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Die Drogenkarriere als besondere Karriereform am Beispiel von Christiane F.

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlungsüberblick

3. Devianz

4. Der Einstieg in die Drogenkarriere

5. Der Übergang zum regelmäßigen Drogenkonsum
5.1. Das Erlernen des Drogenkonsums
5.2. Die Überwindung sozialer Schranken

6. Übergang zu harten Drogen und Abhängigkeit

7. Reaktionen auf Drogenabhängigkeit
7.1. Innerhalb der Szene
7.2. Verwandte
7.3. Staatliche Kontrollen

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der 1978 erfolgten Veröffentlichung des Buches ÄWir Kinder vom Bahnhof Zoo“, rückte die bislang nur aus den USA bekannte Drogenproblematik in das Zentrum der Aufmerksamkeit der deutschen Bevölkerung. Das vom Stern herausgegebene Buch der Autoren Horst Rieck und Kai Hermann, erzählt die Geschichte der Christiane F., die bereits im Alter von 12 Jahren mit Drogen in Berührung kam. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass im Zuge der Nachbearbeitung des ursprünglichen Wortprotokolls von Christiane hier und da eine bewusste Überzeichnung seitens der Autoren stattgefunden hat. Dennoch ist das Endprodukt eine sehr genaue Beschreibung von Vorgängen und Praktiken innerhalb der Drogenszene. Die Schilderung der Erlebnisse von Christiane F. bildet in ihrer Genauigkeit eine geeignete Ausgangsbasis für das Ziel dieser schriftlichen Arbeit. Unterstützt durch ÄWir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sollen Strukturmerkmale der Drogenkarriere als besondere Devianzkarriere herausgearbeitet und aufgezeigt werden, inwiefern sich diese von der herkömmlichen Karriere unterscheidet. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Um ein Bild des im Buch beschriebenen Lebensabschnitt von Christiane F. zu vermitteln, soll die Handlung des Romans zu allererst grob zusammengefasst werden. Im Anschluss daran wird der Begriff der Devianz erläutert werden, da dieser untrennbar mit einer Drogenkarriere verbunden scheint. Anschließend wird der Verlauf der Drogenkarriere, unterstützt durch Beispiele aus den Schilderungen von Christiane F., nachgezeichnet und auf Besonderheiten hingewiesen. Abgerundet wird die Arbeit durch eine Darstellung der unterschiedlichen Perspektiven, durch die so eine Drogenkarriere wahrgenommen wird. Durch eine Zusammenfassung der Erkenntnisse wird die Arbeit abgeschlossen.

2. Handlungsüberblick

Christiane F. zieht mit ihrer Schwester und ihren Eltern im Alter von sechs Jahren nach Berlin in die Hochhaussiedlung Gropiusstadt. Ihr Vater übt immer wieder häusliche Gewalt an den beiden Kindern und ihrer Mutter aus. Daraufhin trennen sich die Eheleute und Christiane wohnt daraufhin bei ihrer Mutter, ihre Schwester beim Vater. In der Schule hat Christiane zuerst Schwierigkeiten sich in den Klassenverband einzufügen, schließt aber nach einiger Zeit Freundschaft mit einer Mitschülerin. Über diese gelangt sie auch zum ‚Haus der Mitte’ einem evangelischen Jugendhaus. Dieses wird zusammen mit den dortigen Jugendlichen schnell zur zweiten Heimat, da Christiane ständig im Streit mit dem neuen Freund ihrer Mutter liegt.

Über ihre Clique kommt sie auch in den ersten Kontakt mit Haschisch. Diese erste Drogenerfahrung wird durch den Konsum von Tabletten, so genannten Trips, weiter fortgeführt und regelmäßig praktiziert.

An den Wochenenden zieht es Teile der Clique zunehmend in das Sound, eine Diskothek, in der auch härtere Drogen wie Heroin zunehmend an Popularität gewinnen. Obwohl sich alle einig sind, dass Heroin einem Todesurteil gleichkommt, verfällt einer nach dem anderen aus Christianes Bekanntenkreis, unter anderem auch ihr Freund Detlef, der Droge. Im Alter von dreizehn Jahren probiert auch Christiane davon und snieft Heroin durch die Nase. Bereits einige Monate später, mit bereits vierzehn Jahren, spritzt sie sich das Rauschgift zum ersten Mal und wird von da an zur regelmäßigen Fixerin. Da mittlerweile die Beschaffung des nächsten Schusses eine zunehmende Bedeutung in Christianes Leben hat, sieht sie für sich keine andere Möglichkeit als es ihrem Freund Detlef gleichzutun und sich zu prostituieren, um so ihre Drogensucht finanzieren zu können. Ihre Mutter merkt von der Heroinsucht ihrer Tochter erst etwas, als diese sich einen Schuss im Badezimmer setzt. Von einem gemeinsamen Entzugsversuch mit Detlef verspricht sich Christianes Mutter viel. Allerdings werden die beiden schon nach kurzer Zeit rückfällig und gleiten in den gewohnten Lebensstil von Fixern zurück. Christiane F. wird in der Folgezeit immer wieder von der Polizei aufgegriffen oder für neuerliche Entzugsversuche zu Verwandten abgeschoben. Zusätzlich dazu verschlimmert sich ihr Gesundheitszustand über die weitere Zeit, da ihre Leber von dem Heroinkonsum schwer in Mitleidenschaft gezogen ist. Erst als Christiane wieder einmal von der Polizei festgenommen wird, schiebt ihre Mutter sie endgültig zu Verwandten in der Nähe von Hamburg ab. Am Ende des Buches scheint sie den Absprung vom Heroin, nicht aber von Drogen an sich geschafft zu haben, da in ihrer neuen Clique nur Haschisch konsumiert wird.

3. Devianz

Im Zuge dieses Themas, der Drogenkarriere von Christiane F., muss man sich unweigerlich mit Devianz auseinandersetzen. Das deviante oder auch abweichende Verhalten scheint sich durch die komplette Karriere der Protagonistin zu ziehen.

Wann immer Menschen miteinander leben, das können kleine Gruppen, Gemeinschaften oder ganze Gesellschaften sein, werden Regeln des Zusammenlebens vereinbart. Normen und Werte sind nur ein Beispiel für derartige Vereinbarungen. Gesetze stellen dabei eine institutionalisierte Form dieser Regeln dar.

Ganz allgemein kann man sagen, dass ein Verstoß gegen dieses gesellschaftlich geformte Regelwerk als abweichendes Verhalten bezeichnet wird, welches oftmals auch entsprechend sanktioniert wird. Allerdings ist hier eine genauere Betrachtung vonnöten. Gerade weil die Regeln von der Gesellschaft gemacht werden und der Verstoß gegen die Regeln das deviante Verhalten markiert, kann man auch behaupten, dass Devianz erst von der Gesellschaft geschaffen wird. Genauer gesagt: Die Devianz ist kein Akt des Regelbrechers, sondern eine Etikettierung des Regelbruchs an sich. Als deviant gilt also das, was andere Leute als deviant empfinden. (vgl. Becker 1966: S. 11 f.) Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass ein vermeintlich deviant handelnder Akteur gar keine abweichende Handlung vollzogen haben muss. Die Existenz vieler verschiedener Regelsets, denen ein jeder Akteur gleichzeitig unterworfen ist, kann zu einem Dilemma für den Handelnden führen: Laut dem einen Regelset ist seine aktuelle Handlung als konform einzustufen, während sie nach einem anderen als deviant gilt.

Howard Beckers Vier-Felder-Tafel der verschiedenen Formen von Devianz führt diesen Gedanken fort (vgl. Becker 1966: S. 20). Abhängig davon, ob das gehorsame beziehungsweise deviante Verhalten des Handelnden von seiner Umwelt als deviant oder eben nicht als deviant wahrgenommen wurde, ergeben sich verschiedene Ausprägungen. Neben ÄConforming“ und ÄPure deviant“, sozusagen den Extremtypen, ergeben sich auch die zwei Ausprägungen ÄFalsely accused“ und ÄSecret deviant“. Falsely accused kommt dann zustande, wenn das eigentlich konforme Verhalten als abweichendes Verhalten etikettiert wird. Diese Form fälschlicher Beschuldigung kann sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln: Wer zum Beispiel ständig als Dieb bezeichnet wird und von allen Seiten auf diese Art stigmatisiert wird, bei dem dürfte die Hemmschwelle für einen Diebstahl deutlich niedriger angesiedelt sein, als bei jemandem der nicht mit solchen Beschuldigungen konfrontiert wird.

Die Ausprägung ÄSecret deviant“ kommt immer dann zustande, wenn das deviante Verhalten nicht als solches wahrgenommen wird oder überhaupt nicht bemerkt wird. Oftmals bemüht sich der deviante Akteur auch darum sein regelwidriges Verhalten vor der Umwelt zu verstecken. Die Devianz an sich und die zuletzt erwähnten Mischformen prägen die Drogenkarriere von Christiane F. deutlich.

4. Der Einstieg in die Drogenkarriere

Dass Geisteskranke nicht an seelischen Krankheiten sondern an Zufällen leiden, behauptet Erving Goffman in seinem Buch ‚Asyle’ (vgl. Goffman 1961: S 135). Diese These basiert auf seiner Untersuchung der moralischen Karriere des Geisteskranken. Laut Goffman können diese mitunter gar nichts für ihre Einweisung, sondern werden lediglich zu einem Opfer ihrer Umwelt. Damit lässt sich schon ein zentrales Merkmal einer Karriere ausmachen. Der Akteur selbst hat nicht die alleinige Kontrolle über den Verlauf. Eher kann man von einem Zusammentreffen von Selbst- und Fremdselektionen sprechen (vgl. Luhmann 1987: S. 189). Dieses Zusammenspiel von Bedingungen lässt sich auch anhand des Einstiegs in die Drogenszene nachvollziehen.

Um überhaupt erst eine Devianzkarriere zu beginnen ist es nötig, dass eine Grenze vom Akteur überschritten wird - und zwar ganz bewusst. Der Handelnde entscheidet sich also aktiv für ein deviantes Verhalten. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum man nach den obigen Ausführungen zur Devianz überhaupt so einen Weg einschlagen sollte. Hier kommt erneut das Argument Goffmans zum Tragen: Die Handlungsmacht des Akteurs wird auch durch seine Umwelt bestimmt.

Im Falle von Christiane F. lässt sich das äußerst gut nachzeichnen. Aufgrund ihrer Anschlussschwierigkeiten in der Schule muss sie andere Mittel finden, um sich die Anerkennung ihrer Umwelt zu verschaffen:

ÄIch unterbrach die Lehrer mit Zwischenrufen, ich widersprach. Manchmal, weil ich recht hatte, und manchmal nur so. Ich kämpfte wieder einmal. Gegen die Lehrer und die Schule. Ich wollte Anerkennung.“ (Hermann/Rieck 2001: S. 41).

Der Einstieg in die Drogenkarriere wird letztlich durch die Einnahme einer Droge markiert. In vielen Fällen kommen weiche Drogen wie Haschisch zum Einsatz. Der Erstkonsument steht Drogen meist mit einer ambivalenten oder positiven Haltung gegenüber. Einerseits hat er das Wissen, dass Rauschgift illegal ist, zum anderen wird diese Erkenntnis durch den Bekanntenkreis und Freunde, die Drogen konsumieren, abgeschwächt. Das trifft auch auf Christiane zu:

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656144267
ISBN (Buch)
9783656144571
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190018
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Karriere Drogen Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Christiane F. Negativkarriere Devianz

Autor

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