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Leseprobe

Einleitung

1.1 Die Thematik und die Literatur

Der „Röhm-Putsch“, der Tod von Hindenburgs und die Vereidigung der Reichswehr[1] bilden das letzte Kapitel der nationalsozialistischen „Machtergreifung“. Es ist schwer nachvollziehbar, wie es Hitler und seine NSDAP erreichen konnten, innerhalb von nur eineinhalb Jahren, sämtliche Institutionen in Deutschland gleichzuschalten. Eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in der Mitte des Jahres 1934 ist daher besonders wichtig, da in dieser Zeit Voraussetzungen geschaffen wurden, die folgenreich für die kommenden Jahre im nationalsozialistischen Deutschland werden sollten. Nicht zuletzt begann Hitler in dem besagten Zeitabschnitt, sich durch taktisches Geschick und rücksichtsloses Eingreifen „seine“ Armee aufzubauen, die zu Beginn des Krieges in den Feldzügen zunächst sehr erfolgreich agierte.

Die Geschichtsforschung hat die Rolle der Reichswehr im Zeitraum der „Röhm-Affäre“ bisweilen nur vereinzelnt untersucht. Neben dem Werk Heinrich Benneckes aus dem Jahre 1964 gibt es zu diesem Thema wenig Fachliteratur, ehe der renommierte Militärhistoriker Klaus-Jürgen Müller über dieses Thema und die Wehrmacht im Dritten Reich schrieb. Die beiden Hitler-Biografien von Joachim Fest und Ian Kershaw sowie zwei Dissertationen von Immo von Fallois und Michael Schramm zu dem Thema Reichswehr und „Röhm-Affäre“ enthielten ebenfalls zahlreiche nützliche Informationen.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, das Verhalten der Reichswehrführung während und nach der „Röhm-Affäre“ zu analysieren. Wie kam es dazu, dass die neuen Befehlshaber, von Blomberg und von Reichenau, schon früh nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die lange Zeit verfolgte „unpolitische Linie“ verließen und sich nach und nach mit dem Hitler-Regime arrangierten und dann mit diesem kollaborierten? In der Weimarer Republik und noch zu Beginn des NS-Regimes wurde von der Reichswehrführung stets beteuert, dass die Armee unpolitisch sei und nur dem Reichspräsidenten und der Verfassung unterstehe.[2] Da scheint es erwähnenswert, sich noch einmal die Worte des Chefs der Reichswehr, General von Seeckt, im Jahre 1923 zu vergegenwärtigen: Auf die Frage Eberts, wo die Reichswehr stehe, erwiderte dieser: „Die Reichswehr, Herr Präsident, steht hinter mir“.[3] Dies unterstreicht noch einmal, dass sich die Armee lange Zeit weitgehend unabhängig fühlte.

In einem anderen Teil dieser Arbeit soll geklärt werden, inwieweit die Reichswehr an Mordaktionen am 30. Juni 1934 beteiligt gewesen ist und sich dort womöglich verbrecherischer Aktivitäten schuldig gemacht hat.

Abschließend werden die Motive seitens der Reichswehrführung für die Vereidigung der Armee auf die Person Hitlers erörtert.

1.3 Vorgehensweise/Struktur

Die Hausarbeit hat den Anspruch, die Phasen der neuen Strategie der Reichswehrführung darzustellen und daraus abzuleiten, inwieweit eine Annäherung an Hitler stattfindet und die Reichswehr dadurch ihre Unabhängigkeit verliert. Der Vorgang dieser „Selbst-Gleichschaltung“ der Reichswehr ist ein Prozess, der mit der Machteroberung der Nationalsozialisten beginnt und sich nach und nach verschärft.

Zunächst soll das Verhältnis zwischen der Reichswehr und Hitler erläutert werden. Ein weitereres Kapitel behandelt die spannungsgeladenen Beziehungen zwischen der SA und der Reichswehr und soll dabei die Person Hitlers berücksichtigen. Stets wird beabsichtigt, das Hauptaugenmerk auf die Reichswehrführung zu legen und aufzuzeigen, wie diese von der „unpolitischen Linie“ abweicht und immer mehr mit dem NS-Regime kooperiert. Dies wird unter anderem an den Mordaktionen gegen Röhm und dessen SA-Führung sowie der Vereidigung der Reichswehr auf Hitler exemplarisch dargestellt.

2. Hauptteil

2.1 Die Reichswehr und Hitlers neues Regime

Zunächst muss bei der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Hitler und der Reichswehr berücksichtigt werden, dass die Armee nach der Machteroberung der Nationalsozialisten nicht gleichgeschaltet wurde, wie es anderen staatlichen Institutionen ergangen war. Die Reichswehr war noch ein Machtfaktor im Staate Hitlers, der weitgehend selbstständig war.[4]

Hitler und die Reichswehr verband der Gedanke an die einstige militärpolitische Welt des wilhelminischen Kaiserreiches.[5] Hitlers „Zwei-Säulen-Theorie“ – auf der einen Seite seine NSDAP und auf der anderen Seite die Armee – ist als ein deutlicher Hinweis auf den „Dualismus von Politik und Militär im preußisch-deutschen Staat“[6] aufzufassen. Die Armee sehnte sich ihrerseits nach der früheren prestigeträchtigen Stellung im Kaiserreich zurück.

Die jüngeren Offiziere begrüßten den Machtwechsel am 30. Januar: Sie erhofften sich von Hitler und der NSDAP neue Aufgaben und eine Aufwertung der Reichswehr im Staate.[7] Die Bestimmungen des Versailler Vertrages beinhalteten unter anderem, dass die Reichswehr nicht mehr als 100 000 Mann zählen durfte und schränkte die Armee somit erheblich ein. Hitler versprach, die Auflagen des Versailler Vertragswerkes schnellstmöglich zu beseitigen und eine moderne Rüstung zu schaffen.[8]

Der Historiker Hans-Ulrich Thamer beschreibt die Einigkeit zwischen Reichswehr und Hitler:

„ Hitler mit seiner Massenbewegung versprach das, was die alten Machteliten insgesamt und das Offizierskorps insbesondere nicht mehr aus eigener Kraft erreichen konnten. Das war die Sicherung ihrer politisch-sozialen Führungsstellung und die Durchsetzung einer modernen Rüstung.“[9]

[...]


[1] Reichswehr, Armee und Truppe werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[2] Schramm, Michael: Der Gleichschaltungsprozeß der deutschen Armee 1933 bis 1938. Kulminationspunkte und Linien, München 1990, S. 44 f.

[3] Zit. nach: Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie, 5. Aufl., München 2002, S. 267.

[4] Ebd., S. 641.

[5] Vgl. Fallois, Immo von: Kalkül und Illusion. Der Machtkampf zwischen Reichswehr und SA während der Röhm-Krise 1934, Berlin 1994, S. 26 f.

[6] Ebd.

[7] Krausnick, Helmut: Die Wehrmacht im nationalsozialistischen Deutschland. In: Broszat, Martin/Möller, Horst (Hrsg.): Das Dritte Reich. Herrschaftsstruktur und Geschichte, München 1983, S. 176-208, hier: S. 187.

[8] Vgl. Bennecke, Heinrich: Die Reichswehr und der „RÖHM-PUTSCH“, München/Wien 1964, S. 31.

[9] Thamer, Hans-Ulrich: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933 – 1945, Berlin 1986, S. 322.

Details

Seiten
12
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783656140849
ISBN (Buch)
9783656140863
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189745
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
hausarbeit reichswehr röhm-putsch

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Titel: Reichswehr und Röhm-Putsch