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Macht in der Partnerschaft. Symmetrische und komplementäre Partnerschaften

Diplomarbeit 2003 96 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Erklärungen zum Machtbegriff
1.1. Systemische Betrachtungsweise von Macht
1.2. Machtmittel

2. Grundlagen des systemischen Denkens
2.1. Grenzen
2.2. Regeln
2.3. Kommunikation

3. Die Partnerschaft
3.1. Die Verliebtheit
3.1.1. Austauschtheorie und Verliebtheit
3.2. Die dauerhafte Liebe
3.2.1. Nähe und Distanz
3.2.2. Quid pro quo Prinzip
3.2.3. Gegenseitigkeit
3.2.4. Ko-evolution

4. Einfluss der Herkunftsfamilie auf die Partnerwahl und die Partnerschaft
4.1. Das Kollusionskonzept nach Willi
4.2. Familiendynamische Betrachtungsweise
4.3. Der Einfluss der Herkunftsfamilie auf die Machtverhältnisse in der Partnerschaft

5. Machtkonstellationen in der Partnerschaft
5.1. Symmetrische Partnerschaften
5.1.1. Egalitäre Partnerschaft
5.1.2. Streitpaare
5.1.3. Pseudoharmonische Partnerschaft
5.2. Komplementäre Partnerschaften
5.2.1. Manifeste und latente Macht
5.3. Verdeckte Machtverhältnisse

6. Beratungsansätze
6.1. Der Paarkonflikt
6.2. Hilfe aus der Krise
6.2.1. Metaphern
6.2.2. Umdeutung
6.2.3. Paradoxe Intervention
6.3. Wiederannäherung

7. Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Die vielfachen Erwartungen von Paaren an das gemeinsame Leben bringen nicht nur Harmonie, Intimität und gegenseitige Liebe hervor, sondern auch Hindernisse, die bewältigt werden müssen. Das Thema Macht in der Partnerschaft stellt dabei nur einen Bereich dar, der sich aber auf viele Bereiche der Partnerschaft auswirken kann. Die Machtverhältnisse in einer Partnerschaft müssen einvernehmend als befriedigend empfunden werden. Gelingt dies nicht, so ergeben sich daraus Konflikte, die zu einer Paarkrise führen können.

Das erste Kapitel dieser Arbeit befasst sich mit dem Machtbegriff. Dabei sollen die allgemeinen Vorstellungen von Macht von der systemischen Betrachtungsweise unterschieden werden. Das systemische Verständnis von Macht und die austauschtheoretischen Erkenntnisse bilden den Hintergrund für die Bearbeitung des Themas.

Im zweiten Kapitel wird Bezug genommen auf das systemische Verständnis von Partnerschaft. Die Gestaltung der Partnerschaft im Hinblick auf Grenzen, Regeln und Kommunikationsmuster ist für die systemische Beratung grundlegend.

Im dritten Kapitel wird der Verlauf der Partnerschaft von der Verliebtheit bis zur dauerhaften Partnerschaft dargestellt. Der passive Genuss der Verliebtheit stellt sich mit der Phase der Entidealisierung ein. Der Übergang zur festen Partnerschaft und das Aufrechterhalten der Partnerschaft ist von aktiver Beziehungsarbeit geprägt. Die nähere Beleuchtung der Nähe-Distanz-Regulation, des quid pro quo Prinzips, der Gegenseitigkeit und der Ko-evolution vermitteln die Komponenten der dauerhaften Liebe. Es sollen dabei Gründe herausgestellt werden, die die Machtausbildung in der Partnerschaft begünstigen.

Welchen Einfluss die Herkunftsfamilie auf die Paargestaltung nimmt, ist Thema des vierten Kapitels. Hierbei sollen verschiedene Betrachtungsweisen darüber Aufschluss geben, ob sich die bisherigen Erfahrungen der einzelnen Partner auf die Machtposition in der Partnerschaft auswirken und wie sich eine Machtstruktur in der Partnerschaft entwickeln kann.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen Machtkonstellationen in der Partnerschaft. Es werden Beispiele für symmetrische und komplementäre Partnerschaften dargestellt. Aus der Konkretisierung von verschiedenen Partnerschaften, sollen Konsequenzen für die Beratung abgeleitet werden.

Bei den Beratungsansätzen im sechsten Kapitel wird zunächst unterschieden zwischen dem psychoanalytisch orientierten Ansatz und dem systemtheoretischen Ansatz. Dem systemtheoretischen Ansatz soll dabei weiterhin die Aufmerk-samkeit gelten. Anhand von therapeutischen Techniken und der Widergabe der Grundzüge der systemischen Beratung soll Bezug genommen werden auf die Macht in der Partnerschaft.

Zur Sprachregelung ist anzumerken, dass ich mich auf die männliche Darstellung beschränke, z. B. d er Partner oder der Berater. Die Ausführung beider Formen würde den Lesefluss stören.

Ich habe den Begriff der Partnerschaft verwendet, der sowohl für die Ehe steht, als auch für eine dauerhafte Lebensgemeinschaft Nichtverheirateter.

1. Erklärungen zum Machtbegriff

Macht ist ein geläufiger Begriff, der dennoch nach Erklärung verlangt.

Macht ist meist mit negativen Assoziationen besetzt und wird umgangssprachlich im Sinne von Herrschaft, Gewalt, Befugnis und Ausbeutung verwandt. Um die Macht in der Partnerschaft näher untersuchen zu können, ist es notwendig den Machtbegriff zu klären. Da Macht ein Konstrukt ist, also eine Idee in den Köpfen unserer Gesellschaft, gibt es viele Definitionen, leider keine allgemeingültige.

Napier führt eine Definition von Macht an, die besagt: „Macht heiße die Fähigkeit, den gewünschten Effekt auf das Verhalten anderer zu haben.“ (Napier, 1991, S.135). Andere Definitionen beschreiben den Machtbegriff ähnlich, im Sinne von eigener Willensdurchsetzung oder die Beeinflussung anderer (vgl. Weber, 1984, S.89 / Fries, 1986, S.11). In bezug auf das soziale System der Partnerschaft sind diese Definitionen inhaltlich nicht ausreichend. Die Machtinhaber sind demnach die Täter, weil sie ihren Willen durchsetzen, und die Unterlegenen sind die Opfer, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt als unterlegen zu sein.

Den allgemeinen Vorstellungen zu Folge ist Macht objektiv eindeutig einer Person zu zuschreiben, weil sie an bestimmten Handlungen oder sogar Statussymbolen äußerlich sichtbar ist. Goldbrunner kritisiert diese Vorstellungen und beschreibt sie als eine Verdinglichung von Macht, als „Materialisierung“ (vgl. Goldbrunner, 1992, S.50f). Die Realität ist viel komplexer als das gesellschaftliche Verständnis sie hier wiederspiegelt. Simon verdeutlicht an Hand eines Beispiels die daraus entstehende Problematik. Es kann sein, dass der scheinbar Mächtige nur als mächtig erscheint, weil ihn der andere Partner in der Machtposition gewähren lässt und sich dabei selbst zurücknimmt, wenn es z. B. darum geht Entscheidungen zu treffen. Wer die Machtstrukturen in einer Beziehung außerhalb der Verhaltensebene beschreiben will, muss sich demzufolge fragen „wer entscheidet, wer entscheidet?“ (vgl. Simon, 1984, S.30).

1.1. Systemische Betrachtungsweise von Macht

Das systemische Denken erfasst Ganzheiten, nicht Individuen. Die Beziehung zwischen zwei Individuen im engsten Bezugsnetz wird zu einer Einheit, zu einem Mikrosystem, das sich von der Umwelt abgrenzt aber dennoch mit der Umwelt im Austausch steht. Bei Lebewesen spricht man dabei von sozialen Systemen, da die soziale Interaktion im Vordergrund steht. Alles im System bedingt sich wechselseitig. Jede Handlung die im System ausgeführt wird stellt eine Bedeutung für das gesamte System dar. Damit wird das Ursache-Wirkungs-Prinzip verworfen zugunsten einer zirkulären Sichtweise (vgl. Schlippe, 1984, S.28-30).

Bei der Interaktion von Lebewesen kann nicht sicher vorhersagt werden wie das Individuum A auf das Individuum B wirkt. Bateson veranschaulicht dies an folgendem Beispiel: Stößt man eine Billardkugel gegen eine andere, so überträgt sich ein Teil der Energie von der ersten Kugel auf die zweite Kugel. Tritt man einen Hund, so kommt die Energie, die der Hund für die Reaktion benötigt aus seinem Stoffwechsel und nicht durch den Tritt (vgl. Bateson, 1981, S.520). Die Reaktion der zweiten Billardkugel ist eindeutig zu berechnen, die Reaktion des Hundes nicht. Dies ist keine gradlinige Ursache-Wirkungs-Beziehung wie bei den Billardkugeln, sondern eine zirkuläre, bei der die Wirkung auf die Ursache zurückwirkt. Sollte der Hund nicht beißen oder nicht weglaufen, sondern gar nichts tun, ist dies ebenfalls eine Reaktion auf die Aktion des Tritts. Das nichts Tun ist wiederum eine Aktion des Hundes auf die der andere reagiert.

Es stellt sich nun die Frage, woran der Machtinhaber in einem sozialen System zu erkennen ist. Wenn jede Reaktion auf den anderen zurückwirkt, müssten ja beide gleich mächtig sein. Dazu eine Anführung aus dem Lexikon der Psychologie: Soziale Macht umfasst die Mittel, die jemand hat um einen anderen zu belohnen oder zu bestrafen. Die Wirksamkeit der Mittel wird mitbestimmt durch die Abhängigkeit des anderen. Die Größe der Abhängigkeit ergibt sich wiederum aus der Anzahl der Belohnungsquellen, die dem Individuum als Alternative zu Verfügung stehen (vgl. Arnold/Eysenck/Meili, 1997, S.1300f). Die Übertragung auf das Beispiel mit dem Hund könnte wie folgt aussehen. Ein Mann behandelt seinen Hund schlecht. Sie wohnen in einer öden Landschaft und der Hund ist abhängig von dem Mann, da er ihm Futter gibt. Der Hund sieht keine andere Alternative als bei ihm zu bleiben. Oder der Hund entdeckt eine Alternative und läuft dem Mann davon, bis er woanders Futter bekommt oder vor Erschöpfung umfällt. So kann aus einem Mann, der Macht über einen Hund hat, ein Mann ohne Hund werden.

Hieraus folgt, dass Macht immer in einem Kontext entsteht und nicht individu-elles Merkmal einer Person ist (vgl. Goldbrunner, 1992, S.53 / Simon, 1984, S.30).

Simon beschreibt in einem Beispiel, wie aus einer Ohnmacht eine Gegenmacht entsteht, wenn der Kontext verändert wird. Ein Mann möchte sich wegen einer jüngeren Frau von seiner Ehefrau trennen. Die Ehefrau hat in den zwanzig Ehejahren ihre beruflichen Aufstiegschancen für die Karriere ihres Mannes geopfert. Sie überkommt ein Gefühl der Ohnmacht, als sie von den Trennungs-absichten erfährt. Sie muss sich eingestehen, dass ihr persönliches Glück oder Unglück nun von der Entscheidung ihres Mannes abhängt. In ihrer Verzweiflung und Ohnmächtigkeit wird sie krank und leidet unter Depressionen. Damit hat sie unbewusst eine Alternative gefunden die Trennung vielleicht zu verhindern. Die Depression verleiht ihr eine Macht, die den Mann dazu bringt die Trennung ernsthaft zu überdenken. Verlässt er seine Frau, werden ihn Schuldgefühle plagen und er wird sich mit den Vorwürfen in seinem sozialen Umfeld auseinandersetzen müssen. Bleibt er bei ihr, wäre sie nicht mehr depressiv. Seine Reaktion wäre erneut die Trennung zu fordern, wodurch sie wieder krank würde (vgl. Simon, 1984, S.32).

Die Machtposition in einer zwischenmenschlichen Beziehung hat derjenige inne, der den Kontext verändern kann. In diesem Fall wird die Ohnmacht zur Macht, da sie über die Manipulation der Schuldgefühle wirkt (vgl. Simon, 1984, S.33).

1.2. Machtmittel

Die bereits erwähnten Machtmittel bilden die Grundlage der Austauschtheorie.

Die Austauschtheorie befasst sich mit dem sozialen Austausch von Interaktionen und bietet damit Erklärungen für die Manifestationen der sozialen Macht. Macht ist keine Eigenschaft eines Individuums, sondern ist abhängig von einer Beziehung zwischen Individuen und dem Stellenwert dieser Beziehung im Kontext der größeren sozialen Struktur (vgl. Secord/Backmann, 1976, S.305).

Ein Machtmittel bietet die Möglichkeit, die Kosten und die Belohnungen (Nutzen) einer anderen Person zu gestalten. Dabei unterscheiden sich folgende fünf Machtmittel.

Belohnungsmacht liegt dann vor, wenn eine Person O sich bewusst ist, dass eine andere Person P die Fähigkeit besitzt O ein belohnendes Erlebnis zu verschaffen, z. B. durch Anerkennung (vgl. Secord/Backman, 1976, S.307).

Bestrafungsmacht liegt vor, wenn Person O wahrnimmt, dass Person P fähig ist O zu bestrafen, z. B. durch Missachtung (vgl. Secord/Backman, 1976, S.307).

Bezugspersonenmacht beruht auf Identifikation. Person O richtet sich soweit nach Person P, wie O sich von P angezogen fühlt und lässt sich dadurch von P beeinflussen. Eine Erklärung für dieses Verhalten besteht im Zusammenhang mit der Belohnungsmacht. Wenn P die Macht zur Belohnung hat, ist P für O attraktiv und wird zum Identifikationsobjekt. Eine andere Erklärung ist das Bedürfnis nach Übereinstimmung. P kann von O als Modell betrachtet werden, nach dem es sich lohnt sein Verhalten an P auszurichten. Ein Unterschied zu den erstgenannten Machtmitteln der Belohnung und Bestrafung ist, dass P keinen Einfluss auf die Bezugspersonenmacht hat. P muss sich in diesem Fall seiner Macht nicht einmal bewusst sein (vgl. Secord/Backman, 1976, S.308f).

Expertenmacht beruht auf der Feststellung von O, dass P über ein spezielles Wissen verfügt, z. B. berufsbedingt. Aufgrund der Vermittlung des Wissens von P, erhält O ein belohnendes Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, dass sein Handlungsverlauf korrekt ist (vgl. Secord/Backman, 1976, S.309).

Legitimierte Macht beruht auf der Bereitschaft von O sich nach Normen und Werten zu richten, die bestimmte Verhaltenweisen vorschreiben, z. B. eine anerkannte Hierarchie. Beide Personen erfahren als Belohnung Zufriedenheit, wenn ihr Verhalten mit ihrem Werten und Normen übereinstimmt. Die Kosten in Form von Schuldgefühlen tragen sie, wenn ihr Verhalten nicht konform ist. Weiterhin können beide Belohnungen und Bestrafungen von außerhalb erhalten (vgl. Secord/Backman, 1976, S.310).

Die Beschreibung der Machtmittel wurde auf das Wesentliche reduziert. Die Austauschtheorie ist viel komplexer, als das sie hier dargestellt werden kann. Secord und Backman führen ein bedeutsames Merkmal der Austauschtheorie an, nämlich dass die Person P in einer dauerhaften Beziehung zu Person O ihre Machtmittel nur bis zu einem bestimmten Kostenaufwand einsetzt. „Die Stärke ihrer Macht über eine andere Person ist also nicht nur eine Funktion ihrer Machtmittel, sondern auch des Aufwands, der beim Gebrauch der Mittel entsteht.“ (Secord/Backman, 1976, S.311).

2. Grundlagen des systemischen Denkens

Die Eigenheiten eines Menschen werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit den Verhaltensweisen, die sich im Umgang mit anderen entwickeln. Für die Praxis bedeutet dies, das Verhalten einander nahestehender Menschen zu beschreiben und zu klassifizieren. Vor allem in der Familientherapie findet der systemische Ansatz seine Anwendung.

Um die Beziehungsmuster in einem sozialen System aufzuzeigen, müssen weitere Zusammenhänge und Merkmale der Systemtheorie besprochen werden. Hierbei werden die Merkmale der Zweierbeziehung betrachtet.

2.1. Grenzen

Zu einer Zweierbeziehung gehören genau zwei Individuen. Hier thematisiert als Beziehung zwischen Mann und Frau. Dieses Sozialsystem grenzt sich sinnvoll von seiner Umwelt ab. „Grenzen sind in sozialen Systemen das, was für die Zelle ihre Membrane ist. Sie ermöglichen Abgrenzung gegen die Umwelt und damit Identitätsbildung und regulieren die kommunikative Abschottung oder Anschlussbereitschaft des Systems.“(Schlippe/Schweitzer, 1999, S.59)

Die Grenzen entstehen durch die Vereinbarungen darüber, wer zu dem System gehört und wer nicht. Einer Paarbeziehung wird durch diese Umweltabgrenzung eine Identität verliehen und ein Sinn gegeben (vgl. Schlippe/Schweitzer, 1999, S.59). Zur Systemumwelt gehören dann z. B. Kinder, Eltern, Freunde, Arbeitskollegen, usw. Die Grenzen zur Umwelt sind mal mehr und mal weniger durchlässig. Für die Beratung ist es von Bedeutung, wie die Umweltgrenzen definiert sind. Barthelmess verweist auf die Fragen, wie viele Außenbeziehungen auf welche Art und Weise gepflegt werden und inwieweit externe Strukturen zur Problemlösung herangezogen werden. Daran schließt sich die Frage an, inwiefern das Sozialsystem in der Lage ist, seine eigene Sichtweise zu bewahren (vgl. Barthelmess, 2001, S.47).

Ebenso bedeutsam wie die Umweltgrenzen sind die Grenzen innerhalb der Dyade. Wie viel Nähe ist in der Paarbeziehung gesund? Wann ist die eigene Individualität gefährdet? Willi äußert, dass jedes Paar den Mittelweg zwischen Verschmelzung und rigider Abgrenzung finden muss, um eine normal funktionierende Partnerschaft ausleben zu können (vgl. Willi, 2002, S.16). Diese Aussage ist zurückzuführen auf Minuchins „Matrix der Identität“. Minuchin unterscheidet drei Arten von Binnengrenzen. Rigide, undurchlässige Grenzen stehen dabei den

diffusen, verwischten Grenzen gegenüber. Flexible, klare Grenzen gelten als ideal und erstrebenswert (vgl. Schlippe, 1984, S.52).

Willi ist der Meinung, dass die Beziehung der (Ehe-)Partner zueinander klar unterschieden werden muss von anderen Beziehungen. Die Dyade muss klare extradyadische Grenzen aufweisen, damit ein Paargefühl auftritt. Weiterhin müssen die Partner für sich eigenen Raum und eigene Zeit beanspruchen, um eine Zweierbeziehung zu führen. Innerhalb dieser Dyade müssen sich beide Partner klar von einander abgrenzen, zu Gunsten ihrer Individualität (vgl. Willi, 2002, S.17)

In den pathologischen Bereich fällt für Willi die dyadische Verschmelzung. Dabei bilden die Partner eine symbiotische Einheit. Oft sind in dieser Partnerschaftsform die extradyadischen Grenzen rigide und undurchlässig. Die Phase der Verliebtheit erinnert an diese Extremform der Symbiose. Die Partner wollen eins sein und alles miteinander teilen. Dabei kommt es leicht zum Verlust der Ich-Grenzen und zur Unterdrückung von negativen Gefühlen dem Partner gegenüber. Die Beziehung wird idealisiert und vor den Einblicken Außenstehender abgeschirmt (vgl. Willi, 2002, S.16).

Die andere Extremform der Partnerschaft ist gekennzeichnet durch rigides gegeneinander abgrenzen aus Angst vor Selbstverlust. Die Partner errichten zwischen sich einen Schutzwall. Die extradyadischen Grenzen sind dabei eher diffus. Die Partner verbinden sich eher mit den Kindern, Freunden, Eltern, um sich vor zu großer dyadischer Nähe zu schützen (vgl. Willi, 2002, S.17).

2.2. Regeln

Wie Personen eines Sozialsystems miteinander umgehen stellt sich dem Beobachter als Kommunikationsmuster dar, das durch bestimmte Regeln geprägt ist. Es wird dabei zwischen offenen und verdeckten Regeln unterschieden. Offene (explizite) Regeln gelten als die bewussten Regeln, verdeckte (implizite) Regeln sind unbewusst (vgl. Barthelmess, 2001, S.50). Ein Beobachter kann durch die Beschreibung der offenen Regeln rückschließen, wie die Beteiligten des Systems

ihre Wirklichkeit definieren und welche Verhaltensweisen sie akzeptieren oder nicht. Die verdeckten Regeln werden dagegen erst aufgezeigt, wenn sie übertreten werden und daraus ein Problem hervorgeht (vgl. Schlippe/Schweitzer, 1999, S.60). Eine verdeckte Regel kann z. B. sein, Konflikte nicht anzusprechen, weil die offene Regel die Harmonie in der Beziehung in den Vordergrund stellt. Die Systemregeln erschließen sich also aus den offenen und aus den verdeckten Regeln. Die Beratung zielt darauf alle Regeln offen zu legen, um sie bezüglich ihrer Funktionalität und Dysfunktionalität mit den Beteiligten zu analysieren und gegebenenfalls neu zu vereinbaren (vgl. Barthelmess, 2001, S.51).

2.3. Kommunikation

Die Beobachtung der Kommunikation im Sozialsystem lässt rückschließen auf die Grenzen, die Systemregeln und die individuellen Erlebniswelten der Beteiligten (vgl. Barthelmess, 2001, S.51). Es werden hier nur einige Merkmale der Kommunikation hervorgehoben, die für das Verständnis von Partnerschaft bedeutsam sind.

In der Praxis profitiert der Therapeut von der Unvermeidbarkeit der Kommunikation. Watzlawick/Beavin betonen: „(...) dass alles Verhalten, nicht bloß der Gebrauch von Wörtern, Kommunikation ist (...) und da es so etwas wie Nichtverhalten nicht gibt, ist es unmöglich, nicht zu kommunizieren.“ (Watzlawick/Beavin, 1980, S.98). Dem Schweigsamen muss demnach eine große Aufmerksamkeit entgegengebracht werden, ebenfalls demjenigen, der ständig zu spät erscheint oder einer Sitzung fern bleibt. Jedes Verhalten einschließlich der verbalen Kommunikation hat folglich einen Mitteilungscharakter.

Ein weiteres von Watzlawick u.a. formuliertes Axiom benennt den Inhalts- und Beziehungsaspekt in jeder Kommunikation. Der Inhaltsaspekt bezieht sich auf den Inhalt, also auf die Information die der Sender dem Empfänger mitteilt. Jede Mitteilung enthält gleichzeitig einen Beziehungsaspekt, das heißt, der Sender weist in seiner Mitteilung den Empfänger darauf hin, wie er die Beziehung zum Empfänger definiert (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson, 1969, S.53).

Bei der Beobachtung der Kommunikation eines Paares ist es nicht so sehr gewichtig was mitgeteilt wird, sondern wie es mitgeteilt wird. Stimme, Gesichtsausdruck und Betonung lassen darauf schließen, wie der Sender vom Empfänger verstanden werden möchte, z. B. freundlich, ärgerlich, abwertend usw. Der Empfänger wiederum ist zur Kommunikation gezwungen, wobei der Beziehungsaspekt ausdrückt, ob er die vom Sender definierte Beziehung annimmt, abweist oder eine neue Definition sendet. Watzlawick u.a. führen weiterhin aus, dass der Beziehungsaspekt anweist, wie die Daten des Inhaltsaspektes aufzufassen sind. Demnach kann der Beziehungsaspekt, der eine Kommunikation über die Kommunikation darstellt, als Metakommunikation verstanden werden (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson, 1969, S.55).

Die Kommunikation in einem Sozialsystem verläuft immer zirkulär. Die Mitteilungen werden rückgekoppelt und bedingen damit, dass die Kommunikation weder einen Anfang noch ein Ende hat. Ein Reiz fordert eine Reaktion, diese ist wiederum ein Reiz für weitere Reaktionen. Jeder der Kommunikationspartner legt diesem Zyklus eine Struktur zugrunde. Watzlawick u.a. nennen sie „die Interpunktion von Ereignisfolgen“ (Watzlawick/Beavin/Jackson, 1969, S.57).

Die Interpunktionen sind geprägt von den Interessen, von der Kultur und von der Wahrnehmung der Kommunikationsteilnehmer. Diese können different sein und begünstigen viele Beziehungskonflikte. In diesem Zusammenhang führt Schlippe das Beispiel an, dass die Frau darüber klagt, ihr Mann sei ständig außer Haus. Der Mann entgegnet ihr, dass er so häufig außer Haus ist, weil sie so viel klagt (vgl. Schlippe, 1984, S.33). Jeder fühlt sich im Recht und hält seine Reaktion für gerechtfertigt, weil der andere einen bestimmten Reiz vorgelegt hat. Das Dilemma an dieser Situation ist aber, dass diese Kommunikation keinen Anfang hat.

Kommunikation spaltet sich weiter auf in digitale und analoge Modalitäten. Digital bezeichnet die abstrakte Sprache der wir uns bedienen. Ein Wort bezeichnet z. B. ein Objekt, eine Zahl, einen Mengenwert. Eine Analogie hat eine Ähnlichkeitsbeziehung zu einem Objekt, z. B. ein Bild von einem Gegenstand. Aus der Beobachtung analoger Kommunikation, wie z. B. Zeichensprache, Ausdrucksgebärden, Mimik, Gestik, Tonfall gehen ebenfalls Informationen hervor. Diese Kommunikation ist universell und verhilft einem zu verstehen, auch wenn nicht dieselbe Sprache gesprochen wird (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson, 1969, S.62f).

Inkongruent ist die Kommunikation, wenn digital etwas anderes vermittelt wird als analog, z. B. angewidert sagen, dass das Essen gut schmeckt. Dieser Konflikt kann gelöst werden, wenn metakommuniziert wird (vgl. Schlippe/Schweitzer, 1999, S.21).

Kommunikationsabläufe sind entweder komplementär oder symmetrisch.

Die komplementären Interaktionen beruhen auf Unterschiedlichkeit. Ist ein Partner z. B. aktiv und wortgewandt, so ist der Inhaber der komplementären Rolle passiv und schweigsam. Die superiore Stellung hat der Partner inne, der das Wesen der Beziehung definiert, als inferior wird der Partner bezeichnet, der diese Definition akzeptiert. Die Rollen ergänzen sich, bedingen sich wechselseitig und können so aufrechterhalten werden (vgl. Sluzki/Beavin, 1980, S.119f).

Bei der symmetrischen Interaktion weisen die Partner spiegelbildliches Verhalten auf. Sie veranlassen sich gegenseitig bestimmte Verhaltensweisen aufzuzeigen, z. B. Stärke, Schwäche, Güte. Zeigt A in seinem Verhalten eine besondere Stärke, so geschieht dies, weil B dieses Verhalten an den Tag legte. B wird seinerseits versuchen mehr Stärke als A zu zeigen, weil zuvor A auch mehr Stärke als B zeigte usw. Die Partner versuchen auf diese Weise eine Gleichheit in der Partnerschaft herzustellen und sie zu bewahren (vgl. Schlippe, 1984, S.34).

Probleme treten auf, wenn ein Paar nicht mehr flexibel zwischen Komplemen-tarität und Symmetrie wechseln kann. Ist die Interaktion so festgefahren, dass nur noch ein Interaktionsmuster eingeräumt wird, begeben sich die Partner in einen Teufelskreis. Die Interaktionspartner erleben ihr eigenes Verhalten durch den anderen bestimmt, da jedes Verhalten eine Verstärkung des entweder symme-trischen oder komplementären Verhaltens des anderen auslöst (vgl. Schlippe, 1984, S.35).

3. Die Partnerschaft

Die anfängliche Verliebtheit unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der dauerhaften Liebe. Aus der anfänglich symbiotischen Beziehung erwächst bald der Wunsch nach Distanz, um sich aus dieser Verschmelzung zu lösen und die eigene Autonomie zu bewahren. Die Partner müssen eine neue gemeinsame Wirklichkeit konstruieren. Dies ist eine lebenslange Aufgabe, da die Konstruktion der Wirklichkeit den Veränderungen des Lebens angepasst werden muss (vgl. Willi, 1999, S.44f). Wie die Partner ihre Beziehung gestalten, vor allem im Hinblick auf die Machtstrukturen, wird im folgendem Kapitel beschrieben.

3.1. Die Verliebtheit

Verliebte scheinen sich selbst zu genügen. Die Partner grenzen sich stark von ihrer Umwelt ab und bilden eine symbiotische Einheit. Biologisch meint der Begriff der Symbiose die gegenseitige Abhängigkeit zweier Organismen.

Stierlin schreibt dem Begriff eine erweiterte Bedeutung zu. Demnach ist die Symbiose eine enge wechselseitige Abhängigkeit zwischen zwei Menschen, die sich für beide als nützlich, als schädlich oder beides gleichzeitig auswirken kann. Als vorwiegend nützliche Symbiose führt er die Mutter-Kind-Beziehung an, da beide eine Befriedigung ihrer Bedürfnisse erhalten. Voraussetzung für eine gesunde Symbiose ist die Wandlungsfähigkeit, die das Wachstum fördert, die von gegenseitiger Achtung und Liebe geprägt ist und die Individuation und Autonomie beider Partner vorantreibt (vgl. Stierlin, 2001, S.57).

Die extradyadischen Grenzen werden in der Phase der Verliebtheit undurchlässig. Freunde und Familie stehen plötzlich weit hinter dem neuen Partner. Möglicher-weise reagiert die Umwelt darauf mit Ablehnung. Freunde und Familie fühlen sich vielleicht persönlich gekränkt und verhalten sich dem verliebten Paar gegenüber destruktiv. Das Paradoxon besteht dann darin, dass sich die Verliebten noch mehr verbunden fühlen (vgl. Willi, 1999, S.46). In der Symbiose verwischen die intradyadischen Grenzen. Die Partner werden zu einer harmonischen Einheit, sie bauen Luftschlösser und geben sich unerreichbaren Illusionen hin. Willi sieht diese Phase als Grundlage einer Lebensgemeinschaft, da das Engagement des Paares von diesen Illusionen getrieben wird (vgl. Willi, 1999, S.41).

Die symbiotische Partnerschaft geht mit der Idealisierung des Partners einher. „Die Idealisierung bedeutet, dass der geliebte Partner positiv überschätzt wird und alles Negative an ihm übersehen wird“. (Goldbrunner, 1994, S.62). Bösch ist, wie Willi, der Meinung, dass die gegenseitige Idealisierung und die Beziehungs-fantasien des Paares die Grundlagen für erhöhte Anpassungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit bilden. Daraus schöpft das Paar den Mut und die Kraft gemeinsam etwas zu leisten und z. B. eine Familie zu gründen. Bösch führt weiterhin an, dass die Verliebtheit die Loslösung von den Eltern unterstützt und sogar über enttäuschte Lebenserfahrungen hinweg hilft (vgl. Bösch, 1988, S.118).

Die großen Emotionen während der Verliebtheit werden nur für eine kurze Zeit anhalten. Der folgende Schritt in die Richtung der gemeinsamen Zukunft ist nun die Verarbeitung der Entidealisierung. Allmählich stellen beide Partner fest, dem anderen kein Paradies bieten zu können. Sich die eigenen Grenzen einzugestehen und die Hoffnungen des Partners zu zerstören, führt oft zu großen Schuldge-fühlen. Zu dem führt Willi an, melden sich plötzlich Zweifel, ob man wirklich so ist, wie man sich in der Verliebtheit dem Partner gegenüber dargestellt hat. Ängste werden wach die anspruchsvollen Gewohnheiten im Alltag nicht aufrechterhalten zu können. Aufgrund dieser Belastung erwächst der Wunsch aus der Idealisierung entlassen zu werden (vgl. Willi, 1999, S.57).

Pathologisch kann die Partnerschaft verlaufen, wenn ein Partner den anderen nicht aus der Idealisierung entlässt. Goldbrunner bezeichnet diesen Zustand als Verliebtheitswahn. Auftretende Schwierigkeiten und negative Gefühle dem Partner gegenüber werden geleugnet aus Angst vor innerer Leere. Der Verliebte kann den Partner nicht aus der Idealisierung entlassen, da er sich zu sehr mit ihm identifiziert und sich ohne dieses Ideal wie ein Nichts fühlt. Der idealisierte Partner fühlt sich als Person nicht akzeptiert. Er legt destruktive Verhaltensweisen an den Tag, um das in ihn hineinprojizierte Phantasieobjekt zu zerstören und dem Partner die Realität vor Augen zu halten (vgl. Goldbrunner, 1994, S.63).

Psychoanalytisch betrachtet wiederholt sich in der Phase der Verliebtheit derselbe Prozess, wie ihn jeder als Säugling erlebt hat. Die Welt wird geteilt in ein gutes Objekt, das dem Subjekt gehört, und in die bösen Objekte, die zur restlichen Welt gehören. Damit der vollkommene Charakter des guten Objekts erhalten werden kann, wird das gute Objekt idealisiert, alles Schlechte wird an ihm übersehen und abgespalten. Mit dem Eingehen einer Partnerschaft soll die Sehnsucht erfüllt werden eine vollkommene und befriedigende Beziehung, wie sie der Fantasie eines Säuglings entspricht, erneut zu erleben (vgl. Lemaire, 1980, S.74).

Geht die Phase der Idealisierung zu Ende, so muss das idealisierte Objekt betrauert werden. Die Unvollkommenheit und die Enttäuschung darüber, dass das Objekt nicht alle Bedürfnisse im Subjekt befriedigen kann, muss akzeptiert werden. Das Subjekt nimmt ambivalente Gefühle gegenüber dem Objekt wahr, wie Zuneigung und Feindseligkeit, und muss diese ertragen können (vgl. Lemaire, 1980, S.76). Lemaire führt an: „Ob jemand imstande ist, zu trauern und Trauerarbeit zu leisten, erweist sich also geradezu als das Hauptkriterium für die Abschätzung, ob jemand reif genug sein wird, um sich in einem Liebesverhältnis von Dauer zu engagieren (Lemaire, 1980, S.76).

Goldbrunner verweist auf einige Taktiken, wie die Idealisierung von Partnern künstlich aufrechterhalten werden kann. Durch die Manipulierung des Alltags kann die Verliebtheit hinausgezögert werden, z. B. durch zeitliche oder räumliche Begrenztheit des Zusammenseins. Das Risiko Enttäuschungen zu erleben wird damit kalkulierbar (vgl. Goldbrunner, 1994, S.64). Lebt das Paar jedoch zusammen, so Goldbrunner, ist diese Art der Manipulation kaum möglich. Hierbei wird nach Begründungen gesucht, die Enttäuschungen in der Liebe zu erklären. Statt die Realität anzunehmen, folgen Rationalisierungen wie z. B. das Elternhaus ist schuld am Verhalten des Partners oder meine eigenen Ansprüche an die Partnerschaft waren viel zu hoch. Dieser Umgang mit Problemen führt zu einer Beeinträchtigung der Interaktion zwischen den Partnern. Des Weiteren stoßen die eigenen Überzeugungen bei nahen Außenstehenden auf Widerstand, weil diese die Beziehung anders beurteilen. Dies kann zu einer Distanzierung von Freunden und Familie führen und gleichzeitig zu einer Fixierung auf den Partner (vgl. Gold-brunner, 1994, S.84f). Werden Probleme verleugnet statt bearbeitet, kann dies zu einer Pseudoharmonie führen, um die Verliebtheit aufrechtzuerhalten. Geht dieses Verhalten von beiden Partnern aus, so können sie eine pseudogleiche Partner-schaft ausbilden (vgl. Napier, 1991, S.143). Diese Partnerschaft ist eine symmetrische Konstellation und wird unter Punkt 5.1.3. genauer beschrieben.

3.1.1. Austauschtheorie und Verliebtheit

Secord und Backman beschreiben mit Hilfe der Austauschtheorie die Liebesbeziehung zwischen Partnern. Das Gefühl geliebt zu werden trägt zur emotionalen Erregung und Befriedigung bei. Der gegenseitigen Attraktivität liegen gemeinsame Erlebnisse zugrunde, die beide Partner als belohnend bewerten. Ist der gedankliche Austausch zwischen den Partnern durch Überein-stimmung geprägt, werden die Kosten, die für diese Interaktion aufgebracht werden müssen, minimal (vgl. Secord/Backman, 1976, S.281). Daraus lässt sich schließen, wenn der Belohnungswert für beide Partner über dem der Kosten liegt, wird die Beziehung aufrechterhalten und nicht nach alternativen Belohnungs-quellen gesucht, weil die Suche wiederum mit einem hohen Kostenaufwand verbunden ist. Wird die Interaktion von einem der beiden Partner als unbe-friedigend empfunden, so können die Kosten die Erträge übersteigen und die Partnerschaft wird nicht weitergeführt.

Was zuvor als Idealisierung beschrieben wurde, erklären Secord und Backman als die Entwicklung der Vorstellung, dass die geliebte Person ausschließlich die Quelle von Belohnungen ist. Als mögliche Erklärung führen die Autoren dazu an, dass die Partner die meisten belohnenden Aktivitäten gemeinsam erleben (vgl. Secord/Backman, 1976, S.282). Das bedeutet, wer oft und gerne mit dem Partner gemeinsame Aktivitäten vornimmt, wie es bei Verliebten meist der Fall ist, erlebt eine Bedürfnisbefriedigung und bringt diese ausschließlich mit dem Partner in Zusammenhang als Quelle von Belohnungen.

Weiterhin führen Secord und Backman an, kann das Gefühl geliebt zu werden den persönlichen Wert steigern. Der Partner wird demnach als einzigartig bewertet, um die Belohnungsquelle, die das Selbst aufwertet zu bewahren (vgl. Secord/ Backman, 1976, S.282).

Eine Partnerschaft wird sich um so eher entwickeln, wenn die Selbstbewertung der Partner gering, und das Bedürfnis nach Emotionalität groß ist. Nach der Austauschtheorie ist dies begründet durch ein niedriges Vergleichsniveau für Belohnungen. Hat ein Partner in vergangenen Partnerschaften nicht viel emotionale Unterstützung erhalten, so wird sein Vergleichsniveau, das heißt seine Erwartungen bezüglich der emotionalen Unterstützung in einer neuen Partnerschaft, niedrig sein. Dieser Partner wird von einer neuen Belohnungsquelle stärker beeinflusst, als jemand mit einem höheren Vergleichsniveau. Haben beide Partner ein geringes Vergleichsniveau wirkt das gegenseitige Interesse enorm verstärkend und intensiviert die gegenseitige Attraktivität (vgl. Secord/Backman, 1976, S.283).

3.2. Die dauerhafte Liebe

Nach dem Rausch der Verliebtheit lernen sich die Partner richtig kennen. Durch die Entidealisierung zeigt sich erstmals der Partner mit allen Fehlern und Schwächen. Wie schwierig es ist die Realität zu akzeptieren und die Ideale aufzugeben wurde bereits dargestellt. Die Paare, die sich der Hürde stellen und nicht die Trennung bevorzugen haben noch einen langen Weg vor sich. Betz verweist auf die Wachstumsprozesse die jedem Menschen inne wohnen. Lernvorgänge, prägende Erfahrungen, Krisen und Begegnungen lassen keinen Menschen unverändert. Schwierig wird es für die Partnerschaft, wenn die Prozesse nicht parallel ablaufen, sondern sich ein Partner verändert und von dem anderen als fremd empfunden wird (vgl. Betz, 1994, S.17). „Aber zur Liebe scheint das Immer-wieder-finden zu gehören, der Wechsel von Nähe und Ferne, auch das Durchstehen von Krisen und das Neu-wahrnehmen.“(Betz, 1994, S.18).

Diese Phase der Partnerschaft zielt darauf, das alltägliche Zusammenleben realistisch zu erfassen. Die Symbiose wurde von beiden Partnern in Frage gestellt und die daraus entstehende Unsicherheit wurde überwunden. Nun streben beide Partner danach ihre Autonomie zurückzuerlangen. Die Regulation von Nähe und Distanz ist nun wichtig für die weitere Gestaltung der Partnerschaft.

3.2.1. Nähe und Distanz

Stierlin führt an, dass die nächste Nähe zwischen zwei Objekten eine Distanz voraussetzt, da ohne diese Distanz die Nähe zur Fusion wird (vgl. Stierlin, 1976, S.63). Fusionieren zwei Objekte, so kann nicht mehr von Nähe gesprochen werden. Nähe kann also nur im Zusammenhang mit Distanz bestehen, dies gilt auch für eine gut funktionierende Partnerschaft.

Die bereits beschriebene Entidealisierung hat für beide Partner zur Folge, die Enttäuschungen der Realität zu überwinden und dies geht oft mit Trennungswünschen einher. Wird die Trennung in der Realität nicht vollzogen, haben die Partner nun die Möglichkeit ihre Beziehung einmal aus der Distanz zu betrachten. Schon nach Nietzsche müssen wir aus den Mauern einer Stadt heraustreten, um sie überschauen zu können.

Die Partner erkennen nun aneinander die guten und schlechten Eigenschaften. Um die Trennungsphantasien zu bewältigen werden nun Anstrengungen unternommen sich an den Partner anzupassen. Einer oder beide Partner streben den Prozess an, ihre negativen Eigenschaften abzubauen und sich positiv zu verändern, um vom anderen Partner nicht mehr als abstoßend erlebt zu werden. Verhaltensweisen werden aufeinander abgestimmt und damit die Unzufriedenheit verringert. Die Distanzierung wird aufgehoben und die Nähe wieder hergestellt. Dieses Wechselspiel durchläuft die gesamte Partnerschaft (vgl. Goldbrunner, 1994, S.92). Goldbrunner führt weiterhin an, dass der Abschied von der Nähe in der Verliebtheit angstbesetzt ist. Diese Angst kann mit nicht bewältigten Trennungserfahrungen in der Vergangenheit zusammenhängen und Anklammerungstendenzen begünstigen. Die Partner klammern sich dann an die einstige Harmonie und setzten sich nicht mit ihren Trennungswünschen auseinander. Anstehende Beziehungskonflikte werden mit sachlichen Handlungen behoben, wobei das Gefühl der Distanzierung unterdrückt wird und das wahre Erleben der Beziehung der Verdrängung unterliegt (vgl. Goldbrunner, 1994, S.93).

Napier sucht die Ursachen für extreme Nähe oder extreme Distanz in den Kindheitsfamilien. Er unterscheidet dabei den Verfolger von dem Distanzierer. Die Verfolgerposition ist nicht geschlechtsabhängig, dennoch spricht Napier den meisten Frauen die Verfolgung von verbaler Intimität zu und den Männern oftmals die Verfolgung der sexuellen Intimität. Allgemein wünscht der Verfolger emotionale Nähe, eine intime Beziehung und hat Angst vor Zurückweisung. Der Verfolger wuchs oft als ein überbehütetes Kind auf, das auch in der Partnerschaft ständig Aufmerksamkeit benötigt. Oder der Verfolger sucht in der Partnerschaft die emotionale Unterstützung, die er als zurückgewiesenes Kind nicht bekam (vgl. Napier, 1991, S.116f). Der Distanzierer wünscht Alleinsein, Autonomie und Zurückhaltung. Er oder sie errichtet ständig intradyadische Grenzen und ängstigt sich vor emotionaler Aufdringlichkeit. Einige Distanzierer sind die emotionale Rückhaltung gewöhnt, da es in der Herkunftsfamilie kaum Nähe gab. Intimität ist ihnen fremd und sie reagieren negativ auf Annäherungsversuche des Partners. Andere Distanzierer meiden die Nähe, weil sie mit einem emotional aufdringlichen Elternteil aufwuchsen und in der Kindheit und Jugend darunter zu leiden hatten (vgl. Napier, 1991, S.117f).

Eine gut funktionierende Partnerschaft ist geprägt vom flexiblen Umgang beider Partner mit Nähe und Distanz. Schwierigkeiten ergeben sich in der Partnerschaft, wenn sich ein Partner aufgrund früherer negativer Erfahrungen nicht distanzieren kann und zudem die Distanzierung des anderen nicht aushält. In diesem Fall könnte der Partner, der die absolute Nähe sucht, zum Machtmissbrauch tendieren. Die Fähigkeit des flexiblen Umgangs mit Distanz zeigt, dass die Eigenständigkeit des Partners respektiert wird. Machtmissbrauch weist oftmals darauf hin, dass die Autonomie des anderen nicht toleriert wird (vgl. v. Trommel, 1994, S.87f).

3.2.2. Quid pro quo Prinzip

Jackson ist von der Unmöglichkeit der Gleichheit und der Nützlichkeit der Ungleichheit überzeugt, wird bedacht, welche Aufgaben Lebenspartner in ihrem Alltag erfüllen müssen (vgl. Jackson, 1980, S.52). Zusammenarbeit ist demnach eine sinnvolle Grundlage für eine Partnerschaft. Das quid pro quo Prinzip nutzt die Unterschiedlichkeit der Partner in der Beziehung. Jacksons Definition lautet: „Quid pro quo (wörtlich ´etwas für etwas´) ist ein Ausdruck für die legale Form eines Handels oder Vertrags, bei welchem jede Partei etwas für das bekommen muss, was sie selbst gibt, und der folglich die Rechte und Pflichten der Partei bei diesem Handel festlegt.“(Jackson, 1980, S.52f). Dieser Handel findet, so Jackson, auf der Vertrauensbasis statt und ist keine bewusste oder gar schriftliche Vereinbarung. Quid pro quo ergibt sich aus den beobachtbaren Interaktionen der beiden Partner und lässt darauf schließen, wie sie ihre Beziehung definieren (vgl. Jackson, 1980, S.55). Wie eingangs erklärt, hat nach Watzlawick u.a. jede Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt (vgl. Watzlawick/ Beavin/Jackson, 1969, S.53). Daraus ergibt sich für die Partnerschaft ein ständiger Austausch von Beziehungsdefinitionen. Dadurch wird einvernehmend geklärt, wer welchen Part in der Partnerschaft übernimmt.

Jackson verweist auf ein zeitgebundenes quid pro quo, wenn es z. B. darum geht, wer die Freizeitgestaltung bestimmt. Äußert ein Partner einen Wunsch so wird er von dem anderen akzeptiert, da die stillschweigende Übereinkunft gilt, dass beim nächsten Mal der Wunsch des anderen in die Tat umgesetzt wird (vgl. Jackson, 1980, S.54).

Jackson beschreibt das quid pro quo als ein Prinzip, nach dem sich aufgrund von Interaktionen Beziehungsmuster ausbilden, die die gegenseitigen Erwartungen der Partner regulieren. „Die Begriffe der Familien-Regeln und des ehelichen quid pro quo zwingen uns, unsere Aufmerksamkeit von den Eigenheiten des Individuums auf das Wesentliche ihrer Interaktion zu richten, und sie sind zumindest etwas geeigneter, ihre Phänomene zu beschreiben.“ (Jackson, 1980, S.58).

Jacksons Beschränkung auf die Interaktionsmuster wurde mehrfach kritisiert. Die Autoren sind der Ansicht, dass die Biografie der Partner bei der Herausbildung der Beziehungsmuster sehr bedeutsam ist (vgl. Reich, 1991, S.31 / Kaiser, 1989, S.77 / Boszormenyi-Nagy/Sparks, 1995, S.100).

Den Zusammenhang zwischen dem quid pro quo und der Macht in der Partnerschaft hat van Trommel wie folgt dargestellt. Für ihn gehört das quid pro quo Prinzip zum Entstehungsprozess einer Paarbeziehung. Die Partner folgen dem Bedürfnis nach Kooperation und ordnen sich und dem anderen bestimmte Funktionen zu. Die Zuordnung von Funktionen, so van Trommel, entspricht der Zuordnung von Macht. Bittet man den anderen um eine bestimmte Verhaltens-weise, so hat der andere die Macht darüber der Bitte nachzukommen oder sie auszuschlagen. Aber auch dem Bittsteller spricht van Trommel Macht zu, denn nach dem quid pro quo Prinzip gewährt er nur eine Gegenleistung, wenn seine Bitte erfüllt wird. Somit haben beide Partner eine Vereinbarung zur Kooperation getroffen. Van Trommel nennt dies funktionale Macht, da sich beide Partner gegenseitig Macht verliehen haben und diese übereinstimmend anwenden. Die Ausübung von Macht wird gegenseitig kontrolliert und ist gleichgewichtig

(vgl. v. Trommel, 1994, S.80f).

Im Gegenzug zur Macht als funktionalen Bestandteil einer Partnerschaft gibt es auch Macht als dysfunktionalen Bestandteil. Van Trommel erklärt, dass die bloße Anwendung von Macht als lineare Handlung definiert werden kann. Richtet ein Partner sein Verhalten gänzlich nach dem Verlangen des anderen aus, so ist die Situation geprägt durch die fehlende Kontrolle. Das System entspricht somit nicht der Zirkularität, da keine Rückkopplung stattfindet. Eine Weiterentwicklung des Systems wird damit unterbunden (vgl. v. Trommel, 1994, S.82).

Diese Betrachtung der Macht in der Partnerschaft lässt darauf schließen, dass die Machtausübung allgegenwärtig ist (vgl. van Trommel, 1994, S.79).

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Details

Seiten
96
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638232470
ISBN (Buch)
9783638715447
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19020
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Macht Partnerschaft

Autor

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Titel: Macht in der Partnerschaft. Symmetrische und komplementäre Partnerschaften