Lade Inhalt...

Die Salbung in Bethanien

Exegese von Mk 14,1-11

Quellenexegese 1999 29 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arbeitsübersetzung

3. Segmentierung

4. Kontextabgrenzung und -einordnung
4.1 Kontextabgrenzung
4.2. Kontexteinordnung

5. Sprachlich-syntaktische Analyse
5.1 Phonetik
5.2 Textsyntax
5.3 Satzsyntax

6. Semantische Analyse
6.1 Handlungsstruktur
6.2 Rollenkonstellation
6.3 Sinnlinien
6.4 Wortsemantik

7. Synoptischer Vergleich

8. Pragmatische Analyse

9. Schlussbemerkungen

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der als „die Salbung in Bethanien“ bekannten Perikope im Markus-Evangelium (Mk 14,1-11). Die Darstellung der Salbung Jesu ist von zwei kleine Szenen eingerahmt, die von der Planung der Tötung Jesu berichten; auch die Sonntagsliturgie, die den Text im Zyklus der römisch-katholischen Leseordnung am Palmsonntag im Lesejahr B vorsieht, deutet so auf eine enge Verknüpfung der Salbung in Bethanien mit der Passion Jesu hin - wenn sie nicht schon Teil ihrer ist.

Jesus, der sich nicht bedienen lassen, sondern dienen wollte1, scheint hier zunächst seinen Prin- zipien untreu zu werden: Er lässt sich verwöhnen und akzeptiert einen hohen Preis für seine Salbung - im doppelten Sinn: zum einen den des teuren und wertvollen Öls, zum anderen den Widerstand der Anwesenden und die Auseinandersetzung mit ihnen. Der Autor scheint der Frau, die Jesus salbt, und Jesus selbst auch noch Recht zu geben, in dem er eine implizit unter- stützende Haltung für sie einnimmt. Betrachtet man die sich anschließende Rahmenerzählung, bedeutet die Salbung zugleich auch das Ende der Freundschaft mit Judas; so knüpft sich die Frage an, inwiefern die Salbung Jesu bei Judas den Entschluss reifen lässt, ihn zu verraten. In- soweit erscheint der Text in einem neuen Licht hinsichtlich seiner Relevanz für das Heilsgesche- hen um den Tod und die Auferstehung Jesu.

Dass Jesus in Mk 14,8 antizipierend von seinem eigenen Begräbnis spricht und so seinen baldigen Tod nicht länger verheimlicht, unterstreicht die Bedeutsamkeit der Szene. Angesichts seiner bevorstehenden Passion ist hier auch Interesssant, dass es eine ihm wahrscheinlich unbekannte Frau ist, von der sich Jesus berühren und salben lässt - und nicht etwa seine Jünger, Jesu engste Freunde und Wegbegleiter.

Mit diesen Fragen, die sich nach der Erstlektüre stellen, soll die Textstelle analysiert und auf die Intention des Autors und den appellativen Charakter an die Hörer und Leser untersucht wer- den.

2. Arbeitsübersetzung

1 Es war aber das Pascha und das Fest der Ungesäuerten in zwei Tagen.

Und die Hohepriester und Schriftgelehrten suchten,

auf welche Weise sie ihn in List festnehmend töteten.

2 Sie sagten nämlich:

Nicht am Fest,

damit es keine Volksaufruhr geben wird.

3 Und als er in Betanien in dem Haus Simons des Aussätzigen war

und bei Tisch lag,

kam eine Frau;

ein Alabastergefäß kostbaren, echten Nardenöls habend, das Alabastergefäß zerbrechend,

goss sie es auf sein Haupt.

4 Es waren aber einige unwillig bei sich:

Wozu ist diese Verschwendung des Öls geschehen?

5 Denn dieses Öl hätte für mehr als dreihundert Denare verkauft

und das Geld den Armen gegeben werden können; und sie schnaubten sie an.

6 Jesus aber sagte:

Lasst sie!

Warum bereitet ihr ihr Mühen?

Ein gutes Werk tat sie an mir.

7 Denn immer habt ihr die Armen bei euch

und sooft ihr wollt,

könnt ihr ihnen Gutes tun,

mich aber habt ihr nicht immer.

8 Das, was sie hatte,

Ulrich Hagemann - Die Salbung in Bethanien (Mk 14,1-11) Seite 5

tat sie;

sie nahm vorweg, meinen Leib für das Begräbnis zu salben.

9 Amen, ich aber sage euch:

Wo das Evangelium in die ganze Welt hineinverkündet wird, wird auch das zum Gedächtnis an sie erzählt,

was sie tat.

10 Und Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging fort zu den Hohepriestern,

damit er ihn ihnen ausliefere.

11 Die aber es hörend freuten sich

und versprachen, ihm Geld zu geben

und er suchte,

wie er ihn günstig übergäbe.

3. Segmentierung

Ἦν δὲ τὸ πάσχα καὶ ἄζυμα μετὰ δύο ἡμέρας.

Καὶ ἐζήτουν οἱ ἀρξιερεῖς καὶ γραμματεῖς

πῶς αὐτὸν ἐν δόλῳ κρατήσαντες ἀποκτείνωσιν· ἔλεγον γάρ·

μὴ ἐν τῇ ἑορτῇ,

μήποτε ἔσται θόρυβος τοῦ λαοῦ.

Καὶ ὄντος αὐτοῦ ἐν Βηθανίᾳ ἐν τῇ οἰκίᾳ Σίμωνος τοῦ λεπροῦ, κατακειμένου αὐτοῦ

ἦλθεν γυνὴ

ἔχουσα ἀλάβαστρον μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς, συτρίψασα τὴν ἀλάβαστρον

κατέχεεν αὐτοῦ τῆς κεφαλῆς.

ἦσαν δέ τινες ἀγανακτοῦντες πρὸς ἑαυτούς·

Ulrich Hagemann - Die Salbung in Bethanien (Mk 14,1-11) Seite 6

εἰς τί ἡ ἀπώλεια ἅυτη τοῦ μύρου γέγονεν;

ἠδύνατο γὰρ τοῦτο τὸ μύρον πραθῆναι ἐπάνω δηανρίων τριακοσίων καὶ δοθῆναι τοῖςπτωχοῖς·

καὶ ἐνεβριμῶντο αὐτῇ.

ὁ δὲ Ἰησοῦς εἶπεν·

ἄφετε αὐτήν·

τί αὐτῇ κόπους παρέχετε;

καλὸν ἔργον ἠργάσατο ἐν ἐμοί.

πάντοτε γὰρ τοὺς πτωχοὺς ἔχετε μεθ᾿ ἑαυτῶν καὶ ὅταν θέλητε δύνασθε αὐτοῖς εὖ ποιῆσαι, ἐμὲ δὲ οὐ πάντοτε ἔχετε.

ὅ ἔσχεν ἐποίησεν·

προέλαβεν μυρίσαι τὸ σῶμά μου εἰς τὸν ἐνταφιασμόν. ἀμὴν δὲ λέγω ὑμῖν,

ὅπου ἐὰν κηρυχθῇ τὸ εὐαγγέλιον εἰς ὅλον τὸν κόσμον,

καὶ ὅ ἐποίησεν ἅυτη λαληθήσεται εἰς μνημόσυνον αὐτῆς.

καὶ Ἰούδας Ἰσκαριὼθ ὁ εἷς τῶν δώδεκα ἀπῆλθεν πρὸς τοὺς ἀρχιερεῖς ἵνα αὐτὸν παραδοῖ αὐτοῖς.

οἱ δὲ ἀκούσαντες ἐχάρησαν

καὶ ἐπηγγείλαντο αὐτῷ αργύριον δοῦναι.

καὶ ἐζήτει πῶς αὐτὸν εὐκαίρως παραδοῖ.

Ulrich Hagemann - Die Salbung in Bethanien (Mk 14,1-11) Seite 7

4. Kontextabgrenzung und -einordnung

4.1 Kontextabgrenzung

Die Textstelle Mk 14,1-11 kann als zusammengehörender Teiltext gesehen werden. Mk 14,1 lie- fert eine präzise Zeitangabe: „Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuer- ten Brote“ (V.1); so grenzt sich der Text zur vorausgehenden Perikope ab. Diese Zeitangabe ist sehr präzise; bei Markus ist sie die erste Angabe, die auf ein jüdisches Fest bezogen ist. Der nachfolgende Teiltext hat eine neue Zeitangabe: Das dortige Geschehen spielt sich am „ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote“ (V.12) ab, dem ersten Tag des Paschafestes. Durch die- se genau auszumachende zeitliche Abgrenzung kann das Geschehen in Mk 14,1-11 begründet als Einheit betrachtet werden.

Die Ortsangabe dient als weiteres szenisches Gliederungsmerkmal; in Mk 14,1-11 ist sie unter- schiedlich präzise: die Salbung Jesu findet „in Betanien im Haus Simons des ussätzigen“ (V.3) statt. Das Partizip ὂντος bestimmt den Platz, den die handelnden Personen schon eingenom- men haben. Dagegen ist der Ort, an dem sich die Priester und Schriftgelehrten aufhalten, als sie sich entscheiden, Jesus auszuliefern und hierfür nach einem geeigneten Mittel suchen (V.1f), nicht näher bestimmt.

Dass sie an dem gleichen Ort sind, an dem Jesus den Viererkreis der Jünger (Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas) über die Endzeit lehrt (Mk 13,3), ist ausgeschlossen, weil Jesus hier, auf dem Ölberg, der am Standrand Jerusalems gegenüber dem Tempel liegt, vor der Passion mit seinem Vater ringt und von seinem engsten Jüngerkreis alleingelassen, von Judas verraten und von den Soldaten verhaftet wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Hohepriester und Schriftgelehren Jesus und den Jüngern bis hierher gefolgt und dort bis zum nächsten Tag, dem vorletzen Tag des Paschafestes, geblieben sind; darum kann ein Ortswechsel angenommen werden. Es gibt auch keine Ortsangabe am Ende des Teiltextes, als Judas den Ort der Salbung verlässt und zu den Hohepriestern geht (V.10), um Jesus auszuliefern.

Ein drittes wichtiges Gliederungsmerkmal ist die Konstellation der Handlungsträger. Zu Beginn der Perikope liegt eine veränderte Konstellation vor: Beim vorherigen Geschehen waren Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes die handelnden Figuren, nun sind es die Hohepriester und Schriftgelehrten. Die Erzählung der Salbung selbst ist bestimmt durch Jesus, die Frau, die ihn salbt, und andere Figuren der Szene. Der nächste, den Erzählrahmen bildende Teiltext ist mit dem Geschehen der Salbung insoweit verbunden, als dass Judas, der vorher zur Figurengruppe der Zuschauer der Salbung gehörte und nun am neuen Geschehen teilnimmt, handelnde Person bleibt. Die Szene unterscheidet sich dadurch, dass die Hohepriester wieder hinzutreten.

Trotz einer nahezu vollständigen Veränderung der Handlungsträger, des Ortes und der Zeit wird der Name Jesu nicht erneut erwähnt. Jesus ist „Thema“ der Hohepriester und Schriftgelehrten, sein Name wird aber nicht eigens genannt, sondern durch ein Personalpronomen ersetzt (αὐτὸν (V. 1b)).

Auf sprachlich-formaler Ebene grenzen vor allem Angaben der Zeit den Teiltext vom vorherigen und nachfolgenden ab. Zu Beginn definiert ein Hauptsatz mit einer temporalen adverbialen Be- stimmung den genauen Zeitpunkt (V.1). An diesem Tag ereignen sich drei wichtige Dinge: die Planung der Auslieferung Jesu durch die Hohepriester und Schriftgelehrten, die Salbung Jesu durch die Frau mit der Rechtfertigung ihrer Tat vor den „Gegenspielern“ und die Bereiterklä- rung des Judas zur Auslieferung Jesu an die Hohepriester. Alle drei Textteile werden durch καὶ eingeleitet, das zum einen als verbindende Konjunktion die Textteile zu einer Einheit verbindet und zum anderen signalisiert, dass jeweils etwas Neues ergänzt wird; das eine, große Gesche- hen der Auslieferung und Passion Jesu wird durch kleine Handlungsstränge und Details konsti- tuiert.

Dass der letzte Satz des Teiltextes mit καὶ eingeleitet wird, kann im Kontext des Geschehens als Schlussfolgerung gesehen werden: Die zu Beginn ungewissen Pläne der Auslieferung Jesu erfahren ihre Bestätigung und Erfüllung, so dass sie jetzt nur noch umgesetzt werden müssen; dazu ist Judas fest entschlossen.

4.2 Kontexteinordnung

Man kann also sagen, dass Mk 14,1-11 den Anfang der Passion Jesu darstellt, die bis auf Golgotha ans Kreuz führt. Der Evangelist hat dies gut vorbereitet: Jesus spricht nicht nur von seiner Passion, sondern sein uftreten an sich als „Sohn Gottes“ (Mk 1,1), das von Beginn an bezeugt wird und das er selbst bekennt, bringt ihm Aberkennung, Verleumdung und Leid ein. Sein Lebensweg ist für ihn zugleich ein Leidensweg; seine Jünger sind ebenfalls auf diesen Weg gestellt. Auf dem Weg nach Jerusalem - dem Ort, an dem die Passion ihren Höhepunkt erfährt - ergeben sich verschiedene Ereignisse, anhand derer Jesus seine Jünger schult. Als erste Bedin- gung für die aktive Nachfolge gilt ein klares und ungeteiltes Bekenntnis zu ihm, dem verheiße- nen Messias („χριστός“ (8,29), dem von Gott Gesalbten und Gesandten, der gekommen ist, um den Menschen das von Gott verheißene Heil zu bringen. Der Weg dorthin ist jedoch ein Weg durch Dunkelheit und Leid bis zum Licht und Leben, das ewig ist. So muss Jesus vieles erleiden und wird von den Menschen verworfen, letztendlich getötet, dann aber von Gott auferweckt (8,31f). Dies ist der Heilsplan Gottes, der das Leid nicht ausspart, sondern zulässt (8,33). Die Jünger mit der Vollmacht Jesu zum Heilen, Verkündigen, Schuldvergeben und Dämonenaustreiben sind beauftragt, ihn zu imitieren; sie gehen den gleichen Weg des Leidens und werden ihm dadurch ähnlich. Jesus mahnt sie zur Bereitschaft, das tägliche Kreuz anzu- nehmen und ihn klar und konkret zu bekennen, um das ewige Leben zu erlangen, d.h. ihm gleich und mit ihm auferweckt zu werden (Mk 8,34-9,1). Die Verklärung (Mk 9,2-13) gibt darauf einen Ausblick: Gott erweist seine Herrlichkeit, die Jünger aber verstehen die Bedeutung der Auferstehung von den Toten noch nicht. Ebenso unverständlich bleibt den Jüngern die Dämonenaustreibung, die Jesus allein kraft des Gebets bewirkt (Mk 9,14-29).

Die letzten Tage seines Lebens ist Jesus in Jerusalem, hier wird er auch verurteilt und gekreu- zigt. Hier geht er in die Öffentlichkeit und lässt sich als Messias feiern (Mk 11,1-11). Die Men- schen preisen ihn und das Reich des Vaters David, des endgültig verheißenen Messias, des von Gott Gesandten ((Mk 11,9)), dessen bevorstehendes Kommen sie bekennen und bejubeln. In den nächsten zwei Szenen beweist Jesus die ihm von Gott gegebene Vollmacht, indem er einen Feigenbaum verflucht (Mk 11,12-14), der am nächsten Tag verdorrt ist, und appelliert an die Jünger, mit Glauben an Gott und Versöhnungsbereitschaft gegenüber den Menschen zu beten, um erhört zu werden (Mk 11,20-25). Zwischen der Rahmung der Verfluchung des Feigenbaums offenbart Jesus seine göttliche Autorität im Tempel, den er gewaltsam von den Händlern be- freit, um ihn als Ort des Gebetes zu wahren. Diese beiden Handlungen werfen die Frage nach der Legitimität Jesu auf. Aus Furcht vor den Menschen suchen die Hohepriester und Schriftge- lehrten heimlich nach einer Möglichkeit, Jesus zu töten. Sie wollen ihn mit der Frage nach sei- ner Vollmacht auf die Probe stellen, verweigern jedoch Jesu Gegenfrage, um sich nicht zur Ab- stammung Jesu von Gott und seiner Sohnschaft zu bekennen. Jesus, der um ihre Hinterlist und seinen durch sie herbeigeführten Tod weiß, deckt ihre Gesinnung auf, indem er ihnen das Gleichnis von den bösen Weinbergpächtern vor Augen hält. Die Hohepriester und Schriftgelehr- ten erkennen sich in dem Gleichnis wieder, verhaften Jesus wiederum aus Menschenfurcht nicht und ziehen ab (Mk 11,27-12,12). In drei nachfolgenden Szenen wird Jesus auf die Probe gestellt: Er wird von Pharisäern und Herodianern (die von den Hohepriestern und Schriftgelehr- ten geschickt wurden) über das Verhältnis von Gott zu einem weltlichen Herrscher und den rechten Dienst gegenüber Gott befragt, dann von Sadduzäern über die Auferstehung, zuletzt von einem Schriftgelehrten über das Hauptgebot. Die beiden letzten Testfragen beantwortet Jesus jeweils mit einem Schriftzitat (Mk 12,13-34). In drei weiteren Szenen lehrt Jesus öffentlich über die Wahrheit, dass er der χριστὸς, der Messias sei, über die Heuchelei der Schriftgelehrten

[...]


1 vgl. Mk 10

Details

Seiten
29
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783656140825
ISBN (Buch)
9783656140856
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189748
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Exegese Markus 14 Salbung Bethanien

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Salbung in Bethanien