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Organisation von Gruppenfreizeiten für die Besucher des Förder- und Betreuungsbereiches einer Werkstatt für behinderte Menschen

Projektarbeit 2009 20 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Betrachtung des Freizeitbegriffes - allgemein und im Hinblick auf die Zielgruppe

3. Freizeitbedürfnisse und behinderungsbedingte Benachteiligungen

4. Urlaub und Tourismus im Leben von Menschen mit Behinderung

5. Weitere Gründe für die Teilhabe behinderter Menschen im Freizeitbereich

6. Zum Bedarf von Gruppenfreizeiten im Förder- und Betreuungsbereich des Lebenshilfewerkes Annaberg e.V

7. Planung und Organisation der Gruppenfreizeiten

8. Ist - Stand zur Planung der Gruppenfreizeiten vom 19.12.2008

9. Durchführung der Gruppenfreizeitmaßnahmen

10. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Freizeit ist als Gegenüber von Schule oder Ausbildung im Leben junger Menschen sowie Arbeit oder Arbeitszeit im Leben erwachsener Menschen ein wesentlicher und zugleich täglich aktueller Bestandteil des Lebens. Freizeit kann in Zusammenhang gebracht werden mit Ausspannen und Ausruhen sowie Erholung und Urlaub, was beides als inhaltlicher Gegenstand festzumachen ist. Dies gilt im Verständnis nicht- behinderter Menschen als ein für selbstverständlich angesehenes Recht, auf welches der Mensch Anspruch hat. Ausgehend von dieser Ansicht kann eine Behinderung oder Beeinträchtigung egal welcher Art nichts an diesem Grundsatz ändern, wonach dann behinderten Menschen dasselbe Recht auf Freizeit einzuräumen und anzuerkennen ist. Diese Rechtfertigung soll in dieser wissenschaftlichen Abhandlung genauso einfließen und thematisiert werden, wie weitere auf diese Begrifflichkeit abzielende Theorien und Ansätze. Im praktischen Bezug des Förder- und Betreuungsbereiches spielt die individuelle Freizeit- gestaltung der behinderten Menschen aufgrund des teilstationären Charakters der Einrichtung weniger eine Rolle, sondern vielmehr die Ausgestaltung von Freizeit im Hinblick auf Urlaub bzw. Erholung, was das Thema der Arbeit explizit ausdrückt. Weiterhin erfolgt die Betrachtung von Freizeitbedürfnissen in Verbindung mit Behinderung, der Lebensbereich Freizeit im Leben von geistig und mehrfach behinderten Menschen sowie Urlaub und Tourismus im Leben dieser Menschen. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Abhandlung ist das konkrete Projekt in der Einrichtung. Hierbei geht es um die Frage nach dem Bedarf, der Planung/Organisation und der Durchführung dieser Maßnahmen für die verschiedenen Gruppen des Förder- und Betreuungsbereiches. Der Punkt der Durchführung kann dabei nur aus der Erfahrung vergangener Jahre heraus betrachtet werden, da die Planung im Zeitraum von etwa einem Jahr vor Stattfinden der Freizeit erfolgt. Grund dafür ist die begrenzte Zahl der für dieses Klientel bedarfsgerechten Urlaubsziele in der regionalen Umgebung. In Bezug auf die Planung dieser Urlaubsmaßnahmen bleibt anzumerken, dass diese unter Einbeziehung der jeweiligen Gruppenleitung und in intensiver Kooperation mit dieser stattfindet. Aufgrund zum Teil fehlender Mitwirkung dieser Instanzen konnte die Planung/Organisation im zeitlich begrenzten Rahmen des Praktikums nicht für alle Gruppen zum Abschluss gebracht werden. Dadurch eventuell entstehende Lücken werden mithilfe der Erfahrungen aus der Vorjahresplanung geschlossen.

2. Betrachtung des Freizeitbegriffes - allgemein und im Hinblick auf die Zielgruppe

Um den noch sehr allgemeinen und undifferenzierten Begriff der Freizeit zu bestimmen und einzugrenzen sollen verschiedene Blickwinkel und Ansichten einbezogen werden. Zu Beginn soll dies mithilfe einer Definition geschehen. Der Ansicht von Reinhard Markowetz ist zu entnehmen:

Freizeit, bezeichnet als Komplementärbegriff zu >Arbeitszeit< jenen Teil der menschlichen Lebenszeit, der weder direkt den Anforderungen gesellschaft- lich strukturierter Arbeit unterliegt noch der unmittelbar notwendigen Reproduktion der menschlichen Arbeitsfähigkeit (Schlaf/Essen) dient, sondern als Teil der arbeitsfreien Zeit stärker einer selbstbestimmten, selbstgestalteten individuellen Praxis zur Verfügung steht, gleichwohl aber seine Grenze und gegebenenfalls auch seine Inhalte und Struktur aus dem Bezugsverhältnis zur gesellschaftlichen Form der Arbeit gewinnt ( ) (Cloerkes 2000, S.9)

Das Verständnis von Freizeit wird gegenwärtig von zwei hauptsächlichen Sicht- weisen bestimmt. Zum einen, dass auch Freizeit an sich wesentlich von der Arbeits- welt beeinflusst und bestimmt ist und zum anderen, dass Freizeit ein für sich eigenständiger Lebensbereich ist. Für die individuelle Interpretation des Begriffes können durchaus beide Ansichten von Bedeutung sein, je nachdem wie stark der Mensch in der Arbeitswelt verankert ist und sich darüber hinaus von dieser auch im Privatleben bestimmen lässt. Zum speziellen Verhältnis von Arbeit und Freizeit kann auf eine differenzierte Einteilung Bezug genommen werden, welche drei grund- legende Positionen unterscheidet:

1. Es gibt keine autonome von der Berufswelt emanzipierte Freizeit mit eigen- ständigem Sinngehalt. Freizeit kann nur in Bezug auf sinnvolle Arbeit sinnvoll sein.
2. Freizeit ist gegenüber Arbeit in dem Maße autonom, wie die Arbeit selbst funktionalisiert ist und nur noch partielle menschliche Entfaltungsmöglich- keiten bietet.
3. Freizeit und Arbeit bedingen sich zwar wechselseitig, Freizeit ist dabei aber auch als Gegenkraft im Kampf gegen den modernen Arbeitsmythos zu ver- stehen. Sie kann sich partiell emanzipatorisch von der Arbeit befreien. (vgl. Cloerkes 2000, S.10/11)

Freizeit ist also niemals losgelöst zu betrachten, sondern steht immer in Bezug zu Arbeit. Vor allem bei schwerer körperlicher Tätigkeit dient Freizeit wohl überwiegend der Regeneration körperlicher Kräfte und weniger der selbstbestimmten freien Aus- gestaltung. Aufgrund verschärfter Arbeitsmarktbedingungen, unter denen behinderte Menschen nicht oder stark eingeschränkt berufstätig sein können, verliert dieser Aspekt jedoch wesentlich an Bedeutung. Daher stellt sich für diese Menschen die Frage nach sinnvoller Ausgestaltung der individuell frei verfügbaren Zeit. Für das Klientel des Förder- und Betreuungsbereiches ist der Platz, den sie in der Einrichtung einnehmen zwar als Arbeitsverhältnis anzusehen, jedoch liegt hier der Fokus nur sehr bedingt auf „Arbeit“ oder „Produktion“, sondern vielmehr auf Betreuung und sinnvoller Tagesgestaltung. Es liegt daher nahe, den Freizeitbegriff unabhängiger von Arbeit zu betrachten. Für diese Klienten ist Freizeit zwar das Maß an frei verfügbarer Zeit, welches nach Abzug der Arbeitszeit übrig bleibt, dieser Zeit- rahmen ist jedoch intensiv durch pflegerische und therapeutische Maßnahmen eingeschränkt, die aufgrund der Abhängigkeit dieser Menschen von Betreuung, mitunter nicht selbstständig regulierbar sind. Opaschowski führt einen positiven Freizeitbegriff an, der diesen Begriff als „freie Zeit, die durch freie Wahlmöglich- keiten, bewusste Eigenentscheidung und soziales Handeln charakterisiert ist“ (Cloerkes 2000, S.11) versteht. Ziel dessen ist es, nicht mehr in Arbeits- und Freizeit zu trennen, sondern beides in gemeinsamer Einheit zu verstehen. Diesen Gedanken weiterführend stellt sich beides zusammen als Lebenszeit dar, „die durch mehr oder minder große Dispositionsfreiheit und Entscheidungskompetenz charakterisiert ist. Je nach vorhandenem Grad an freier Verfügbarkeit über Zeit und entsprechender Wahl-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit lässt sich die gesamte Lebenszeit als Einheit von drei Zeitabschnitten kennzeichnen“. Diese sind:

- frei verfügbare, einteilbare und selbstbestimmbare Dispositionszeit (tatsächliche freie Zeit[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]selbstbestimmt, Bsp. Urlaub, Vereinsarbeit)
- verpflichtende, bindende und verbindliche Obligationszeit (gebundene Zeit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zweckbestimmt, Bsp. Schlafen, Essen)
- festgelegte, nicht freiwillige und abhängige Determinationszeit (abhängige Zeit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] fremdbestimmt, Bsp. Arbeit, Krankheit) (vgl. Cloerkes 2000, S.11)

Freizeit befindet sich demnach in einem ständigen Fluss zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Da nun die Obligationszeit aufgrund notwendiger Pflege- und Therapiemaßnahmen bei den speziellen Klienten im täglichen Zeitbudget neben der Determinationszeit einen enormen Raum einnimmt, gewinnt die vergleichbar minder ausfallende Dispositionszeit an Bedeutung. Dafür muss den behinderten Menschen das Recht zukommen, diese Zeit auch tatsächlich frei und selbstbestimmt nutzen zu können, was durch den zugesprochenen Status der Bedürftigkeit und ständigen Abhängigkeit von Anderen wesentlich erschwert wird. Nichtbehinderte Menschen beanspruchen jedenfalls, frei darüber zu entscheiden, wie, wo und mit wem sie ihre „freie Zeit“ tatsächlich verbringen möchten. Eine bestehende Mobilitäts- und/oder Kommunikationseinschränkung rechtfertigt es nicht, behinderten Menschen diesen Anspruch abzusprechen, wobei als Grund gerne angeführt wird, dass sich die betroffenen Personen ohne fremde Hilfe nicht zurecht finden würden, was wiederum einer subjektiven Zuweisung entspricht. In dem Maße, wie die Dispositionszeit klein gehalten wird, erhöht sich dementsprechend die Obligationszeit, was bedeutet, dass der beeinträchtigte Mensch seinerseits beansprucht, beschäftigt und betreut zu werden. Demnach ist beiden Seiten nicht geholfen, dem behinderten Menschen wird das Recht auf Selbstständigkeit verwehrt und der nichtbehinderte Mensch schränkt sein eigenes frei verfügbares Zeitbudget ein, da er der Einschätzung verfällt, sich ständig um die auf ein gewisses Maß an Unterstützung angewiesene Person kümmern zu müssen. Speziell für die Sonderpädagogik geht Theunissen in der Interpretation des Freizeitbegriffes einen nächsten Schritt und erweitert den positiven Freizeitbegriff zu einem Modell der Lebenszeit, welches von „6 Zeiten“ ausgeht: (berufliche) Arbeitszeit, Verpflichtungszeit, Bildungszeit, Versorgungszeit, freie Dispositionszeit sowie Ruhe- oder Schlafenszeit. Freizeit soll Zeit sein, über die das Individuum frei verfügen soll und in der es selbst gestalten und eigene Initiativen verwirklichen kann (vgl. Cloerkes 2007, S.311/312). Alle diese Theorien erweitern jedoch das frei verfügbare Zeitbudget eines mehrfach und/oder schwerbehinderten Menschen nicht, sie unterteilen es lediglich und vergeben verschiedene Zuordnungen. Auch nach dem 6-Zeiten-Modell ist nur die aufgeführte Dispositions- zeit frei von jeglicher Fremdbestimmung und steht zur individuellen Ausgestaltung bereit. Da die Schwere und der Ausprägungsgrad einer Behinderung sich unweigerlich auch auf die Quantität und Qualität der Freizeitbeschäftigung eines Menschen auswirkt, soll abschließend auf mögliche durch Behinderung ausgelöste Erschwernisse eingegangen werden.

W. Kerkhoff nennt dazu einige allgemeine Erschwernisse, welche unterschiedlich ausgeprägt und wirksam sein können:

- unmittelbare Folgen der Schädigung (fehlende Mobilität, erforderliche Begleitperson, visuelle oder akustische Verkehrsbeeinträchtigungen, ...)
- familiäre Bindung durch Überbehütung und Vereinnahmung seitens eines Elternteiles (überstarke Gefühlsbindung, geringer Verselbstständigungsgrad)
- zeitliche Ausdehnung alltäglicher Versorgungs-, Hygiene- und Gesundheits- maßnahmen (mehr Zeit/Aufwand für Körperpflege, Essen, Gehen, ...)
- Erreichbarkeitsprobleme (Fahrangebotsprobleme, Überwindung zu großer räumlicher Entfernungen, Gefährdung durch Verkehr, ...)
- Selbstisolierungstendenzen (Rückzug, Vermeidung unbekannter sozialer Strukturen, Gefühl von Überflüssigkeit, ...) (vgl. Cloerkes 2007, S.315/316)

3. Freizeitbedürfnisse und behinderungsbedingte Benachteiligungen

Verbunden mit dem Freizeitbegriff lassen sich verschiedene Bedürfnisse unter- scheiden, die grundsätzlich zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen gleich sind. Eine bestehende Behinderung bedeutet nicht, dass diese Bedürfnisse nicht vorhanden sind, sie kann jedoch zu Problemen bei der individuellen Befriedigung und zu anderen Ausdrucksweisen führen. Auch wenn ein Mensch seine Wünsche und Interessen diesbezüglich nur schwer oder gar nicht anderen Personen mitteilen kann, heißt es nicht, dass diese nicht existent sind. Ein wesentlich wichtiger Punkt in der Betreuung ist es, um diese Bedürfnisse zu wissen und den betroffenen Menschen Möglichkeiten zu schaffen diese zu äußern, um dann dementsprechende Freizeitmaßnahmen zu schaffen oder zu etablieren. Der Begriff Freizeit beinhaltet unter anderem die Bedürfnisse (und damit verbundene Benachteiligungen für Menschen mit Behinderung:

- Kompensation (Ausgleich, Ablenkung, Vergnügen) [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] mangelnde Mobilität durch nicht barrierefreie Umwelt, ungenügende Freizeitangebote

- Kontemplation (Selbsterfahrung/Selbstfindung) [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Abhängigkeit von Betreuungspersonen, Bevormundung, Isolation unter behinderten Menschen

- Partizipation (Beteiligung, Mitbestimmung, Engagement) [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Fremdbestimmung durch andere Personen/Institutionen, Entscheidungen durch Stellvertreter

- Rekreation (Erholung, Ruhe, Wohlbefinden) [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Abhängigkeit von Anderen, z.B: Lageveränderung, Zeiteinteilung, Körperpflege (vgl. Cloerkes 2000, S.13/14)

Diese Auflistung zeigt, dass die Befriedung derartiger Bedürfnisse für behinderte Menschen stark von ihrem sozialen Umfeld abhängt, da sie auf ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Maß an Unterstützung und Hilfe angewiesen sind. Von Behinderung beeinträchtigte Menschen befriedigen diese Bedürfnisse entsprechend ihren individuellen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungskompetenzen und mit den ihnen zur Verfügung gestellten Hilfen. Dies drückt sich als Freizeitverhalten aus, welches von Mensch zu Mensch je nach Interessen variiert, aber durch äußere soziale und ökonomische Faktoren beeinflusst wird und auch beeinträchtigt werden kann. Menschen mit Behinderung müssen Möglichkeiten und Aktionsräume geschaffen werden, diese Bedürfnisse auszudrücken und sie ihrem Umfeld gleich auf welche Weise mitteilen zu können. Desweiteren müssen diese Menschen grund- sätzlich über die gleiche Auswahl an Freizeitangeboten wie nicht behinderte Menschen verfügen können. Inwieweit diese Gesamtheit bedarfsgerecht und zugänglich gestaltet ist, heißt es zu überprüfen. Zudem braucht es dann weiterhin bei dem Ausleben des Freizeitverhaltens dieser Menschen individuell notwendige Hilfen, d.h. begleitend, nicht betreuend zur Seite stehen und den Menschen Raum für ihre eigene Ausgestaltung gewähren und zugestehen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656144106
ISBN (Buch)
9783656144229
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189978
Institution / Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn
Note
Schlagworte
Freizeit Menschen mit Behinderung WfbM Förder- und Betreuungsbereich

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