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Die Schweigespirale - eine „echte“ Theorie?

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Schweigespirale
2.1 Ursprung der Theorie
2.2 Konzept
2.3 Zentrale Annahmen
2.4 Bedingungen

3 Empirische Überprüfung
3.1 Der „Eisenbahntest“
3.2 Das Laborexperiment von Asch

4 Kritik
4.1 Methodische Kritik
4.2 Theoretische Kritik

5 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der berühmte Satz Noelle-Neumanns „Return to the Concept of Powerful Mass Media“ stellt einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der Medienwirkungsforschung der Kommunikationswissenschaft dar und bewegte Wissenschaftler dazu, sich intensiv mit den Annahmen und den daraus resultierenden Folgen der Theorie der Schweigespirale auseinanderzusetzen (vgl. Bonfadelli/Wirth 2005: 590). Es gibt nur wenige Theorien in der Medienwirkungsforschung, die so umstritten und stark diskutiert worden sind, wie die Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Das Werk Noelle-Neumanns „Die Schweigespirale – öffentliche Meinung – unsere soziale Haut“, das in den 1970er Jahren entstand, wurde einerseits als revolutionäre Theorie der öffentlichen Meinung und andererseits als absurd bezeichnet. Mit Hilfe dieser Theorie versuchte die Wissenschaftlerin in ihren populären Publikationen öffentliche Meinung und Massenkommunikation zu assoziieren. Dabei war die Definition der öffentlichen Meinung eine wichtige Voraussetzung, um den sozialpsychologischen Prozess der Schweigespirale zu verstehen (vgl. Schenk 1987: 526). „Meinungen, Verhaltensweisen in wertgeladenen Bereichen, die man öffentlich äußern, zeigen kann, ohne Gefahr, sich zu isolieren“ (Noelle-Neumann 1989: 419) versteht Noelle-Neumann unter der öffentlichen Meinung. Hierbei wurden auch Disziplinen wie Soziologie, Politologie und andere Sozialwissenschaften in das neue Konzept mit eingebracht. Noelle-Neumann geht sowohl auf das Publikum als Rezipienten, als auch auf den Einfluss von Kommunikatoren und Medien ein und verursacht dadurch eine internationale Diskussion um die Theorie der Schweigespirale. (Vgl. Deisenberg 1986: 51ff.) In der folgenden Arbeit sollen nun die Schweigespirale, ihre empirische Überprüfung und die Kritik an ihr grundlegend erläutert werden. Hauptkern der Arbeit soll letztendlich die Klärung der Frage sein, inwieweit es sich bei der Theorie der Schweigespirale Noelle-Neumanns um eine „echte“ theoretische Fundierung handelt.

2 Die Schweigespirale

In den folgenden vier Kapiteln sollen die Entstehung der Theorie der Schweigespirale, ihr konzeptueller Kontext, sowie ihre Hypothesen und Randbedingungen näher erläutert werden. Dabei wird vor allem auf die Arbeiten Noelle-Neumanns, Bonfadelli und Wirth, sowie auf Schenk und Scherer intensiver eingegangen.

2.1 Ursprung der Theorie

Die Bundestagswahl der Bundesrepublik Deutschland von 1976 wurde von Elisabeth Noelle-Neumann wissenschaftlich beobachtet, so dass die Theorie der Schweigespirale durch empirische Untersuchungen entstand (vgl. Noelle-Neumann 1980: 14). Noelle-Neumann machte das Fernsehen für den siegreichen Ausgang der SPD/FDP im Wahlkampf von 1976 verantwortlich. So soll es durch die homogene politische Ausrichtung von Fernsehreportern und anderen Journalisten zu einer Wirklichkeitsverzerrung gekommen sein. Die Berichterstattung war stark linksorientiert, so dass ein verändertes Meinungsklima entstand. Das Allensbacher-Institut konnte durch demoskopische Daten zeigen, dass Menschen, die in diesem Zeitraum viel fern sahen, ihre politische Meinung nicht mehr öffentlich äußerten. Dadurch wurde der Prozess der Theorie der Schweigespirale in Gang gesetzt, so dass es letztendlich zu einem Umschwung politischer Einstellungen kam. Die Behauptung, dass das Fernsehen aufgrund seiner SPD-Orientierung die Wahl von 1972 entschieden haben soll, blieb nicht ohne Folgen. Nach 1972 versuchten die verschiedenen Parteien verstärkt das Medium Fernsehen zu nutzen, um sich selbst darzustellen, aber vor allem um sich selbst zu kontrollieren. Dies geschah beispielsweise über Personalpolitik. Die Theorie der Schweigespirale brachte somit auch Konsequenzen für den Journalismus mit sich. Wenn es um publizierte Statements von bestimmten Interessengruppen, aber auch um die Berichterstattung bei Demonstrationen geht, sollten die Journalisten stets auf die „gesellschaftliche Relevanz“ (Bonfadelli/ Wirth 2005: 592) der Gruppen, die involviert sind, hinweisen. (Vgl. Bonfadelli/ Wirth 2005: 591f.)

2.2 Konzept

Das Konzept der Schweigespirale ist ein Teil der theoretischen Fundierung der öffentlichen Meinung, wie sie durch Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren verstanden wurde. Kernaussage der Theorie ist hierbei die Feststellung, dass die Bereitschaft einer großen Masse von Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, in vielerlei Situationen von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung abhängig ist. Bei diesem Prozess können Massenmedien wie zum Beispiel das Fernsehen enorme Einflüsse auf den Rezipienten haben und somit auch auf die öffentliche Meinung. Die Schweigespirale geht demnach von einer großen Wirkungsmacht der Massenmedien aus und zählt so zu den neueren Ansätzen der Medienwirkungsforschung. (Vgl. Bonfadelli/ Wirth 2005: 590)

2.3 Zentrale Annahmen

Die Theorie der Schweigespirale geht von vier grundlegenden Hypothesen aus.

Die Isolationsfurcht des Individuums stellt die erste Grundannahme dar. In Laborexperimenten konnten die Soziologen Asch und Milgram postulieren, dass Menschen dazu neigen zu schweigen oder zu lügen, wenn sie Angst vor gesellschaftlicher Isolation verspüren. (Vgl. Asch/ Milgram 1951: 45ff.) Der Mensch fürchtet sich demnach vor Konformitätsdruck und Isolation. Da Isolationsfurcht „instinktverankert“ (Noelle-Neumann 1996: 349) sei, geschehe dies aber nicht immer bewusst. (Vgl. ebd.) Die Gesellschaft nutzt die Isolationsfurcht zur Gewährleistung des inneren Zusammenhalts. Wenn Individuen eine gegensätzliche Meinung aufweisen, wird mit Isolation gedroht (vgl. Noelle-Neumann 2001: 92). Erklären kann man schweigende Minderheiten durch die Isolationsfurcht. Die sich äußernden Mehrheiten lassen sich durch den sogenannten „Bandwagon-Effekt“ oder „Mitläufereffekt“ erklären, da sie durch die Erwartung einer Belohnung zum Reden animiert werden (Noelle-Neumann 1993: 24).

Die zweite Annahme geht von einem unbewusst arbeitenden „quasi-statistischen Sinn“ (Noelle-Neumann 2001: 316) aus. Durch den quasi-statistischen Wahrnehmungsapparat sollen die Menschen durch die ständige Beobachtung ihrer Umwelt in der Lage sein Aufschluss über das Meinungsklima und die Meinungsverteilung zu erhalten. (Vgl. Noelle-Neumann 2001: 316ff.) :

„Aber die ganze Bevölkerung, unabhängig vom eigenen Standpunkt, bemerkt, demoskopisch nachweislich, welche Meinungen zu- und welche abnehmen, so wie man merkt, ob es wärmer oder kälter wird.“ (Noelle-Neumann 2001: 317)

Die Menschen können dieses Meinungsklima und dessen Verteilung entweder direkt durch Gespräche mit anderen oder indirekt durch die Rezeption von Massenmedien wahrnehmen (vgl.: Schenk 1987: 528).

Bei dieser Art von Wahrnehmung spricht der Soziologe Niklas Luhmann von einem „Beobachter zweiten Grades“. (Vgl. Luhmann 1992: 77ff.)

Die dritte Hypothese befasst sich mit der Artikulationsfunktion der Massenmedien. Darunter wird die Aufgabe der Medien im Prozess der Schweigespirale verstanden. Um den Prozess, den die Theorie der Schweigespirale beschreibt, überhaupt zu ermöglichen, müssen die beiden gegensätzlichen Parteien im Konflikt durch die Massenmedien mit sogenannten Artikulationshilfen unterstützt werden. Wenn dies gar nicht oder nur zugunsten einer Partei geschieht, wird der Prozess der Schweigespirale erst gar nicht initiiert oder sogar abgebrochen. Dies verhält sich so, da jede Meinungsgruppe neue Fakten und Argumente, also Artikulationshilfen, braucht, um deren Redebereitschaft zu untermauern. (Vgl. Schenk 1987: 528) Ohne diese Artikulationshilfen oder zu geringen neigen die Gruppen zum Schweigen. Dies geschieht in Unabhängigkeit von den wahrgenommenen Mehrheitsverhältnissen. (Vgl. Noelle-Neumann 1989: 418ff.)

Die vierte Hypothese geht von einer Redebereitschaft der Mitglieder einer Gesellschaft aus, die von den ersten drei Annahmen stark abhängig ist. Unter der Redebereitschaft versteht man die Bereitschaft von Individuen ihre Meinung öffentlich zu äußern, also zu reden. Damit geht einher, dass das Individuum persuasive Absichten hat. Es soll seinen Gegner von der eigenen Position überzeugen wollen. Der „Gegenspieler“ dieser Art von Menschen ist der sogenannte „Avantgardist“ (Noelle-Neumann 2001: 319), der den Werten der Vergangenheit verpflichtet ist und die Isolation durch das Festhalten an der alten Welt so erträgt. (Vgl. Noelle-Neumann 2001: 319)

Somit haben vor allem die Journalisten einen enormen Einfluss auf den Prozess der öffentlichen Meinung. Deren Arbeitsweise und Absichten tragen somit maßgeblich zu einem Wandel von politischen und sozialen Einstellungen und Meinungen bei (vgl. Schenk 1987: 528).

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Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656140993
ISBN (Buch)
9783656141082
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189795
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – IfK
Note
1,7
Schlagworte
Schweigespirale Öffentliche Meinung Noelle-Neumann Theorie

Autor

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