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Die Inquisition in Österreich im Spätmittelalter

Die Verfolgung der Waldenser und der Juden in Österreich

Seminararbeit 2011 48 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Häretiker – eine Bedrohung für die Kirche
2.1. Die Inquisition
2.2. Wer ist ein Ketzer/Häretiker?

3.Ketzerei und Ketzerverfolgung in Österreich
3.1. Die Ursachen der Häresie
3.2. Die Inquisition in Österreich unter Herzog Ottokar II. Přemysl
3.3. Ketzerverfolgungen zwischen 1311 und 1315
3.4. Häretikerverfolgungen im 14. Jahrhundert
3.5. Die Verfolgungswelle von 1391- 1411
3.6. Die Hussiten in Österreich
3.7. Die Waldenser in Österreich
3.7.1. Die Lebenswelt der Waldenser im 13. Jahrhundert aus Sicht des Passauer Anonymus
3.7.2. Die zwei Gruppen der Waldenser
3.7.3. Die Lebenswelten der Waldenser in Österreich in den Jahren 1312- 1315
3.8. Die Inquisition im restlichen Europa in den 1320er Jahren

4.Die Judenverfolgungen im Spätmittelalter in Österreich
4.1. Vorraussetzungen und Begünstigungen für die Judenverfolgungen
4.2. Die rechtliche Stellung der Juden
4.3. Die Judenverfolgungen um 1300
4.4. Die Verfolgungen um das Jahr 1338
4.5. Die Pest und die Judenverfolgungen ab 1349
4.6. Die Vertreibung der Juden im Jahre 1420

5.Schlusswort: Toleranz

6.Literaturverzeichnis

Die Inquisition in Österreich im Spätmittelalter

Die Verfolgung der Waldenser und der Juden in Österreich

1. Einleitung

Über die Inquisition und die Verfolgung von Häretikern und Hexen gibt es immer noch viele Mythen und Unklarheiten. Die Verfolgung von Ketzern fand auch im Herzogtum Österreich statt. Für den Raum des heutigen Österreichs ist für das Spätmittelalter leider beinahe kaum Quellenmaterial zur Häretikerverfolgung vorhanden. In der folgenden Arbeit versuche ich die Situation der Inquisition bzw. der Ketzerverfolgungen im Raum des heutigen Österreichs für den Zeitraum des Spätmittelalters, etwa von 1250-1500, zu schildern. Dabei gehe ich stärker auf die Waldenser, aufgrund ihrer Bedeutung ein. Weil zur Häretikerverfolgung im Spätmittelalter in Österreich wenig Material vorliegt, versuche ich die Ausprägung der Intoleranz im Rahmen der Judenverfolgung im Spätmittelalter in Österreich mit der Ketzerverfolgung gegenüberzustellen, um so die Bedeutung der Toleranz bzw. Intoleranz für beide Verfolgungswellen aufzuzeigen. Anfangs beschreibe ich allgemein die Bedrohung der Kirche durch Häretiker. In diesem Abschnitt werden auch die Inquisition und der Begriff des Ketzers bzw. Häretikers erklärt. Im nächsten Abschnitt gehe ich auf die Verfolgung von Ketzern in Raum des heutigen Österreich ein. Dabei werde ich kurz auf die Ursachen der Häresie und schließlich auf die einzelnen Hauptphasen der Inquisition in Österreich, wie etwa die Inquisition unter Ottokar II., die Inquisition von 1311-1315, die Inquisition im restlichen 14. Jahrhundert und die Verfolgungen von 1391-1411 eingehen. Als nächstes werden kurz die Hussiten in Österreich behandelt. Das folgende Unterkapitel über die Waldenser in Österreich behandelt die Lebenswelt der Waldenser im 13. Jahrhundert, die zwei Gruppen der Waldenser, die Lebenswelten der Waldenser von 1312-1315 und kurz noch die Inquisition im restlichen Europa in den 1320er Jahren. Das nächste Hauptkapitel bildet die Judenverfolgungen im Spätmittelalter in Österreich. In diesem Kapitel werden die Voraussetzungen und Begünstigungen für die Judenverfolgung und die rechtliche Stellung der Juden in Österreich beschrieben. Schließlich werden in diesem Abschnitt die Judenverfolgungen von 1300, 1338, 1349 und 1420 behandelt. Abschließend versuche ich im Schlusswort, im Sinne des Lehrveranstaltungstitels: „Inquisition und Toleranz“, die Bedeutung der Toleranz für beide Arten von Verfolgungen zu analysieren.

2. Häretiker – eine Bedrohung für die Kirche

Verfolgungen von Andersdenkenden, die als eine tatsächliche oder zumindest als eine mögliche Bedrohung wahrgenommen wurden, traten in der Geschichte häufig auf. Bei den Ketzerverfolgungen im Mittelalter arbeitete die Katholische Kirche eng mit den weltlichen Instanzen zusammen, denn man war sich einig, dass „Abweichler“ von der katholischen Lehre eine fundamentale Bedrohung für alle Gläubigen und für die Einheit des Glaubens und der weltlichen Macht darstellen würden. Die Einheit des Glaubens war daher auch politisch und religiös sehr bedeutend. Die Idee der Toleranz war aus diesem Grund im Mittelalter beinahe unmöglich, denn es ging schließlich um ewiges Leben oder um die Verdammnis. Bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts fühlte sich die Kirche von Ketzern nicht bedroht, da diese meist in kleineren Gruppen auftraten oder Einzelgänger waren. Die üblichen Kirchenstrafen wie die Exkommunikation oder die Suspendierung bei Geistlichen reichten zur Bekämpfung aus und härtere Strafen wie Kerker oder die Todesstrafe blieben die Ausnahme. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden aus Sicht der Kirche und vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Umbrüche bedrohlichere Häretikergruppen, für deren Bekämpfung die Kirche Instrumente zur Abwehr und Verfolgung einsetzte. Die Gruppen der Häretiker waren nun vor allem die Albigenser (auch bekannt als Katharer oder Patarener)[1] und die Waldenser. Im Vergleich zu diesen beiden stärksten Gruppen blieben nachfolgende Gruppen von Ketzern wie etwa die Beginen/Begarden, Freigeister, Apostelbrüder, Lollarden und die Hussiten zeitlich und örtlich stärker begrenzt. Für die Kirche stellten die Katharer eine große Bedrohung dar, weil sie eine eigene Theologie und Liturgie entwickelten und dadurch praktisch eine eigene „Gegenkirche“ mit eigenen Amtsträgern darstellten. Die Katharer und vor allem ihre Führer übten sich in Enthaltsamkeit und Askese, denn sie glaubten, dass die Erlösung nicht durch Christus Tod, sondern nur durch die Enthaltsamkeit des Menschen vom Materiellen erlangt werden könnte. Sie verbreiteten sich relativ rasch in Südfrankreich, Oberitalien, den Rheinlanden und Österreich.[2]

Schon der Babenberger Herzog Leopold VI. (geb. 1176, gest. 1230) beteiligte sich an der Ketzerverfolgung der Albigenser in Frankreich. Vor allem im 14. Jahrhundert kam es zu Ketzerverfolgungen, hauptsächlich in Nieder- und Oberösterreich. 1311/12 wurden mehrere Ketzer gefasst und 1338 und von 1395-1397 kam es in Steyr zu Verfolgungen, bei denen mehrere Hunderte zu Tode kamen. In Österreich waren besonders die Katharer, die auch in Südfrankreich und Italien aktiv waren, stark verbreitet. Später wurden die Waldenser, die sich vor allem über Italien in Österreich ausbreiteten, die stärkste Gruppe von Häretikern in Österreich und es gelang ihnen sogar im niederösterreichischen Maria Anzbach einen Bischof einzusetzen. Österreich war somit bis zum Ende des 14. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum der Waldenser in Mitteleuropa.[3]

Im Gegensatz zu den Katharern wichen die Waldenser nicht so stark von der Kirchenlehre ab und sie galten auch als Vorläufer der reformierten Kirchen des 16. Jahrhunderts. Als einzige mittelalterliche Häretikergruppe haben die Waldenser bis heute überdauert. Begründet wurde die Gruppe Ende des 12. Jahrhunderts von einem reichen Kaufmann aus Lyon mit dem Namen Waldes/Valdes. Er hatte ein Erweckungserlebnis, ähnlich wie Franz von Assisi, und führte seit dem ein apostelähnliches Leben. Die Gruppe vergrößerte sich rasch und fiel der Kirche vor allem durch das Predigen in der Sprache des Volkes negativ auf. Die Kirche verbot dies und schloss somit die Waldenser aus der Gemeinschaft aus. Die Waldenser wollten anfangs nicht die Kirchenlehre verändern. Sie strebten nur eine radikale Nachfolge Christi an. Im Jahre 1184 wurden die Waldenser von Papst Lucius III. (geb. um 1097, gest. 1185) als Häretiker verurteilt. Eine erneute Ächtung als Ketzer erfolgte unter Innozenz III. (geb. 1160/1161, gest. 1216) und unter Innozenz IV. (geb. 1195, gest. 1254) in der Bulle „Ad extirpanda“ 1252.[4]

Erst unter dem Druck der Ketzerverfolgung wichen die Waldenser in einigen Punkten von der katholischen Lehre ab. Abweichungen betrafen vor allem die Sakramente, das Geistlichenamt, die kirchliche Hierarchie und das Predigen in der Volkssprache. Damit waren es keine dogmatischen Unterschiede, wie bei den Katharern, sondern Auffassungsunterschiede vom Auftreten und der Organisation der Kirche, die die Waldenser zu Ketzern werden ließ. Die Waldenser hatten zwar einige Ähnlichkeiten mit den Katharern, aber sie waren stärker an der Wanderpredigt und an der Armut orientiert.[5]

2.1. Die Inquisition

Als Papst Innozenz III. 1215 die neue Prozessform der Inquisition ins Leben gerufen hatte und im Kirchenrecht verankerte, war der Inquisitionsprozess als Disziplinarverfahren gegen Bischöfe und Äbte gedacht. Dabei hatte der Beklagte alle Möglichkeiten der Verteidigung. Die Einführung der Inquisition war entgegen landläufiger Meinungen ein Fortschritt in der Rechtssprechung und Gerichtsbarkeit, denn vorher waren Gottesurteile wie z.B. Feuer- und Wasserproben und später Urteile mit Eidesmännern bzw. Zeugen üblich. In weiterer Folge sah man die Inquisition als mit dem römischen Recht übereinstimmend an und setzte sie auch in der weltlichen Gerichtsbarkeit ein. Eine Verurteilung konnte nur bei vollem Beweis, also einem Geständnis oder zwei übereinstimmenden Aussagen, geschehen. Um zu vermeiden, dass Schwerverdächtige freikommen konnten, beschloss man die Folter, die auch durch das römische Recht legitimiert war, anzuwenden. Später wurde sie auch bei Ketzereiprozessen erlaubt. Durch die päpstlichen Bulle Ad extirpanda von 1252 unter Innozenz IV. wurde die Folter, die nicht nur dem Inquisitionsverfahren vorbehalten war, erlaubt. Zunächst wurde die Folter nur bei Kapitalverbrechen (wie etwa Aufstand und Verrat) zugelassen. Im Mittelalter wurde die Folter bei Inquisitionsverfahren allerdings nicht so häufig wie in der frühen Neuzeit angewandt. Die Inquisition als Mittel zur Ketzerbekämpfung bzw. die Bedeutung der Häretikerverfolgung im Allgemeinen war vor allem auf die Ausbreitung der Volkshäresie als Massenphänomen seit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts zurückzuführen. Ende des 13. Jahrhunderts konnte die Inquisition nur noch wirksam Gesinnungsterror ausüben, wenn sich ihre Interessen auch mit den weltlichen Interessen der Landesherren deckten. Es fand also eine „Politisierung“ und auch „Instrumentalisierung“ der Inquisition durch die Landesherren statt.[6]

Als Rechtsgrundlage für die Inquisition dienten vor allem Beschlüsse aus Synoden des 12. und 13. Jahrhunderts. Hinzu kamen päpstliche Entscheidungen und Satzungen des spätantiken Kaiserrechts, welches Häretiker im 4. und 5. Jahrhundert bereits schwer verfolgte. Für das kirchliche Vorgehen im Reich bzw. für die Zusammenarbeit mit dem weltlichen Arm gegen Häretiker bildeten die Anti-Ketzer gesetzte Kaiser Friedrichs II. (geb. 1194, gest. 1250), die auf die Päpste Gregor IX. (geb. um 1167, gest. 1241) und Innozenz IV. zurückgingen, die Legitimationsgrundlage.[7]

Aufgrund ihres speziellen Auftrages konnten die Inquisitoren das Recht viel schärfer anwenden, als dies früher möglich gewesen war. Die früher nötige Anzeige, um ein bischöfliches Gericht einzuschalten, war nun nicht mehr notwendig. Auch die Zeugenaussagen konnten nun anonym abgegeben werden. Üblicherweise wurde dafür eine sogenannte tempus gratiae, eine dreißigtägige Frist, die für Denunziationen oder Selbstanzeigen genutzt werden sollte, eingerichtet. Der Inquisitor hatte auch die Aufgabe, selbst aktiv nach Ketzern zu suchen. Vor allem die Mitglieder der Bettlerorden, hauptsächlich die des Dominikanerordens oder Franziskanerordens, wurden mit der Aufgabe der Inquisition betraut, daher wurden sie auch als domini canes, die Hunde des Herrn, bezeichnet.[8]

Als Verfolgungs- bzw. Untersuchungsinstrument der Kirche wurde die Inquisition als Institution geschaffen. Seit Papst Gregor IX. wirkte ab 1231 die Inquisition und war durch einen Sonderauftrag des Papstes dazu legitimiert, Ketzer zu verfolgen. Als eigene Institution trat die Inquisition allerdings erst ab Innozenz IV. durch die Bulle ad extirpanda von 1252 auf. Anfangs wurden Inquisitoren vom Papst persönlich ernannt. Diese Inquisitoren hatten meist für eine bestimmte Zeit ein Zuständigkeitsgebiet, was auch oft zu Reibereien mit Bischöfen bzw. den bischöflichen Gerichten führte. Später übernahmen die Bischöfe schließlich selbst die Suche nach Ketzern und ernannten eigenständig Inquisitoren mit entsprechenden Vollmachten.[9]

Die Strafen für Häretiker erstreckten sich von Wallfahrten, öffentlichem „zur Schaustellen“, Zeichen auf der Kleidung bis hin zu Kerkerhaft und der Todesstrafe. Die Todesstrafe wurde meist von weltlichen Instanzen auf dem Scheiterhaufen vollstreckt. Allerdings erfolgten Verbrennungen seltener, als man glauben würde, und es wurden relativ häufig bereits Verstorbene als Ketzer verurteilt, ausgegraben und auf den Misthaufen vor der Stadt geworfen. In der Mitte des 13. Jahrhunderts entstand in Frankreich ein neues Ketzerverfahren, das die Verteidigungsmöglichkeiten des Angeklagten stark einschränkte und auf dem auch der gemeinrechtliche Hexenprozess basierte.[10]

2.2. Wer ist ein Ketzer/Häretiker?

Das Wort Ketzer, was gleichbedeutend mit Häretiker ist, stammt von den Katharern (die Reinen) ab. Die Häresie im Mittelalter und ihre begriffliche Bestimmung hatten ihren Ursprung in der Kirche der Spätantike. Das Wort Häresie, welches den Abfall vom rechten christlichen Glauben bezeichnete, geht auf Paulus (1 Kor 11,19; Gal 5,20; Tit3,10) zurück.[11] Laut Augustinus war ein Ketzer jemand, der die heilige Schrift anders auslegte, als es der vom heiligen Geist verlangte Sinn erforderte.[12] Häretiker war demnach der, der diese abweichende Lehre hartnäckig vertrat. Im Mittelalter wurde ein Ketzer nicht nur als Andersdenkender, sondern auch als direkter Vertreter der Welt Satans auf Erden, der vernichtet werden musste, gesehen.[13]

Für die Kirche galt somit jemand als Häretiker, wenn er die sog. „articuli fidei“, die Glaubensartikel, leugnete. Nicht nur für das Leugnen der Glaubensartikel, sondern auch für ein spezifisches Verhalten, dass auf einen scharfen Gegensatz zum rechten Glauben schließen ließ, konnte man als Häretiker bezeichnet werden. Als Beispiel hierfür gilt die sog. Simonie, d.h. der Handel mit kirchlichen Pfründen. Wichtig beim Häretikerbegriff war, dass jemand, der zwar eine falsche Ansicht vom Glauben hatte, weil er es nicht besser wusste, oder es von den Eltern so erfahren hatte und dies nicht nachdrücklich im Widerspruch zu den wahren Glaubenssätzen verteidigte, kein Häretiker war. Es war demnach wichtig, dass jemand seine Irrlehre mit Hartnäckigkeit verteidigte und auch nach zurechtweisen auf seine falsche Lehre diese nicht widerrief, sondern daran festhielt.[14]

Als die Wurzel für jede Häresie galt im Mittelalter Stolz. Stolz als Häresieursprung war in dem Sinne gemeint, dass die Ketzer der Ansicht waren, sie verstünden die Bibel besser, als die Geistlichen, und befolgten die Gebote Jesu strenger, als die gelehrte Geistlichkeit. Für die Kirche war einer der Gründe für die erfolgreichen Werbungsversuche der Häretiker vor allem, dass die Gläubigen selbst neugierig und leichtgläubig seien und sich daher von den Ketzern leichter abwerben ließen.[15]

3. Ketzerei und Ketzerverfolgung in Österreich

Die Ketzerei bzw. die Ketzerverfolgung in Österreich trat vor allem stark im Raum der alten Diözese Passau, d.h. im heutigen Ober- und Niederösterreich, auf. Dies liegt u.a. an der dichteren Quellenlage für Passau bzw. an der besseren Überlieferung. Es gibt kaum Quellenzeugnisse über Ketzer oder Ketzerverfolgungen im restlichen Gebiet der heutigen Republik Österreich. Für Tirol sind im Mittelalter keine Ketzer überliefert. Lediglich im südlichen Randgebiet der Diözese Trient sind Gruppen von Häretikern anfangs des 14. Jahrhunderts belegt. In Kärnten gab es eine Gruppe von Katharern in den 1230er Jahren. Auch in Salzburg gibt es nur vereinzelte Berichte über Ketzer. Zwar sind in der Steiermark Ketzer erst seit dem späten 14. und frühen 15. Jahrhundert belegt, allerdings gab es dort wahrscheinlich schon früher eine Waldensergemeinde. Diese Waldensergemeinde konnte sich relativ lange unbemerkt von der Inquisition entwickeln. 1391 konnte eine große Zahl von Waldensern verhaftet werden und zur Konvertierung gezwungen werden. Im Jahre 1401 verhaftete der Inquisitor Petrus Zwicker eine Gruppe von Waldensern, die bereits schon in der zweiten Generation der Sekte angehörten, und verbrannte zwischen 80 und 100 von ihnen, weil sie rückfällige Ketzer waren. Die Waldenser waren somit in der Steiermark relativ stark verwurzelt. Im Burgenland sind nur wenige Zeugnisse von Waldenser überliefert, es lässt sich aber darauf schließen, dass es auch dort eine Gemeinde gab, die bereits länger existiert hatte. Hinzu zur schlechten Überlieferungslage kommt, dass die Überlieferung meist nur sehr einseitig von bischöflicher Instanz bzw. der Inquisition stammt und nur in den seltensten Fällen Material von den Ketzern selbst überliefert ist. Ein weiterer Grund für das stärkere Auftreten von Ketzern im Gebiet der Diözese Passau, ist laut dem österreichischen Mittelalterhistoriker Werner Maleczek, dass die Bewohner der anderen Länder zwar nicht frommer waren als die Bevölkerung Ober- und Niederösterreichs, aber, dass eine anspruchslosere Religiosität der inneren Alpentäler vermutet werden kann. Sakramente und Sakramentalien vermischten sich dort mit magischen Praktiken. Das richtige Bibelverständnis und die Lebensumstände des Klerus waren kein Problem für die Bevölkerung der Alpentäler, denn die Priester lebten in denselben ärmlichen Verhältnissen wie die Bevölkerung. Hinzu kam, dass der niedere Klerus am Lande im Mittelalter nicht besser gebildet war als die Bevölkerung. Ein weiterer Faktor war die Tatsache, dass diese Territorien oft einem geistlichen Fürsten auch in weltlichen Dingen unterstellt waren. Dadurch hatten die Bischöfe wenig Interesse an einem Sondergericht wie der Inquisition in ihren Gebieten, denn dadurch wurde ihre Autorität eingeschränkt.[16]

3.1. Die Ursachen der Häresie

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts und vor allem am Beginn des 13. Jahrhunderts wurde Ketzerei zu einem Massenphänomen in Europa. Einige Forscher, wie etwa der marxistische Häresieologe Ernst Werner, sehen die Ursache dafür u.a. in den Veränderungen der sozialen und ökonomischen Strukturen, wie: Erhöhung der Agrarproduktion, Stadtentwicklung und Herausbilden des Bürgertums, Ausbreitung und Differenzierung von Gewerbe und Handel, Zunehmen der Geldwirtschaft, steigernde Mobilität der Bauern, zunehmende Verarmung gewisser Bevölkerungsgruppen, Investiturstreit, Kirchenreformen usw. Eine Gegenmeinung, wonach die Ursache für die Häresiebewegungen der Wunsch, das eigene Leben im Sinne der Evangelien und Apostel zu leben, war, wird ebenfalls von einigen Wissenschaftlern, wie etwa dem deutschen Mittelalterhistoriker Herbert Grundmann, vertreten. Grundmann geht davon aus, dass u.a. aufgrund der Zunahme der Stadtbevölkerung, Anfänge industrieller Produktion und der veränderten Stellung der Frau der Wunsch nach Verwirklichung der christlichen Lehre nach eigenem Bibelverständnis immer größer wurde. Grundmann verwies auch darauf, dass vor allem viele Frauen zu den Ketzern, vor allem zu den Katharern, gehörten. Dies wird damit begründet, weil sich Frauen in diesen Gemeinschaften freier fühlen konnten, als es in ihrem gewöhnlichen Leben möglich gewesen wäre. Der italienische Mittelalterhistoriker Raoul Manselli sah religiöse Motive als die Hauptursache für die Ausbreitung der Häretiker an. Allerdings räumte Manselli ein, dass es durchaus auch Zusammenhänge mit ökonomischen Aspekten gegeben haben könnte. Der deutsche Historiker Arno Borst wies darauf hin, dass die Verbreitung von Häretikern meist auf Zeiten religiöser Erregung folgten. Im Raum der Diözese Passau würde diese Aussage zutreffen, da vor einer Ketzerverfolgungswelle im 14. Jahrhundert die Geißlerzüge in Form einer Massenpsychose auftraten.[17]

Über die Inquisitionen zwischen den Jahren 1253 bis 1274 in der Diözese Passau ist ein Sammelband eines Beteiligten, der vermutlich von einem Mitglied dieser Inquisitionskommission erstellt wurde, vorhanden. Der Autor, den man als den Passauer Anonymus bezeichnet, wahrscheinlich ein Dominikanermönch und selbst (laut der Sekundärliteratur) vielleicht ein Inquisitor, schilderte in seinem Werk die Inquisitionsverfahren. Der Band beinhaltete auch eine Polemik gegen Juden, Ketzer und Heiden. Der Passauer Anonymus führte als Ursachen für die Ketzerbewegungen u.a. folgendes an: Ruhmsucht, Lern- und Lehreifer. Weiters führt er als Grund die Bibelkenntnisse der Ketzer an. Weil die Geistlichen oft selbst schlecht ausgebildet waren und einen verdorbenen Lebenswandel hatten, was der Autor auch selbst zugab, würden sie es für die Ketzer leichter machen, sich als die Nachfolger der Apostel zu positionieren. Weiters führte er an, dass viele Priester unzulänglich und laienhaft in der Verkündigung und respektlos gegenüber den Sakramenten wären. Schließlich nannte er noch den Hass gegen die Kirche als eine Ursache. Er führte auch an, dass ein Priester gar von den Ketzern umgebracht worden war. Dem Passauer Anonymus war allerdings durchaus bewusst, dass der Klerus selbst teilweise für das Fehlverhalten der Geistlichen verantwortlich war. Der Autor nahm die Kritik der Ketzer sehr ernst und führte u.a. auch die Kritik der Ketzer am Kirchenbesitz bzw. am Zehent als Verstoß gegen ein göttliches Gebot an. Die Ketzer vertraten auch den Standpunkt, dass man nur Gott gehorchen müsste und die Kirche daher Götzendienst betreibe. Die Fürsten und Richter verurteilen Ketzer (laut der Meinung der Häretiker), weil sowohl die weltliche als auch die geistliche Gerichtsbarkeit käuflich wären. Für den Passauer Anonymus waren einige Vorwürfe der Ketzer selbst skandalös und er konnte ihre Kritik in einigen Punkten nachvollziehen.[18]

Das Wirken der Priesterschaft im Spätmittelalter entsprach immer weniger den kanonischen Vorschriften und noch weniger den Ansprüchen einer Bevölkerung von Laien, die immer kritischer wurde. Die Priesterausbildung war mangelhaft und uneinheitlich. Oft waren die Priester schlecht ausgebildet, was zudem auch ein Gefahrenpotential für häretisches Gedankengut bildete. Hinzu kamen die schlechte Verwaltung von Kirchenvermögen und der Missbrauch bei der Pfründevergabe bzw. das Verfolgen von eigenen Interessen. Übertroffen wurden diese Missstände durch den unsittlichen Lebenswandel der Geistlichkeit, den jeder täglich selbst sehen konnte. Meist hielten sich die schlecht bezahlten Hilfspriester und Vikare nicht sehr an das Zölibat und verfielen auch oft der Gewinn- und Trunksucht. Der Landklerus verwahrloste daher im 15. Jahrhundert zunehmend und auch die zahlreichen Synoden, Verbote u.ä. konnten daran nichts ändern. Beispielsweise wurde den Konkubinen von Priestern der Besuch von Kirchen, der Empfang der Sakramente und ein ordentliches Begräbnis untersagt. Priester betrieben oft auch eigene Schankbetriebe direkt zu Hause und die Jagd, welche ihnen mehrmals vergeblich verboten wurde.[19]

[...]


[1] Das deutsche Wort „Ketzer“ leitet sich von „Katharer“ (gr. „die Reinen“), die in Frankreich als Albigenser (nach ihrem dortigen Hauptverbreitungsgebiet der Stadt Albi) und in Italien als Patarener bezeichnet wurden, ab.

[2] Vgl. Werner Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, in: Erich Zöllner (Hrsg.), Wellen der Verfolgung in der österreichischen Geschichte (Schriften des Institutes für Österreichkunde 48), Wien 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Georg Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter – von den Anfängen bis in die Zeit Friedrichs III., in: Herwig Wolfram (Hrsg.),Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart (Österreichische Geschichte), Wien 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Peter Segl, Ketzer in Österreich. Untersuchungen über Häresie und Inquisition im Herzogtum Österreich im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte 5), Paderborn/München/Wien/Zürich 1984, S. 296-298 und Isnard Wilhelm Frank, Kirchengeschichte des Mittelalters, Düsseldorf 2008², S. 154-165 und Uwe Neumahr, Inquisition und Wahrheit. Der Kampf um den reinen Glauben. Von Peter Abaerlard und Bernhard von Clairvaux bis Hans Küng und Josef Ratzinger, Stuttgart 2005, S. 42-43 und Josef Lenzenweger/Peter Stockmeier/Johannes B.Bauer/Karl Amon/Rudolf Zinnhobler, Geschichte der katholischen Kirche, Graz/Wien/Köln 1995³, S. 306-313 und F. Donald Logan, Geschichte der Kirche im Mittelalter, Darmstadt 2005, S. 217-229.

[3] Vgl. Pohanka, Österreich im Mittelalter, 2002, S. 78-79 und Alexander Patschovsky, Häresie, in: Bautier Robert-Henri/Auty Robert (Hrsg.) Lexikon des Mittelalters 4. Erzkanzler bis Hiddensee, München 1989, Sp. 1933-1937, hier Sp. 1933-1937 und Logan, Geschichte der Kirche, 2005, S. 217-229 und Hanna Domandl, Kulturgeschichte Österreichs. Von den Anfängen bis 1938, Wien 1992, S. 114-116.

[4] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und Amedeo Molnár, Die Waldenser. Geschichte und Ausmaß einer europäischen Ketzerbewegung, Freiburg, Basel Wien 1993. S. 54-60 und S. 104-109 und S. 150-159 und S. 161-163 und S. 198-200 und Christoph Auffarth, Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen, München 2008, S. 90-96.

[5] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und Lenzenweger/Stockmeier/Bauer/Amon/Zinnhobler, Geschichte der katholischen Kirche, 1995³, S. 306-313.

[6] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und S. 337-338 und Winfried Trusen, Inquisitionsprozeß, in: Robert-Henri Bautier/ Robert Auty (Hrsg.), Lexikon des Mittelalters 5. Hiera-Mittel bis Lukian, München 1989, Sp. 441-442, hier Sp. 441-442 und Winfried Trusen, Gelehrtes Recht im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Bibliotheca Eruditorum 23), Goldbach 1997, S.80-103 und S.157-166 und S. 262-265 und Frank, Kirchengeschichte, 2008², S. 154-165 und Herbert Gutschera/Joachim Maier/Jörg Thierfelder, Geschichte der Kirchen. Ein ökumenisches Sachbuch mit Bildern. Freiburg i.Brg./Basel/Wien, 2003, S. 119-121 und Lenzenweger/Stockmeier/Bauer/Amon/Zinnhobler, Geschichte der katholischen Kirche, 1995³, S. 306-313.

[7] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und S. 337-338 und Trusen, Inquisitionsprozeß, 1989, Sp. 441-442, hier Sp. 441-442 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.80-103.

[8] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und S. 337-338 und Trusen, Inquisitionsprozeß, 1989, Sp. 441-442, hier Sp. 441-442 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.80-103.

[9] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und S. 337-338 und Trusen, Inquisitionsprozeß, 1989, Sp. 441-442, hier Sp. 441-442 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.80-103 und Frank, Kirchengeschichte, 2008², S. 154-165 und Peter Segl, Einrichtung und Wirkungsweise der Inquisitio Haereticae Pravitatis im mittelalterlichen Europa. Zur Einführung, in: Adolf M. Birke/Franz Bosbach/Rudolf Endres/Uta Lindgren/Jörg A. Schlumberger/Peter Segl (Hrsg.), Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter. Mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert und einem Beitrag über religiöse Intoleranz im nichtchristlichen Bereich (Bayreuther Historische Kolloquien 7), Köln/Weimar/Wien/Böhlau 1993, S. 1-38, hier S. 1-7.

[10] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 18-21 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145 und Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 296-298 und S. 337-338 und Trusen, Inquisitionsprozeß, 1989, Sp. 441-442, hier Sp. 441-442 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.80-103.

[11] Vgl. Patschovsky, Häresie, 1989, Sp. 1933-1937, hier Sp. 1933-1937 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.259-263 und Herbert Gutschera/ Joachim Maier/Jörg Thierfelder, Von den Anfängen bis zur Reformation (Kirchengeschichte – ökumenisch 1), Mainz 1995, S. 125-127 und Frank, Kirchengeschichte, 2008², S. 154-165.

[12] Vgl. Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 3 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.259-103.

[13] Vgl. Patschovsky, Häresie, 1989, Sp. 1933-1937, hier Sp. 1933-1937 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.259-263.

[14] Vgl. Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 233-236 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.259-265.

[15] Vgl. Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 233-236 und Trusen, Gelehrtes Recht, 1997, S.259-263.

[16] Vgl. Maleczek, Die Ketzerverfolgung im österreichischen Hoch- und Spätmittelalter, 1986, S. 18-40, hier S. 21-25 und Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 142-145.

[17] Vgl. Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 237-247.

[18] Vgl. Segl, Ketzer in Österreich, 1984, S. 247-251 und Malcolm D. Lambert, Ketzerei im Mittelalter. Häresien von Bogumil bis Hus, München 1981, S. 230-238.

[19] Vgl. Scheibelreiter, Das Christentum in Spätantike und Mittelalter, 2005, S. 13-145, hier S. 108-109 und Lambert, Ketzerei im Mittelalter, 1981, S. 230-238.

Details

Seiten
48
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656142973
ISBN (Buch)
9783656143161
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189935
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Geschichte und Ethnologie
Note
2,00
Schlagworte
inquisition österreich spätmittelalter verfolgung waldenser juden

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Titel: Die Inquisition in Österreich im Spätmittelalter