Lade Inhalt...

Der Geschlechterdiskurs in Erich Kästners "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwischenmenschliche Beziehungen im Roman
2.1 Allgemein zu der Beziehung zwischen Männern und Frauen in der Weimarer Republik
2.2 Die Beziehung zwischen Fabian und Cornelia Battenberg
2.3 Die Beziehung zwischen Labude und Leda
2.4 Die Beziehung zwischen Herrn und Frau Moll

3. Die Differenzierung der verschiedenen Frauentypen im Roman
3.1 „Heilige oder Hure“
3.2 Die Grenze der Moralität

4. Die Charakterisierung der verschiedenen Männertypen im Roman
4.1 Vater und Sohn: Die Entwicklung der Moralität in zwei Generationen
4.2 Die Moralität und ihre verschiedenen Zweige

5. Die Betriebe
5.1 Haupts Säle
5.2 Männerbordelle
5.3 Frauenbordelle
5.4 Die „Cousine“
5.5 Frau Sommers Etablissement

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Ende jeder Epoche ist der Beginn einer neuen. Die Epoche der Weimarer Republik hat neue Zustände hervorgebracht, die das Leben der Menschen zu dieser Zeit stark verändert haben. Dieser Übergang von der einen Epoche zur anderen hat hauptsächlich das weibliche Geschlecht beeinflusst. Frauen hatten bis zu dieser Zeit geringe Möglichkeiten und keine Auswahl an Bildung und Arbeitstätigkeit. Ihre Rolle war begrenzt, sie mussten sich um die Familie, den Haushalt und um die Kinder kümmern.

Der Beginn der Weimarer Republik bedeutet für die Frauen, die Erlaubnis an den Wahlen teilzunehmen, an allen deutschen Universitäten zu studieren und zahlreiche Berufe auszuüben.

Das Leben der Frauen hat sich aber auch auf anderen Ebenen verändert, welche auch das männliche Geschlecht beeinflusst haben. Die Frau dominiert nicht nur im Spiel der Geschlechterrollen, sondern auch im Arbeitsbereich. Diese Umstellung hat als Folge eine Redefinition der traditionellen Geschlechterrollen. Negative Konsequenzen sind sinkende Geburtenraten, kleinere Familien und Kritik gegenüber der Frauenemanzipation.

Da die Frauen außer der Kindererziehung sich auch beruflich beschäftigen wollen, zögern sie eine Familie zu gründen. Somit vermeiden sie eine große Familie und deshalb sinken die Geburtenraten. Die Männer üben deswegen Kritik gegenüber dieser neuen Frauenemanzipation aus, da sie sich untergewertet fühlen und ihre Rolle als „Kopf“ der Familie verlieren.

Anhand des Romans „Fabian“ werden wir uns mit diesem neuen Geschlechtermodell beschäftigen. Welche Verhältnisse zwischen den zwei Geschlechtern im Roman ablaufen, welche Berufe die Frauen ausüben und welche Haltung die Männer gegenüber dieser neuen Situation einnehmen.

Die Moral und Unmoral spielt im Geschlechterdiskurs eine große Rolle und wir werden sehen, wie leicht es ist, die Grenze von der einen zur anderen, zu überschreiten.

2. Zwischenmenschliche Beziehungen im Roman

2.1 Allgemein zu der Beziehung zwischen Männern und Frauen in der Weimarer Republik

Zur Zeit der Weimarer Republik haben sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen verändert. Die Ehe wird nicht mehr von den Eltern des Paares arrangiert, sondern beruht auf die persönliche Wahl der beiden Partner. Die Arbeitslosigkeit ist jedoch ein großes Hindernis zur Gründung einer Familie. Es gibt keine Stabilität, keine Sicherheit für den nächsten Tag und es herrscht Pessimismus im Allgemeinen. Deswegen fürchten sich die Menschen so ein Risiko einzugehen. Da man nicht sicher sein kann, dass man auch morgen seine Arbeitsstelle haben wird, werden Männer von der Idee einer Familie entmutigt. Dies wird im Roman deutlich als Fabian die Situation zu Labude erklärt:

Wer von den Leuten, die heute dreißig Jahre alt sind, kann heiraten? Der eine ist arbeitslos, der andere verliert morgen seine Stellung. Der dritte hat noch nie eine gehabt. Unser Staat ist darauf, daß Generationen nachwachsen, momentan nicht eingerichtet. Wem es dreckig geht, der bleibt am besten allein, statt Frau und Kind an seinem Leben proportional zu beteiligen. Und wer trotzdem andere mit hineinzieht, der handelt mindestens fahrlässig.[1]

In diesem Zitat wird die Hoffnungslosigkeit der Menschen stark erkennbar. Man bevorzugt allein zu bleiben, statt die Schwierigkeiten und Probleme einer Ehe zu bewältigen.

2.2 Die Beziehung zwischen Fabian und Cornelia Battenberg

Jakob Fabian und Cornelia Battenberg haben sich zum ersten Mal in Ruth Reiters Atelier getroffen. Ihre Begegnung hat eine lange Diskussion hervorgebracht. Später am selben Abend, nach einem Besuch des Klublokals „Cousine“, stellt Fabian fest, dass er und Cornelia im selben Gebäude wohnen. In Cornelias Wohnung fangen sie an sich zu küssen und das bemerkenswerte daran ist, dass sie sich noch nicht vorgestellt hatten: „Wie heißt du eigentlich?“[2]

Viel Zeit verlieren sie nicht, bevor sie zusammen im Bett liegen und Geschlechtsverkehr haben. Danach beginnen sie einen sehr leidenschaftlichen und ehrlichen Dialog. Jakob erinnert sie an ihre Ansichten, dass alle Männer für ihren Egoismus bestraft werden müssen. Cornelia erklärt, dass sie ihre Meinung nicht geändert hat, aber will für Jakob eine Ausnahme machen: „An dem Vorsatz hat sich nichts geändert, wirklich nicht. Aber mit dir mache ich eine Ausnahme. Mir ist ganz so, als ob ich dich lieb habe.“[3]

Hier wird zum ersten Mal deutlich, dass Cornelia starke Gefühle für ihn empfindet und dass sie ihn nicht nur als Objekt benutzt hat. Weiter können wir sehen, dass Cornelia auch noch weint. Dieser Ausbruch von Gefühlen kann als eine viel erwartete Ankunft eines Mannes in ihren Leben interpretiert werden. Wichtig zu erwähnen ist aber auch die Metapher, die hier benutzt wird. Cornelia erklärt, dass jedes Mal wenn sie einen Mann liebt und mit ihm schläft, sie danach Hunger hat. Somit verbindet sie ihren Hunger mit dem Geschlechtsverkehr. Da ihr Kühlschrank aber leer ist, können wir nur ein logisches Fazit daraus erschließen. Sie hat nicht erwartet so schnell in einer entfremdeten Stadt wie Berlin eine neue Beziehung einzugehen: „Der Hunger hat nur einen Haken. Ich habe nichts zu Essen da. Ich konnte ja nicht wissen, daß ich in dieser fürchterlichen Stadt so bald solchen Hunger bekäme.“[4]

Fabian hat sich im Gegensatz zu Cornelia nicht vom ersten Augenblick in sie verliebt. Der Geschlechtsverkehr ist für ihn, nicht dasselbe wie die Liebe. Langsam enthüllt er ihr seine Gefühle, indem [er] glaub[t], [er] warte[t] nur auf die Gelegenheit zur Treue, und dabei dachte [er] bis gestern, [er] wäre dafür verdorben.[5] Er impliziert damit, dass er vielleicht mit Cornelia die wahre Liebe gefunden hat. In seinem Traum ist jedoch zu erkennen, dass sich ein Glas zwischen ihm und Cornelia befindet und Fabian Angst hat dieses Glas zu zerbrechen, da es ihn vor Verletzungen schützt und ihm ermöglicht alles aus der Distanz zu beobachten: „Aber du hast Angst, das Glas zwischen dir und den anderen könnte zerbrechen. Du hältst die Welt für eine Schaufensterauslage.“[6]

Am Ende ihrer Beziehung ist es erkennbar, dass Fabian Recht hatte, eine Distanz gegenüber Cornelia zu halten, aber es zu spät ist, da er sich in sie verliebt hat und von ihr betrogen wird: „Das Herz tat weh. […] ,Ich wollte mich doch ändern, Cornelia.ʻ “[7]

2.3 Die Beziehung zwischen Labude und Leda

Ihre Beziehung ist eine ständige Routine. Der große Abstand zwischen ihnen, zwischen Hamburg und Berlin, lässt die zwei Liebhaber nicht ihren Alltag genießen. Alles wiederholt sich jede vier Wochen, wenn sie sich treffen. Neuigkeiten erzählen, eine Nacht miteinander verbringen, aber unter diesen Voraussetzungen ist die Beziehung schon zum Scheitern verurteilt. Die Routine hat ihre jahrelange Liebe zueinander zerstört. Diese automatische, nahezu robotische Verhaltensweise wird deutlich als Labude unangemeldet nach Hamburg fährt um Leda zu besuchen, und Leda nach einer Tasse Tee sofort zum Geschlechtsverkehr übergehen will:

Sie hatte Tee und Kuchen zurechtgestellt und begrüßte mich zärtlich. Ich trank eine Tasse Tee und sprach über gleichgültige Dinge. Dann begannen sie sich automatisch zu entkleiden, nahm den Kimono um und legte sich auf die Couch. Da fragte ich, wie sie darüber dächte, wenn wir unsere Beziehung lösten. Sie fragte, was mit mir los sei. Es gelte doch für ausgemacht, daß wir heirateten, sobald ich mich habilitiert habe. Ob ich sie nicht mehr liebe. Ich erklärte, daß es sich darum jetzt nicht handle. Die zunehmende Entfremdung, an der sie die Schuld trage, lasse das Auseinandergehen ratsam erscheinen.[8]

Liebe via Bestellung, ein Satz der ihre ganze Beziehung beschreibt. Sie sollten jetzt miteinander schlafen, weil Labude da ist und er morgen nicht mehr da sei. Lust spielt keine Rolle, und „wenn [er] da sei, müsse die Liebe wie ein Mittagbrot erledigt werden, ob man Hunger habe oder nicht.“[9] Dieser Satz, den Labude bewusst benutzt, zeigt dass die Leidenschaft für Leda nicht wichtig ist um mit ihm zu schlafen. Das bemerkenswerte ist, dass Leda vor wenigen Stunden mit einem anderen Mann im Bett lag. Die Leidenschaft, die Leda zu diesem anderen Mann auf ihrem Balkon zeigt, ist für Labude ein Zeichen, dass ihre Beziehung keine Zukunft mehr hat. Somit ist die Trennung unvermeidbar, da Labude sie heimlich beobachtet hat und ihre Untreue nicht verzeihen kann: „Und wer war der Mann, der heute nacht bei dir schlief? […] Da gab ich ihr eine Ohrfeige und ging fort.“[10]

2.4 Die Beziehung zwischen Herrn und Frau Moll

Das Ehepaar Moll verhält sich nicht mehr nach den traditionellen Geschlechterrollen. Irene Moll ist nicht treu zu ihren Mann, weil er ihre sexuellen Triebe und Phantasien nicht befriedigen kann. Ihr enttäuschendes Liebesleben mit ihrem Mann führt sie dazu, andere Liebespartner aufzusuchen. Als Felix Moll ihre außerehelichen Lustspiele herausfand, blieb ihm nichts anderes übrig als einen Kompromiss mit ihr einzugehen. „[Er] zog [sich] zurück, und sie bevölkerte ihr Schlafzimmer mit Chinesen, Ringkämpfern und Tänzerinnen. Was blieb [ihm] übrig? [Sie] schlossen einen Vertrag.“[11] Dieser Vertrag den das Ehepaar aufstellt ist ein Kontrakt, der Irene erlaubt mit anderen Männern zu schlafen um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne das es Konsequenzen in ihrer Ehe geben wird. Damit sie aber mit anderen Männern Sex haben kann muss von ihrer Seite aus eine Voraussetzung erfüllt werden:

Die Vertragspartnerin verpflichtet sich jeden Menschen, mit dem sie in intime Beziehungen zu treten wünscht, zuvor ihren Gatten, Herrn Doktor Felix Moll, vorzuführen. Spricht sich dieser gegen den Betreffenden aus, so ist Irene Moll angewiesen unverzüglich auf die Ausführung ihres Vorhabens zu verzichten. Jedes Vergehen gegen den Paragraphen wird mit einer hälftigen Kürzung der finanziellen Monatszuwendung geahndet.[12]

[...]


[1] Erich Kästner, Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH& Co. Kg, München, [2007], 75

[2] Ebd.: Erich Kästner [2007], 102

[3] Ebd.: 103

[4] Ebd.: 103

[5] Ebd.: 118

[6] Ebd.: Erich Kästner [2007], 150

[7] Ebd.: 162

[8] Ebd.: 84

[9] Ebd.: Erich Kästner [2007], 85

[10] Ebd.: 85

[11] Ebd.: 22

[12] Ebd.: 22

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656141846
ISBN (Buch)
9783656142355
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189878
Institution / Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Note
1
Schlagworte
Erich Kästner Fabian Geschlechterdiskurs

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Geschlechterdiskurs in Erich Kästners "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"