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Ein jüdisches "Bovo-Buch" - Biblische Motive in einem italienischen mittelalterlichen Ritterroman

Seminararbeit 2006 12 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1. Elia Levita
2.2. Elia Levitas „Bovo-Buch”

3. Das „jüdische“ „Bovo-Buch“
3.1. Zusammenfassung
3.2. Die Darstellung der Religionen im „Bovo-Buch“
3.3. Was kann man jüdisches in einem italienischem Roman aus dem Mittelalter nach seiner Übersetzung und Überarbeitung auf Jiddisch finden?

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

In dieser Arbeit wird das „Bovo-Buch“ von Elia Levita analysiert und dargestellt. Es ist ein mittelalterlicher Ritterroman, welcher nach jahrhundertlanger Tradition in verschiedenen Variationen und Sprachen aufgeschrieben und im 16. Jh. ins Jiddisch übersetzt wurde.

Wird ein Text in eine andere Sprache umgeschrieben, trägt er neben der Idee des Autors auch eine gewisse Interpretation des Übersetzers, der ihn nach seinem Verständnis in der neuen Sprache wiedergibt. Als Beispiel kann man hier das wohl älteste Buch der Welt anführen – die Bibel. Seit Jahrhunderten wird sie gelesen und übersetzt und bekommt dadurch für unterschiedliche Kulturen immer wieder neue Leseweisen und Bedeutungen. Im Rahmen dieser Arbeit wird aber ein besonderer Fall von Textveränderung betrachtet, da der Übersetzer, Elia Levita, gezielt seine Absicht verfolgte das Werk an den neuen Leser anzupassen. Die Gründe dafür werden wahrscheinlich in der persönlichen Biografie des Autors zu suchen sein.

Am Anfang der Arbeit werden kurz die Biografie des Autors und die Entstehungsgeschichte des Buches dargestellt, um in dem Hauptteil zu der Analyse des Werkes auf seine jüdischen Aspekte zu kommen.

2. Einleitung

2.1. Elia Levita

Elia Levita[1] wurde am 13.02.1469 in Neustadt an der Aisch, nicht weit entfernt von Nürnberg, geboren. Schätzungsweise zwischen 1492 und 1495 wanderte er aus Deutschland nach Italien aus. Welche Gründe ihn dabei bewegten ist unklar. Möglicherweise flüchtete er vor den Vorfolgungen oder sah in Italien bessere Möglichkeiten Geld zu verdienen. Er reiste viel durch das Land. Wohnte in Padua, die zu dieser Zeit die größte jüdische Kolonie der Region hatte, Venedig, Rom. In Rom wurde er bei dem späteren Kardinal Egidio de Viterbo aufgenommen, der ein judenfreundlicher Ordensgeneral der Augustiner[2] war und Interesse für Hebräisch und Kabbala besaß. Er war ein Gelehrter der jüdischen Sprache und verfasste mehrere Grammatiken und Konkordanzen zu dieser. 1496 entsteht ein Kommentar zur hebräischen Grammatik – „Malach“. Im Jahr 1517 wird eine vierteilige Grammatik – „Sefer haBahur“ veröffentlicht. Und drei Jahre später entsteht die Akzentenlehre – „Pirke Elijahu“. 1535 veröffentlicht Levita eine Konkordanz – „Sefer haSichronot“, an welcher er 20 Jahren arbeitete[3]. Und vier Jahre vor seinem Tod beendigt er die Übersetzung der Psalmen auf Jiddisch. Elia Levita hat die Missbilligung der Juden für das Lehren der Christen Bibel und hebräischen Grammatik bekommen. Auch das Erscheinen der jiddischen Literatur wurde von den Rabbinern verurteilt[4], da sie ja von dem Studium der Heiligen Schriften, welche in Hebräisch oder Aramäisch geschrieben sind, abhalten könnte. Aber trotz seinem engen Kontakt mit den Christen blieb Elia Levita sein Leben lang ein wahrer Jude, der sogar einen Lehrstuhl der hebräischen Sprache in Frankreich ablehnte, da es den Juden zu der Zeit verboten war dort zu leben und er keine Ausnahme für sich haben wollte.

Elia Levita wurde als großer Wissenschaftler und Schriftsteller seiner Zeit anerkannt. Er war der erste, der eine systematische Darstellung der Massora und ein Wörterbuch zu den Targumim verfasste. Seine Werke wurden sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite Jahrhunderte lang kritisiert und diskutiert[5].

Elijahu ben Ascher haLevi Aschkenasi starb am 28.01.1549 in Venedig im alter von achtzig Jahren.

2.2. Elia Levitas „Bovo-Buch”

Der Stoff des „Bovo-Buchs“ entstand im 12. Jh. im französisch- und englischsprachigem Raum. Am Ende des 13. Jh. entstand die venezianische Version und 100 Jahre später die toskanische, die von Elia Levita im 16 Jh. als Grundlage bei seiner Übersetzung ins Jiddische benutzt wurde. Levita wählte eine Form der gereimten Strophen von je 8 Zeilen. Obwohl er schon im Jahr 1507 das Werk übersetzte, wurde der Roman erst 34 Jahre später zum ersten Mal in Isny, in Deutschland, gedruckt und veröffentlicht. Für die Jiddische Literaturgeschichte stellt es einen großen Wert dar, da man sowohl den Autor beim Namen, als auch das Erscheinungsjahr kennt.

Die Jiddische Übersetzung wurde bis ins 20. Jh. weiter gedruckt. Man kennt solche Verlagsorte wie Prag (1660)[6], Amsterdam (1661), Frankfurt am Main (1691), Wilhelmsdorf (1724), Kiew (ca. 1770), Vilnius (1836, 1860, 1909,etc.), Warschau (1849, 1878), Lemberg (1903)[7]. Im 18. Jh., wurde das Werk in Prosa umgestaltet und es entstand die „Bovo-Maasse“.

Das Buch ist ein klassischer Abenteuerroman, und kein religiöses Werk, in dem der Held zahlreiche Schwierigkeiten überwinden muss, bis er an sein Ziel kommt, mit epischen Merkmalen, wie z.B. der Einleitung. Es wird die narrative Erzählform gewählt, was einen stärkeren Bezug zwischen dem Erzähler, der sich erlaubt Bemerkungen zu der Handlungsweise der Personen zu machen[8], und dem Leser, der sich dadurch als ein direkter Beobachter der Geschichte fühlt, herstellt. „Levita stand, wie ein wahrer Humanist, dem Wunderbaren mit Ironie und Skepsis gegenüber, und wob demgemäß in die ritterlich- supernaturalistischen Episoden seiner Vorlage bürgerlich- humanistische Beobachtungen hinein, die oft mit robustem Volkswitz gewürzt sind.“[9]

Als Elia Levita sich entschloss das „Bovo-Buch“ zu übersetzen, gehörten zu seinem Zielauditorium vor allem Frauen und ungebildete Männer[10], da diese beiden Gruppen keine ausreichenden Hebräischkenntnisse besaßen. Der einfache Erzählstil, hohes Niveau der Charaktere, kaum beschriebene Gefühle und häufige Eigenschaften wie „schön“ und „stark“ sind typische Merkmale der Unterhaltungs- bzw. Trivialliteratur[11].

Die Jiddische Sprache in dem Roman ist eine Volksprache des 16. Jh. mit typischen deutschen Ausdrücken jener Zeit, wie z.B. „schnell wie ein Pfeil“[12]. Die Ausdrucksweise der Personen ist sehr direkt und niedrig, jedoch kann man sie nicht als vulgär beschreiben, denn sie stellt einfach eine andere Kultur, die „Marktsprache“, da, welche mit der Zeit verdrängt wurde.

3. Das „jüdische“ „Bovo-Buch“

3.1. Zusammenfassung

Der Held namens Bovo wird durch einen schweren Schicksalsschlag gezwungen seine Heimat zu verlassen. In der Fremde zum Diener geworden, verliebt er sich in die schöne Königstochter, die seine Gefühle erwidert. Allerdings stößt das junge Glück auf Widerstand, denn Drusiana soll, gegen ihren Willen, verheiratet werden. Durch eine Intrige werden sie getrennt, schaffen es aber wieder zusammen zu finden und gebären Zwillinge. Als durch ein Zufall Bovo und Drusiana sich wieder verlieren, bekommt Bovo die Möglichkeit Rache an seiner Mutter, welche er ins Kloster schickt, und seinem Stiefvater, den er umbringt, auszuüben. Drusiana, die für ihr Glück kämpft, verhindert seine Hochzeit mit der Sultanstochter. Und so wird am Schluss eine langersehnte Hochzeit gefeiert.

3.2. Die Darstellung der Religionen im „Bovo-Buch“

In dem Roman werden kaum Aussagen über die Angehörigkeit der Personen zu Religionen gemacht, obwohl dieses Thema immer wieder für den Verlauf der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Man weiß, dass in der italienischen Version des Romans Bovo sich als ein Christ bezeichnet. D.h. der Autor wollte auf einen Konflikt zwischen Christen und Arabern hinweisen. Aber in dem Roman von Elia Levita wurden die Araber zu den Heiden verwandelt und die Hauptpersonen bekamen jüdische Züge. Nur eine Frau sagt direkt, dass sie eine Jüdin ist, doch durch diese Aussage kann man weitreihende Folgerungen machen. Ein weiterer Hinweis ist die Aussage von Pelukan, als er ins Kloster kommt und meint, dass er kein Christ sei. Da wir uns im Mittelalter befinden, stellt sich eine gute Beziehung zwischen einem nicht christlichem Pelukan und, man nehme an, einem christlichem Bovo als schwierig dar. Außerdem wird in Strophe 159 gesagt, dass Bovo, wenn er Erminio nicht retten wird, sich taufen lassen wird, was für ihn normal wohl nicht in Frage kommen würde. Oder auch als Bovo sich weigert Muslim zu werden, sagt er: „Ich werde den Lebendigen Gott nicht gegen einen Toten tauschen“[13] (Strophe 247). Die Araber werden in dem Buch als Heiden bezeichnet und der Sultan in Babylon ruft zum „Mohamed“ auf (Strophe 234). D.h., dass statt einem Konflikt zwischen Christen und Arabern in der jiddischen Version ein Konflikt zwischen Heiden und Juden und zwischen Christen[14] und Juden angedeutet wird.

Es ist bemerkenswert, dass von dem Bettler, der Bovo bestiehlt, gesagt wird, dass er aus Deutschland kommt. Die Definition von jemanden als „deutsch“ beinhaltet in sich automatisch die Zugehörigkeit zum Christentum. Dies ist eine deutliche negative Bewertung des Christentums. Und man muss auch bedenken, dass Elia Levita aus Deutschland auswanderte. Kann es sein, dass er mit dieser Person sein Verhältnis zu diesem Land ausdrücken wollte? Einen weiteren Hinweis auf diese Einstellung findet man in der Stadt aus der Dodon kommt – Mainz. Möchte der Autor vielleicht andeuten, dass all das Böse aus Deutschland kommt?

[...]


[1] Auch bekannt unter den Namen Elijahu ben Ascher haLevi Aschkenasi oder Elia Bachur. Vgl. EJ, Sp. 888.

[2] Es ist möglich, dass Elia Bachur deswegen in seinem Roman die Hauptperson zu einem Zeitpunkt Augustin genannt wird.

[3] Vgl. EJ, Sp. 890.

[4] Diese Situation bewegte jedoch die jüdischen Gelehrten dazu eine Übersetzung des TaNaH ins Jiddische vorzunehmen, eben dafür, dass die weniger gebildeten Juden keine profane Literatur, sondern die Bibel lesen konnten. Sie erschien nur wenige Jahre später (1544 in Konstanz) nach der Veröffentlichung von Elia Levitas „Bovo-Buch”. Vgl. Smith, S. XXI.

[5] Vgl. EJ, Sp. 892 f.

[6] Es ist die älteste erhaltene Version.

[7] Smith, S. IX f.

[8] Vgl. Strophen 32, 75, 95, etc.

[9] EJ, Sp. 848.

[10] Vgl. Smith, S. 5.

[11] Die Trivialliteratur, oder auch populäre Literatur genannt, bearbeitet meistens solche Themen wie Liebe, Krieg, Abenteuer etc. Man legt viel Wert auf ein einfaches Verständnis des Textes durch ein Massenpublikum. Das Werk hat eine sehr deutliche und einfache Struktur mit klarer Trennung zwischen Gut und Böse.

[12] Vgl. Smith, S. 19.

[13] Dies ist eine bekannte Äußerung der Juden gegen über den Christen.

[14] Der Streit von Pelukan im Kloster, der deutsche Bettler, etc.

Details

Seiten
12
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656152354
ISBN (Buch)
9783656152828
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190335
Institution / Hochschule
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Note
1
Schlagworte
Bovo-bukh

Autor

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