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Die Lehrgangsmethode als Lösung defizitärer Ausbildung in der Beistellmethode

Notwendigkeit, historische Entwicklung und Gestaltung der „Russischen Methode“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 12 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Problembearbeitung
2.1 Die Entwicklung der Lehrgangsmethode in Russland (Della-Vos)
2.2 Konstituenten und Gestaltungsmöglichkeiten der Lehrgangsmethode
2.3 Weiterentwicklung und Implementierung in Deutschland

3 Berufspädagogische Reflektion

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Die sich verändernde industrielle Produktionsweise, der erhöhte Bedarf an qualifizierten Ar­beitskräften und die diesen Qualifikationsanforderungen nicht mehr genügende alte hand­werklich-ständische Lehrlingserziehung führten am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahr­hunderts zu erheblichen Qualifikationsproblemen in der Ausbildung von Facharbeitern (Vgl. BEHR, 17).

Die handwerklich-ständische Lehrlingserziehung beruhte auf dem didaktischen Grundsatz „repetitio est mater studiorum“. Charakteristikum der sogenannten Beistellmethode bzw. des Imitationslernen ist die Einheit von Qualifikationsprozess und Produktionsprozess (Vgl. BEHR, 21). Daraus resultierten u.a. folgende Defizite in der Ausbildung von Facharbeitern: Zunächst bestand die Gefahr, dass nur auf die Produktion eingestellte Betriebe meist nicht genügend Zeit und Ressourcen hatten, um die Lehrlinge in den gewünschten Arbeitsprozessen zu unterweisen (Vgl. BEHR, 14). Ferner hing die Qualität der Ausbildung von den Kompe­tenzen der Facharbeiter bzw. des Meisters ab, denen der Anzulernende beigestellt war. Eine lückenlose Ausbildung in einem bestimmten Beruf war dadurch gefährdet gewesen, dass die Lehrlinge selbst in einem spezialisierten Betrieb nur jene Handgriffe erlernten, die bei der Produktion, die ihrerseits von eingehenden Aufträgen abhängig war, ausgeführt wurden. Sol­chermaßen „spezialisierte“ Lehrlinge waren einem anderen, in ihr Berufsfeld fallenden Ar­beitsgebiet, nicht gewachsen (Vgl. BEHR, 47). Die Einteilung der Arbeitskräfte nach hand­werklichen Berufen gewährleistete keine einheitlichen Qualifikationen in den einzelnen beruf­lichen Fachrichtungen und kennzeichnet die Krise der Handwerkerlehre.

Die mangelhafte Qualifikationsstruktur im Handwerk hatte weitreichende Folgen für industri­elle Großbetriebe: Der Hauptteil der beschäftigten Facharbeiter (Schlosser, Dreher und Me­chaniker usw.) stammte aus dem Handwerk. Damit deckte die Industrie ihren Bedarf an ge­lernten Arbeitern. Die Zahl der angestellten Lehrlinge ist verschwindend gering gewesen (Vgl. BEHR, 44). Obwohl die aus dem Handwerk in die Industrie kommenden Arbeitskräfte durch sehr unterschiedliche Existenzgründungen der einzelnen Handwerksbetriebe geprägt waren und sich ihre Qualifikationen im jeweiligen Handwerk höchst heterogen darstellten, konnten diese Qualifikationslücken zunächst durch Selektion, Arbeitsteilung, Spezialisierung und Anlernen hinreichend geschlossen werden (Vgl. BEHR, 47, 48).

Jedoch entfernten sich die Qualifikationsansprüche mit der Weiterentwicklung der industriel­len Produktionsprozesse zunehmend von den zur Verfügung stehenden Facharbeitern, die zwar schwere körperliche Arbeit gewöhnt, aber kaum alphabetisiert, geschweige denn im in­dustriellem Sinn qualifizierte Arbeitskräfte agrarischer Herkunft waren und nur produktions­spezifische, durch bloßes Erfahrungsiemen erworbene Qualifikationen vorweisen konnten. Das Anlernen erschien den wachsenden Pionierbetrieben der Maschinenbau- und Elektroin­dustrie vor Hintergrund der rasch zunehmenden Nachfrage nach Investitionsgütern nicht mehr rentabel (Vgl. BEHR, 48).

Der grundlegende Mangel an ausreichend qualifizierten Facharbeitern trat durch die Rekrutie­rungspraxis der Großindustrie Mitte der 70ger Jahre erstmals verstärkt hervor (Vgl. BEHR, 51). Obwohl die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitern bei der sich ausweitenden Industrie lag, ging der die Handwerksausbildung grundlegend verändernde Impuls von staatlichen Stel­len und dem Handwerk selbst aus: Das Problem der eingeschränkten Ausbildungsmöglichkei­ten am Arbeitsplatz erkannten Großbetriebe aus eigner Erfahrung und versuchten darauf zu reagieren (Vgl. BEHR, 42). Veranlasst durch zahlreiche Beschwerden, die in Form von Peti­tionen an den Reichstag gelangten, wurden Ende der 70ger die Lehrwerkstätten mit ausdrück­lichem Ziel gegründet, Mängel der Lehrlingsausbildung in Handwerksbetrieben zu beseitigen (Vgl. BEHR, 55). Das in den Lehrwerkstätten der Großindustrie angewendete Ausbildungs­verfahren ist die Lehrgangsmethode, bzw. die sogenannte Russische Methode. Warum wurde das Qualifikationsproblem mit der Einrichtung von Lehrwerkstätten und der lehrgangsgesteu­erten praktischen Ausbildung gelöst?

Im Folgenden wird dargestellt, aus welchem Anlass die Lehrgangsmethode in welchem Kon­text entwickelt wurde (Kapitel 2.1), aus welchen Komponenten ein Lehrgang besteht (Kapitel 2.2) und über welche Institutionen die weiterentwickelte Lehrgangsmethode Eingang in die Berufsausbildung in Deutschland fand (Kapitel 2.3). In der berufspädagogischen Reflektion (Kapitel 3) wird insbesondere darauf eingegangen, welche Vorteile und welchen Nutzen die­ses Verfahren gegenüber der Beistellmethode besitzt und in welchen Ausbildungskontexten es anwendbar ist. Außerdem kann ausgehend von der didaktischen Struktur des Lehrganges be­sprochen werden, inwiefern diese Methode den Forderungen nach Schlüsselkompetenzen und dem Bestreben, die Auszubildenden zu selbständigen Planen, Durchführen und Reflektieren zu befähigen, nachkommt. Die Auseinandersetzung mit der Struktur des Lehrgangverfahrens ist sinnvoll, weil es in der gewerblich-technischen Berufsausbildung eine lange Tradition und auch heute noch das am häufigsten vertretene Ausbildungs- und Unterrichtsverfahren in Fort- und Weiterbildungen ist.

2 Problembearbeitung

2.1 Die Entwicklung der Lehrgangsmethode in Russland (Della-Vos)

Ab 1868 entwickelte Victor Della-Vos an der Kaiserlichen Moskauer Technischen Schule die Russische Methode, die lehrgangsgesteuerte berufspraktische Ausbildung und die ersten Lehrgänge (Vgl. PLOGHAUS, 66). Er reagiert damit auf typischen Defizite der Imitationsmethode während der Lehrlingsausbildung in Fabrikwerkstätten: Unvollständigkeit, mangelnde Systematik, Zufälligkeit, hoher Zeitaufwand und Abhängigkeit der zu erlernenden Fertigkeiten von Produktionsaufträgen und Produktionsgegenständen.

Della-Vos griff auf die vorhandenen Fabrikwerkstätten zurück und lagerte sie aus dem Produktionsvorgang aus. Die Trennung des Qualifikationsprozesses vom Produktionsprozess ist eine Neuerung, die weder in der Ausbildung in Frankreich noch in Deutschland vorher vollzogen wurde. Die Trennung ermöglichte ein didaktisches Gestalten der darin stattfindenden Prozesse. Die Ausbildung in den verschiedenen technisch-industriellen Berufen gliederte Della-Vos in Grund- und Hauptstudium: Die im Grundstudium vermittelten Fertigkeiten sind notwendige Kenntnisse für berufsspezifische Kenntnisse des Hauptstudiums. Das Ordnungsprinzip der Ausbildung ist also das auf die Grundbildung folgende differendzierende Fachstudium (Vgl. PLOGHAUS, 72). Während der gesamten Ausbildung mussten die Lehrlinge parallel zur schulischen Ausbildung die berufspraktische Ausbildung in den Lehrwerkstätten (1.-3. Ausbildungsjahr) oder in der Fabrik (4.-6. Ausbildungsjahr) durchlaufen. Damit wurde die praktische Entfaltung und Anwendung von theoretischem Wissen sichergestellt: Die Ausbildungsinhalte waren dementsprechend nahe an der Realsituation und führten in die typischen Prozesse des beruflichen Alltags ein (Vgl. PLOGHAUS, 73).

Anders als in der bisherigen Ausbildung im Produktionsprozess, sieht der Lehrgang eine so­genannte Werkstatt-Pädagogik vor, die die berufspraktische Ausbildung durchwaltet: Zur Werkstatt-Pädagogik gehört die hohe Qualifizierung des Werkstattmeisters, das Vorhanden­sein von Ressourcen/Arbeitsmaterial, das für das Durchlaufen des Lehrgangs benötigt wird, technische Arbeitszeichnungen, Lehrmittel, Werkzeuglisten und methodische Hinweise für den Ausbilder (Vgl. PLOGHAUS, 128).

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656147794
ISBN (Buch)
9783656147916
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190251
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Erziehungswissenschaft Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Berufspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Lehrgangsmethode Russische Methode Dela Vos Ausbildung in der Industrie Lehrwerkstatt

Autor

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