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Professionalisierung der Fachkräfte in der beruflichen Bildung Benachteiligter

Ergebnisse der Feldforschung an einer Hamburger Produktionsschule

Forschungsarbeit 2011 22 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Forschungsstand
2.1.1 Benachteiligung
2.1.2 Professionalisierung
2.1.3 Produktionsschule
2.2.4 Problemaufriss Professionalisierungsbedarf der Fachkräfte in der beruflichen BildungBenachteiligter
2.2 Ergebnisse des Interviews mit einem Werkstattpädagogen der Produktionsschule Bergedorf
2.2.1 Erwerbsbiografie
2.2.2 Ansätze zur Professionalisierung

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es zeigt sich […], dass die Benachteiligtenförderung von einem Professionalisierungsdilemma bestimmt wird. Berufsschullehrer/-innen, Ausbilder/- innen und Sozialpädagogen/-innen werden nicht (systematisch) auf die Tätigkeit in der Benachteiligtenförderung vorbereitet und haben sehr unterschiedliche professionelle Selbstverständnisse.“ (Kampmeier/Niemeyer 2004, S. 4) Dieses Zitat der Flensburger Pädagoginnen Anke Kampmeier und Beatrix Niemeyer weißt auf, dass dem formal abgeschlossenen Prozess der Institutionalisierung der Benachteiligtenförderung seitens der Praxis ein aufgedecktes Problemfeld entgegensteht. Im Zuge der Ausbildung von Personal, welches potenziell im Umgang mit Benachteiligten in der beruflichen Bildung eingesetzt wird, fehlt ein gemeinsamer Comment. In dem Zitat wird angemahnt, dass die berufliche Vorbereitung auf den Umgang mit Benachteiligten nicht systematisch verläuft. Anders als bei klassischen Berufsbildern, wo beispielsweise das Lehramtsstudium für Gymnasien auf den Umgang mit Gymnasiasten vorbereitet, gibt es keine berufliche Ausbildung oder einen eigenen Studiengang für die Benachteiligtenförderung.

Diese Hausarbeit setzt sich mit dem Professionalisierungsbedarf der Fachkräfte in der beruflichen Bildung Benachteiligter auseinander. Neben einer Einführung in die fokussierte Thematik, sollen zentrale Begriffe des Forschungsgebiets abgehandelt werden. Auf der Grundlage einer qualitativen Feldstudie in einer Hamburger Produktionsschule sollen Thesen aufgeworfen werden, die einen Bezug zwischen der Erwerbsbiografie einer Fachkraft und der beruflichen Bildung Benachteiligter herstellen.

Beginnend einer Einführung in den aktuellen Forschungsstand in dem untersuchten Teilgebiet der Berufsbildung, soll sich mit den zentralen Begriffen, welche in dieser Hausarbeit thematisiert werden, eingehend auseinandergesetzt werden. Dabei soll eine definitorische Eingrenzung für die Begriffe Benachteiligung, Professionalisierung und Produktionsschule vorgenommen werden. In einem weiteren Schritt sollen die bislang durch die Forschung identifizierten Probleme, die das Professionalisierungdilemma in der Benachteiligtenförderung offenlegen, aufgeführt werden.

Anschließend werden in dem forschungspraktischen Teil dieser Arbeit die zentralen Ergebnisse auf der Grundlage eines Interviews mit einem Werkstattpädagogen in der Produktionsschule Bergedorf vorgestellt und eine Interpretation derer vorgenommen. Abschließend wird im Schlussteil nochmals die Leitfrage nach dem Beitrag, den aktuelle Forschung an der Behebung des Professionalisierungsdilemmas der Fachkräfte in der beruflichen Bildung Benachteiligter beitragen kann, aufgeworfen und geprüft ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem soll neben einer Zusammenfassung und Bewertung der zentralen Forschungsergebnisse ein Ausblick auf weitere Forschungsansätze in diesem Themenfeld gewährt werden.

2. Hauptteil

2.1 Forschungsstand

Ehe auf die aktuelle Forschung im Rahmen der Professionalisierung der Fachkräfte in der beruflichen Bildung Benachteiligter näher eingegangen wird, bedarf es einer Klärung der zentralen Begriffe, welche in der Eingangsthese aufgeworfen wurden. Es soll eine für diese Hausarbeit geltende definitorische Grundlage für die Begriffe Benachteiligung und Professionalisierung in Bezug auf das Themenfeld der Benachteiligtenförderung geschaffen und der spezielle Bildungseinrichtungstypus der Produktionsschulen vorgestellt werden.

2.1.1 Benachteiligung

Erstmalig trat der Begriff Benachteiligung durch das Benachteiligtenprogramm 1980 des damaligen Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft politisch in Erscheinung (vgl. BIBB 2005, S. 5). Mittlerweile tritt er auch als gesetzlicher Begriff in Erscheinung. So verortet das Sozialgesetzbuch VIII, dass „Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe […] sozialpädagogische Hilfen bei der beruflichen und schulischen Eingliederung benachteiligter junger Menschen zu erbringen und die soziale Integration zu fördern.“ ( AGJ 2011 zit. n. SGB VIII ) Benachteiligung bzw. Benachteiligtenförderung soll als die Gesamtheit der auf den Beruf bezogenen schulischen, betrieblichen und außerschulischen Fördermaßnahmen bzw. deren Träger, Akteure und Institutionen gelten.

Die Fördermaßnahmen nehmen sich den Schwierigkeiten einer Gruppe von Menschen an, die aufgrund individueller Probleme oder ungünstiger sozialer Lebensverhältnissen benachteiligt sind bzw. im Laufe ihrer Bildungsbiographien Schwierigkeiten bei dem Übergang von der Schule in den Beruf und schließlich in die Erwerbstätigkeit hatten. (Vgl. Bojanowski 2005, S. 11)

Das Gegenstandsfeld, welches eigentlich mit dem Begriff zu beschreiben versucht wird, wird dadurch jedoch nicht vollends erfasst. In der Berufspädagogik wird die Benachteiligung als ein offenes Forschungsgebiet angesehen, welches in einer weitgefassten Auslegung Jugendliche ohne Berufsausbildung beschreibt. Kritisch betrachtet, könnte man den Begriff auch diskriminierend auslegen, indem man die damit charakterisierten Menschen abgrenzt oder gar abstuft. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung präferiert daher die Formulierung „Jugendliche mit besonderem Förderbedarf“ ( BMBF 2002).

Von dem Überbegriff Benachteiligung wird auch das Begriffsfeld der Beeinträchtigungsformen umschlossen. Jugendliche, in deren Leben äußere Rahmenbedingungen und individuelle Voraussetzungen negativ zusammenwirken (Vgl. BMBF 2002). Die äußeren Rahmenbedingungen, die eine Beeinträchtigung hervorrufen, können beispielsweise durch den Arbeitsmarkt, das Schulsystem oder betriebliche Einflüsse dargestellt werden. Ein Mangel an Ausbildungsplätzen ist ein beeinträchtigender Einfluss durch den Wirtschaft, ein unterdurchschnittlicher Hauptschulabschluss durch das Schulsystem oder das Auswahlverfahren eines Ausbildungsbetriebs durch betriebliche Faktoren. Die individuellen Voraussetzungen werden als schwerwiegender für die Ausprägung einer Beeinträchtigung angesehen. Diese führen zu einer fehlenden sozialen „Bindungsstabilität“, welche wiederum „negative Gefühle“ ( K ü fner et. al. 2010, S. 11) hervorruft. Diese können dann in einem Misstrauen gegenüber den eigenen Fähigkeiten und dem arbeitsbezogenen Umfeld münden. Daraus können letzten Endes lernbezogene, personenbezogene und motivationsbezogene Beeinträchtigungen entstehen, welche die Betroffenen an einem ökonomisch gesicherten Leben und gesellschaftlicher Teilhabe hindern können. Die einzelnen Typen der Beeinträchtigung dürfen jedoch nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sondern in einem reflexiven Verhältnis. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sowohl die Ursachen als auch die Ausprägung einer Beeinträchtigung ebenso unterschiedlich sind, wie die Individuen an sich.

Beeinträchtigungen im Lernbereich fassen die Unterkategorien Lernbehinderung, Lernschwäche, Teilleistungsschwäche und lernbezogene Beeinträchtigung bzw. Lernbeeinträchtigung zusammen ( BMBF 2005, S. 17). Die Lernschwäche stellt eine „Stufe einer Lernstörung“ (ebenda) dar, bei der die Störung weder umfassend noch anhaltend erfolgt. Durch das Ausbleiben einer entsprechenden Förderung oder durch äußere Umstände, wie beispielsweise ein geschwächtes Milieu kann sich eine Lernschwäche zu einer Lernbeeinträchtigung oder einer Lernbehinderung ausweiten. Lernbeeinträchtigungen können in unterschiedlichen Intensitäten auftreten. Leichtgradige Beeinträchtigungen haben keine lange Dauer, wirken aber umfänglich. Eine mittelgradige hält länger an, hat aber keine umfassende Wirkung. Teilleistungsschwächen beschreiben kognitive Beeinträchtigungen sowie Entwicklungsstörungen einzelner Funktionsbereiche. Beispiele, wie die Legasthenie oder die Dyskalkulie können dabei in ihrer Intensität variieren. Schwerwiegende Fälle von Lernbeeinträchtigungen, bei denen Lernprozesse bzw. -ergebnisse einer schweren und dauerhaften Störung unterliegen, werden unter dem Begriff der Lernbehinderung zusammengefasst. Ursachen für eine solche Behinderung können sozialer Natur, wie das Milieu, in dem Jugendliche aufwachsen und biologische Faktoren, wie die genetischen Voraussetzungen sein. Da sich beide Einflussgrößen gegenseitig beeinflussen, dürfen sie nie getrennt voneinander betrachtet werden. (Vgl. BMBF 2005, S. 17) Indiziert werden lernbezogene Beeinträchtigungen zumeist durch eine schwach ausgeprägte Wissensbasis und ein geringes Wissensbewusstsein. Die daraus resultierenden negativen Schulerfahrungen erscheinen den Betroffenen als determiniert, was ein passives, zielloses und unmotiviertes Verhalten hervorrufen kann.

Ein Migrationshintergrund, die soziale Herkunft oder die schulische Vorbildung können sich als personenbezogene Beeinträchtigung auswirken. Wirken diese Faktoren kombiniert aufeinander, führt dies zu sprachlichen Defiziten, Lernbeeinträchtigungen oder Verhaltensstörungen. Die Berufspädagogik sieht unter anderem Drogenabhängige, Straffällige, ausländische Jugendliche mit Sprachdefiziten oder sozialen Eingewöhnungsschwierigkeiten sowie psychologisch diagnostizierte verhaltensauffällige Auszubildende als personenbezogen beeinträchtigt. (Vgl. ebenda )

Den letzten hier aufgeführten Ansatz der Beeinträchtigung bildet die Motivation. Jugendliche müssen dazu motiviert werden ein Ziel, wie einen Schulbzw. Berufsabschlusses zu erreichen. Daher bildet die Motivationssteigerung ein weiteres „zentrales Element pädagogischer Bemühungen“ ( ebenda ). Sie ist besonders bei Jugendlichen vonnöten, die eine lern- oder personenbezogene Beeinträchtigung haben. Es gilt dabei gegen verminderte Leistungsbereitschaft und Ausbildungs- bzw. Schulabbrüche vorzugehen bzw. zu vermeiden.

Eine motivationsbezogene Beeinträchtigung wird dann attestiert, wenn das „gesetzte Anspruchsniveau“ ( K ü fner et. al. 2010, S. 14), konstruiert durch schulische oder betriebliche Anforderungen bzw. durch die persönlichen Ansprüche als unerreichbar erscheint. Dabei kann eine unzureichende Wahrnehmung und Einschätzung der eigenen Kompetenzen auftreten. Es bedarf der entsprechenden Betreuung, um Jugendlichen, welche sich als nicht selbstständig genug und einem sozialen Fatalismus ausgesetzt sehen, neue Perspektiven erkennen zu lassen und neue Motivation aufzubringen. (Vgl. ebenda )

2.1.2 Professionalisierung

Der Begriff der Professionalisierung stammt von dem lateinischen Wort professio , was mit den deutschen Substantiven Bekenntnis, Gewerbe oder Beruf zu übersetzen ist. Diese Hausarbeit soll sich mit dem Problem der pädagogischen Profession befassen, weshalb in diesem Kapitel auf eine weitgefasste Erläuterung des Begriffskonstrukts Profession verzichtet wird. Die Befassung mit der pädagogischen Praxis als Berufsfeld an sich führte in den 1980er Jahren zu einer Anwendung des Professionsbegriffs. Zu Beginn wurde der Begriff unter Nichtbeachtung der Berufssoziologie aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive mit der Akademisierung und Verwissenschaftlichung von Berufen belegt.

Pädagogische Profession kann in vier unterschiedliche Forschungsrichtungen untergliedert werden. Die interaktionistische Perspektive stellt die Arbeit an Personen in den Vordergrund. Dabei definiert die Interaktion mit dem Klienten und dem Kollegen die „berufliche Identität“ ( Bauer 2000, S. 56) und somit erst das Tätigkeitsfeld. Die Kluft zwischen den unterschiedlichen Sinnwelten von Professionellem und Laie kann nur durch Interaktion bei gleichzeitiger Reflexion überwunden werden. (Vgl. Dunke/Weihrich 2010, S. 177 f.)

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Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656148333
ISBN (Buch)
9783656148258
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190386
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Berufs- und Betriebspädagogik
Note
1,7
Schlagworte
professionalisierung fachkräfte bildung benachteiligter ergebnisse feldforschung hamburger produktionsschule

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Titel: Professionalisierung der Fachkräfte in der beruflichen Bildung Benachteiligter