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Die gegensätzlichen Entwürfe von Schuld und Buße im „Friedewünschenden Teutschland“ und der „Courasche“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Hinführung zur zentralen Fragestellung

II. Hauptteil
2.1 Zu den Autoren
2.2 Die Handlungsverläufe
2.3 Gattungstraditionen Komödie und Schelmenroman
2.4 Struktureller Aufbau
2.5 Sprachliche Besonderheiten
2.6 Darstellung des Krieges
2.7 Figurengestaltung

III. Fazit

I. Einleitung: Hinführung zur zentralen Fragestellung

Die Frage nach der Schuldigkeit des Menschen und dem zur Vergebung durch Gott zu durchlaufenden Bußeweg durchzieht die christliche Theologie von ihren Anfängen an. Bereits im dritten Kapitel der Genesis wird vom Sündenfall des Urpaares Adam und Eva berichtet, deren Fehltritt als „Erbsünde“ auf alle kommenden Generationen übertragen wird. In Religion in Geschichte und Gegenwart wird das christliche Schuldverständnis darauf zurückgeführt, dass „in den Universalreligionen […] ein zentrales Hemmnis der religiösen Einheit des Menschen mit der Wirklichkeit des Heiligen erlebt“ wird.[1] Der Gläubige nimmt also eine Diskrepanz zwischen der eigenen Fehlerhaftigkeit und der in der Vorstellung existierenden Vollkommenheit alles Göttlichen wahr. Während im Alten Testament die verschiedenen Begriffe für Schuld zahlreich sind und sündiges Handeln vielfach definiert ist, zeichnet sich das Neue Testament dadurch aus, dass keine feste Terminologie für Schuld besteht und Synonyme für Schuldigkeit nur sparsam vorkommen.[2] Abschnitte im Neuen Testament, in denen Schuld oder Sünde zur Sprache kommen, haben häufig den Zweck, den positiven Umgang Jesus‘ mit den Sündern zu verteidigen.[3] Die Möglichkeit des Sündigens ist also zwar eine ständige Gefahr für den Christen, im Neuen Testament überwiegt jedoch „die Freude über die Sündenvergebung den Eifer, ein tiefes S.nbewusstsein hervorzurufen.“[4]

Im Barock erreicht die Beschäftigung mit dem Thema des wahren Glaubens und der Buße durch die Zustände während des 30- jährigen Krieges einen Höhepunkt. Bei den von 1618 bis 1648 andauernden kriegerischen Handlungen ist zum ersten Mal im deutschen Raum die Zivilbevölkerung massiv betroffen. Sekundäre Folgen der Plünderungen durch die verschiedenen Heere sind Hunger, Epidemien und eine brachliegende Landwirtschaft. Die Literatur der Zeit beschreibt nicht nur, sondern greift sowohl kritisch als auch propagandistisch ein. Das Flugblatt, bereits 1520 dokumentiert, wird zum ersten Mal für kriegerische Zwecke genutzt. Die Autoren der Zeit bemühen sich, Begründungen für die furchtbaren Leiden zu finden, die große Teile der Bevölkerung erdulden. Die Autoren argumentieren überwiegend theologisch, jedoch mit unterschiedlichen Ansätzen: der Krieg als Strafe für sündiges Verhalten (z.B. Opitz: Trostgedichte Buch 1, S. 200),[5] als Prüfung für die wahren Gläubigen (z.B. Werder: Trauerlied)[6] oder schlicht als menschliches Handeln, das dem göttlichen Willen zuwider läuft (Tscherning: Liebet Friede).[7]

In ihrer diametralen Anlage eines Entwurfs von Sündenfall und Erkenntnis mit dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges faszinieren die beiden für den Barock programmatischen Schriften Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche von Hans Jakob Grimmelshausen und Das friedewünschende Teutschland von Johann Rist. Im Folgenden sollen die beiden Werke in Bezug auf ihre Darstellung von Schuld oder Sündhaftigkeit und Buße gattungstheoretisch, strukturell und inhaltlich vergleichend analysiert werden. Da noch keine namhaften wissenschaftlichen Abhandlungen zu der gewählten Thematik vorhanden sind, stützt sich die vorliegende Arbeit stärker auf die Untersuchung der Werke selbst als auf die Diskussion von Sekundärliteratur.

II. Hauptteil

2.1 Zu den Autoren

Obwohl es nicht immer sinnvoll sein muss, bei der Analyse eines Werkes der Biographie des Dichters große Aufmerksamkeit zu schenken, scheint es im speziellen Falle der beiden Autoren Rist und Grimmelshausen sinnvoll, einige Informationen vorauszuschicken, da die Biografien zum einen Erklärungsansätze für die Unterschiedlichkeit der Texte liefern und zum zweiten sich gerade bei Rist viele persönliche Einstellungen im Werk niederschlagen. Der 1607 geborene Johann Rist wächst als Sohn eines Pastors auf. Nach dem Studium der Theologie, aber auch der orientalischen Sprachen, der Medizin, Chemie und Mathematik in Rostock wird auch er hauptberuflicher evangelischer Pastor. Nebenberuflich ist Rist sein Leben lang ein Schriftsteller von großer Produktivität, vor allem bekannt durch seine geistlichen Lieder und weltlichen Gedichte. Er wird als der wichtigste Propagandist der opitzschen Reform in Norddeutschland angesehen und konnte als einflussreiche Persönlichkeit seiner Zeit maßgeblich zu deren Durchsetzung beitragen. 1647 wird Rist Mitglied der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, 1656 gründete er eine eigene Sprachgesellschaft, den „Elbschwanenorden“. Dieser stellt für den Hamburger Raum bald ein literarisches Zentrum dar. Da Rist durch den Krieg auch persönlichen körperlichen Schaden erfuhr, handelt es sich bei dem im Teutschland ausgedrückten Friedensbestreben auch um einen persönlichen Wunsch.

Im Gegensatz zu Johann Rist wird Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, aufgrund seiner mangelnden Bildung, vom Kreis der bekannten Autoren nicht akzeptiert und nimmt nicht an deren regem intellektuellem Austausch teil. Der drei Jahre nach Ausbruch des Krieges geborene Grimmelshausen stammt aus einer Handwerkerfamilie. Seine Schulbildung wird aufgrund des Kriegsgeschehens abgebrochen, im Laufe seines Lebens übt er zahlreiche Berufe aus und leistet mehrmals Kriegsdienst. Es ist also anzunehmen, dass Grimmelshausen unmittelbarere Eindrücke des Kriegsgeschehens sammelte als Rist. Grimmelshausens Hauptwerk ist der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch, der zusammen mit neun weiteren Schriften den kunstvoll verwobenen Simplicianischen Zyklus darstellt. Während Grimmelshausen heute als bedeutendster deutscher Prosaschriftsteller des 17. Jahrhunderts angesehen wird, erhält er von den bedeutenden Kollegen seiner Zeit keine Anerkennung, da Erzählprosa nach opitzscher Ideologie eine minderwertige Textgattung darstellt.[8]

2.2 Die Handlungsverläufe

Gemeinsam ist der Courage und dem Teutschland, dass in ihrem Zentrum Protagonistinnen stehen, die im Handlungsverlauf nach äußerer Meinung durch moralischen Verfall schuldhaft werden. Die beurteilende, scheinbar objektive Sicht wird im Teutschland durch die Figuren des Merkutio und des Friedens repräsentiert. In der Courasche übernimmt diese Funktion zum einen der Erzähler, der beispielsweise in der Zusammenfassung zu Kapitel 18 eindeutig wertet („Gar zu übermachte Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage“[9] ), zum zweiten der Autor in der Zugab des Autors: „Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling […] lasset euch auch fürterhin diese Lupas nicht betören“.[10]

Inhalt der Courage ist der abenteuerliche Lebensweg der adelig geborenen Lebuschka, die bereits im dritten Kapitel nach einer Prügelei ihren Spitznamen ,Courage‘ erhält. In dem beschriebenen Lebensabschnitt übt sie, wie der Autor selbst, zahlreiche Gewerbe aus, von denen das stetigste die Prostitution darstellt.[11] Zahlreiche Umstände bedingen den stetigen gesellschaftlichen Abstieg und das abnehmende moralische Empfinden der Protagonistin: Zum einen zeigt sich sehr früh, sowohl direkt als auch indirekt, ihre charakterliche Disposition. Sie hat eine kindliche Freude am Krieg, das Lügen (beziehungsweise Sich-Verstellen) fällt ihr leicht und sie legt wenig Wert auf ihre sexuelle Unschuld. Zu ihrer ersten tatsächlichen Lüge wird sie jedoch von den äußeren Umständen gezwungen, nämlich zu ihrer Verkleidung als Mann. Um nicht vergewaltigt oder getötet zu werden, legt ihre Kostfrau ihr diese Verstellung als sinnvoll nahe, auf die Lebuschka auch gerne eingeht: „dann ich bin von Jugend auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischsten herging.“[12] Im Verlauf der Handlung erfährt die Courage jedoch auch auf mehrfache Weise Schaden durch den Krieg und muss ihre Handlungen oft den Gegebenheiten anpassen. So sterben ihr alle Ehemänner bis auf den dritten (also insgesamt fünf Männer) durch den Krieg, von denen sie vor allem ihrem ersten und vierten Mann liebevolle Gefühle entgegengebracht hat. So schreibt sie beispielsweise über ihren ersten Mann: „In allen Okkasionen, sie wären auch so scharf gewesen, als immer sie wollten, käme ich ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten“[13] und über den vierten: „Ich und mein Mann bekamen einander je länger, je lieber und schätzte sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte“.[14] Die Courage läuft während des Krieges immer wieder Gefahr, Opfer sexueller Gewalt zu werden; die zweite Ehe wird von ihr nur eingegangen, um der Vergewaltigung durch mehrere Männer zu entgehen. Im zwölften Kapitel wird diese drohende Gefahr schließlich grausame Realität, als sie auf einen ehemals von ihr gefangengenommenen Major und seine Truppe trifft. Außer ihrer charakterlichen Veranlagung und den Auswirkungen des Krieges ist das menschliche Umfeld der Courage ein weiterer Aspekt, der ihre Entwicklung beeinflusst. Von ihrem ersten Geliebten wird sie belogen und hingehalten, so kauft er ihr beispielsweise ein Hochzeitskleid, obwohl er sie nicht heiraten will: „dass er mir zu Wien ein doll Kleid machen ließe auf die neue Mode […] wormit er mir große Hoffnung machte und mich willig behielte“.[15] Die Witwe und die Magd, mit denen sie in Wien verkehrt, legen ihr beide die Prostitution nahe, statt ihr davon abzuraten.[16] Nachdem die Courage im 25. Kapitel ihr gesamtes Vermögen verliert, ist ihr gesellschaftlicher Abstieg nicht mehr aufhaltbar und sie schließt sich letztlich den Zigeunern an, bei denen es ihr jedoch recht gut gefällt: „Nichtsdestoweniger schickte sich das Zigeunerleben […] wohl zu meinem Humor“.[17]

Rists Schauspiel stellt den Bußeweg der Protagonistin Teutschland dar. Diese verjagt aufgrund ihrer Arroganz und ihres Leichtsinns auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes ihre wahren Freunde und Fürsprecher, nämlich den Frieden, Merkurius und die alten deutschen Helden. Vor allem im Ersten Aufzug werden von diesen Figuren zahlreiche Warnungen zu Teutschlands Charakterwandel ausgesprochen, die diese als unangemessene Kritik ansieht und scharf zurückweist:

Merkurio:„O stoltze Königinn durch des Glükkes schmeichelei über die mahssen sehr aufgeblasen/ und durch die schändliche Wollust von allen Tugenden entfremdet […] Ich bin dazu gesendet/ daß ich […] dir die Wahrheit soll sagen und dich vor dem bevorstehenden Unglükke getreulich warnen“

Teutschland: „Hat denn der lebendiger Teuffel diesen unverschämten Pfaffen aus der Höllen hierher geschikket […]?“[18]

Da Teutschland also im Gegensatz zur Courage mehrfach und eindringlich gebeten wird, ihr Verhalten zu ändern, und sich zudem Personen in ihrem Umfeld befinden, die die geforderten Tugenden auch repräsentieren, nimmt Teutschland viel stärker als die Courage eine konventionelle Position des schuldigen Menschen ein. Auch sie hat zwar negative Vorbilder in ihrem Umfeld (wie die Wollust), ist jedoch im Gegensatz zur Courage nicht auf diese angewiesen und wird vor deren Einfluss gewarnt. Dementsprechend nehmen die urteilenden Figuren im Teutschland (Merkutio und Friede, schließlich auch Gott selbst) eine wesentlich dominantere Position ein als Erzähler und Autor in der Courage.

Nachdem Teutschland die positiv besetzten Figuren von ihrem Königshof vertrieben hat, fällt sie schutzlos einem Hinterhalt ihrer angeblichen Verehrer, der ausländischen Cavaliere Don Anthonio, Monsieur Gaston, Signoro Bartholomeo und Herrn Karel zum Opfer. Als Verbündeten wählen sich die ausländischen Cavaliere den Kriegsgott Mars und weisen diesen an, Teutschland nach allen Möglichkeiten zu quälen, jedoch nicht zu töten, da sie in diesem Falle keinen Nutzen mehr aus ihr ziehen könnten. Nach einem langen Leidensweg erhält das gepeinigte Teutschland von Gott die Hoffnung, den Frieden wieder zu erhalten. Voraussetzung für diesen Akt der Gnade ist Teutschlands aufrichtige Buße, eine klassische Argumentation der lutherischen Glaubenstheorie:

Gott: „Du sprichst/ es sei dir solches alles von Herzen leid: Wolan Teutschland/ daß dieses in der Taht und Wahrheit sich also verhalte/ solches must du mit Besserung deines bißhero bößlich geführten Lebens würklich beweisen.“[19]

[...]


[1] Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 6. Band. Hg. v. Kurt Galling. Tübingen 1962. S. 478.

[2] Vgl. ebd., S. 479, 483.

[3] Ebd., 486.

[4] Ebd., 487.

[5] Opitz, Martin: Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Krieges. Das erste Buch. In: Martin Opitz, Gesammelte Werke. Kritische Ausgabe. Hg. v. George Schulz-Behrend. Stuttgart 1968.

[6] Werder, Diederich von: TrawerLied über die klägliche Zerstörung der Löblichen und Uhralten Stadt Magdeburg. In: Gedichte des Barock. Hg. v. Ulrich Maché und Volker Meid. Stuttgart 1980.

[7] Tscherning, Andreas: Deutscher Getichte Frühling. Rostock, 1646.

[8] Vgl. zum Kapitelpunkt: Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. Von den Anfängen bis zum Ausgang des 19. Jahrhundert. Hg. v. Kurt Böttcher. Leipzig 1987.

[9] Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage. Stuttgart 2010. S. 91.

[10] Ebd., S. 140.

[11] Zum ersten Mal Kap. 5, S. 35.

[12] Grimmelshausen (2010), S. 20.

[13] Ebd., S. 24.

[14] Ebd., S. 59.

[15] Ebd., S. 28.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Ebd., S. 133.

[18] Rist, Johann: Das friedewünschende Teutschland. In: Johann Rist, Sämtliche Werke. Zweiter Band. Hg. v. Eberhard Mannack. Berlin 1972. S. 71 f.

[19] Rist (1972), S. 201.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656142928
ISBN (Buch)
9783656143284
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189940
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Fachrichtung 4.1 - Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
entwürfe schuld buße friedewünschenden teutschland courasche

Autor

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