und 12. Jh.19

1.2.2 Herrschaftsthema und Kreuzzugsthema in der ChR

Die ChR gilt als der älteste und berühmteste Vertreter der literarischen Gattung der Chan- son de geste 20 und gehört zu den Karlsgesten. Sie präsentiert uns ein höchst positives Ide- albild Karls d. Großen: schön, majestätisch, weise, überlegt, kriegstüchtig, gerecht, ein in jeder Hinsicht mächtiger Kriegs- und vorbildlicher Lehnsherr, dessen (Feudal-)Reich durch die gegenseitige Treueverpflichtung zusammengehalten wird. Alle Helden sind Vasallen des Königs, der ihnen ein Lehen zur Verfügung stellt. Dafür schulden sie ihm unbedingten Gehorsam und müssen, wenn es sein muss, ihr Leben in seinem Dienst opfern:21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karl zeichnet sich in diesem System durch Bedächtigkeit und Überlegtheit aus, der vor schwierigen Entscheidungen seine Lehnsmänner um Rat fragt. Dies stellt eine Umprojekti- on der zeitgenössischen Verhältnisse dar, da de facto ein frz. König im 11. Jh. gar nicht in der Lage war, etwas ohne Zustimmung seiner Vasallen zu unternehmen. Die Zustim- mungsbedürftigkeit des mythisierten Karl wird vielmehr als moralische Qualität darge- stellt: Der König erscheint nicht als schwächlicher (kapetingischer) Herrscher, sondern als aufgeklärter (karolingischer) Despot.22 KARTSCHOKE schreibt in diesem Zusammenhang: „Die französische ,Chanson de Roland‘ ist [...] poetischer Wunschtraum staatlicher Ordnung und imperialer Macht.“ 23

Auch das Kreuzzugsthema spiegelt sich in der ChR (und dann auch im RL) im Karlsbild wider. So agiert Karl in einer Rolle, die ab dem 11. Jh. sehr aktuell war, nämlich als miles Christi, als von Gott unterstützter Anführer eines Kreuzfahrerheeres im Kampf gegen die heidnischen Sarazenen.24 Dies bedeutet allerdings nicht, dass das adlig-kämpferische Ideal des Heros aufgegeben ist, vielmehr tritt dieses Motiv in den Dienst des christlichen Glau- bens. So gebraucht Karl in beiden Texten, in denen es wahrlich nicht an drastischen Schlachtschilderungen mangelt, nur selten sein Schwert. Nur in wenigen Passagen er- scheint er als aktiv Kämpfender, und dann geht dieser Gewalthandlung immer eine Einwil- ligung Gottes voraus. Karl stellt den Idealtyp des für den christlichen Glauben aktiv strei- tenden Königs dar, der in engem Kontakt zu Gott steht. Er betet vor jeder schweren Ent- scheidung in frommen Vertrauen, er handelt unter dessen Eingebung und auf dessen direk- ten Befehl. Gabriel bringt ihm Träume göttlicher Weisungen (VV.3992ff.),25 in allegori- schen Träumen sagen ihm Engel das Schicksal der Nachhut und schwerer Heidenkämpfe voraus (VV.717ff., 834ff.). Gott selbst greift durch den Engel Gabriel in den Kampf ein, um das Leben des Kaisers zu schützen (VV.3609ff.). Dieser Idealtyp des miles Christi in Karl findet sich u.a. auch im Pseudo-Turpin 26 sowie in der, im unmittelbaren Zusammen- hang der Heiligsprechung entstandenen, sog. Aachener Karlsvita (s.u. 1.2.3) . 27

1.2.3 Die Karlsverehrung unter Friedrich Barbarossa

Es steht heute außer Frage, dass die Heiligsprechung Karls d. Großen 1165, welche Konrad in seiner Umgestaltung der ChR im RL beeinflusste, eine hochpolitische Brisanz besaß und auf Außenwirkung bedacht war. So ging es im Prinzip in erster Linie um die Etablierung eines „politischen Heiligen“ für das staufische Imperium, um sich in der Tradition der Karlsnachfolge gegen das karpetingische Königtum Frankreichs abzugrenzen, aber auch um die gottunmittelbare, vom Papst unabhängige Machstellung staufischer Herrscher zu demonstrieren. Dieses Ziel einer unabhängigen, aber zugleich religiös fundierten Legitima- tion der kaiserlichen Würde in Auseinandersetzung zwischen imperium (weltliche Gewalt) und sacerdotium (geistliche Gewalt) bedarf eines (theokratischen) Heiligen als Begründer dieses (römischen) Kaisertums.28

(Natürlich war auch in Frankreich die Karlsverehrung politisch motiviert, diese unterstützte aber den Gel- tungsanspruch des Königtums nicht gegenüber das Papsttum, sondern gegenüber den Großen der Aristokratie und damit die nationalstaatliche Entwicklung.29)

Angesichts der Tatsache, dass Karl d. Große wegen der Vielzahl von kriegerischen Unter- nehmungen und blutiger Taten kein unproblematischer Heiliger war, ordnete Friedrich Barbarossa mit der Abfassung Aachener Karlsvita 30 um 1170 die nachträgliche Rechtferti- gung der Heiligsprechung an.31

Die Frage, die die Forschung in diesem Zusammenhang v.a. im Zusammenhang mit der Datierungsfrage beschäftigt, ist, ob sich diese Heiligsprechung Karls im deutschen RL wi- derspiegelt, das um 1172 entstanden ist (vgl. dazu 2.3). Konrad gebraucht für Karl weder „sanctus“ 32 noch „heilic“ , 33 wenn er ihn auch zweimal als „heilige[n] cheiser“ bezeichnet (VV.2861, 9001), was für eine frühere Datierung des RL als 1165 spricht. Allerdings kann nicht bezweifelt werden, dass Kaiser Karl eine herausragende, heiligmäßige Stellung ein- nimmt, wie bereits in der Einleitung des Werkes deutlich wird (VV.9–30), und der eigent- liche Held des RL ist.34 Möglicherweise hängt das fehlende Heiligen-Attribut auch mit den welfisch-staufischen Auseinandersetzungen zusammen. Karl wurde kanonisiert von der Partei des von Friedrich Barbarossa aufgestellten Gegenpapstes Paschalis III., die in erbit- tertem Kampf mit Alexander dem III. lag. Regensburg und die Kreise um die dort entstan- dene Kchr, denen der Pfaffe Konrad entstammt, gehörten dabei der alexandrinisch gesinn- ten Erzdiözese Salzburg an, die die Heiligsprechung Karls, die der staufischen Kaiseridee entsprungen war, nicht anerkannten.35

Die Darstellung – nicht die Bezeichnung – Karls als Heiligen, die bereits, wenn auch in deut- lich geringerem Ausmaß in der ChR zu finden ist, muss wohl im Zusammenhang mit der „Vergeistlichungstendenz“ Konrads in seiner Umgestaltung seiner frz. Vorlage gesehen werden, auf die im Verlauf dieser Arbeit noch genauer eingegangen wird.

1.2.4 Die Karlsverehrung im RL durch Heinrich d. Löwen

Zur Zeit der Entstehung der Karlsvita etwa verfasste am welfischen Hof der „Pfaffe“ Kon- rad nach dem Vorbild der ChR das RL und rückte im Unterschied zum altfrz. Epos Karl d. Großen als idealen Kaiser deutlich stärker in den Mittelpunkt. Auch hier haben wir es mit einer „politischen Funktionalisierung“ zu tun, allerdings diesmal durch den Welfenherzog Heinrich d. Löwen. Die Übersetzung der ChR hatte für ihn drei Funktionen:

Zum einen hatte Heinrich mit dem Werk das Bestreben, sich in Konkurrenz zu Barbarossa als „neuen David“ zu stilisieren“ (VV.9039–9042), indem er Karl d. Großen unter Einbe- ziehung des Traditionsstranges David–Christus als direkten Vorfahren zu vereinnahmen suchte und sich als dessen Erben und Nachfolger sah.36 Heinrich begriff sich also in sei- nem inneren Selbstwertgefühl als der eigentliche königliche Herrscher in Deutschland.

Zum anderen wollte er mit dem RL seinen blutigen und unrühmlichen, wenn auch zum Erfolg stilisierten, Wendenkreuzzug 1147 in Analogie zu den Spanienfeldzügen und zur Expansionspolitik Karls d. Großen überhaupt legitimieren (V.9046).37 Dieser Kreuzzug entsprach nämlich mit seiner Härte, Brutalität und seinem Fanatismus durchaus dem Bild der Heidenkämpfe, wie es sich in der ChR abzeichnet. Dazu OTT-MEIMBERG:

„Es ist anzunehmen, daß der sich mit alttestamentlicher Härte und Unbedingtheit gegen die Un- gläubigen wendende Kreuzritterfanatismus des Rolandsliedes die Atmosphäre am Welfenhof unter Heinrich dem Löwen widerspiegelt. Dieser Hof war ein Zentrum weit spekulierender und rück- sichtsloser Aggressionspläne und -aktionen. Der Herzog drängte aus politischen Gründen nach Osten und bediente sich dabei der Missionsidee als Vorwand.“ 38

[...]


1 MOELLER: Geschichte des Christentums in Grundzügen, 163.

2 MERTENS: Art. Pfaffe Konrad, Sp.126.

3 Ein wahrscheinlich um 1150 in Regensburg entstandener Text der von mehreren geistlich gebildeten Auto- ren abgefasst wurde. Wie zahlreiche wörtliche Zitate und Anklänge belegen, kannte Konrad dieses Werk so gut, dass ihn die frühere Forschung für den Verfasser hielt. In der Kchr findet sich die Geschichte des als Einheit verstandenen römischen und christlich-ma. imperium am Beispiel der Taten und Schicksale von Kai- sern und Päpsten (von Cäsar bis Konrad III). Karl d. Große, durch den nach ma. Vorstellung das Kaisertum von den Römern auf die Franken überging, erhält in ihr ein spezifisches Gewicht. Dabei liegt der Hauptak- zent auf der Darstellung seiner überaus engen Kontakten zu Gott. vgl. BASTERT: Heros und Heiliger, 204.

4 Vgl. SCHÄFER-MAULBETSCH: Studien zur Entwicklung des mhd. Epos. 379.

5 Vgl. KARTSCHOKE: Das RL, 779.

6 Vgl. KAISER: Nachwort: Das altfrz. RL, 404.

7 Vgl. HACK: Karl d. Große, Hadrian I. und die Muslime in Spanien, 29.

8 Ob dieses Gefecht tatsächlich in Roncevalles stattfand, wie die spätere Tradition behauptet, ist umstritten. Vgl. HACK: Karl d. Große, Hadrian I. und die Muslime in Spanien, 29.

9 Vgl. BECHER: Karl d. Grosse, 60.

10 Von anonymen Autoren gefertigter Bericht über die Ereignisse der Zeit von 741 bis 829 (d.h. hauptsäch- lich die Epoche der Feldzüge Karls und über seine Bemühung um die Christianisierung).

11 In ihrer zeitgenössischen Fassung wird die Niederlage verschwiegen, während in ihrer überarbeiteten Fas- sung Zusätze aus der Vita Karoli Magni des Einhard eingearbeitet sind, jedoch werden die Namen der gefal- lenen Krieger, wie sie Einhard aufzählt, nicht genannt. Vgl. HARTMANN: Karl d. Große, 86–87.

12 Vgl. SCHÄFER-MAULBETSCH: Studien zur Entwicklung des mhd. Epos, 379.

13 Vgl. SPIEWOK: Karl d. Grosse als Mäzen und literarische Figur, 2.

14 Zit. nach GEITH: Carolus Magnus, 34.

15 Hier wird Karl als Büßer für seine Sinnlichkeit gezeigt. Texte dieser Art beeinflussten die Gestaltung des Motivs von der Sünde Karls in der Aegidius-Legende, die Konrad im RL aufgreift.

16 Vgl. GEITH: Carolus Magnus, 34–36.

17 Vgl. BASTERT: Heros und Heiliger, S. 197–199; vgl. auch WUNDERLI: Das Karlsbild, 17.

18 Vgl. SPIEWOK: Karl und Roland, 29.

19 Vgl. WUNDERLI: Das Karlsbild, 18.

20 Vgl. KAISER: Nachwort: Das altfrz. RL, 392.

21 Vgl. BIELING: Das dt. RL im Spiegel des frz. RL, 23.

22 Vgl. WUNDERLI: Das Karlsbild, 20.

23 KARTSCHOKE: Die Datierung des dt. RL, 141.

24 Vgl. BASTERT: Heros und Heiliger, S. 199–201.

25 Die Versangaben beziehen sich in diesem Abschnitt auf die ChR.

26 Die Historia Caroli Magni oder Historia Karoli Magni et Rotholandi (Geschichte Karls d. Großen und Rolands), auch bekannt als Pseudo-Turpin, ist ein im 12. Jh. (um 1130) verfasster Text, der aus Legenden über den Spanienfeldzug Karls d. Großen besteht. Er basiert nicht auf historischen Quellen, sondern auf der Tradition der altfrz. Epik (der Chanson de geste), vor allem der ChR.

27 Vgl. BASTERT: Heros und Heiliger, S. 207–208; vgl. KLEIN: Der Kreuzzugsgedanke im RL, 209.

28 Vgl. VONES: Heiligsprechung und Tradition, 89.94.

29 Vgl. SPIEWOK: Karl d. Grosse als Mäzen und literarische Figur, 1–2.

30 Hierbei handelt es sich um die Schrift „De sanctitate meritorum et gloria miraculorum beati Karoli magni ad honorem et laudem nominis dei“, in der die Heiligkeit des gerade kanonisierten Herrschers Karl d. Großen durch die Beschreibung der den kirchlichen Anforderungen für die Kanonisation entsprechenden Eigenschaf- ten, Taten und Wunder des Kaisers belegt und bewiesen werden; vgl. GEITH: Carolus Magnus, 27–28.

31 Vgl. VONES: Heiligsprechung und Tradition, 97–98.

32 Sanctus kommt nur als Attribut des Namens kanonisierter Heiliger vor.

33 Heilic wird mit dem Namen einer bestimmten Person verbunden.

34 GLATZ kommt daher in ihrer Dissertation zu dem Schluss, dass „aus dem französischen Rolandslied ein deutsches Karlslied geworden ist.“, vgl. GLATZ: Die Eigenart des Pfaffen Konrad, 205.

35 Vgl. KARTSCHOKE: Die Datierung des dt. RL, 159–163.

36 Das Helmarshausener Evangeliar (um 1175), welches im Auftrag Heinrichs d. Löwen in der Benediktiner- abtei Helmarshausen entstand, feiert ihn als nepos Karli, vgl. MERTENS, Art. Pfaffe Konrad, Sp.121.

37 Vgl. VONES: Heiligsprechung und Tradition, 103–104.

38 OTT-MEIMBERG: Kreuzzugsepos oder Staatsroman?, 328.

Details

Seiten
39
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656137887
ISBN (Buch)
9783656138983
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189481
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Rolandslied Pfaffe Konrad Kreuzzüge Chanson de Roland Berndhard von Clairvaux

Autor

Zurück

Titel: Das Rolandslied im Spiegel der Kreuzzüge