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Die Untersuchung verbaler Interaktion von Lehrenden und Lernenden unter dem Aspekt des "Gender Mainstreaming"

Die Feststellung eines fehlenden Bewusstseins für eine reflexive Koedukation am Beispiel eines Staatlichen Gymnasiums

Projektarbeit 2010 23 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thema

3. Klärung wichtiger Begriffe
3.1 „Gender Mainstreaming“
3.2 Koedukation
3.3 Reflexive Koedukation

4. These und Beobachtungsschwerpunkt

5. Beobachtungsumfeld
5.1 Die Schule
5.2 Lage und infrastrukturelles Umfeld
5.3 Lehrpersonal
5.4 Die Schüler_innen

6. Beobachtungsmethoden
6.1 Beobachtungs mit der Verlaufsprotokoll
6.2 Beobachtung mit dem Kategorieschema
6.2.1 Erstellung
6.2.2 Anwendung und Ergebnisse
6.2.3 Beobachtungsfehler
6.3 Auswertung der Ergebnisse

7. Gesamtbewertung der Untersuchung

8. Literatur

1. Einleitung

Am 14. August 2006 wurde in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich oft auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet – erlassen und trat vier Tage später im Geltungsbereich der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Ziel dieses Gesetzes ist es, das Benachteiligungen aus Gründen der „Rasse“, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindert und beseitigt werden soll.

Obwohl damit eine strukturelle Basis für die Gleichbehandlung aller Menschen geschaffen wurde, stellen Mädchen und Frauen die größte von Diskriminierung betroffene Gruppe in Deutschland dar. So sind Frauen in ganz Europa zu einem geringeren Teil erwerbstätig als Männer – wobei die Quote der Geschlechterdifferenzen in Deutschland gar überdurchschnittlich ausgeprägt ist – und werden bei gleicher Arbeitszeit im Schnitt zwanzig Prozent schlechter bezahlt als ihre männlichen Berufskollegen.1

Beteiligt an der Reproduktion dieser asymmetrischen Wertschätzung ist auch die Institution Schule, weshalb gerade im Hinblick auf das seit den 60er Jahren zum allgemein akzeptierten Standard gewordene Prinzip der Koedukation2 besonderes Augenmerk auf geschlechtergerechten Unterricht sowie ein Klima, dass allen Beteiligten die vollumfängliche Möglichkeit der freien Entfaltung bietet, zu legen ist. Dies war lange nicht oder zumindest kaum der Fall, wurden doch Lehrpläne, Verhaltensmuster und Methoden unreflektiert von Jungenschulen auf die neu geschaffenen koedukativen Schulen übernommen.3 Kritisiert wird daher die daraus unmittelbar resultierende Verstärkung herkömmlicher Geschlechterrollenstereotypen und ungleichgewichtiger Kommunikationsstrukturen.4

Da jedoch die Verdienste der gemeinsamen Schule für Mädchen und Jungen – so hat die Koedukation zum Abbau von Bildungsdefiziten geführt und findet gerade unter den Schüler_innen5

breite Akzeptanz - als unbestritten gelten, kann es nur das Ziel sein, den beschrittenen Weg in Richtung einer reflexiven Koedukation weiterzudenken. Diese definieren Faulstich- Wieland/Horstkemper wie folgt:

„Reflexive Koedukation heißt für uns, dass wir alle pädagogischen Gestaltungen daraufhin durchleuchten wollen, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse eher stabilisieren, oder ob sie eine kritische Auseinandersetzung und damit ihre Veränderung fördern.“

Reflexive Koedukation ist es also, die als Maßstab einer geschlechtersensiblen Pädagogik gelten muss. Die vorliegende Arbeit hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, zu untersuchen,inwiefern eine geschlechtersensible Sprachverwendung in der Schule bereits Einzug gehalten hat, sondern auch festzustellen, ob geschlechtsspezifische Asymmetrien durch die verbale Interaktion von Lehrenden und Lernenden reproduziert oder gar zusätzlich verstärkt werden. Es gilt dabei zu betonen, dass eine allumfassende Untersuchung dieser Thematik im aktuellen Rahmen unmöglich realisiert werden kann. Aus diesem Grund wird der Umfang der Thematik bewusst auf die verbale Interaktion sowie die generelle Verwendung von Sprache reduziert, da diese es ist, die die Grundlage jeder zwischenmenschlichen Kommunikation darstellt.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Unterrichtsbeobachtung mit Hilfe eines selbstentwickelten Kategorieschemas durchgeführt. Ziel dieser quantitativen Beobachtung ist es, festzustellen, ob Mädchen und Jungen in gleichem Maße an den verbalen Interaktionen beteiligt sind und ob in diesen eine geschlechtergerechte Sprache Eingang findet. Bevor dieses jedoch vorgestellt und die Ergebnisse ausgewertet werden, soll zunächst das Thema der Beobachtung sowie den Begriff und die Ziele des „Gender Mainstreaming“ geklärt sowie das Umfeld der Untersuchung beleuchtet werden. Im Anschluss werde ich eine These formulieren und diese den Ergebnissen meiner Untersuchung gegenüberstellen und versuchen, entsprechende Schlüsse zu ziehen.

2. Thema

„Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, wohl aber ein Kürbis, und welch kaltherzige Missachtung der unverheirateten Dame sich hier verrät! […] Ein Baum ist männlich, seine Knospen aber sind weiblich und seine Blätter sächlich, Pferde sind geschlechtslos, Hunde sind männlich, Katzen weiblich, Mund, Hals, Busen, Ellenbogen, Finger/-Nägel, Füße und Rumpf sind männlichen Geschlechts, was auf dem Hals sitzt, ist entweder männlich oder sächlich, aber das richtet sich nach dem Wort, das man dafür benutzt, und nicht etwa nach dem Geschlecht des tragenden Individuums, denn in Deutschland haben alle Frauen entweder einen männlich Kopf oder ein geschlechtsloses Haupt.“6

Wie jede andere natürliche Sprache ist das Deutsche historisch gewachsen, tradiert Vorstellungen und Wertschätzungen früherer Zeit und vollzieht Sprachwandelprozesse nur äußerst allmählich. Damit unterscheidet es sich grundlegend von künstlichen Sprachen, wie beispielsweise der Plansprache Esperanto oder formalen Sprachen, die plastisch vor allem in Form von Programmiersprachen umgesetzt werden.

Natürlichen Sprachen liegt es nicht nur zu Grunde, gesellschaftliche Verhältnisse widerzuspiegeln, sondern diese Wirklichkeiten neben der bloßen Abbildung auch immer wieder neu zu reproduzieren. Dieser Tatsache können sich selbstverständlich auch die Institution Schule sowie die an ihr beteiligten Personen, seien es Lehrer_innen, Schüler_innen oder logistisches Personal wie Hausmeister_innen oder Servicekräfte nicht entziehen. So wird auch durch das im schulischen Kontext vorherrschende Sprachverhalten sowie an der Beibehaltung von Sprachmustern und Interaktionen, welche eine historische Tradierung männlicher Geschlechtsrollen beibehält, deutlich, dass keineswegs von einer sprachlich gleichberechtigten Darstellung des Männlichen und Weiblichen gesprochen werden kann. Die grammatischen Strukturen des Deutschen erwecken daher bis heute den Eindruck, „dass der Mann die Norm ist, der Standard, die Frau mehr die Ausnahme, das Ungewöhnliche, das extra spezifiziert werden muss.“7

Gerade in einer Zeit, in der Frauen „[...] in zunehmenden Maße als Frauen wahrgenommen, identifiziert und beachtet werden [...]“8 wollen, ergeben sich neue Anforderungen und die enorme Notwendigkeit von Anpassungsprozessen an die moderne Schule. Frauen fühlen sich eben oft nicht gemeint, „wenn sie nach Ansicht vieler Männer natürlich 'mitgemeint' sind. Sie protestieren dagegen, daß 1 Lehrer und 99 Lehrerinnen zusammen 100 Lehrer ergeben.“9 Da es sich bei der Entwicklung von Sprachfähigkeit und kommunikativer Kompetenz um ein generelles Ziel von Schule handelt und Sprache darüber hinaus ein unverzichtbares und den gesamten Fächerkanon übergreifendes Instrument der Wissensvermittlung ist, ist die Auseinandersetzung mit Sprache bei der Weiterentwicklung zu einer reflexiven Koedukation unter den Aspekt des Gender Mainstreaming zwingend notwendig.10

3. Klärung wichtiger Begriffe

3.1 „Gender Mainstreaming“

Der Begriff des „Gender“ ist aus dem Englischen nicht direkt ins Deutsche übersetzbar, da es in der deutschen Sprache keine Bezeichnung für das soziale Geschlecht gibt. Er reiht sich damit in die Reihe von Geschlechtsbegriffen wie Sexus – das biologische Geschlecht – und Genus – das grammatische Geschlecht – ein. Kurz gefasst werden unter „Gender“ gesellschaftlich und kulturell geschaffene und geprägte Rollen, Rechte, Pflichten und Interesse von Männern und Frauen beziehungsweise von Jungen und Mädchen bezeichnet. „Mainstreaming“ hingegen bezeichnet ein bestimmtes – hier geschlechterbewusstes – Handeln, dass zum Bestandteil des normalen Handlungsmusters einer Organisation werden soll.11

„Gender Mainstreaming“ hat es sich demnach konkret zur Aufgabe gemacht, „das Kriterium der Geschlechtergerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen zu etablieren.“12 Die damit einhergehende notwendige strukturelle Veränderungen, welche von politischer und administrativer Ebene bis hin zu Wirtschaftsunternehmen und jeder Form von sozialen Organisationen reichen müssen, sind folglich in Einrichtungen um so notwendiger, in denen die Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen erfolgt – also auch und besonders in der Institution Schule.

Konkret bedeutet eine geschlechtergerechte Didaktik für Lehrer_innen also die Erzeugung eines Lernklimas, in welchem weder Jungen noch Mädchen bevorzugt werden und niemand in der Entfaltung und Ausübung seiner beziehungsweise ihrer Lernbedürfnisse beeinträchtigt wird. Zusätzlich ist es von entscheidender Bedeutung, die Lehrenden zu befähigen, die Differenz der Lebenswirklichkeiten von Mädchen und Jungen wahrzunehmen und die eigene Arbeit und dem Aspekt der Chancengleichheit zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen.

3.2 Koedukation

Unter Koedukation versteht man das gemeinsame Unterrichten sowie die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen. In der Zeit vor der flächendeckenden Einführung der Koedukation in den 1960er Jahren ging es zunächst darum, offensichtliche und quantifizierbare formale Bildungsbarrieren, welche im besonderen Maße Mädchen einschränkten, zu beseitigen. Es war die Rede davon, unausgeschöpfte Begabungsreserven zu aktivieren sowie die mangelnde Chancengleichheit im Bildungswesen zu überwinden. In der damit einhergehenden Untersuchung.

[...]


1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Gender-Datenreport. 1. Datenreport zur Gleichstellung von Männern und Frauen in der Bundesrepublik Deutschland. http://www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/01-Redaktion/PDF- Anlagen/gesamtdokument,property=pdf,bereich=genderreport,sprache=de,rwb=true.pdf. (19.03.2010)

2 Als Koedukation bezeichnet man die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen.

3 Vgl. Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Neuwied: 1995, S. 128.

4 Faustich-Wieland, Hannelore/Horstkemper, Marianne: 100 Jahre Koedukationsdebatte – und kein Ende. In: Ethik und Sozialwissenschaften 1996, Heft 4, S. 515.

5 Um unterschiedliche Geschlechtsidentitäten sprachlich zu repräsentieren und um gleichzeitig Kritik an der Binarität der Geschlechtervorstellung zu üben, wird ein Unterstrich: „_“ verwendet. Wenn rein weibliche Personenbezeichnungen genutzt worden, ist dies dadurch begründet, dass in diesem Fall tatsächlich ausschließlich Frauen angesprochen beziehungsweise genannt werden.

6 Twain, Mark: Bummel durch Europa. Berlin/Weimar: 1984, S. 78.

7 Trömel-Plötz, Senta: Linguistik und Frauensprache. Sprache der Verständigung. Frankfurt am Main: 1994, S. 15.

8 Ulrich, Winfried: Motivierte Feminina und motivierte Femina – männliche und weibliche Personenbezeichnungen in der deutschen Sprache und ihre Akzeptanz in der gegenwärtigen Sprachgemeinschaft. In: Ulrich, Winfried (Hrsg.): Mädchen und Junge – Mann und Frau: Geschechtsspezifik von Verhalten und und Erziehung?. Frankfurt am Main: 1991, S. 104.

9 Ebenda. S. 104.

10 Vgl. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Koedukation in der Schule. reflektieren, weiterentwickeln, neu gestalten. Soest: 2002, S. 79.

11 Glaser, Edith: Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn: 2004, S. 575.

12 Ebenda. S. 579.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656137153
ISBN (Buch)
9783656138648
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189530
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Allgemeine und Vergleichende Pädagogik, Schulpädagogik und Pädagogische Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
untersuchung interaktion lehrenden lernenden aspekt gender mainstreaming feststellung bewusstseins koedukation beispiel staatlichen gymnasiums

Autor

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Titel: Die Untersuchung verbaler Interaktion von Lehrenden und Lernenden unter dem Aspekt des "Gender Mainstreaming"