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Sex, Gewalt und gute Laune

Männlichkeitskult Skinhead

Seminararbeit 2012 21 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Skinheads - ein kurzer Historischer Abriss einer Subkultur
2.1. The Spirit of ´69 - Wie alles begann
2.2. Oi! - Die zweite Skinheadwelle
2.3. Southall
2.4. Die Politik greift nach den Skins, ein Blick nach Deutschland

3. Skinhead werden ist nicht schwer, Skinhead sein dagegen sehr
3.1. Wie wird man Skinhead?
3.2. Warum wird man Skinhead?

4. Skinhead Attitude - Ein Männlichkeitskult wird gelebt
4.1. These Boots were made for walking - Die Kleidung der Skins
4.2. Die Musik der Skinheads
4.2.1. Reggae, Ska und 2-Tone
4.2.2. Punk, Oi! und Rechtsrock
4.3 Loikaemie
4.3.1 ausgewählte Textstellen von Loikaemie
4.4. Skinhead Love Affair - Frauen und Skinheads

5. Fazit

6. verwendete Literatur und Internetquellen

1. Einleitung

„Wenn die Leute einem zuh ö ren sollen, reicht es nicht ihnen einfach auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit einem Vorschlaghammer treffen, erst dann kann man sich ihrer Aufmerksamkeit gewiss sein.“ 1

Mit diesen Worten endet das Intro der zweiten CD der Plauener Skinhead Band „Loikaemie“2, welche den Titel „Wir sind die Skins“ trägt. Das Cover der CD zeigt die Band selbst. Im Mittelpunkt steht der Sänger, welcher direkt mit der geballten Faust, welche einen Schlagring trägt, auf den Betrachter deutet. Dieses martialische Aussehen ist ein Bild welches augenscheinlich nicht nur viele Menschen von Skinheads haben, sondern welches auch zum gewissen Grad von den Skinheads selbst gewollt zu sein scheint.

Wie sonst kann man sich das oft martialische Auftreten, welches Skinheads an den Tag legen erklären? Diese Arbeit soll mehreren Inhalten auf den Grund gehen. Zu Beginn möchte ich kurz etwas zu den Anfängen und zur Entwicklung der Skinheadbewegung sagen, um im Anschluss zu ergründen wie und vor allem wieso Jungen und junge Männer Skinheads werden oder geworden sind. Das Zweite Kernthema soll der Männlichkeitskult innerhalb der Skinheadszene werden. Hier möchte ich gern die verschiedenen Ausdrucksweisen dieses Männlichkeitskults behandeln. Wichtig sind mir dabei die Rolle der Kleidungen sowie der musikalische Aspekt. Diesen werde ich am Beispiel der Band Loikaemie und einigen ihrer Texte verdeutlichen. Am Ende möchte ich noch kurz Bezug auf die Thematik der Skinheadgirls, oder Renees3 zu nehmen, welche in meinen Augen oft zu wenig Beachtung erhalten. Zum Schluss möchte ich mit einem kurzen Fazit die vorangegangenen Seiten zusammenfassen und mögliche weitere interessante Punkte zum Männlichkeitskult Skinhead aufzeigen.

2. Die Skinheads - ein kurzer historischer Abriss einer Subkultur

2.1 The Spirit of ’69 - Wie alles begann

England in den späten 1960er Jahren: es ist die Zeit der Hippies und der freien Liebe. Während in den Parks und an den Universitäten die Kinder der unteren Mittelschicht und den darüber liegenden Klassen sich an Love und Smoke-Ins erfreuen, wachsen die Probleme der Jugendlichen der Arbeiterklasse. England wurde nach dem zweiten Weltkrieg zu einem Einwandererland. Die Viertel der ehemals weißen Bevölkerung, der Working Class, wurden zu sozio-kulturellen Melting Pots4. Zu den weißen Arbeitern kamen nun auch Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien.

Während sich viele Jugendliche dem Mod und Teddyboy Trend anschlossen, wurde dieses Spektakel aus Eleganten Anzügen, Scooter-Runs5, Diskotheken mit psychedelischen Klängen, von zum Beispiel The Who, sowie verschiedensten Drogen vielen Jugendlichen, speziell jungen Männern und Jungen aus der Arbeiterklasse, schlichtweg zu teuer.6 Also wurde der einfachste Weg gewählt. Indem man die Jeans, die man sonst nur auf Arbeit trug anbehielt, genauso wie die grobstoffigen Baumwollhemden (Hemden der typischen Skinheadmarken, auf die ich später noch Bezug nehmen werde, kamen erst später „in Mode“). Um die schweren Arbeiterstiefel noch einen Tick mehr zu betonen, und damit die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, wurden die Hosen noch umgeschlagen. Das herausragende Merkmal dieser neuen im Entstehen begriffenen Subkultur ist aber der Namensgebende Kurzhaarschnitt.

„Das wirkte nicht nur ‘ h äß lich, brutal und gewalttätig ‘ , es war auch praktisch bei der Lieblingsbeschäftigung der Skinheads - dem Straßenkampf. Der Stoppelhaarschnitt war nicht nur praktisch, nicht nur Opposition zum langhaarigen Mainstream, …“ 7

Was man heutzutage bei vielen Skinheads sieht ist die mit dem Nassrasierer hergestellte Glatze. Diese war Ende der 60er Jahre jedoch total verpönt. Denn man wollte ja schließlich „smart“ aussehen.

Während sich nun also die Kinder im Streit mit ihren Eltern um jeden Zentimeter mehr Haarlänge befanden, ließen sich die Kinder der britischen Arbeiter die Haare kurz scheren, krempelten die Hosen um und waren stolz auf ihre Herkunft. Diese neue Subkultur hatte jedoch noch keinen einheitlichen Namen. Von Skinhead, Bonehead bis Boiled-Egg waren verschiedene Bezeichnungen im Umlauf.

Als nun im Oktober 1968 eine große „Vietnam-Solidaritätsdemo“ mit 30000 Studenten und anderen „ sympathisierende[n] faule[n] Bastarde[n]“ 8 stattfand, wurden diese von einer Horde von 200 Kurzgeschorenen aufgerieben. Marshall schreibt hierzu nur: „Vergeßt eure Kriege in S ü dostasien und eure Drogentrips nach Nirgendwo. Die Skinheads waren da!9

2.2 Oi! - Die zweite Skinheadwelle

Nachdem vielen Skinheads der andauernde Stress mit der Polizei, anderen Skinheadgangs sowie Rockern, Immigranten und eigentlich jedem der kein Skinhead war, zu groß wurde und man den Begriff Skinhead nur noch mit Gewalt assoziierte10, ebbte die erste Skinheadwelle ab und die kahlgeschorenen Gangs wichen aus dem Straßenbild, um einer neuen Subkultur Platz zu machen: dem Punk. Was anfangs nicht mehr war als ein von der Musikindustrie gewolltes Phänomen, wurde bald für selbige zum Problem, denn viele Kids auf den Straßen begannen nicht nur Punk zu hören, sie begannen ihn zu leben. Nach 2 Jahren (Wir befinden uns ca. im Jahr 1972) kam etwas Schwung in die mittlerweile vom Mainstream erfasste Punkbewegung. Bands wie Cock Sparrer, Sham 69 oder die Cockney Rejects wurden noch rüder in ihrer Musik, vereinfachten das Ganze noch mehr und ließen die Texte den Jugendlichen aus der Seele sprechen. Denn wer kann etwas besser beschreiben als jemand der es erlebt hat? Diese neue Form des Punk hatte etliche Namen: Realpunk und Streetpunk sind nur zwei davon, doch sie bewirkten eines: Die Punks entdeckten die Skinheadmode wieder, und so tauchten quasi über Nacht zig neue Skinheads in den Straßen auf. Dies alles natürlich nicht ohne einen Selbstzweck. Diesmal war es die Absetzung von New Wave und den „Edelpunks aus gutem Hause“11. Die Skinheadkultur erlebte ihre zweite Geburt. Heute ist der Streetpunk innerhalb der Szene vor allem als sog. Oi!-Punk12 bekannt. Diese zweite Skinheadwelle dauerte von Ende der 70er Jahre bis zum (vorerst) endgültigen Ende am 3. Juli 1981 an. Dem „Fanal von Southall“13.

2.3 Southall

An diesem Abend lief wenn man zurückschaut eigentlich alles schief, was schief laufen konnte. Die Idee hinter der Mini Oi! - Konzertreihe war eigentlich eine recht simple: Man wollte der Gesellschaft zeigen, das Oi! nichts mit den von der NF14 sympathisierenden Glatzköpfigen Horden zu tun hatte. Das Problem an Southhall war jedoch ein ganz eigenes. Während die meisten Konzerte der Tour, an welcher neben den Initiatoren The 4-Skins auch Bands wie Cock Sparrer, The Business und Last Resort teilnahmen, im Londoner East End stattfanden, wollte man nun mit dem Konzert in Southall, im Londoner Westen, jenen Fans die Möglichkeit eines Konzertbesuchs geben, die sonst quer durch London reisen mussten (laut George Marshall kein Vergnügen15 ). Das große Problem war nur, dass Southall zur Asiatischen Community gehörte und nachdem im Juli 1976 ein asiatischer Jugendlicher von weißen Jugendlichen in eine Falle gelockt und erstochen wurde16, reagierte die asiatische Gesellschaft extrem unruhig auf jede Aktivität welche im Zusammenhang mit Faschismus stand. Da man nicht differenzieren konnte (oder wollte) wurden die Skinheads zum Symbol des neu erwachten Faschismus. Wie also sollte man mit einem Skinheadkonzert mitten auf eigenem Territorium umgehen? Das Konzert selbst sollte im Hambrough Tavern Club stattfinden. Da sich auch rechte Glatzen dieses Konzert nicht entgehen lassen wollten (damals hörten sowohl rechte als auch nicht rechte Skinheads dieselben Bands), befanden sich zu Konzertbeginn etwa 500 Personen im Saal. Von diesen waren nur die Hälfte Skins, und auch da war nur ein kleiner Anteil der rechten Szene zuzuordnen. Dies jedoch schien der asiatischen Community als Provokation zu genügen und so sammelten sich mehr und mehr asiatische Jugendliche vor und um die Hambrough Tavern. Nachdem es anfangs ca. 250 Personen waren, wuchs die Gruppe der asiatischen Jugendlichen im Verlauf des Konzerts auf „Oi!, Oi!, Oi!“. Die in den 70er und bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in den Medien und teilweise auch der Wissenschaft verbreitete These der Ausdruck käme von einer Umwandlung des Slogans „Strength thru joy“ (Kraft durch Freude = Freizeitorganisation der NSDAP) kann getrost als Humbug abgetan werden, denn die damaligen Skinheads huldigten Bands mit sowohl schwarzen als auch weißen Musikern. Zudem wird dieser Zusammenhang zwischen Oi! Und rechtsextremen Gedankengut innerhalb der Szene sehr stark kritisiert. etwa 2000 Personen an.17 Diese stürmten kurz darauf unter dem Einsatz von Molotowcocktails das Lokal, worauf hin sich die Besucher des Konzerts mit Stuhlbeinen und allem womit man sich irgendwie wehren konnte versuchten zu befreien. Stundenlang tobte vor und um den Club eine Straßenschlacht zwischen Skinheads und asiatischen Jugendlichen, welche erst durch den Einsatz einer Special Police Group ihr Ende fand. Das Ergebnis war verheerend. Neben den, sich auf alle beteiligten Gruppen verteilenden, 110 Schwerverletzten Personen, brannte die Hambrough Tavern bis auf die Grundmauern nieder. Studiert man die Zeitungen der nächsten Tage, so sind auf den Trümmern der Hambrough Tavern vollkommen unversehrte Flugblätter der NF zu sehen. Ein Teilnehmer des Konzertes beschreibt dies wie folgt:

„Und die Flugblätter, ü ber die gesprochen wurde, habe ich an diesem Abend nicht gesehen; das erste das ich sah, war am nächsten Tag in der Kneipe.“ 18

Der Nachhall der auf dieses Ereignis folgte war extrem. Während die Presse nun versuchte auf Teufel komm raus aus jedem Oi! Skinhead ein Sieg-Heil-schreiendes Ungeheuer zu machen, wurde die Vergangenheit eines jeden Mitglieds einer jeden Oi!-Band hinterfragt. Da half es auch nichts dass sich Personen wie der 4-Skins- Sänger Gary Hodges schon vor Jahren vom British Movement losgesagt haben. Genauso wenig nützte es dass sich Bands wie Blitz, Infa Riot, The Business und einige weitere zu einer Englandtournee unter dem Motto „Oi! Against Racism“ aufmachten. Das bislang von den Medien kaum beachtete Album mit dem Titel „Strength Thru Oi!“ wurde auf einmal zerrissen. Klar, der Titel war nicht sonderlich klug gewählt (die Anlehnung an den Nationalsozialistischen Slogan „Strength thru joy“ war unbeabsichtigt) und auch das Covermodell Nicky Crane19 war „aus Versehen“ gewählt worden, so Gary Bushell, der die „Oi!“ Sampler herausgebracht hat.20 Was als eine Konzertreihe zur Aufklärung über Oi! gedacht war mündete in das (vorläufigen) Ende des Skinheadrevivals. Bands wie die 4-Skins und The Business verloren ihre Plattenverträge, die 4-Skins gaben sogar ihre Trennung bekannt. Und viele Glatzen ließen sich (schon wieder) die Haare wachsen und verließen die Szene erneut.

[...]


1 „Sieben“ (Originaltitel „Se7en“), 1995, Produziert von Arnold Kopelson und Phyllis Carlyle, Regie David Fincher

2 „Wir sind die Skins“, Loikaemie, Erschienen am 01.12.1999 bei Knock Out Records

3 Die Herkunft des Begriffs „Renee“ ist wie vieles in der Skinheadszene nicht genau bekannt. Wahrscheinlich ist, dass er sich vom Namen Renate (lat. Die Wiedergeborene) herleitet, da der Begriff erst mit der zweiten Skinheadwelle auftauchte.

4 Melting Pot: engl. Schmelztiegel

5 Scooter Run: Meist am Wochenende fuhren Scharen von jugendlichen zu Rollertreffen (den sog. ScooterRuns). Bevorzugter Roller war die Vespa welche mit allerlei Spiegeln und Chromzierrat so umgebaut wurde, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit erregt.

6 Vgl. hierzu: Marshall, G. (1993): The Spirit of ’69 - Eine Skinhead Bibel, S. 7 - 9.

7 Farin, K./Seidel, E. (2010): Skinheads. 6.Aufl. S.23.

8 Marshall, G.: The Spirit of ’69, S. 8.

9 Ebd. S. 8.

10 Ebd. S.57.

11 Farin, K./ Seidel, E.: Skinheads, S. 43 ff.

12 Die genaue Herkunft des Ausdrucks „Oi!“ ist nicht bekannt. Spekulationen reichen von einer Begrüßungsfloskel des Cockney Slang, welcher im Londoner East End gesprochen wird (vergleichbar mit „Hey“) bis hin zur Band Cockney Rejects welche ihre Lieder irgendwann nicht mehr mit „1, 2, 3“ anzählten sondern mit

13 Menhorn, C. (2001): Skinheads: Portrait einer Subkultur, S.63.

14 NF: National Front. Britische militant rechte Organisation welche in den 70er Jahren mit extrem Ausländerfeindlichen Parolen beachtliche Wahlerfolge erringen konnte und, wahrscheinlich neben dem ebenfalls im extrem rechten Spektrum anzusiedelnden British Movement, die einzige Organisation in der Geschichte der Skinheadbewegung die es schaffte im größeren Umfang Skinheads zu „rekrutieren“

15 Marshall, G. S.115.

16 Farin, K./ Seidel, E.: Skinheads, S.55ff.

17 Menhorn S.63.

18 Menhorn, S. 65.

19 Nicky Crane war prominenter Naziskinhead und führender Kopf des British Movement

20 Farin, K./ Seidel, E.: Skinheads, S. 56; S. 47.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656141372
ISBN (Buch)
9783656141624
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189783
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Erziehungswissenschaftliches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Skinhead Oi! Männlichkeit Jugendkultur Subkultur

Autor

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