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Integrationsprobleme der Menschen mit Migrationshintergrund am Beispiel der Arbeitsmigranten und Interkulturelle Pädagogik

Diplomarbeit 2011 138 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. Einführung

2. Die Migrationund ihre begriffliche Bedeutung
2.1 Deutschland als Einwanderungsland
2.2 Die Geschichte der Entwicklung der Arbeitsmigranten in Deutschland seit den 1950er Jahren bis zum Anwerbestopp
2.3 Push- und Pull-Faktoren

3. Integration
3.1 Aktuelle Debatten um die Integration von Migranten
3.2 Integration gleich Assimilation?
3.2.1 Systemintegration und Sozialintegration
3.2.2 Generationsunterschiede und Freundschaftswahlen

4.Wohnsituation
4.1 Die Wohnbedingungen der Migranten
4.2 Segregation im Wohnbereich
4.3 Ursachen für ethnische Konzentration in Städten
4.3.1 Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt?
4.3.2 Bedeutung ethnischer Konzentration für interethnische Kontakte

5.Spracheals der Schlüssel zur Integration
5.1 Was ist Sprache?
5.2 Zwei- und Mehrsprachigkeit
5.3 Doppelte Halbsprachigkeit
5.3.1 Interferenzen
5.3.2. Code-Switching
5.3.3 Code-Mixing
5.4 Einfluss der Massenmedien auf Sprache und Integration

6 Der Umgangmit dem Fremden
6.1 Ausländerfeindlichkeit und Rassismus als hemmende Integrationsfaktoren?
6.1.1 Ursachen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
6.1.2 Der Konflikt der Kulturen
6.1.3 Unterschiedliche Religionen
6.2 Die Rolle der Frau in ausländischen Familien

7. Bildungsungleichheitund Arbeitslosigkeit
7.1 Bildungsbenachteiligungen
7.1.1 Deutsche Sprachkenntnisse
7.1.2 Sozioökonomischer Status und Bildungskapital
7.1.3 Indirekte institutionelle Diskriminierung
7.2 Fehlende Schulabschlüsse und Arbeitslosigkeit

8. VonderAusländerpädagogikzurinterkulturellenPädagogik
8.1 Begriffsklärung
8.2 Ausländerpädagogik
8.3 Was ist interkulturelle Pädagogik?
8.3.1 Interkulturelle Bildung als soziales Lernen
8.3.2 Interkulturelle Bildung als „antirassistische Bildung“
8.3.3 Interkulturelles Lernen als Hilfe zur Identitätsbildung
8.4 Zehn Ziele der interkulturellen Pädagogik nach Nieke
8.5 Kritik an interkultureller Pädagogik

9. Forschungsteil
9.1 Der Fragebogen
9.2 Ziel und Zielgruppe der Forschung
9.3 Aufbau des Fragebogens
9.4 Durchführung der Befragung
9.5 Auswertung der Fragebögen

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

12. Abbildungsverzeichnis

13. Tabellenverzeichnis

VORWORT

An dieser Stelle möchte ich mich bei all denen bedanken, die mich bei der Anfertigung meiner Diplomarbeit kräftig unterstützt haben.

Mein erster Dank geht an Herrn Prof. Dr. Gerhard Drees und besonders an Herrn Dipl. Päd. Michael Breuer für die engagierte Betreuung.

Vielen Dank für die hilfreichen Anregungen und die Engelsgeduld.

Einen herzlichen Dank schulde ich auch Berna Kabakci, Sevil Koguk, Aycin Akbay, Betül Yasar, Nesibe Yurtsever, Habib Günesli und Thamina Osman für ihre vielen Hinweise und Hilfen. Des Weiteren danke ich allen Studenten, die sich dazu bereit erklärt haben, für meine schriftliche Befragung zur Verfügung zu stehen.

Ohne ihre Unterstützung hätte ich diese Arbeit nicht abschließen können.

Nicht zuletzt möchte ich meinem Ehegatten Gökhan Gündüz, meinen Geschwistern Yasemin Tekin und Zeynep Tekin, meinem Schwager Tuna Tekin und meinen Eltern danken, die mir durch ihre fortwährende Unterstützung das Studium und diese Arbeit ermöglichten.

1. EINFÜHRUNG

„K rltrren manifestieren sich <...> in rnterschieblichen Sitten rnb Gebrärchen, artik r lieren sich in rnterschieblichen Lebensformen rnb Wertzrsammenhängen, begrünben r nterschiebliche Denk- r nb Hanb lrngsweise n, sinb geprägt brrch r nterschiebliche Sprachen r nb Weltan scharrnge n“ (Nieke 2008; S. 89).

Die Welt ist innerhalb der letzten Jahrzehnte zu einem Ganzen zusammengewachsen. Überall auf der Welt treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Ohne die Interkulturalität ist die heutige Welt unvorstellbar geworden. Im Laufe der Kulturentwicklung haben das Aufeinandertreffen und der Austausch zwischen Kulturen an großer Bedeutung gewonnen. Das Interkulturelle wurde nach und nach zum Kulturbestandteil. Viele Erfindungen und Entwicklungen wie zum Beispiel aktuelle Hochtechnologien (Auto etc.) sind Ergebnisse der Zusammenführung von Ideen aus verschiedenen Ländern. Wenn Menschen diese Informationen austauschen möchten, müssen sie sich automatisch der Sprache, der Gestik und Mimik der anderen Kultur bedienen, um sich verständigen zu können. Jedoch können unterschiedliche Weltansichten das Handeln und Verstehen dieser Interaktionspartner in deutlichem Maße erschweren. Das Stattfinden einer erfolgreichen interkulturellen Kommunikation ist von der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz abhängig. Vielfalt braucht und voraussetzt Toleranz. Nur so ist ein friedliches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft möglich.

Multikulturelle Gesellschaften1 sind durch den Prozess der Ein- und Auswanderungen entstanden. Weltweit sind Millionen von Menschen von der Migration betroffen. Aus unterschiedlichsten Gründen verlassen Menschen ihr Land. Viele von ihnen haben wegen Arbeitslosigkeit ihre Heimat verlassen und sind in anderen Ländern auf die Suche gegangen. Ein wichtiger Grund ist die steigende Mobilität der Arbeitnehmer und die Ausweitung von Arbeitsmärkten im Zusammenhang mit der EU und der Globalisierung. Deutschland ist von diesen Wanderungsbewegungen betroffen.

Die Geschichte Deutschlands war und ist immer auch Migrationsgeschichte. Deutschland ist ein Land, das Zu- und Abwanderungen erfahren hat, und ist ein Anziehpunkt für Migranten. Die heute gut ersichtliche Heterogenität im Kulturellen und Sprachlichen entstand nicht nur, aber zum größten Teil durch die grenzüberschreitende Migration.

Seit langer Zeit gibt es in Deutschland eine Diskussion, über die Frage, wie das Land sich mit der Migration und der Tatsache, dass es sich in den letzten fast 50 Jahren zu einem Einwanderungsland entwickelt hat, auseinandersetzen soll. Das Hauptthema ist nicht nur die Frage nach der Regelung der Zuwanderung, sondern die Frage der Integration. Die Integration von ethnischen Minderheiten ist eines der wichtigsten und aktuellsten Probleme im Zusammenhang mit Überlegungen der Zuwanderung. Sie ist das zentrale Ziel bei der Regelung des Migrationsgeschehens. Sowohl für nach Deutschland migrierende Menschen, die sich fern von ihrer Heimat ein neues Leben aufbauen und ihre Zukunft sichern wollen, als auch für Menschen, die in ihrem Geburtsland aufgewachsen sind, bringt der Integrationsprozess einige Schwierigkeiten mit sich. Die Integration der Migranten und deren Nachkommen, die einerseits an Traditionen aus dem Heimatland festhalten wollen und andererseits Misstrauen und Vorurteilen in der ihnen fremden Aufnahmegesellschaft begegnen müssen, ist mit besonderen Problemen verbunden. Außergewöhnliche Sitten und Gebräuche, Kultur, soziale Standards und vielleicht religiöse Ansichten warten auf sie. Aus diesem Hintergrund wurden, um das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Herkunft zu fördern, pädagogische Ansätze konstruiert. Das neue Bildungskonzept, das auf diese neu definierte gesellschaftliche Lage reagieren soll, wurde „Interkulturelle Erziehung“ genannt. Die „Interkulturelle Erziehung“ legte seinen Schwerpunkt auf den gegenseitigen Austausch des Kulturellen der als gleichwertig anerkannten Kulturen.

Das Thema "interkulturelle Erziehung" hat mich bereits in den Seminarstunden fasziniert, da ich ein Kind der zweiten Generation von Arbeitsmigranten bin und selbst die Konflikte und Problematiken des "zwischen den Kulturen Lebens" zu spüren bekommen habe. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Integrationsprobleme“ als eine wichtige Aufgabenstellung für ein Land wie Deutschland, das als ein Einwanderungsland gilt und dem dazu entwickelten Bildungskonzept der „Interkulturelle Erziehung“, als eine Strategie, das Leben in der multikulturellen Situation sinnvoll zu bewältigen, trifft sicherlich den Puls der Zeit. Ziel dieser Arbeit wird nicht nur sein, die Integrationsprobleme der Arbeitsmigranten aus jedem Blickwinkel zu beleuchten, sondern werden die Förderung der Beziehungen unterschiedlicher Kulturen aufeinander und die Beseitigung von Hindernissen durch die interkulturelle Erziehung ausführlich behandelt. Im Rahmen dieser Arbeit wird Gewicht auf die interkulturelle Erziehung, welche einen langfristigen Lern- und Entwicklungsprozess zwischen der einheimischen und der ausländischen Bevölkerung beinhaltet, gelegt.

Insgesamt soll durch die vorliegende Arbeit die folgende Frage: „Welche Hauptproblemfaktoren gibt es bei der Integration von Migranten und kann die interkulturelle Pädagogik ein Instrumentarium zur Lösung dieser Probleme sein?“ beantwortet werden.

Konkret gestaltet sich der Aufbau dieser Arbeit wie folgt: Ausgehend von der Arbeitsmigration in Deutschland, werde ich verschiedene Problemfaktoren vorstellen, mit denen Migranten, besonders der zweiten und dritten Generation während des Integrationsprozesses vorwiegend konfrontiert werden.

Das zweite Kapitel gibt dazu einen Überblick über die Eigenschaften und Begrifflichkeit der Migration und erklärt die grundlegende Bedeutung der Einwanderung in Deutschland anhand von Zahlen und der Auswirkung auf die Sozialstruktur. Die wichtigsten Wanderungsströme werden nach dem Zweiten Weltkrieg geschildert. Neben der geschichtlichen Entwicklung speziell der Arbeitsmigranten werden die allgemeinen Gründe, die zu einer Migration führen genannt.

Im dritten Kapitel wird der Fokus auf die durch die Migration entstehende Problematik der Integration gerichtet. Aktuelle Debatten um die Integration von Migranten werden auf den Tisch gelegt. Des Weiteren wird beim Versuch der Begriffserklärung, die Integration in zwei Arten, der Systemintegration und der Sozialintegration gegliedert und durch die Erklärung des Begriffes Assimilation ergänzt. Es werden Generationsunterschiede bei Migranten angesprochen, Einflussfaktoren bei der Freundschaftssuche aufgezeigt und auf das Problem der Doppelidentität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eingegangen.

In Kapitel vier stehen die Lebens- und Wohnverhältnisse der Menschen mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt, da diese die Integration in wichtigem Masse mit beeinflussen. In diesem Zusammenhang sind die Segregation der ethnischen Minderheiten und die Diskriminierung dieser auf dem Wohnungsmarkt, wichtige Gesichtspunkte, die thematisiert werden sollen.

In dem darauf folgenden fünften Kapitel sollen, das Phänomen Zweitspracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund und Zusammenhänge zwischen der Sprache und der Integration von verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. Dabei wird der Einfluss der Massenmedien auf die Sprache und Integration berücksichtigt.

Kapitel sechs beschreibt die Angst vor dem Fremden, die durch die ablehnende Haltung beider Seiten entstehende Schwierigkeiten bei der Akzeptanz der fremden Kulturen und die Ursachen dieser Akzeptanzprobleme. Die Rolle der Frau wird in Migrantenfamilien und unterschiedliche Religionen, um kulturelle Unterschiede deutlich zu machen, Thema dieses Kapitels.

In Kapitel sieben werden die Bildungsungleichheit, die Folgen unterschiedlicher Bildungsabschlüsse und die Auswirkung der fehlenden Bildungsabschlüsse auf die Migrantenjugendlichen diskutiert.

In Kapitel acht greife ich die mit der Ausländerpädagogik beginnende Entwicklung der „interkulturellen Erziehung“ auf. Hierbei gilt es besonders die spezifischen Merkmale, sowie die Zielsetzung der interkulturellen Erziehung zu reflektieren.

Als Ergänzung für meine wissenschaftliche Arbeit habe ich eine schriftliche Befragung mithilfe eines Fragebogens durchgeführt und deren Inhalt und Ergebnisse in Kapitel neun dargestellt. Dieser anonyme Fragebogen richtet sich an die zweite Generation an Arbeitsmigranten. Ziel der Befragung ist es, von Menschen mit Migrationshintergrund Aussagen zu ihrer eigenen Integrationsgeschichte zu erhalten. Integration und die damit in Verbindung stehenden Probleme haben die Befragten selbst erlebt und sind daher Experten in diesem Bereich.

Mir geht es besonders darum, von den Befragten eigene Ideen und Vorschläge zu bekommen, wie die Integration aus ihrer Sicht verbessert werden könnte. Der Fragebogen ist in zwei Teile unterteilt, dem Teil der persönlichen Integration des Migranten und dem Teil der eigenen Meinung zur Integration. Nach der Vorstellung meiner Umfrageergebnissen im zehnten Kapitel werde ich meine Diplomarbeit mit einer Zusammenfassung abschließen.2

2. DIE MIGRATION UND IHRE BEGRIFFLICHE BEDEUTUNG

Schon von Beginn der Menschheitsgeschichte hat es Wanderungsbewegungen von Menschen gegeben. Internationale Migrationsprozesse stehen im Blickfeld der Diskussionen über eine multikulturelle Gesellschaft.

Die historische Migrationsforschung hat in den westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern begonnen und wächst in Deutschland seit einigen Jahren beschleunigt. Dem steigenden Interesse an historischen Wanderungsvorgängen haben im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert die politischen, medialen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, um Gestaltbarkeit aktueller Migrationen sowie als gesellschaftliche Gefahr, aber auch als Chance verstandene Prozesse der Integration der Millionen von Zuwanderern in Deutschland mitgewirkt (vgl. Oltmer 2010; S. IX).

Zum Begriff der Migration wurden mehrere Beschreibungen entwickelt, um den meist sehr allgemeinen Begriff konkreter darstellen und unterscheiden zu können. Oltmer definiert Migration als „die auf einen längerfristigen Arfenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Inbivibren, Familien, Grrppen oder ganzen Bevölkerrngen “ (vgl. Oltmer 2010; S. 1). Nach Heberle ist Migration „ jeber Wechsel bes Wohnsitzes, und zwar des de facto-Wohnsitzes, einerlei ob freiwillig ober rnfreiwillig, barernb ober vorübergehenb “ (vgl. Treibel 1990; S. 18). Für Treibel ist Migration „der auf Darer angelegte bzw. dauerhaft werdende freiwillige Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen“ (vgl. Treibel 1990; S. 21). Ein weiterer Unterschied wird bei der Beschreibung des Begriffes von Schrader deutlich. Nach ihm wird die Migration als „das Verlassen des bisherigen Wohnortes und das Aufsuchen eines neuen, als dauerhaft angestrebten Wohnorts in einer signifikanten Entfernrng “ beschrieben (ebd.).

Die vier Definitionen unterscheiden sich hinsichtlich der zurückgelegten Entfernung zwischen dem Herkunfts- und dem Zielort, nach der am Zielort verbrachten Dauer, bezüglich der Wanderungsentscheidung, ob diese freiwillig oder unfreiwillig geschieht und nach dem Aspekt des Umfangs, ob Einzel-, Gruppen- oder Massenwanderung. Für alle Definitionen sind die Aspekte des Wechsels und der Bewegung zentral (vgl. Treibel 1990; S. 18). Mit der dritten Definition, der Definition von Treibel, dass Migration ein auf Dauer angelegter, freiwilliger Wechsel in eine andere Gesellschaft von einzelnen oder mehreren Menschen ist, entfällt die Unterscheidung zwischen Einwanderung und Arbeitsmigration, mit der ich mich im nächsten Kapitel beschäftige und auf die ich mich in meiner gesamten Diplomarbeit beziehen werde (vgl. Treibel 1990; S. 21). Neben den verschiedenen Definitionen der Migration lassen sich diese räumlichen Bevölkerungsbewegungen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen differenzieren. Sowohl Arbeits- und Siedlungswanderungen, Bildungs-, Ausbildungs- und Kulturwanderungen, Heirats- und Wohlstandswanderungen als auch Zwangswanderungen wie Asylsuchende oder Flüchtlinge sind Formen der Migration. Menschen oder Menschengruppen streben durch Bewegungen zwischen geographischen und sozialen Räumen nach einem besseren, sozial und ökonomisch gesicherten Leben mit mehr Freiheiten und Möglichkeiten (vgl. Oltmer 2010; S. 1).

Das Ziel jedes Migranten muss nicht nur die Stabilisierung oder Verbesserung seiner sozialen und ökonomischen Lage im Einwanderungsland sein, sondern kann die Verbesserung der Situation in der Herkunftsgesellschaft den Grund für eine Wanderung darstellen (vgl. Oltmer 2010; S. 2).

2.1 Deutschland als Einwanderungsland

Zunächst gebe ich einen Überblick über die Einwanderung und Einwanderer in Deutschland. Im darauf folgenden Kapitel werde ich die Arbeitsmigration näher beleuchten.

Die Bundesrepublik Deutschland gilt seit ihrer Gründung, als eines der wichtigsten Einwanderungsländer der Welt. In ihrem Umfang und ihrer Größe ist die Migration nach Deutschland, im Vergleich zu anderen Industriegesellschaften einzigartig. Deutschland ist seit Mitte der 1950er Jahre Schritt für Schritt zu einem Einwanderungsland geworden. Im Gegensatz zur DDR, wo Abwanderungen ein Schrumpfen der Bevölkerung veranlasste, zu wirtschaftlichen Krisen führte und letztendlich der wichtigste Grund für den Zusammenbruch war, bewirkten Einwanderungen in der Bundesrepublik zu einem heftigen Bevölkerungswachstum und kurbelten die Wirtschaft an (vgl. Geißler (a)).

Wanderungen nach Deutschland sind ein aussagekräftiger Bestimmungsfaktor der Bevölkerungsentwicklung. Deutschland hat heute rund 82,2 Millionen Einwohner, ca. 15,6 Millionen davon sind Menschen mit Migrationshintergrund3. Dies entsprechen 19% der Wohnbevölkerung. Von diesen 19% sind ungefähr 8,2% mit ca. 6,7 Millionen Ausländer, Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2007). Diese Ausländer werden unterteilt in die nach Deutschland Eingewanderten und in deren Kinder und Enkel, die in Deutschland geboren sind und keine eigene Migrationserfahrung haben. Die Restlichen ca. 10,8% haben einen deutschen Pass und sind entweder selbst nicht in Deutschland geboren oder deren Eltern kommen nicht aus Deutschland. All diese in Deutschland lebenden Gruppen sind für die Frage der Integration von Bedeutung, da sie alle die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund darstellen. Die Staatsangehörigkeit und die eigene Migrationserfahrung spielen in diesem Fall keine Rolle (vgl. Hans 2010; S. 25). Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist die Aufenthaltsdauer der in Deutschland lebenden Migranten. Mehr als die Hälfte der Einwanderer leben länger als 10 Jahren in Deutschland, 30% schon 20 Jahre oder länger (vgl. Arackal 2007; S. 10).

Abbilbrng 1: Staatsangehörigkeiten der in Deutschland lebenden Ausländer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Qrelle: Hans 2010; S.26

In Abbildung 1 sind die Staatsangehörigkeiten der in Deutschland lebenden Ausländer in einem Diagramm prozentual dargestellt. Die drei größten Nationalitäten bilden nach diesem Schaubild mit 25,5% ausländischen Mitbürger der türkischen, 11,0% der jugoslawischen und 7,8% der italienischen Staatsangehörigkeit.

Fast 80% der Migranten stammen aus Europa (einschließlich der Türkei) und ungefähr 12% aus Asien. Kontinente wie Amerika, Afrika und Australien sind nur gering vertreten (vgl. Hans 2010; S. 25). Abgesehen von der Staatsangehörigkeit, sind die in Deutschland am stärksten vertretende Gruppen neben den Migranten türkischer Herkunft, Migranten aus Italien und Griechenland (vgl. Holzwarth 2008; S. 28).

Abbilbrng 2: Bevölkerungspyramide

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Qrelle: Hillmann/Winbzio ; S. 13

Wanderungen beeinflussen wichtige Aspekte der Sozialstruktur wie z.B. die Alters-, Geschlechts- und Schichtstrukturen. In der oben dargestellten Bevölkerungspyramide ist deutlich ersichtlich, dass die Bevölkerung mit Migrationshintergrund durchschnittlich jünger ist als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die Zuwanderer verjüngen die Altersstruktur der Gesamtbevölkerung und haben den positiven Effekt, dass sie dem Problem der demografischen Alterung in Deutschland hemmend wirken.

Ohne Zuwanderung würde das Wachstum der Bevölkerung sinken und es gäbe keine Stabilität bei den Einwohnerzahlen. Diese Altersstruktur ist der Nachweis dafür, dass zukünftig sich der Stellenwert auf Fragen bezüglich der Integration erhöhen wird. Oft erwähnt werden in diesem Zusammenhang deren geringere Qualifikation und die Benachteiligung im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration (vgl. Hillmann/Windzio 2008; S. 12).

2.2 Die geschichtliche Entwicklung der Arbeitsmigranten in Deutschland seit den 1950er Jahren bis zum Anwerbestopp

Die enorme Expansion des westdeutschen Arbeitsmarktes durch die starke Ausweitung des Außenhandels war die Ursache des „Wirtschaftswunders“. Dieser Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit führte zu einem erhöhten Arbeitskräftebedarf (vgl. Oltmer 2010; S. 52). Es wurden viele Arbeitskräfte eingestellt und die Arbeitslosigkeit in Deutschland sank mit einer hohen Schnelligkeit (vgl. Yölek 2000; S. 13ff). Viele Bereiche der boomenden Wirtschaft konnten bald nicht mehr durch die eigenen Arbeitskräfte gedeckt werden, denn die in Deutschland vorhandenen Arbeitskräfte waren nicht ausreichend, um die freien Stellen zu besetzen (vgl. Fijalkowski 1994; S. 120).

Mit drei verschiedenen Wegen konnte man das Ziel, den Gewinn an Arbeitskräften ohne eine Hemmung der Entwicklungsgeschwindigkeit, erreichen. Der erste Weg war die Beschäftigung der bisher nicht erwerbstätigen Hausfrauen. Ein zweiter Gedanke war das Ersetzen der Arbeitskräfte durch Kapital, infolge von Mechanisierung und Automation. Die letzte und wichtigste infrage gekommene Überlegung war die Anwerbung von arbeitslosen Arbeitskräften aus anderen Ländern (vgl. Schrettenbrunner 1982; S. 20f). Dieser letzte Punkt, die Ausländerbeschäftigung wurde von der Bundesregierung, der Bundesanstalt für Arbeit und den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften als die sinnvollste Lösung gesehen (vgl. Yölek 2000; S. 15). Durch die Anwerbung der ausländischen Arbeitskräfte konnte die bald einzutretende Vollbeschäftigung verhindert werden, deren Folge das Ansteigen des Lohnniveaus und das Steigen der Kosten für den Staat wäre (vgl. Yölek 2000; S. 14). Aus diesem Hintergrund wurden Millionen von Arbeitswanderern beiderlei Geschlechts, sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland angeworben. Die Entsendeländer waren aus Gründen des Lohngeldtransfers, mit dem sie rechneten, an dem Erwerbslosenexport interessiert (vgl. Oltmer 2010 S. 52).

Abbilbrng 3: Arbeitsmigration nach Deutschland: Anwerbeabkommen von deutscher Seite

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Qrelle: DGB Bilbrngswerk e.V. 2003

Abbildung 3 stellt den zeitlichen Verlauf der Arbeitsmigration durch Anwerbeabkommen von deutscher Seite dar. Das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 mit Italien abgeschlossen. 1960 wurden weitere Abkommen mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1965 mit Tunesien, 1964 mit Portugal und 1968 mit Jugoslawien vereinbart. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage zur damaligen Zeit war Deutschland auf Gastarbeiter aus diesen Ländern angewiesen (vgl. Petró 2008; S. 17). Die damit beginnende Zuwanderung hatte einen neuen Charakter, weil es sich um Ausländer, vor allem aus den Mittelmeerländern handelte (vgl. Fijalkowski 1994; S. 120).

Diese Gastarbeiter wurden in der Landwirtschaft, im Bergbau und in der Industrie beschäftigt (vgl. Fijalkowski 1994; S. 121). Sie übernahmen im Regelfall ungelernte und angelernte Tätigkeiten mit hoher gesundheitlicher Belastung. Auch hatten sie schlechte, von vielen Einheimischen nicht akzeptierte Lohnbedingungen (vgl. Oltmer 2010; S. 53).

Die Ölkrise veranlasste dann im Jahr 1973 den Anwerbestopp. Insgesamt kamen vom Ende der 1950er Jahre bis 1973 circa 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland (vgl. Oltmer 2010; S. 52). Zu der Zeit war in Deutschland das Rotationsverfahren geplant, in dem der einzelne Gastarbeiter nur für eine bestimmte Zeit arbeiten und danach seinen Arbeitsplatz für einen weiteren Ausländer freimachen sollte (vgl. Kohlmeier/Schimany 2005; S. 17). Hans Filbinger, der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg nannte dieses Verfahren der rotierende Export und Import von jungen, frischen Gastarbeitern. Doch praktiziert wurde dieses Verfahren nicht sehr lange, da es Anfang der 1970er Jahre infolge von wirtschaftlicher Rezession und steigender Arbeitslosigkeit zu einem Abbruch des Rotationssystems kam (vgl. Arackal 2007; S. 6)

Zu Beginn wurden die Gastarbeiter mit offenen Armen empfangen und waren herzlich willkommen. Die Bevölkerung war davon überzeugt, diese nach getaner Arbeit wieder verabschieden zu können. Sowohl die Menschen in Deutschland, als auch die angeworbenen Männer und Frauen waren davon überzeugt, dass es sich um eine vorübergehende, kurze Zeit handele.

Es gab Wirtschafts- und Politikvertreter, die vorausschauen konnten, dass der Bedarf an geringer qualifizierten und geringer zu entlohnenden Arbeitskräften steigen würde, hielten sie es für besser, diese der Öffentlichkeit nicht mitzuteilen. Man brauchte sich keine Gedanken um Integrationsmaßnahmen zu machen und Geld für diese zu “verschwenden“ (vgl. Treibel 1997; S. 14). Die Bundesanstalt für Arbeit war z.B. auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes fixiert. Wichtig war für sie nicht die soziale Integration der Zuwanderer, sondern die Sicherung der Anwerbezahlen zu der Zeit (vgl. Oltmer 2010; S. 98).

Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit nach 1973 wurden die ausländischen Beschäftigten dann zur Last geworden, jedoch regierten die Arbeitsmigranten nicht wie erwartet und verließen Deutschland, sondern betrachteten Deutschland nun als ihr neues Zuhause. Von den angeworbenen Gastarbeitern kehrten ca. 11 Millionen wieder zurück. Die restlichen drei Millionen blieben und zogen ihre Familien nach (vgl. Oltmer 2010; S. 52). Der Anwerbestopp stabilisierte die Absichten der Ausländer zusätzlich in Deutschland zu bleiben, denn die Rückkehr in die Heimat bedeutete für sie den Verlust der Chance erneut als Arbeitswanderer zugelassen zu werden (vgl. Oltmer 2010; S. 54).

Doch trotz des in Krafttreten des Anwerbestopps, würde eine Blockierung des Familiennachzugs den Normen eines sozialen Rechtsstaates widersprechen. Die Bundesregierung ließ die Familienzusammenführung bei ausländischen Ehepartnern und Kindern zu (vgl. Oltmer; S. 98). Der Ausländeranteil blieb bis 1978 relativ konstant. Ab 1978 stieg die Ausländerzahl weiter an.

Aus diesem Grund wurde im Jahr 1983 das Rückkehrhilfegesetz eingeführt, womit eine Prämienzahlung von 10.500 DM, Arbeitsmigranten zur Heimkehr fördern sollte. Die Mühen blieben weitgehend erfolglos, da nur wenige Migranten diese Prämien annahmen und in Ihr Land zurückkehrten (vgl. Arackal 2007; S. 6). Folglich blieben die meisten dieser Migranten in Deutschland und durch den Nachzug der Familien veränderte sich der Status der ausländischen Bevölkerung von Gastarbeitern zu Mitbürgern.

Die neuste Forschung zur Geschichte der Arbeitswanderung fixierte sich immer stärker auf die Aspekte der Integration. Es wird weiterhin auf die Probleme der Anwerbepolitik eingegangen, die neuen Schwerpunkte bilden aber die Gesichtspunkte der Integration (vgl. Oltmer 2010; S. 99).

Die Eingliederung der neuen Mitbürger stellte und stellt eine große Herausforderung dar. Die bis zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Gesellschaft lebenden Ausländer mussten in die deutsche Gesellschaft eingegliedert werden. Von diesen Menschen mit verschiedenster Kultur wurde von nun an erwartet, das Zusammenleben neben der Arbeitszeit im alltäglichen Leben in den Griff zu bekommen. Was unterschätzt wurde, waren die anhand der Sprachschwierigkeiten entstehenden Kommunikations- und Verhaltensprobleme, die einen reibungslosen Ablauf der Integration blockieren und schließlich zu Integrationsproblemen führen.

2.3 Push- und Pull-Faktoren der Migration

Migration ist ein komplizierter Prozess, denn sowohl die Emigration (Auswanderung) als auch die Immigration (Einwanderung) ist unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt (vgl. Petró 2008; S. 8).

Die Ursachen dafür, dass Menschen wandern, sind sehr vielfältig, gemeinsam in ihnen ist jedoch, dass sie alle eine Verbesserung der Lebenssituation anstreben. Verschiedene Untersuchungen setzen sich mit den Ursachen von Wanderungen auseinander. Sie greifen vor allem auf ökonomische und demographische Aspekte zurück. Diese Faktoren sind neben der Bevölkerungsentwicklung, die Arbeitsmarktsituation, das Lohnniveau etc., auf die ich im Folgenden näher eingehen werde (vgl. Treibel 1990; S. 29).

Die Forschungen zu den Gründen der Migration werden durch Begriffe wie Push- und Pull-Faktoren und das Push-Pull-Modell erklärt (ebd.). Push- und Pull- Faktoren spielen bei allen Formen der Migration eine große Rolle. Die Entscheidung zu der Wanderung in eine neue Region oder in ein neues Land und die neuen Lebensumstände nach der Auswanderung werden durch diese beiden Faktoren beeinflusst (vgl. Petró 2008; S. 8). Gründe für Wanderungen lassen sich nach diesen Push- und Pull-Faktoren kategorisieren. So werden die Faktoren die zu einer „Vertreibung“ führen die Push-Faktoren (engl. „to push“, „drücken“, „wegdrücken“) genannt (vgl. Treibel 1990; S. 29). Hier sind die Bedingungen, die im Herkunftsland vorherrschen ausschlaggebend, da diese der Auslöser für eine Migration sind. Einige dieser Bedingungen, die zur Auswanderung führen, sind z.B. Wirtschaftskrisen, politische und religiöse Verfolgung, Naturkatastrophen usw. (vgl. Petró 2008; S. 8).

Die Faktoren der „Anziehung“ die vom Aufnahmeland ausgehen, sind die Pull- Faktoren4 (vgl. Treibel 1990; S. 29). Zu jenen Bedingungen, die Menschen motivieren zu wandern, zählt der höhere Lebensstandard, in diesem Kontext die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, politische Stabilität, Glaubensfreiheit usw. Eine Person wird dann emigrieren, wenn ihm die Gesamtheit der Faktoren des Ziellandes als attraktiver erscheint, als die des Heimatlandes (vgl. Petró 2008; S. 9). Kultur- und Wohlstandswanderungen treten seltener auf. In diesen Fällen können kulturell attraktive Stätten und klimatische Bedingungen Pull-Faktoren sein, die nur von finanziell weitgehend unabhängigen Personen wahrgenommen werden können. (Oltmer 2010; S. 3).

Als Push-Pull-Modell wird das Zusammenwirken der beiden Faktoren in der Herkunftsregion mit denen der Zielregion genannt. Dieser kann ein guter Erklärungsansatz für Ein- und Auswanderungen sein. Wenn Migrationsprozesse individuell betrachtet werden, muss darauf Rücksicht genommen werden, dass Menschen nicht nur vernunftgemäß handeln, sondern persönliche Gründe mit in die Entscheidung einfließen (vgl. Petró 2008; S. 9). Das Push- und Pull-Modell wurde später durch einen dritten Faktor, dem Faktor der persönlichen Beziehungen erweitert. Wanderungsentscheidungen werden durch persönliche Beziehungen zwischen der schon gewanderten und denen die wandern möchten beeinflusst (vgl. Treibel 1990; S. 30). Ökonomisch rationale Entscheidungen reichen nicht immer aus, um zu begründen, weshalb Menschen wandern. Informationen über Beschäftigungs-, Ausbildungs-, Heirats- oder Siedlungschancen, die durch Verwandte oder Bekannte über die Zielregion bekommen werden, sind weitere signifikante Stimuli. Es muss beachtet werden, dass diese Informationen nicht immer der Wirklichkeit entsprechen und sich im Laufe der Zeit Klischees und Erfolgsberichte verbreitet haben, die immer wieder zu Fehlinformationen führen (vgl. Treibel 1990; S. 31).

3. INTEGRATION

Mit dem Begriff der Integration werden inhaltliche Problemthemen gesellschaftlicher Entwicklung aufgegriffen und ihre Bedingungen, auswirkende Faktoren und Lösungswege analysiert (vgl. Lenzen 1989; S. 740).

Vor wenigen Jahren war hauptsächlich von der Einwanderung in Deutschland insbesondere den Wanderungsbewegungen die Rede. Wie sollen die Aufenthalte der Migranten in Deutschland geregelt werden? Wer und für welchen Zeitraum soll die Möglichkeit bekommen, in Deutschland zu bleiben? Solche und ähnliche Fragen, die neben den Einwanderern wie Asylbewerber und Flüchtlinge, angeworbene Gastarbeiter betrafen, versuchten Politiker zu beantworten (vgl. Hans 2010; S. 13ff).

Der Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik mit dem Regierungswechsel im Jahr 1998 und die sich verstärkt zeigenden Ergebnisse der in Vergessenheit geratenen vergangenen Jahre bewirkten dann die starke Thematisierung der Integration. Ganz plötzlich trat ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass 19% der Wohnbevölkerung in Deutschland, immerhin mehr als 15,2 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund haben und aus unterschiedlichen Ländern stammen (vgl. Hans 2010; S. 14). Das im Juni 2008 in der Zeitung „DIE ZEIT“ erschienene Zitat eines offenen Briefes der 17 PolitikerInnen der Unionsparteien:

„Integrationspolitik ist so frnbamental für bie Zrkrnft rnseres Lanbes, bass sie nicht zrm Wahlkampfthema begrabiert werben barf“ (Hans 2010; S. 13) zeigt das steigende Interesse in Deutschland und in anderen Ländern Europas am Integrationsthema von Einwanderern (vgl. Hans 2010; S. 13). Der Integrationsbegriff ist heute das Stichwort in Bezug auf die Migranten in Deutschland. Wenn jedoch von der Integration die Rede ist, werden oft von der mangelnden Integration der Migranten und den sich daraus ergebenden Auswirkungen gesprochen. Es werden die mangelnden Deutschkenntnisse, die niedrigen Qualifikationen und Bildungserfolg der drei Einwanderergenerationen zum Thema. Im Blickpunkt sind die fehlenden Kontakte zwischen Einheimischen und Migranten, ethnische Segregation im Wohnbereich, die Herausbildung von Parallelgesellschaften und die zunehmende Radikalisierung der Islamisten (vgl. Hans 2010; S. 17). Während manche Gruppen wie die Türken oder Aussiedler russischer Herkunft als besonders problematisch empfunden werden, werden andere entweder wegen ihrer als gelungen wahrgenommene Integration oder ihrer niedrigen Zahl vollkommen übersehen. Die Angst vor einer zunehmenden Islamisierung führte zu einem Verbot des Kopftuchs in einigen Schulen und im öffentlichen Dienst. Man befürchtete, dass es durch die Osterweiterung der EU zu Migrationsbewegungen kommt, die unter Umständen das Steigen der Kriminalitätsrate bewirken könnten (vgl. Hans 2010; S. 14ff).

3.1 Aktuelle Debatten um die Integration von Migranten

Eine hochaktuelle Debatte in den Medien lösten in den letzten Monaten z.B. die Worte des deutschen Politikers Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin, der seit Mai 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank ist aus:

„Ich m rss niemanben anerkennen, ber vom Staat lebt, biesen Staat ablehnt, für bie Ars bil brng seiner Kinber nicht vernünftig sorgt rnb stänbig nere kleine Ko pftrch mäbchen pr obr ziert. Das gilt für siebzig Prozent ber türkischen r nb für n ern zig Prozent ber arabischen Bevölkerrng in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration …“ (ZDF Mediathek 1).

Sarrazin hatte in diesem Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift Lettre International, die nach ihm ungelungene Integration, vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Seine verletzenden Worte fanden große Aufregung von Teilen der Gesellschaft (vgl. ZDF Mediathek 1).

Der Bezirksbürgermeister des Berliner Problembezirks Neu-Köln Heinz Buschkowsky berichtet im Gespräch mit dem „ZDF heute“ von den täglichen Problemen der Integrationspolitik. Im Vergleich zu Sarrazin erklärt er, dass nicht nur Türken und Araber von der mangelnden Integration betroffen sind, sondern es auch andere Ethnien gibt wie z.B. Migranten aus Afrika, bei denen durch die Bildungsferne, auf gleiche Probleme zu treffen sind. In den Gebieten, aus denen die meisten Migranten kommen, würde man weder Schulen noch Schulpflicht kennen. Das Überlebensproblem sei ein ganz anderes als in Mitteleuropa. Buschkowsky spricht vom „nicht Klarkommen“ vieler Migranten mit den deutschen Kulturregeln. Nach ihm sei die Vermittlung nicht gelungen, den Migranten Gewissheit zu schaffen, dass sie in Deutschland angekommen sind und ihre Kinder in die Gesellschaft hineinbringen müssen und es keinen Sinn hat an den alten Traditionen festzuhalten. Die deutsche Gesellschaft würde die Integrationspolitik als Angebotspolitik verstehen. Eine sehr wichtige Anmerkung Buschkowskys ist die Integration als ein wechselseitiger Prozess und harte Arbeit, für die Aufnahmegesellschaft genauso wie für den einzelnen Migranten zu verstehen. Wenn Migranten in dieser Gesellschaft leben wollen, in der sie herzlich willkommen sind, dann müssen sie nach Buschkowsky Teil dieser Gesellschaft sein, alles geben was sie haben und sich einbringen. Denn das Zuschauen allein bringe nichts. Zum Schluss seines Gesprächs sagt er, das es ihre Aufgabe ist, für Chancengleichheit zu sorgen und Solidarität zu vermitteln. Wer das nicht tut, würde sich an den nächsten Generationen versündigen, denn es liege in unserem eigenen Interesse, uns um diese jungen Menschen zu kümmern (vgl. ZDF Mediathek 2).

Neben den verschiedenen Sichtweisen gibt es positive Entwicklungen in der auf die Integration gerichtete Politik, wie z.B. die Sprach- und Integrationskurse (vgl. Hans 2010; S. 15). Doch unabhängig davon, welche Sichtweise zu diesem Thema besteht, ist festzuhalten, dass Integration ein Prozess ist, der nicht als Zustand, sondern als Fluss aufgefasst werden sollte und deswegen nicht als gescheitert oder gelungen bezeichnet werden kann. Nur durch die Auffassung, dass die Integration ein nicht endender Prozess ist, kann darauf steuernd eingewirkt werden, um sie in die richtige Richtung zu lenken (vgl. Bibouche 2006b; S. 103ff).

3.2 „Integration“ gleich „Assimilation“?

Je nach wissenschaftlichem und/oder politisch-ideologischem Ziel ist der Integrationsbegriff seit Jahren, mehrmals definiert oder missbraucht worden (vgl. Bayaz/ Weber 1984; S. 158).

Allein die Begriffsvielfalt macht die Integration zu einem der umstrittensten Felder in der Soziologie. Es gibt eine Reihe von Definitionen auf dem Markt, die in sich eindeutig sind, sich aber untereinander widersprechen. Um dieses Durcheinander über den Integrationsbegriff deutlich zu machen, möchte ich zuerst drei Beispiele wichtiger Autoren darstellen.

Bingemer, Meistermann-Seeger und Neubert unterscheiden drei Formen der Integration:

1. „die monistische Integration- damit ist gemeint eine Integration durch Assimilation, durch Unterwerfung…
2. die pluralistische Integration- die Partner behalten ihre Eigenart und leben im Sinne einer Koexistenz mit Notlösungen zusammen…
3. die interaktionistische Integration-Minderheit und Mehrheit stehen in einem Prozess ständiger und gegenseitiger Interaktionen…“ (Bayaz/Weber 1984; S. 159; zit. n. Bingemer/Meistermann- Seeger/Neubert 1970).

Hier lässt sich eine Mehrdeutigkeit des Begriffes feststellen. Formulierungen wie

„soziale Integration“, „gesellschaftliche Integration“, „Voll- oder Totalintegration“ deuten auf eine Begriffsinflation hin.

Bingemer, Meistermann-Seeger und Neubert stellen bei ihrer Definition insgesamt großen Bezug zur Kultur und sehen die Assimilation als eine untergeordnete Form der Integration. Im Gegensatz zu diesen drei Autoren setzt sich Esser mit der Integration und Assimilation als unabhängige soziologische Bereiche auseinander. Während bei ihm die Integration in Verbindung zu der Frage steht, ob gleichwertige Beziehungen zwischen Minderheit und Mehrheit bestehen, ist für ihn bei der Assimilation die Frage zentral, ob eine kulturelle und sozial/strukturelle Angleichung herrscht oder nicht (vgl. Bayaz/Weber 1984; S. 159). Er versteht unter Integration den „Zusammenhalt von Teilen in einem „systemischen“ Ganzen, gleichgültig zunächst, worauf dieser Zusammenhalt beruht.“ Die Teile, die das System bilden, müssen nach ihm ein „integraler“, also notwendiger Bestandteil des Ganzen sein. Dieser Zusammenhalt der Teile grenzt dann das System von einer bestimmten Umgebung ab und wird in dieser Umgebung als System erkennbar.

Das Gegenteil von der Integration ist die Segmentation. Hier stehen die Teile ohne Beziehung nebeneinander und bilden kein System. Die Integration in ein System funktioniert nach der Definition von Esser über das Vorhandensein von Beziehungen, der gegenseitigen Abhängigkeit von Einheiten5 und durch die Abgrenzung zur jeweiligen Umwelt. Er nennt die wechselseitige Abhängigkeit „Interdependenz“. Je nach Ausmaß der Interdependenz dieser Einheiten ist ein System mehr oder weniger integriert. Somit besteht die höchste Form der Integration bei einer gesamten Abhängigkeit des Verhaltens der Teile voneinander und die Abgrenzung zur Umwelt und die geringste Integration erfolgt durch eine gesamte Unabhängigkeit dieser Teile und die Wendung zu der Umgebung. Das Verhalten und das Verhältnis der Teile haben bei der Integration Konsequenzen auf das System. Im Gegensatz dazu sind bei der Segmentation die Teile unabhängig voneinander und bestehen für sich alleine. Auf diese Weise ist die Definition von Esser eine sehr allgemeine Definition, sodass sie auf alle lebenden Organismen wie Pflanzen, Tiere, auf „soziale Systeme“6 und auf „ganze Gesellschaften“ oder „Teile der Gesellschaften“ angewendet werden kann. Als Beispiel für ein integriertes soziales System gibt Esser Nachbarschaften, bei denen sich die Familien kennen und gegenseitig besuchen, auch wenn in manchen Zeiten Konflikte zwischen diesen bestehen. Als segmentiert beschreibt er Nachbarschaften, in denen die Familien nebeneinander wohnen, aber keinen Kontakt zueinander haben und isoliert voneinander leben. Soziale Kontakte, Interaktionen und Kommunikationen soziale Beziehungen oder Transaktionen aller Art, die man als soziales Handeln zusammenfassen kann und Konflikte zählt er, solange sie nicht zu dauerhaften Spaltungen führen, zu integrierenden Relationen (vgl. Esser 2001, S. 6).

Trotz, dass es in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik schwerpunktmäßig um die soziale Integration von gesellschaftlichen Minderheiten geht, werde ich mich in meiner Arbeit auf die beidseitige Integration beziehen. Für mich ist die soziale Integration nicht die Anpassung oder Angleichung der Minderheit an das Normengefüge der Mehrheit und das Aufgeben abweichender Verhaltensweisen dieser, also nicht mit der Assimilation gleichzusetzen. Ich verstehe die Integration als einen wechselseitigen, nicht endenden Prozess, bei dem beiden Teilen der Gesellschaft, sowohl der ethnischen Minderheit in dem Fall den Arbeitsmigranten, als auch der deutschen Gesellschaft wichtige Aufgaben zukommen. Die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Teile mit der gleichzeitigen Bewahrung der eigenen Kultur ist zentral für meine Arbeit. Die sehr allgemeine Definition von Esser muss präzisiert werden. Hierzu wird der Begriff der Integration in zwei unterschiedliche Arten, die ich im nächsten Kapitel beschreiben werde, verfeinert.

3.2.1 Systemintegration und Sozialintegration

Mit dem Begriff der Integration von Migranten werden zwei verschiedene Anschauungen, die Systemintegration und die Sozialintegration unterschieden. Der britische Soziologe David Lockwood nennt die Systemintegration „the orderly or conflictful relationships between the parts “, die soziale Integration hingegen „the orderly or conflictful relationships between the actors “ eines sozialen Systems. Die Systemintegration bezieht sich auf die Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzes und die Sozialintegration auf die Integration der Akteure in das System. Zum einen wird das System der Gesellschaft in Betracht genommen zum anderen die Akteure und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Lockwood bezeichnet diese Unterscheidung der beiden Arten als künstlich aber dennoch als notwendig (vgl. Lockwood 1996; S. 125).

Die Systemintegration erfolgt unabhängig von Akteuren (Individuen) und setzt die Globalisierung voraus, wobei die Sozialintegration von Individuen gestaltet wird. Personen, die nicht innerhalb des „Weltmarktes“ leben und daher nicht von der Globalisierung betroffen sind, sind demnach nicht systemintegriert. Die natürlichen Personen sehen bei der Systemintegration oft nur ohne Macht zu, denn die Integration des sozialen Systems geschieht durch den Weltmarkt, den Staat oder die großen korporativen Akteure. Markt und Organisation sind wesentliche Bereiche der Systemintegration (vgl. Esser 2000; S. 270). Bei der Sozialintegration dagegen sind die Personen und deren Verhalten sehr wichtig, denn die soziale Integration ist die Bezeichnung von den Beziehungen der Personen zueinander und über gewisse soziale Einstellungen zum Gesamtsystem (vgl. Esser 2000; S.271)7. Wichtig ist hier nicht bloß, dass die Gesellschaft als System funktioniert, sondern dass die Akteure in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einbezogen werden. Wenn es um Integration der Migranten geht, ist meist von der Sozialintegration die Rede. Der Einbezug der Akteure, in unserem Fall der Arbeitsmigranten in das gesellschaftliche Geschehen, durch Rechte, Erwerb von Sprachkenntnissen, Beteiligung am Bildungssystem, Beteiligung am Arbeitsmarkt, interethnische Freundschaften und soziale Akzeptanz und durch die Beteiligung am öffentlichen und am politischen Leben (vgl. Esser 2001; S. 8), kann durch die vier Arten, Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation differenziert werden (vgl. Esser 2000; S. 271).

Kulturation ist der Besitz der Akteure über das nötige Wissen und Kompetenzen, um erfolgreich zu handeln. Dieses Wissen und Kompetenzen sind eine Art Humankapital in das die Akteure anlegen, sich diese praktisch aneignen können oder müssen, um von anderen Akteuren ein bestimmtes Ansehen zu bekommen oder um wichtige Positionen besetzen zu können. Die Kulturation der Akteure am Lebensanfang wird Enkulturation genannt. Anschließende Kulturationen, dann an neue gesellschaftliche Situationen nennt man Akkulturation (vgl. Esser 2000; S. 272).

Je später die Akkulturation erfolgt und je größer die kulturellen Unterschiede sind, auf die sich Enkulturation und Akkulturation beziehen, umso schwerer fällt sie dem Menschen. Als ein Beispiel wäre die Sprache zu nennen, denn die sprachliche Akkulturation kann nur dann funktionieren, wenn sich das Kind möglichst frühzeitig mit der zweiten Sprache auseinandersetzt (vgl. Esser 2001; S. 9). Unter Platzierung wird das Besetzen einer gesellschaftlichen Position, wie z.B. die Übernahme der beruflichen Position durch den Akteur oder das Besitzen des Wahlrechts gemeint. Denn das ist eine wichtige Form des Einbezugs der Akteure in eine Gesellschaft. Durch ihre verschiedenen Positionen werden sie in das soziale System eingegliedert. Wichtig und erforderlich für die Platzierung sind soziale Akzeptanz und das Fernbleiben von Diskriminierungen. Abhängig ist der Mechanismus der Platzierung weitgehend von Kulturation, denn Menschen können über die Platzierung auf bestimmte Positionen bestimmte Kompetenzen erwerben. Auf der anderen Seite ist Kulturation wichtig für die Platzierung der Akteure, denn nur, wer einen guten Schulabschluss hat, kann eine hohe gesellschaftliche Position besetzen (vgl. Esser 2000; S. 272ff).

Die soziale Integration durch Interaktion ist wiederum eine Form des sozialen Handelns, bei dem die Akteure sich gegenseitig über das Wissen des anderen orientieren und durch diese Wechselbeziehungen bilden. Es gibt drei Interaktionsarten, die gedankliche Koorientierung, die symbolische Interaktion und die Kommunikation. Neben der Interaktion sind weitere Formen des sozialen Handelns und Mechanismen der Integration, die „sozialen Beziehungen“ und die „Transaktionen“. Über all diese Arten erfolgt dann die Platzierung der Akteure in den alltäglichen Bereichen der Gesellschaft (vgl. ebd.).

Eine Identifikation des Akteurs mit einem sozialen System hingegen ist die Einstellung des Akteurs, sich und das soziale Gebilde als eine Einheit, als „identisch“ zu sehen und zu werden. Es entsteht ein „Wir-Gefühl“ zwischen den Akteuren einer Gesellschaft (ebd.).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es im Rahmen von Systemintegration um geordnete oder konfliktgeladene Beziehungen zwischen den Teilen eines sozialen Systems geht. Beim Problem der sozialen Integration stehen die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems im Mittelpunkt (vgl. Lockwood 1996; S. 125).

Lockwood kritisiert durch die Unterscheidung der Sozialintegration und Systemintegration Funktionalisten und Konflikttheoretiker, die eine Form der Integration außer Acht ließen. Die normativen Funktionalisten versäumten nach ihm die Neigung zu sozialen Wandel und beschränkten sich auf die moralischen Aspekte der sozialen Integration. Die Konflikttheoretiker hätten dagegen vernachlässigt, die soziale Integration mit der Systemintegration in Beziehung zu bringen. Die Einbeziehung und Unterscheidung dieser beiden Arten wäre für eine angemessene Definition der Integration von großer Bedeutung (vgl. Lockwood 1996; S. 135). Diese Unterscheidung darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass es sich um zwei ganz andere Arten der Integration handelt. Denn jede Form der systemischen Integration sozialer Systeme ist ein Ergebnis des Handelns von Akteuren (vgl. Esser 2000; S. 279).

In dem unten stehenden Diagramm Systemintegration und die vier Dimensionen der Sozialintegration sind die wichtigen Begriffe und Zusammenhänge zur Systemintegration und zur Sozialintegration von Gesellschaften und Akteuren zusammengefasst. Das Diagramm veranschaulicht die in diesem Kapitel erklärten Mechanismen und Bedingungen der beiden Integrationsarten.

Abbilbrng 4: Systemintegration und die vier Dimensionen der Sozialintegration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Qrelle: Esser, Hartmrt 2000; S. 279

3.2.2 Generationsunterschiede und Freundschaftswahlen

Hinsichtlich der Integrationsprobleme und der Bereitschaft zur Integration gibt es einige Unterschiede zwischen der ersten Generation an Arbeitsmigranten und den Folgegenerationen.

Für die erste Generation, das heißt erwachsene Abeitsmigranten die als Arbeitnehmer oder durch die Familienzusammenführung dieser Arbeitnehmer nach Deutschland gekommen sind, gibt es wenige Möglichkeiten sich in die Aufnahmegesellschaft sozial zu integrieren. Bei der ersten Generation kommt es in der Regel zu einer partiellen Sozialintegration in die deutsche Gesellschaft. Die emotionale Bindung der älteren Generation zur Herkunftskultur und die Orientierung an der Herkunftskultur sind stärker. Sie stellen ihren sozialen Lebenszusammenhang wie Ehe, Freunde usw. überwiegend nationalspezifisch her. Diese Emotionalität der Erstgeneration besteht unabhängig von einem Rückkehrgedanken. Denn wenn der Rückkehrgedanke schon längst in Vergessenheit geraten ist, sind die Gefühle vieler Migranten erster Generation im Heimatland verankert geblieben (vgl. Esser 2001; S. 27).

Die zweite und dritte Generation an Immigranten zeigen im Vergleich zur ersten Generation wesentlich mehr Integrationsbereitschaft und Interesse am persönlichen Erfolg. Während die erste Generation von einer, durch die Aufnahmegesellschaft geforderten Neuanpassung, stark belastet ist, wachsen ihre Kinder bzw. Enkelkinder in einem deutschen Umfeld auf und sind dadurch sprachlich, aber was das kulturelle angeht, kompetenter als ihre Eltern oder Großeltern. Aus diesem Grund hat die jüngere Generation meist einen Wissensvorsprung und kann der älteren Generation als Hilfe dienen. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gelten als die Spezialisten in der Familie. Auf der einen Seite bekommen diese Spezialisten Anerkennung und Lob für die vielen Aufgaben und Verantwortung, die sie für ihre Eltern übernehmen, auf der anderen Seite bedeutet dies viel Arbeit und Anstrengung für sie (vgl. Holzwarth 2008; S. 42ff).

Doch trotz der Verbesserung der Situation durch den Wissensvorsprung der späteren beiden Generationen gibt es einige Probleme der Migrantenkinder in der Aufnahmegesellschaft. Im Gegensatz zur ersten Generation ist die zweite Generation dem Problem der kulturellen Spaltung ausgesetzt. Der Zwiespalt zwischen der Kultur des Elternhauses und der Kultur der Gesellschaft ist eins der größten Probleme der zweiten Generation.

Es bestehen viele kulturelle Unterschiede zwischen den Ansichten der Eltern und denen des deutschen Umfeldes. Diese Kulturdifferenzen führen zu verschiedenen Erwartungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (vgl. Baros 2009; S. 155). Sie werden sowohl mit den Werten ihrer Familie, wo es heißt „keinen Sex vor der Ehe“ oder „der Vater ist absolut die Autoritätsperson in der Familie“ als auch mit denen des Einwanderungslandes, wie die in Deutschland gängige „Freiheit der jüngeren Generation gegenüber der älteren“ oder „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ konfrontiert (vgl. Holzwarth 2008; S. 43). Auf der einen Seite versuchen sie den Wertvorstellungen des Elternhauses zu entsprechen, auf der anderen Seite sehnen sie sich nach Akzeptanz in der Gesellschaft. So gesehen bewegen sich die Folgegenerationen zwischen den zwei Polen der Assimilation, sprich der vollständigen Anpassung und der Segmentation, das Beibehalten der ethnischen Tradition.

Folgen dieser miteinander unvereinbaren Erwartungen, die an den Jugendlichen der zwischen zwei Kulturen steht gestellt werden, sind Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit und psychosoziale Entwicklungsstörungen (vgl. Baros 2009; S. 155).

Doch nicht nur den Kindern geht es so. Selbst die nicht in Deutschland geborenen Eltern der ersten Generation stehen vor großen inneren Konflikten, denn es fällt ihnen schwer, die eigenen Norm- und Wertvorstellungen, mit denen der deutschen Gesellschaft zu verbinden. Ihre Kinder beginnen sich zu wandeln, um einen Mittelweg zwischen dem „zu Hause“ und „dem Leben außerhalb des Hauses“ zu finden, doch sie können nichts dagegen unternehmen. Einige der Migrantenkinder sind schließlich bereit die Normen und Werte des Einwanderungslandes zu übernehmen und die Lebensformen des Auswanderungslandes außer Acht zu lassen. Wenn sie in ihrem Integrationsprozess von der Bevölkerung nicht unterstützt werden, rücken wegen der negativ ausgefallenen Integrationserfahrungen wieder die Wertevorstellungen der ersten Generation in den Vordergrund.

[...]


1 Multikulturelle Gesellschaft bezeichnet den Sachverhalt des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Herkunft, Sprachen, Religionen und Ethnien etc. (vgl. Micksch1991; S. 8).

2 Sowohl in der Einleitung als auch im Folgenden wird aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit auf die explizite Nennung der weiblichen Geschlechtsform verzichtet. Wird im Rahmen dieser Arbeit von Gastarbeitern oder Ausländern gesprochen, beinhaltet dies auch Gastarbeiterinnen und Ausländerinnen. Die Begriffe Migranten, Immigranten, Einwanderer, Zuwanderer, Menschen mit Migrationshintergrund und ethnische Minderheiten werden im Rahmen dieser Arbeit synonym verwendet und bezeichnen Menschen, die selbst oder deren Eltern außerhalb Deutschlands geboren und im Laufe ihres Lebens nach Deutschland eingewandert sind und zumindest zeitweise hier ihr Leben geführt haben. Die Bezeichnung Deutscher oder deutscher Herkunft wird dagegen für Personen ohne Migrationshintergrund verwendet und nicht für Menschen, die im rechtlichen Sinne die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

3 Der Begriff Menschen mit Migrationshintergrund fasst Migranten und ihre Nachkommen, unabhängig von der Staatsbürgerschaft zusammen.

4 engl.: „to pull“, „ziehen“

5 Mit Einheiten werden an dieser Stelle, zum einen das „System“ und zum anderen die „Teile“ die dieses System bilden gemeint (vgl. Esser 2001; S. 8).

6 Als soziales System werden sich wiederholende Handlungsprozesse der materiell voneinander abhängigen Akteure bezeichnet (vgl. Esser 2000; S. 33).

7 Weitere Informationen hierzu finden sich bei: Hansen, Georg / Spetsmann-Kunkel, Martin 2008; S. 21ff.

Details

Seiten
138
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656137436
ISBN (Buch)
9783656138846
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189537
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,7
Schlagworte
integrationsprobleme menschen migrationshintergrund beispiel arbeitsmigranten interkulturelle pädagogik

Autor

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Titel: Integrationsprobleme der Menschen mit Migrationshintergrund am Beispiel der Arbeitsmigranten und Interkulturelle Pädagogik