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Vertrauensverluste als Grundlage des Einflusses der NGOs und halbstaatlicher Organisationen

Seminararbeit 2011 34 Seiten

BWL - Handel und Distribution

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffliche Abgrenzungen
2.1 Nongovernance Organisations
2.2 Halbstaatliche Organisationen
2.3 Handelsunternehmen
2.4 Multinationale Unternehmen
2.5 Vertrauen und Reputation

3. Gründe der Vertrauensverluste in Staat und Wirtschaft
3.1 Ökologische Problembereiche als globale Herausforderungen
3.2 Misstrauen in die multinationalen Unternehmen
3.3 Skandale
3.4 Wertewandel der Konsumenten
3.5 Der entmachtete Staat
3.6 Die globale Wertschöpfung

4. Vertrauensvorsprung der NGOs und halbstaatlicher Organisationen
4.1 Gründe für den Vertrauensvorsprung
4.2 Studien - Vertrauen im NGOs, halbstaatliche Organisationen und Unternehmen

5. Einfluss der NGOs und halbstaatlicher Organisationen auf die Unternehmen
5.1 Druck und Partnerschaft
5.2 NGOs und halbstaatliche Organisationen als Transparenzförderer
5.3 NGOs als Kooperations- und Kontraktpartner
5.4 NGOs als Standardsetzer und Auditoren
5.5 Social Labeling

6. Fallstudien
6.1 IKEA
6.2 Metro Group

7. Fazit

IV Literaturverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: World Economic Forum: Glaubwürdigkeit von Institutionen im Vergleich. Umfrage unter Einwohnern aus 14 Nationen 2000 2006

Abb.2: Edelmann Trust Barometer: Vertrauen in Institutionen 2008-2011

Abb. 3 Vertrauensvorsprung einzelner NGOs gegenüber Unternehmen 2010

Abb. 4: Druck und Partnerschaften zwischen NGOs und Unternehmen 1994-2000

Abb. 5: Kooperationsformen zwischen NGOs und Unternehmen

Abb. 6 Gesellschaftliche Verantwortung der Metro Group im Kontext

Abb. 7: Nachhaligkeitsmanagement der Metro Group

1.Einleitung

Das Vertrauen ist für die Wirtschaft und den Staat unerlässlich um Handlungsfähig und erfolgreich zu sein. Dazu müssen bestimmte Vertrauensdimensionen gegenüber der Bevölkerung erfüllt werden. Dies wird heute zu einer immer größeren Herausforderung. Zum einen stehen große Konzerne einer immer kritischer werdenden Zivilgesellschaft gegenüber, die zunehmend transparentes, soziales und ökologisches Verhalten fordert. Zum anderen wächst das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Globalisierung. Multinationalen Unternehmen wird vorgeworfen über zu viel Macht zu verfügen und auf rechtsfreien Raum zu handeln. Hinzu kommen Wirtschaftsskandale in sozialen und ökologischen Bereichen. Regierungen wird im Zuge der Globalisierung schwache Handlungsfähigkeit vorgeworfen.

Innerhalb dieser Entwicklungen spielen Nongovernance Organisations (NGO) und halbstaatliche Organisationen eine immer größere Rolle. NGOs entscheiden zunehmend, welchen Unternehmen die Bevölkerung vertraut, sie zeigen Missstände in Unternehmen auf und sorgen dafür, dass Transparenz entlang der Wertschöpfungskette entsteht. Halbstaatliche Organisationen dagegen sorgen für einen Rechtsrahmen für global agierende Unternehmen.

Daraus resultiert eine Machtverschiebung zu ihren Gunsten da sie in der Bevölkerung hohes Vertrauen genießen. Nicht selten suchen Unternehmen aus dieser Situation heraus Partnerschaften mit NGOs und halbstaatlichen Organisationen. Diese Arbeit behandelt o.g. Problematiken eingehend. Dabei wird zunächst detailliert auf die Gründe für Vertrauensverluste in Unternehmen und Staaten eingegangen. Im weiteren Verlauf werden NGOs und halbstaatliche Organisationen erläutert. Es werden die Fragen diskutiert warum sie Vertrauen in der Gesellschaft besitzen bzw. warum sie einen Vertrauensvorsprung gegenüber der Wirtschaft haben. Zuletzt soll auf die Kooperationsmöglichkeiten zwischen NGOs, halbstaatlichen Organisationen und Unternehmen eingegangen werden. Es werden die verschiedenen Kooperationsformen, mit den unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten der NGOs und halbstaatlicher Organisationen, herausgearbeitet. Diese Thematik wird anhand von zwei Fallbeispielen (IKEA und Metro Group) nachfolgend verdeutlicht.

2. Begriffliche Abgrenzungen

2.1 Nongovernance Organisations

In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Versuche unternommen worden Nongovernance Organisation (NGO), im deutschen Sprachraum Nicht-Regierungsorganisationen (NRO), begrifflich abzugrenzen und zu definieren. Dennoch konnte sich eine allgemeingültige Definition bisher nicht durchsetzen. Geprägt wurde der Begriff der NGO wurde durch die United Nations (UN = Vereinte Nationen). Die UN stellte jedoch nie einen Kriterienkatalog für den Begriff der NGO auf. (Martens 2002, S. 271ff.). Der Artikel 71 der UN-Charter von 1951 erklärt nur die Nicht-Staatlichkeit der international tätigen Organisationen.

Eine engere Definitionsauslegung geben beispielsweise Heins (2002, S. 46ff.) und Franz/Martens (2006, S. 21ff.) Sie definieren NGOs als transnationale, formale, unabhängige gesellschaftliche Akteure mit moralischen Zielen, die Interessen Anderer vertreten und vom Staat unabhängig sind. Die Union of International Association (UIA) hat einen umfassenden Kriterienkatalog für NGOs erstellt, der den Begriff noch weiter eingrenzt. NGOs müssen unter anderem durch private Initiative gegründet werden, unabhängig sein, eine internationale Mitgliedschaft vorweisen, in mindestens drei Staaten tätig sein, sowie einen Hauptsitz und einen festen Mitarbeiterstab haben (Curbach 2009, S32). NGOs werden in der Fachliteratur dem dritten Sektor zugeordnet, der zwischen den idealtypischen „Polen“ Markt und Staat angesiedelt ist (Etziono 1973, S. 5ff.; Levitt 1973, S. 314ff.; Ihne/Wilhelm 2006, S. 186). Der Dritte Sektor, auch Non-Profit-Sektor genannt, ist der von Staat und Wirtschaft unabhängige gesellschaftliche Bereich zivilgesellschaftlicher Organisationen, zu dem Verbände, Gewerkschaften, Genossenschaften, Stiftungen, Vereine und Selbsthilfegruppen gehören.

Zahlenmäßig wird dem NGO-Sektor eine immer größere Bedeutung beigemessen. Allein in Deutschland umfasst dieser Sektor ca. 10000 gemeinnützige Stiftungen, 550000 Vereine und 7900 Genossenschaften (Zimmer 1997, S. 74ff.). Darüber hinaus zeigen Salamon/Anheier (1999, S. 3ff.), dass in 23 untersuchten Ländern die Beschäftigung im NGO-Sektor zwischen 1990 und 1995 um 23% gestiegen ist, während die allgemeine Beschäftigung in dieser Zeitspanne nur um 6,2% zunahm. Insgesamt sind in diesen Ländern ca. 1,9 Mio. Arbeitnehmer bei NGOs beschäftigt.

2.2 Halbstaatliche Organisationen

Neben den NGOs bestehen auf internationaler Ebene zahlreiche halbstaatliche Initiativen und Organisationen. Hierzu kann vor allem die UN mit ihren Unterorganisationen gezählt werden. Die UN ist ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss und als globale internationale Organisation ein Völkerrechtssubjekt. Ihre wichtigsten Aufgaben sind die Sicherung des Weltfriedens, Einhaltung des Völkerrechts und der Schutz der Menschenrechte (Vitzthum 2007, S. 357). Die wichtigsten Programme sind das United Nations Environment Program (UNEP), Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), World Food Programme (WFP), Food and Agriculture Organization (FAO), Internationale Labour Organisation (ILO) und der Global Compact (Zentes/Bastian/Lehnert 2010, S. 7). Innerhalb der Programme werden globale Rechtsrahmen geschaffen. Sie beziehen teilweise Unternehmen und NGOs in die Zusammenarbeit ein. Der Global Compact beispielsweise basiert auf der Partnerschaft von UN, NGOs und Unternehmen. Er beruht auf UN-Resolutionen und beinhaltet Regeln zu Menschenrechten, Arbeitsbeziehungen, Gerechtigkeit, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung (Zirnig 2009, S. 27). Unternehmen die dem Global Compact beitreten verpflichten sich, diese Regeln in ihrer Geschäftspraxis zu implementieren.

2.3 Handelsunternehmen

Tietz (1993, S. 4) definiert ein Handelsunternehmen als einen „Wirtschaftsbetrieb, der Waren einkauft und in der Regel stofflich unverändert an gewerbliche Abnehmer, Behörden, Organisationen oder Konsumenten verkauft.“ Müller-Hagendorn (2005, S. 5) identifiziert vier zentrale Eigenschaften dieser Unternehmensform. Demnach nehmen Handelsunternehmen keine physische Umwandlung der Gütereigenschaften vor, handeln mit beweglichen Sachgütern, tragen das Preisrisiko und sind autonom.

2.4 Multinationale Unternehmen

Die OECD definiert Multinationale Unternehmen (MNU) folgendermaßen: A MNU „engages in foreign direct investment (FDI) and owns or controls value-adding activities in more than one country“ (Dunning 1993, S. 75ff.).

Die MNUs werden als treibende Kraft der Globalisierung angesehen. (United Nations 1998, S.13ff) Welge und andere (2003, S. 40ff.) definieren MNU hauptsächlich über ihre Geschäftstätigkeit. Die Geschäftstätigkeit sollte in mehreren Ländern erfolgen. Außerdem muss sich ein wesentlicher Anteil der Geschäftstätigkeit im Ausland abspielen.

2.5 Vertrauen und Reputation

Vertrauen ist die Basis für das Image und die Reputation eines Unternehmens. Morgan und Hunt (1994, S. 20ff.) sehen das Vertrauen als Voraussetzung für Loyalität und definieren Vertrauen als die Bereitschaft des Kunden sich auf das Verhalten des Unternehmens zu verlassen. Reputation und Vertrauen grenzen Gröppel-Klein u.a (2009, S. 352) voneinander ab. Sie definieren die Reputation einer Organisation als eine „vergangenheitsbezogene Größe, die aussagt wie gut die Organisation Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, in der Vergangenheit erfüllt hat (...) Das Vertrauen hingegen ist auf die Zukunft ausgerichtet und reflektiert die Erwartung der Konsumenten, dass sich die Organisation in Zukunft konform mit den Erwartungen des Konsumenten verhalten wird“.

Alchian/Demzet (1972, S. 777ff.) definieren Reputation als „ long term combination of outsiders assesments about what the organisation is, how well it meets its commitments and conforms to stakeholders expectations and how effectively its overall performance fits with its socio-political environment.“

Warum in den letzten Jahren NGOs und halbstaatliche Organisationen an Bedeutung gewonnen haben, soll im Folgenden erläutert werden. Hierzu werden die sozialen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Erklärungsansatz beleuchtet.

3. Gründe der Vertrauensverluste in Staat und Wirtschaft

3.1 Ökologische Problembereiche als globale Herausforderung

Die Welt steht heute vor globalen Herausforderungen. Hierzu zählen: Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Rohstoffknappheit, Ernährungssicherung und die Bekämpfung von Epidemien. Unternehmen und Politik stehen in diesem Zusammenhang vor großen Herausforderungen. Einzelnen Staaten wird vorgeworfen nicht ausreichend global zu agieren, um diesen Problemen entgegenzuwirken. Einen wesentlichen Erklärungsansatz gibt Mayer (2005, S. 250 ff.) mit der Begründung, dass Nationalstaaten sich zunehmend den verschärfenden globalen Problemen entziehen. “Klimaerwärmung oder die Überfischung der Weltmeere können als globale Herausforderungen ebenso wenig im nationalstaatlichen Alleingang gelöst werden, wie etwa die Flüchtlingsproblematik.“

Die NGO World Wildlife Fund For Nature (WWF) warnt, dass die Menschen heute über ihre Verhältnisse leben und Schritt für Schritt die eigene Lebensgrundlage zerstören. Im Living Planet Report (2009, S. 1ff.) zeigt der WWF auf, dass die von Menschen in Anspruch genommene Menge an Land, Rohstoffen und Nahrungsmitteln und die wachsende Umweltzerstörung das für die Erde kompensierbare Maß mittlerweile übersteigt. Diese Entwicklung wird durch den zunehmenden Rohstoffhunger der aufstrebenden Länder, wie China oder Indien, verstärkt.

3.2. Multinationale Unternehmen

Innerhalb der letzten Jahre sind immer mehr global agierende Konzerne entstanden. Diese werden in der Literatur als Multinationale Unternehmen (MNU) bezeichnet. Laut der UN Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) gibt es zurzeit etwa 82.000 MNU die ein Drittel der weltweiten Waren- und Dienstleistungsexporte tätigen. Greenpeace warnt, dass die Finanzkraft der größten multinationalen Unternehmen die mancher Staaten übersteigt. Die Kritik basiert auf einer vom Institute for Policy Studies (IPS) durchgeführter Untersuchung. Sie besagt dass unter den 100 größten Ökonomien der Welt (gemessen am Bruttosozialprodukt) nur 49 Länder, aber 51 MNU vertreten sind. (Anderson/Cavanagh 2000, S. 3ff.). „Von Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern werden diese Zahlen gerne zur Illustration einer politisch untragbaren Machtverschiebung zugunsten von MNU vorgeführt“ (Curbach 2009, S. 48). In diesem Kontext wird vor allem kritisch diskutiert, dass sich multinationale Unternehmen über nationale Kontrollmechanismen hinwegsetzen bzw. keine einheitlichen globalen Kontroll- und Regulierungsmechanismen vorhanden sind. Als Konsequenz verliert der Staat die rechtliche Kontrolle über diese Wirtschaftsakteure (Stadelmaier 2001, S.5ff.) Im Zuge dessen werden Globalisierungsprozesse als eine „Entmachtungsspirale der staatlichen Instanzen“ gesehen (Franz/Martens 2006, S. 81). Im Rahmen dieser Entwicklung entstehen für die MNU aber auch neue Verantwortlichkeiten. Sie haben durch ihre Macht an Einfluss auf Wohlstand, Bildung, Gesundheit und den Zustand der Umwelt gewonnen. Daraus resultiert die Forderung mehr gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. (Mendes/Mehmet 2003, S. 118). Hinzu kommt dass sie seit den 1970er Jahren im Zuge der Globalisierungskritik Objekte öffentlicher Moralisierung und zivilgesellschaftlicher Kritik geworden sind. (Baringhorst u.a. 2007, S. 7).

3.3 Skandale

In den letzten Jahren können wir auf eine Vielzahl von Skandalen in Wirtschaft und Politik zurückblicken. Als Beispiele kann man Lebensmittelskandale, Korruptionsvorfälle, Massenentlassungen oder Missachtung der Umwelt- sowie arbeitsrechtlicher Vorschriften nennen. Gesamte Branchen haben durch Skandale erhebliche Vertrauensverluste erlitten. Die Finanzkrise im Jahr 2009 und die damit verbundene Offenlegung unredlicher Geschäftspraktiken hatt enorme Auswirkungen auf die Reputation der gesamten Finanzbranche (Schubert 2010, S. 3).

Die Handelsbranche wurde mit Skandalen in der Lebensmittelindustrie konfrontiert. So schreibt die Lebensmittelzeitung 2010 „ BSE, Gammelfleisch, Umetikettierung von Ware mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, gefährliche Rückstände von Pestiziden auf Obst, Analogkäse und Schinkenimitat aus schnittfestem Stärke-Gel sowie echte oder vermeintliche Mogelpackungen verunsichern die Konsumenten.“ Auch Textilhandelsunternehmen wie H&M, C&A oder KIK wurden von Skandalen nicht verschont. Diese reichen von Vorwürfen der Kinderarbeit in Entwicklungsländern (Spiegel Online 2008) bis hin zur Fälschung von Bio-Baumwolle (Spiegel Online 2010).

Medien und das Internet spielen bezüglich der Skandalisierung eine zunehmende Rolle. Die Offenlegung unlauterer Geschäftspraktiken wird heute immer schneller und effektiver kommuniziert. „Durch die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet kann so binnen Sekunden der Ruf eines Unternehmens zerstört werden.“ (Bader 2010, S. 76). Greenpeace nutzte in einer Social-Media-Kampagne das Netzwerk Facebook um auf einen kritischen Beitrag über Kitkat zu verweisen. Dieser machte auf die vom Produzenten Nestlé zu verantwortende Rodung von Urwäldern in Zusammenhang mit der Palmölgewinnung aufmerksam. Die Boykottaufrufe der Facebook-Gemeinde führten innerhalb kürzester Zeit dazu, dass der Konzern Nestlé die Zusammenarbeit mit dem kritisierten Palmöl-Vertragslieferanten einstellte (Heymann-Reder 2011, S. 72).

Auch Nokia spürte die Macht der Social Media. Nachdem sich Nokia dazu entschlossen hatte ein Werk in Bochum zu schließen und damit ca. 2.300 Mitarbeiter sowie weitere 1000 Leiharbeiter zu entlassen, schlossen sich zahlreiche Verbraucher und Mediengesellschaften zusammen, um Nokia zu boykottieren. Binnen wenigen Stunden formierten sich allein im sozialen Netzwerk StudiVZ circa 300 Gruppen die sich gegen Nokia aussprachen und zum Massen-Boykott aufriefen. (Social Media Blog 2008)

3.4 Der Wertewandel der Konsumenten

Das Unternehmen mit Vertrauensverlusten rechnen müssen liegt auch an dem geänderten Anspruch der Konsumenten bzw. einem kritischeren Konsumverhalten der Bevölkerung. Anhand der Umsatzsteigerung der Fairtrad-zerifizierte Produkte um 27% im Jahr 2010 im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich, dass die Konsumenten zunehmend Kaufentscheidungen jenseits von Produktqualität und Preis treffen (Fairtrade 2011; Rudolph/Meise 2010, S. 15ff.).

Eine Studie des Institut für Markt Umwelt Gesellschaft kam 2004 zu dem Ergebnis, dass die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen Kaufentscheidungsprozesse positiv beeinflusst (Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft, 2004 S. 3). Die Wirtschaftswoche berichtet in ihrer Ausgabe vom 17.09.2007 „fairer Handel, ethisch einwandfreie Produktion, Nachhaltigkeit, gerechte Verteilung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit werden entscheidend für den Kauf oder den Verzicht. Immer weniger Verbraucher sind bereit Unternehmen bei Fehlverhalten Kredit zu geben: Wer Kinderarbeit duldet, wird an der Kasse abgestraft. Wer Pestizide versprühen lässt, spürt Umsatzeinbußen. (...) Das alles hat dramatische Folgen für Unternehmen: Soziale Verantwortung zu übernehmen rückt nun ins Zentrum unternehmerischen Handelns. Käufer und Konsumenten gewinnen einen Einfluss, dem sich die Produzenten nicht entziehen können" (Wirtschaftswoche 2007).

Innerhalb des Wertewandels spielen LOHAS eine wichtige Rolle. Diese Abkürzung steht für Lifestyle of Health and Sustainability und beschreibt einen auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausgerichteten Lebensstil. Diese Konsumentengruppe beschäftigt sich intensiv mit ökologischen und sozialen Themen. Ihre politische Meinung zu Themen wie Umweltverschmutzung, Klimawandel bis hin zu den Menschenrechten drückt sich in ihrem Konsumverhalten aus. Sie baut politischen Druck auf um die nationale und internationale Wirtschaft zu beeinflussen (Kremer 2010, S.4ff.). Heute werden ihr circa 20% aller deutschen Verbraucher zugerechnet. (Sinus Institut 2009, S.2).

3.5 Der entmachtete Staat

Vertrauensverluste und die Entstehung von Skandalen können auch partiell der schwachen Rechtsauslegung einzelner Staaten oder der Staatengemeinschaften zugesprochen werden. Dem Staat als Gesetzgeber wird zunehmend vorgeworfen Gesetze nicht ausreichend auszugestalten oder Kontrollen in zu geringem Umfang auszuüben.

Die Zeitung Der Spiegel berichtet am 4.01.2011 über die Mitschuld des deutschen Staates am Dioxinskandal. Ein staatlicher Kontrolleur ist demnach verantwortlich für etwa 1.000 Betriebe. Dies seien zu wenige Kontrolleure, so der Vorwurf (Spiegel Online 2011). Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) vertrauen nach dem Dioxinskandal nur noch 27% der Verbraucher in staatliche Lebensmittelkontrollen (Fokus 2011).

Ein weiteres Beispiel ist die Finanzkrise im Herbst 2009. Erst durch die schwachen Regulierungen und Kontrollen der Finanzmärkte durch die Staaten konnte sich eine der größten Krisen weltweit ausbreiten (Zimmermann/Schäfer 2010, S. 107). Kritische Stimmen propagierten die Staaten täten zu wenig um solchen Krisen vorzubeugen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das fehlen von globalen Kontrollmechanismen für MNU. Zwar hat die OECD „ethische“ Leitsätze für Multinationale Unternehmen definiert. Diese stellen aber nur Empfehlungen dar (Scherer 2003, S. 226ff.). Die auf Selbstverantwortung der MNU basierende Regulierung wird innerhalb vieler Publikationen kritisiert (Stadelmaier, 2001, S. 14ff.) und gibt den NGOs bzw. der kritischen Bevölkerung das Gefühl Unternehmen würden im globalen Kontext keinen Gesetzen unterliegen.

3.6 Die globale Wertschöpfung

Die globalen Beschaffungs- und Produktionsstrukturen bergen viele neue Herausforderungen für Unternehmen. Immer mehr Unternehmen beziehen ihre Waren aus Entwicklungs- und Schwellenländern oder verlagern ihre Produktion dorthin. Die Kontrollen entlang der Wertschöpfungskette ist damit komplizierter und aufwendiger geworden. Die teilweise sehr schwach ausgestalteten Gesetze in Entwicklungsländern stellen Unternehmen vor große Herausforderungen soziale und ökologische Standards einzuhalten, die von der kritischen Bevölkerung in den Industrieländern gefordert werden. „Einheitliche Standards sind in vielen Bereichen nicht vorhanden und politisch oftmals nicht gewollt, da einige Staaten die Unterschiede als Teil ihrer Wettbewerbsvorteile verstehen“ (Zentes/Bastian/Lehnert 2010, S.25).

In diesem Zusammenhang müssen Unternehmen die gesamte Lieferkette im Auge behalten, da sich die Forderung nach ethisch-sozialem Verhalten der kritischen Öffentlichkeit auch auf sämtliche Zulieferer bezieht (Bader 2010, S. 75). So zeigt ein Skandal um das Unternehmen Tchibo, dass faire Produktionsmethoden in den Zulieferketten ein sensibles Thema in der Öffentlichkeit ist. Schlechte Arbeitsbedingungen bei einem indischen Zulieferer gerieten in Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. NGOs traten in Aktion und riefen Kampagnen ins Leben durch die Druck auf Tchibo ausgeübt wurde seine Verantwortung wahrzunehmen und in den Zulieferketten einen international gültigen Verhaltenskodex einzuführen (Schwengler, 2008, S. 292).

4. Vertrauensvorsprung der NGOs und halbstaatlicher Organisationen

4.1. Gründe für den Vertrauensvorsprung

Aus den im vorherigen Abschnitt resultierenden Problembereichen für Unternehmen und Regierungen ergeben sich laut Umfragen Vertrauensverluste in der Bevölkerung. Auf der anderen Seite ist laut der Umfragen ein deutlicher Vertrauensvorsprung der NGOs und halbstaatlicher Organisationen zu erkennen. Für viele Konsumenten übernehmen NGOs, aus den angesprochenen Handlungsschwächen der Regierungen und den sozialen, ökologischen und ökonomischen Problemen, die Funktion einer „weltweit agierenden, regelnden Instanz und Interessenvertretung des einfachen Menschen“ (Zentes/Bastian/Lehnert 2010, S. 27). NGOs sind international aufgestellt und darauf ausgerichtet grenzüberschreitende, internationale Problemlagen zu thematisieren und Lösungen ins Spiel zu bringen. Die Organisationen werden zudem als „weltgesellschaftlich- basisdemokratische Stellvertreter für benachteiligte Gruppen, für die natürliche Umwelt und für Gerechtigkeitsprinzipien gehandelt, quasi als ein gutes Gewissen der Welt“ (Willets 1996, S. 14ff.).

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Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656147817
ISBN (Buch)
9783656148142
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190214
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
Schlagworte
vertrauensverluste grundlage einflusses ngos organisationen

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Titel: Vertrauensverluste als Grundlage des Einflusses der NGOs und halbstaatlicher Organisationen