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Die Bedeutung der Erwerbstätigkeit in den Frauenbewegungen

Die erste und zweite Frauenbewegung im Vergleich

Bachelorarbeit 2009 42 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die erste Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit
2.1 Historischer Umriss der ersten Frauenbewegung
2.2 Positionen zur Erwerbstätigkeit
2.2.1 Die einzelnen Gruppierungen
2.3 Erfolge der Bewegung

3. Die zweite Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit
3.1 Historischer Umriss der zweiten Frauenbewegung
3.2 Positionen zur Erwerbstätigkeit
3.2.1 Tagung in Rehburg Loccum
3.2.2 Die einzelnen Gruppierungen
3.2.3 Die Alternative: HausArbeit
3.3 Erfolge der Bewegung

4. Vergleich der Positionen der beiden Frauenbewegungen
4.1 Gemeinsamkeiten
4.2 Unterschiede

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Linnhoff merkt in ihrer Arbeit an, dass sich „Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen wie ein roter Faden durch die Geschichte“ ziehen.[1] So fingen am Ende des 18. Jahrhunderts Frauen allmählich an, sich gegen ihre geschlechtsbedingte Benachteiligungen aufzulehnen.[2] Die wichtigsten Anstöße erhielten sie von der Französischen Revolution und durch die Aufbruchsstimmung der europäischen Revolution 1848/49.[3] Die Frauenbewegung in Europa war größtenteils bis Anfang des 20. Jahrhunderts kämpferisch und wollte die rechtliche sowie politische Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen. Sowohl die erste deutsche Frauenbewegung im 19. Jahrhundert als auch die zweite, welche knapp ein Jahrhundert später entstand, bezogen ihre Forderungen und Initiativen auf viele Lebensbereiche wie die Bildungs- und Wohlfahrtspolitik oder die Jugendarbeit. Aber auch die Erwerbstätigkeit der Frau verkörperte eine wichtige Thematik in beiden Bewegungen: Am Ende der 1980er Jahre gab es kaum eine Frau, die sich nicht in einer Weise mit dem Gedanken an die Beruftätigkeit befasste.[4]

Es muss allerdings beachtet werden, dass die Frauenbewegungen und ihre Interessen nicht für alle Frauen sprechen. Denn es gab auch Frauen, die das bestehende gesellschaftliche Bild unterstützten und sich gegen die sogenannte Emanzipation richteten. Die zunehmende weibliche Bildungsbeteiligung und Erwerbstätigkeit hatte nämlich gleichzeitig in allen Alters- und Familienstandsgruppen die traditionellen Vorstellungen einer „natürlichen Funktionsteilung“ immer weiter durchlöchert.[5] Die weibliche Individualisierung führte außerdem über die außerhäusliche weibliche Erwerbtätigkeit nach Ansichten von Kritikern zur Auflösung der Familie.[6]

Doch was wird unter Erwerbstätigkeit verstanden? Das Statistische Bundesamt definiert sie im Rahmen von volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen folgendermaßen: „ Erwerbstätige sind alle Personen, die als Arbeitnehmer (Arbeiter, Angestellte, Beamte, geringfügig Beschäftigte, Soldaten) oder Selbstständige beziehungsweise mithelfende Familienangehörige eine auf wirtschaftlichen Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben [...].“[7] Auffällig ist bei dieser Definition, dass sie sich explizit an die Männer richtet, denn die weibliche Anredeform bleibt aus. Können Frauen somit nicht erwerbstätig sein? Fällt die Hausarbeit nicht unter die Kategorie der Berufstätigkeit und muss somit erst durch Löhne aufgewertet werden? Schon im 19. Jahrhundert erhielt die weibliche Hausarbeit kaum Anerkennung. Zwar stellte Robert Wilbrandt fest, dass wenn man den volkswirtschaftlichen Wert dieser Arbeit berücksichtigen würde die Frauen „trotz ihrer geringeren Erwerbtätigkeit eine ebenso volkswirtschaftliche Leistung wie die Männer [erbrächten]“. Nichtsdestotrotz galt allgemein: Wer kein Geld verdiente, arbeitete nicht. So zählte die Arbeit „des Dienstmädchens, der Köchin, der Wäscherin und der Erzieherin in dem Augenblick nicht mehr als Arbeit, in dem sie von der unbezahlten Ehefrau [...] verrichtet wurde.“[8] Diese Tatsache wurde von den Frauen akzeptiert und erst im 20.Jahrhundert erhoben sich die ersten kritischen Stimmen.

Durch die in den 1830er Jahren einsetzende Industrialisierung veränderte sich die Arbeitswelt von Männern und Frauen grundlegend: Die weibliche Erwerbsquote zwischen 1882 und 1980 schwankte im Deutschen Reich und der Bundesrepublik zwischen rund 30 und 35 Prozent. Zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr sank die weibliche Erwerbsquote jedoch stark.[9] Sie stieg bis 1980 auf knapp 49 Prozent an. Somit nahm die weibliche Erwerbtätigkeit besonders in den mittleren Jahrgängen zu. Die Frauen in den 1980ern schienen nicht mehr nur Haus-, Ehefrauen und Mütter zu sein wollen sondern planten eine lebenslange Erwerbtätigkeit mit kurzer Kinderpause. Nach dieser Pause setzten sie sich der Doppelbelastung von Beruf und Familie aus, welche in den meisten Fällen nur eine Teilzeitbeschäftigung zuließ.[10]

In den 1950er Jahren sah die weibliche Lage aber noch anders aus. Damals stieß die weibliche Beruftätigkeit immer stärker auf Widerspruch. Die Gesellschaft sprach sich für das traditionelle Rollenverhältnis aus und stellte sich damit gegen die weiblichen Doppelverdiener. Die Frauen wurden in dieser Zeit in die häusliche Sphäre gedrängt.[11] Durch den ständig ansteigenden Konsumanspruch wurde es jedoch unmöglich, dass die Frau ausschließlich im häuslichen Bereich tätig war. Ein weiterer Lohn wurde benötigt, um sich den Luxus finanzieren zu können. Die arbeitenden Ehefrauen und Mütter wurden von der Gesellschaft und Kirche nicht gerne gesehen. Dies führte dazu, dass die Frauen durch den massiven Druck nach den altbewährten Mustern leben wollten. Doch die Realität sah meistens anders aus: Die Ehefrauen mussten arbeiten.[12]

Was allerdings auffällt ist, dass Frauen seither in speziellen Gebieten tätig waren.[13] So interessierten sie sich an den Universitäten weniger für die technischen, sondern eher für die klassischen Lehramtsfächer wie Germanistik, Anglistik und Pädagogik. Somit entschieden sich Frauen in den meisten Fällen auch für andere Berufe als Männer. Frevert stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die schon von der alten Frauenbewegung als „wesensgemäß propagierten Tätigkeiten des Lehren, Heilens und Erziehens“ auch in der Bundesrepublik von Frauen bevorzugt wurden. Die „Frauenberufe“ wie Bürokauffrau und Arzthelferin brachten den Frauen jedoch kein Ansehen, kein gutes Einkommen und keine Aufstiegschancen. Auch innerhalb dieser Beruffelder gab es zudem geschlechtsspezifische Vorliebe, so dass Frauen in höheren Positionen kaum anzutreffen waren.[14] Dieses Problem fand seinen Ursprung allerdings nicht nur in den weiblichen Fähigkeiten. Nach Frevert erwiesen sich „betriebswirtschaftliches Kostenkalkül, Konkurrenzdenken und Herrschaftsinteressen der Arbeitgeber und Kollegen [...] als äußerst zählebig und wirksam, wenn es [...] [galt] Frauen am untersten Ende der Rangskala zu platzieren“.[15]

Die weibliche Erwerbstätigkeit stellt in der vorliegenden Arbeit das zentrale Thema dar. Es werden zunächst die Haltungen der beiden deutschen Frauenbewegungen zur Erwerbstätigkeit dargestellt und anschließend miteinander verglichen. Als Vergleichspunkt wurde die weibliche Berufstätigkeit ausgewählt, da sie zugleich auch das herrschende gesellschaftliche Rollenverständnis deutlich darstellt. Hieraus kann man am besten erkennen, ob die Gesellschaft das Hausfrauen- und Mutterdasein der Frauen bevorzugt oder sie als gleichberechtigten Menschen fördert. Denn erst durch gleiche Zugangsmöglichkeiten in die Bildungs- und Berufswelt gilt die Frau als gleichwertig mit dem Mann. Die Beobachtungen beschränken sich auf das Deutsche Reich und den westlichen Teil Deutschlands. Da mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands in der Zeit nach 1990 eine zusätzliche Analyse der Situation der Frauen in der DDR erforderlich wäre, beschränkt sich die Arbeit auf den Zeitraum von der Entstehung de ersten Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1990.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, ihrer historische Entwicklung, den verschiedenen Gruppierungen und ihrer Haltung gegenüber der weiblichen Erwerbstätigkeit. Anschließend wird ein kurzes Fazit über die Erfolge der Bewegung gezogen und ihr Niedergang kurz skizziert wird. Darauf folgt im nächsten Teil die Betrachtung der zweiten Frauenbewegung aus den 1960er Jahren nach einem ähnlichen Schema. Der Part über die Positionen zur Erwerbstätigkeit unterteilt sich in drei Unterpunkte. Mit der Vorstellung der Tagung in Rehburg Loccum wird eine Zwischenbilanz von der Situation der Frauen in den 1970er Jahren gezogen, bevor einzelne Gruppierungen der neuen Bewegung betrachtet werden und der neue Aspekt der Forderung nach bezahlter Hausarbeit angesprochen wird. Im letzten Teil der Arbeit werden schließlich beide Frauenbewegungen und ihre Einstellungen miteinander verglichen.

In der Literatur wurde die Geschichte der ersten Frauenbewegung meistens als Ideen- und Organisationsgeschichte dargestellt. Einige Persönlichkeiten sowie überregional handelnde Vereine wurden als die Initiatoren der Bewegung bekannt.[16] Die neue Frauengeschichte erschien dagegen in den 1980er Jahren in einer Reihe neben Öko-, Friedens- und Alternativbewegung. Während Kraushaar den Frauen der Frauenbewegung den Ausstieg aus der sozialen Realität vorwarf, sprach Habermas von der Emanzipation als einer neuen Stufe der gesellschaftlichen Modernisierung.[17]

Auf dem Gebiet der Frauenbewegung und Emanzipation gibt es zahlreiche Publikationen, obwohl es im Unterschied zu den USA in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik kaum Forschungsarbeiten über die neue Frauenbewegung gab.[18] Trotzdem wurde vor allem in den 1980er Jahren vermehrt auf diesem Gebiet geforscht und versucht die neue Bewegung mit anderen zu vergleichen. In den letzten Jahren befassten sich außerdem viele wissenschaftliche Veröffentlichungen mit dem frauengeschichtlichen Thema. In den 1970er und 1980er Jahren lag das Hauptinteresse bei der historischen Angestelltenforschung.[19] Darauf folgten vermehrt Untersuchungen, die das soziale Leben von Frauen in der Weimarer Republik darstellten.[20] In den Neunziger Jahren betrachtete man die „Neue Frau“ schließlich aus der kunsthistorischen Perspektive und anhand biographischer Einzelportraits.[21] Die Ideologien der neuen Frauenbewegung sind in vielen Schriften beschrieben, welche die Fraueninteressen repräsentieren. In der Literatur überwiegen Erfahrungsberichte und Dokumentationen. Die Sphäre der weiblichen Arbeitswelt fehlt in der kritischen wissenschaftlichen Literatur jedoch zum größten Teil. So ist der Hinweis auf die gesellschaftliche Funktion der Hausarbeit selten, auch wenn gerade die Hausarbeit als Anlass der Politik der Frauenbewegung gesehen wurde.[22]

Eines der neusten Werke über die neue Frauenbewerbung ist Ilse Lenz Quellenband. Sie sammelte die vielfältigen, kontrastierenden Stimmen der neuen Frauenbewegung und ihre wesentlichen Aussagen. Ihre Absicht mit diesem Band ist den Lesern und Leserinnen die Möglichkeit zu geben sich selber anhand von Schlüsseltexten ein Bild von der Bewegung und ihrer Wandlung zu machen. Gleichzeitig wollte sie die innovative und kontroverse Seite der damaligen Frauen aufzeigen. Der Band eröffnet einen Zugang zu den Kontroversen um Geschlecht und gesellschaftlichen Wandel in Deutschland. Daneben erwiesen sich die Protokolle der Tagungen von Loccum und der aus dem Jahre 1988 stammende Aufsatzband von Uta Gerhardt und Yvonne Schütze als wichtige Literaturquellen. Die beiden Herausgeberinnen befassen sich mit der Frauensituation in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und beziehen in ihre Forschungsergebnisse die Veränderungen ab 1960 mit ein. Neben zahlreichen Diskussionen zur Lebenssituation der Frau stehen im Zentrum ihrer Arbeit forschungskritische Beiträge zur Frauenbewegung, zur Rollenthematik und zur mütterlichen Erwerbstätigkeit. In der Betrachtung der Frauenbewegungen darf Ute Frevert nicht fehlen. In ihrem Werk untersucht sie die Entwicklung der Frauenbewegung und die Stellung der Frau vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre. Dabei geht sie unter anderem der Frage nach, welche emanzipatorischen Errungenschaften die Frauen in den Bereichen Bildung, Recht, Beruf erreicht haben. Angelika Schaser gibt hingegen einen Überblick über die erste deutsche Frauenbewegung im 19.Jahrhundert. Die Autorin behandelt alle Aspekte der deutschen Frauenbewegung von der Gründung zahlreicher Frauenverbände und der Forderung nach dem Wahlrecht über das Erlangen des Stimmrechts im Jahr 1918 bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und dem damit verbundenen Bruch der Entwicklung.

2. Die erste Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit

In den 1840er Jahren herrschten überall in Deutschland Unruhen: Soziale Spannungen, eine sich ausbreitende liberale Opposition gegen die Ständegesellschaft, Polizeizensur und den Obrigkeitsstaat. Auch in den sozialen Unterschichten begann eine zunehmende Politisierung.[23] Die Anfänge der organisierten Frauenbewegung in Deutschland gehen in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als die erfolgreiche Februarrevolution von 1848 in Frankreich auch nach Deutschland ausstrahlte und sich die sozialen Probleme in den oberen Gesellschaftsschichten spürbar verschärften. Nun wurden die konkreten Forderungen nach einer besseren Mädchenbildung sowie mehr Erwerbsmöglichkeiten für Frauen laut und die Stellung der Frau wurde zu einem vieldiskutiertem Thema.[24] Frauen berichteten schon vor der Revolution in Romanform, in Journalen und Zeitungen über das „Missverhältnis“ zwischen den Geschlechtern. Sie forderten eine bessere Mädchenbildung und die Teilnahme am Staatsleben.[25] Aus der vereinzelten Kritik an der Situation etablierte sich schließlich die erste Frauenbewegung in Deutschland. Diese gewann um die Jahrhundertwende große Aufmerksamkeit und ein großes Ansehen.

2.1 Historischer Umriss der ersten Frauenbewegung

Schaser unterteilt die erste Frauenbewegung in ihrer Arbeit in vier unterschiedliche Phasen. Ihren Anfang fand die Bewegung in der ersten Phase von 1815, beziehungsweise von 1848 bis 1865. Darauf folgte die Phase des Anwachsens und der Konsolidierung der organisierten Frauenbewegung sowie deren überregionale Vernetzung.[26] 1865 entstand somit auch der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) unter der Mitwirkung von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt. In diesem Verein sollten nur Frauen organisiert werden. Die Männer waren dagegen nur als beratende Stimme zugelassen.[27] Schon 1877 bestand, nach Luise Otto-Peters, die Gesamtmitgliederzahl aus 12 000 Frauen und 20 Vereinen.[28]

Die „proletarische“ Frauenbewegung nahm eine entscheidende Rolle in der Zersplitterung der gesamten Frauenbewegung des 19.Jahrhunderts ein. Denn zunächst waren die Arbeiterinnen ziemlich eng mit der sich entwickelnden Frauenbewegung verbunden: Mithilfe des politischen Einflusses der bürgerlichen Frauen gelangte das Problem der Arbeiterinnen an die Öffentlichkeit. Die ersten Arbeiterinnenvereine in der Mitte des 19.Jahrhunderts waren von Männern getrennte Organisationen, die sich um Bildungsprobleme, aber auch um Fragen des Arbeiterinnenschutzes bemühten. Erst ab 1869 und seit dem Sozialdemokratischen Arbeiterkongress sowie dem Erstarken der männlichen Arbeiterbewegung begann der Zusammenschluss mit den Sozialdemokraten und mit diesem die zunehmende Abgrenzung von der „bürgerlichen“ Frauenbewegung[29], von der sich die Arbeiterinnen bevormundet fühlten.[30] Ab 1894 bis 1917 begann sich die Frauenbewegung zu differenzieren und wies in dieser Zeit auch ihre größten Erfolge auf.[31] 1894 wurde der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) gegründet, welcher als Dachverband der deutschen Frauenbewegung agierte. Als Vorbild für den BDF galt der National Council of Women in den USA.[32] Gleich zu Beginn schlossen sich dem BDF 34 Vereine an. 20 Jahre später zählte er bereits 46 Mitgliedsvereine und 500 000 Mitglieder.[33] In der vierten und letzten Phase ab 1918 bis 1933 spielten die internationalen Kontakte wieder eine große Rolle.[34]

Die ersten Frauenorganisationen wurden von Frauen aus der bürgerlichen und adeligen Schicht gegründet und geleitet. Daher standen die Forderungen nach Bildungs- und Berufsmöglichkeiten vor allem für bürgerliche Frauen sowie die Verbesserung der sozialen Lage der unteren Schichten im Vordergrund.[35] Die ersten aktiven Frauen sind keine Arbeiterinnen gewesen, .denn diese kämpften jeden Tag um ihre Existenz und nicht darum eine Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben spielen zu dürfen. Doch auch die bürgerlichen Frauen kümmerten sich in ihrem Kampf um die Arbeiterinnenfrage: Die aufgestellten Forderungen galten daher von Anfang an für die Frauen aller Schichten.[36] Dennoch war diese Frauenbewegung nicht einheitlich, sondern bestand aus verschiedenen Zentren und Gruppierungen.[37]

2.2 Positionen zur Erwerbstätigkeit

Um die Entstehung und die Position der ersten Frauenbewegung in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts zu verstehen, ist man sich in der Forschung einig, dass die Betrachtung der wirtschaftlichen sowie politischen Verhältnisse in jener Zeit unabdingbar ist.[38]

So war die Bewegung unter dem wirtschaftlichem Aspekt mit der rasanten industriellen Entwicklung in Deutschland verknüpft, welche die Bevölkerungsstruktur verändert hat: Familien wurden massenweise zu Lohnarbeitern unter elenden Bedingungen[39], viele Familien aus dem Bürgertum verarmten und zahlreiche einst reiche Töchter blieben alleine, da sich die Eltern die Mitgift nicht mehr leisten konnten. „Ohne Ausbildung, ohne eigenen Verdienst und unter gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Frauen [...] nur etwas über den Mann galten, waren alleinstehende Frauen diskriminiert und verachtet.“[40] Aus diesen Umständen heraus entstand schließlich die Forderung nach Frauenerwerbstätigkeit. Doch von einer guten Schul- und Berufsausbildung ausgeschlossen hatten die Frauen nicht nur das Problem, „das Frauenarbeit für bürgerliche Frauen als unschicklich galt“. Aufgrund ihrer mangelnden Ausbildung hatten sich kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.[41]

2.2.1 Die einzelnen Gruppierungen

Wie schon im ersten Abschnitt dieses Kapitels erwähnt bestand die erste Frauenbewegung nicht aus einer Einheit, sondern aus vielen einzelnen Gruppen, die sich in ihren Ansichten und in ihrem Vorgehen unterschieden. Vorweg ist jedoch zu erwähnen, dass die bürgerlichen Frauen und ihre Organisationen nicht die prinzipielle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aufheben wollten und „jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern in allen äußeren Lebensbeziehungen zu verwischen [versuchten].“[42]

Das Primat der Familie im weiblichen Lebenszusammenhang blieb bei der Frauenbewegung von 1848 unangetastet. Die Frauen forderten allerdings eine höhere Schulbildung für Mädchen. Ihren Ansichten nach war es nicht richtig sie im Haus einzusperren. So konnten sie ihre Aufgaben als Mütter, Hausfrauen und Erziehen nicht angemessen erfüllen. „Denn wenn sie ihre Kinder zu verantwortungsvollen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen sollten, müssten sie erst selber in der Lage sein, Ereignisse und Zusammenhänge des öffentlichen Lebens zu verstehen und zu beeinflussen.“ Dies versprachen sie sich von einer höheren Schulbildung, welche nicht nur typisch weibliche Fächer wie Sprachen, Zeichnen, Handarbeit und Musizieren, enthielt. Dabei dachten die Frauen der frühen Frauenbewegung nicht nur an die zukünftigen Mütter, sondern auch an die unverheirateten Frauen, für welche solch eine Ausbildung besonders wichtig war: Nur wenn sich unverheiratete Frauen berufliche Qualifikationen aneigneten, konnten sie überhaupt selbstständig leben ohne ihrer Familie zur Last zu fallen oder sich entgegen ihrer Gefühle an einen Mann verkaufen. Daher schlug Louise Otto Peters vor, die Frauen „verstärkt zum kaufmännischen und Lehrberuf zuzulassen“. Damit versprach sie sich zusätzlich, dass die Ehe aus der Rolle einer bloßen Versorgungsanstalt wieder ausbrechen und die weibliche Endwürdigung ein Ende nehmen würde. Diese Ideen blieben vorerst aber ohne Zukunftsvisionen. Büros und Geschäfte wurden erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu normalen weiblichen Arbeitsplätzen.[43]

Die bürgerlichen Mentoren der Arbeiterbildungsvereine setzten sich als eine weitere Gruppe für das Recht der Frauen auf Erwerbs- und Fabrikarbeit ein. Unter ihnen befanden sich fortschrittsliberale Rechtsanwälte, Professoren, Unternehmer und Lehrer. Sie lobten den Fortschritt den die Industrialisierung mit sich brachte und begrüßten die „billigeren Konsummöglichkeiten, die schnellere Fortbewegung und Kommunikation“ sowie die größeren Verdienstchancen. Frevert meint, dass diese Männer schon alleine aus „nationalökonomischen Rücksichten“ die Entfesselung „der weiblichen Antriebskraft“ mit geeigneten Mitteln nutzbar machen wollten. Denn die Arbeit galt bei ihnen als Grundlage für eine ganz neue Gesellschaft. Aus diesem Grund war es in ihren Augen „eine Pflicht und Ehre“ für das weibliche Geschlecht sich auf dem industriellen Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Neben dieser Begründung nahm die Gruppe aber auch politisch- ideologische Gesichtspunkte in ihre Argumentation auf. Es sei nämlich einerseits an der Zeit das „Freiheits- und Gerechtigkeitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft“ auch für die Frau einzulösen und sie zur „würdigen Gehilfin des Mannes und zu vollgültigen Mitgliede der Gesellschaft zu erheben“. Auf der anderen Seite wollten sie, dass die Frau zu einem unabhängigen Leben befähigt werde und nicht mehr ökonomisch auf den Ehemann angewiesen ist. Die Männer teilten die Auffassung, dass sich die Familienpflichten und die Erwerbsarbeit durchaus miteinander vereinbaren ließen. Die Familie musste dabei jedoch stets die „Krone alles Frauenlebens“ sein.[44]

Der ADF kämpfte seit 1865 vor allem für das weibliche Recht auf Arbeit und eine bessere Ausbildung und legte dies in seinen Statuten fest: „Der Allgemeine Deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken.“[45] Diese Ziele wollte der Verein mit Hilfe von „Frauenbildungsvereinen, Öffentlichkeitsarbeit, Produktiv-Assoziationen, Industrie- Ausstellungen [und] Industrieschulen“ erreichen. So stieg die Anzahl an Frauenbildungsvereinen nach 1865 rasch an, was bei den katastrophalen Ausbildungsmöglichkeiten von Frauen aus Arbeiterfamilien sowie dem allgemeinen Studiumsverbot nicht verwunderlich ist.[46] Außerdem arbeiteten viele Frauen des ADF, wie Luise Otto-Peters und Fanny Lewald, eng zusammen mit der sich entwickelnden Arbeiterbewegung. Am 3.Vereinstag Deutscher Arbeitervereine in Stuttgart wurde 1865 die Frauenfrage diskutiert und mehrere Forderungen, wie „Anerkennung des Rechts auf Arbeit für Frauen, Anerkennung der Notwendigkeit der Gleichberechtigung, Notwendigkeit der Unterstützung von Arbeiterinnen“, angenommen.[47] Die Arbeit des ADF kennzeichnete jedoch eine Doppelstrategie: Zwar forderten die Frauen eine bessere Berufserziehung für proletarische Mädchen, aber in erster Linie kümmerten sie sich um die Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten ‚höherer Töchter’.[48]

Die „radikalen bürgerlichen“ Frauen sahen im BDF eine konservative Richtung, welche zwar die Andersartigkeit des weiblichen Geschlechts betonte, den Frauen Bildungs- sowie Berufsmöglichkeiten schaffen wollte, aber ihnen somit stufenweise nur das Hineinwachsen in eine helfende und stützende Rolle in der Männerwelt ermöglichte. Die „radikalen“ Frauen waren jedoch zu keinerlei Zusammenarbeit mit dem männlichen Geschlecht bereit.[49] Sie klagten den Männern das Alleinbestimmrecht direkt an: „Für sie war keine Veranlassung da, bei Eroberung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gleichberechtigung in der Andersartigkeit des weiblichen Geschlechts ein Merkmal der Zweitrangigkeit und Unfähigkeit zu erblicken“.[50] Daher griffen die „radikalen“ Frauen die Frage des Frauenstudiums, des Frauenwahlrechts sowie das Problem einer grundlegenden Reform der Mädchenbildung auf und gründeten Frauenstimmvereine, den Verein „Frauenstudium“ und den Verein „Frauenwohl“. Sie schlossen sich zusammen zum Verband Fortschrittlicher Frauenvereine und gaben die Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ heraus.[51] Das Programm des Verbands lehnte jede Trennung der bürgerlichen Frau von der Arbeiterin ab und wollte damit eine Zusammenarbeit ermöglichen.[52] Dabei ging der Verband auf Themen wie Rechtschutzstellen, Frauenkliniken, Arbeiterinnenschutz und Lohnfrage ein. Besonders die Frauen in Berlin zeigten sich sehr aktiv und gründeten mehrere Arbeiterinnenvereine, deren Mitglieder nicht nur Arbeiterinnen, sondern auch bürgerliche Frauen waren.[53] Doch nur ein Jahr später wurden 1886 die Arbeiterinnenvereine verboten und aufgelöst. Die Initiatorinnen erhielten zusätzlich eine Bestrafung.[54] Dies hielt die Arbeit der radikalen bürgerlichen Frauen allerdings nicht auf. Sie traten schließlich 1907 dem BDF bei. Dies führte zur Erlahmung der „Radikalen“, aber zugleich auch zu einer Anpassung des BDF an die Forderungen nach Stimmrecht und Mädchengymnasien.[55]

Da es den Frauen gesetzlich verboten gewesen ist sich politisch zu organisieren[56], verstärkte sich die Tendenz zu einem Zusammenschluss mit der männlichen Arbeiterbewegung immer mehr von Seiten der proletarischen Frauenbewegung. Bookhagen vermutet, dass sich die Frauen auf diese Weise mehr Schutz vor politischen Repressionen erhofften.[57] Diese Frauen leugneten, dass es überhaupt eine Frauenfrage gab[58] und beschränkten sich in ihrer Analyse auf den Klassenwiderspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie.[59] In ihren Vorstellungen erfolgte die Befreiung der Frau nach der Machtergreifung des Proletariats und dem Aufstreben des Sozialismus beziehungsweise des Kommunismus von selbst.[60] Als Klassenfeind wurden die Frauen von bürgerlicher Herkunft sowie die bürgerliche Frauenbewegung betrachtet.[61] Die „proletarische“ Frauenbewegung beschränkte sich daher auf die Arbeiterinnen. So war es ihr Ziel einen Arbeiterinnenschutz durchzusetzen und ihre soziale und ökonomische Lage zu verbessern.[62] Die Frauen sprachen sich allerdings gegen das Frauenstudium aus, da sie die Ansicht vertraten, dass die Arbeiterinnen nicht den Vorraussetzungen für ein Studium entsprachen.[63]

Die Gruppierungen der Ersten Frauenbewegung verfolgten trotz jeglicher politischer Abgrenzung gemeinsame Ziele. Die Forderungen unterschieden sich nur in ihren Hauptanliegen und erkannten die Geschlechterunterschiede zwischen Man und Frau sowie die Hochschätzung der Mutterschaft an.[64]

2.3 Erfolge der Bewegung

Seit den 1830er Jahren entwickelten sich die ersten Ansätze der systematischen weiblichen Ausbildung.[65] In Hamburg wurde 1850 die Hochschule für das weibliche Geschlecht von Karl Fröbel gegründet. Sie sollte den Frauen Kenntnisse in der Kindererziehung und eine höhere Bildung vermitteln. Diese Hochschule galt allerdings nicht als Pendant zu den bestehenden Universitäten: „Den dort unterrichteten Mädchen sollte im Falle ihrer nicht Verheiratung eine Chance geboten werden, ihre ökonomische Unabhängigkeit zu sichern, in für Frauen als geeignet angesehenen Berufen.“ Viele junge Mädchen dieser höheren Töchterschule absolvierten im Anschluss eine Ausbildung zur Kindergärtnerin oder zur Lehrerin.[66] Da Frauen nicht zum Studium zugelassen wurden, konnten sie keine anderen akademischen Berufe erlernen.[67] Erst zwischen 1899 und 1909 wurden Frauen in einzelnen Ländern des Deutschen Reiches zum Universitätsstudium zugelassen.[68] Im Laufe der Zeit eroberten sich die bürgerlichen Frauen immer mehr Berufsfelder: Die Zahl der Studentinnen an deutschen Universitäten wuchs an, in Greifswald wurden Oberlehrerinnenkurse eingerichtet und „ die städtische höhere Handelsschule in Hannover beschloss die Zulassung von Frauen. In Berlin wurde eine Assistenzärztin bei den städtischen Irrenanstalten beschäftigt, der Verband Deutscher Journalisten und Schriftsteller hatte zum ersten Mal eine Frau in sein Büro gewählt. Preußen hatte die fünfte Gewerbeinspektionsassistentin eingestellt, und die Zahl der Berliner Rechtsanwaltgehilfinnen hatte sich seit 1895 nahezu verdoppelt.“[69]

Im November 1918 erhielten die Frauen schließlich das Wahlrecht. Doch gleichzeitig mit dieser Errungenschaft kam eine Unsicherheit darüber auf, welche weiteren Ziele im Rahmen der Frauenbewegung angestrebt werden sollten. Viele Frauen nutzten allerdings die neuen rechtlichen Möglichkeiten und engagierten sich außerhalb der Frauenbewegung „für unterschiedliche politische, soziale und berufliche Ziele.“

Die erste deutsche Frauenbewegung fand mit der Zensur im 1933 ihr Ende, welche die Frauenvereine zur Auflösung und zur Unterordnung unter die NS- Organisationen zwang.[70] Durch den Nationalsozialismus entdeckte die „neue“ Frauenbewegung nach 1945 die erste Frauenbewegung erst spät. Denn dieser hatte die Existenz völlig zerstört.[71]

3. Die zweite Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit

Die neue Frauenbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg galt als ein weltweites Phänomen mit einem radikalen Gleichheitsanspruch und einer Vielfalt an Themen.[72] Mitte der 1960er Jahre setzte in den USA der „Women’s Liberation Movement“ ein. 1970 erfasste diese Bewegung schließlich die westeuropäischen Frauen. Junge, linkspolitische Frauen fanden sich in der Bundesrepublik in einer neuen autonomen Frauengruppe zusammen und weckten durch ungewöhnliche Aktionen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Auch Hausfrauen und berufstätige Frauen aus der Mittelschicht fingen an ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu geben und sich in eigenen Gruppen zusammenzuschließen.[73] Ende der 1960er Jahre stellten die Frauen fest, dass ihr „Privates politisch“ war: Ihr Alltag, ihre Lebensweise und selbst ihre persönlichen Beziehungen.[74] Sie wollten die weibliche Emanzipation daher auf alle Bereiche des Lebens ausweiten und handelten unter der Devise: „Frauen gemeinsam sind wir stark!“[75]

Seit dieser Zeit entstanden immer mehr Frauengruppen mit unterschiedlichsten politischen Ausrichtungen. Doch die Transformationen der Bewegung werden kaum zur Kenntnis genommen. Die zweite Frauenbewegung wird jedoch meistens auf ihre Herausbildungsphase festgeschrieben „als hätte sie sich nicht verändert“.[76]

3.1 Historischer Umriss der zweiten Frauenbewegung

Von einer aktiven und lebendigen Frauenbewegung konnte in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch nicht die Rede sein. Dennoch können Bemühungen um eine lose Kooperation von verschiedenen Organisationen bis 1969 wahrgenommen werden.[77]

Die neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland entstand im Zusammenhang mit der sozialen und antiautoritären Protestbewegung der linken Studenten der 1968er Jahre.[78] Mit dem Ende der antiautoritären Studentenbewegung und dem Regierungsantritt der sozial- liberalen Koalition „setzte ein Umbruch- und Differenzierungsprozess in der jungen Frauenbewegung ein“. Dies geschah einerseits durch die Wiederentdeckung der marxistischen Klassiker sowie der proletarischen Frauenbewegung. Andererseits lernten die Frauen feministische Literatur aus dem Ausland kennen und knüpften an feministische Gesellschaftstheorie des „Patriarchats“[79] an. Daraus ergaben sich die Bildung von zahlreichen Projekt- und Selbsterfahrungsgruppen sowie die Gründung von Frauenzentren. Die erste weibliche Massenbewegung in der Bundesrepublik war die im Stern 1971 veröffentlichte Selbstbezichtigung von 374 Frauen unter dem Slogan: „Ich habe abgetrieben“. Sie lief nach dem französischen Vorbild ab. In dieser Aktion machte sich die neue bundesdeutsche Frauenbewegung zu einer „sozialen Kraft und zu einem unübersehbaren politischen Faktor“: Überall in Westdeutschland entstanden in jenem Sommer §218-Gruppen.[80] Berufstätige Frauen, Hausfrauen, Mütter sowie auch Studentinnen erlangten in dieser Zeit immer mehr an individuellem Selbstbewusstsein.[81]

Mit der ökonomischen Krise und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1975 gegen eine Fristenlösung im §218 des GG fing für die Frauenbewegung jedoch eine schwere Zeit der „Ratlosigkeit, Wut und Verbitterung“ an.[82] Nach diesem Rückschlag dauerte es eine gewisse Zeit bis sich die Frauenbewegung wieder zu einem gemeinsamen Handeln gegen diese frauenfeindliche Entwicklung aufraffen konnte. Die Frauen zogen sich erst einmal zurück und konzentrierten sich auf alternative Selbsthilfekonzepte und auf die „private, individuelle, persönliche Sphäre“. Neben dieser rückwirkenden Entwicklung gewann die Frauenbewegung im Jahr der Frau (1975) aber auch ungewohnte Publizität im Medien- und Literaturbereich. Die Frauenfrage wurde „gesellschaftsfähig“.[83]

Die Demokratische Fraueninitiative (DFI) wurde 1976 gegründet. Die Frauen waren unzufrieden, wie sich die Frauenbewegung seit der 218-Kampagne entwickelt hatte.[84] Seit 1977 bauten die Frauen ein eigenes Kommunikationsnetz auf, welches aus Frauenkneipen, Frauen- Sommeruniversitäten Frauenbuchläden und Frauenzeitschriften wie der EMMA oder Courage, Frauenkalendern, Frauenkulturgruppen und Selbsthilfsprojekten bestand.[85]

Der 70. Internationale Frauentag am 8.März 1980 kann schließlich als Start der Frauenbewegung in die 1980er Jahre angesehen werden. Denn bis Mitte der 1970er Jahre gab es nur wenige fortschrittliche Frauengruppen und Organisationen, welche Veranstaltungen zum Frauentag durchführten. Mit dem Anwachsen der demokratischen Frauenbewegung änderte sich dies.[86] Ab 1980 integrierte sich die neue Frauenbewegung außerdem zunehmend institutionell und differenzierte sich.[87] So wies sie 1982 einen politischen Aufschwung auf: Die Frauen zeigten sich fest dazu entschlossen menschenwürdige Verhältnisse für Frauen zu erkämpfen und klammerten dabei die weltpolitischer Fragen nicht aus.[88] 1984 zählte man mehr als 100 Frauenverbände und –gruppen mit etwa 10 Millionen Mitgliedern in der Bundesrepublik.[89] Diese schlossen sich alle im „Deutschen Frauenrat“ zusammen, welcher 1958 gegründet wurde. Die in ihm zusammengeschlossenen Verbände haben zum Teil ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Diese mussten in der Zeit des Nationalsozialismus ihre Arbeit einstellen.[90] Der Rat führte allerdings trotz seiner zahlenmäßigen Stärke ein „politisches Schattendasein“. So blieb der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, dass ein „millionenstarker Gesamtverband aller organisierten Frauen existierte.“ So nahm auch die neue Frauenbewegung in den 1970er Jahren zunächst keine Kenntnis von dem Deutschen Frauenrat. Erst 1977 kam es zu einem ersten Treffen.[91] Ab 1989 fand schließlich eine Neuorientierung und Internationalisierung der Bewegung statt.[92] Bis dahin blieb war die Frauenbewegung zwar schon international vernetzt und tauschte sich aus, aber sie orientierte sich vor allem noch auf der nationalen und lokalen Ebene.[93]

[...]


[1] Linnhoff, Ursula, Die Neue Frauenbewegung, USA- Europa seit 1968, Köln 1974, Seite 7.

[2] Vgl., ebd., Seite 1.

[3] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland 1848-1933, Darmstadt 2006, Seite 1.

[4] Gerhardt, Uta/ Schütze Yvonne (Hrsg.), Frauensituation. Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren, Frankfurt a. M. 1988, Seite 10.

[5] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt a. M. 1986, Seite 273.

[6] Gerhardt, Uta/ Schütze Yvonne (Hrsg.), Frauensituation, Seite 10.

[7] Homepage des Statistischen Bundesamtes Deutschland: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/abisz/Erwerbstaetige,templateId=renderPrint.psml, (1.Juli 16.00 Uhr).

[8] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 59.

[9] Vgl., ebd., Seite 61; Schmidtchen, Gerhard, Die Situation der Frau, Trendbeobachtungen über Rollen- und Bewusstseinsänderungen der Frauen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1984, Seite 11, 127.

[10] Schmidtchen, Gerhard, Die Situation der Frau, Seite 12; Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 258 – 259, 263: Diese erforderte jedoch meistens geringe Qualifikationen, wurde schlecht bezahlt und war sozial so wie rechtlich kaum abgesichert.

[11] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, 254: So sei es gang und gäbe gewesen, dass „Frauen, die heiraten wollten und bislang im Beruf standen, mit dem Tag der Verheiratung entlassen werden, weil die Arbeitgeber der Meinung sind, dass es ausreiche, wenn der Mann verdiene“.

[12] Vgl., ebd., Seite 256 – 257.

[13] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 59.

[14] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 261; Gerhardt, Uta, Frauenrolle und Rollenanalyse, in Gerhardt, Uta/ Schütze Yvonne (Hrsg.), Frauensituation. Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren, Frankfurt a. M. 1988, Seite 68 – 69.

[15] Vgl., ebd., Seite 263: 1978 versuchte die Bundesregierung den Widerstand mit der Initiative „Mädchen in Männerberufen“ zu brechen. In diesem Rahmen wurden Frauen in technischen Berufen ausgebildet. Seite 264 - 265: Der durchschnittliche Bruttowochenverdienst einer vollzeitbeschäftigten Industriearbeiterin lag 1981 bei 31,2 Prozent unter dem eines männlichen Arbeiters. In den 1950er Jahren waren die Lohnunterschiede noch größer. Seit 1978 hat sich die Lohn- und Gehaltsschere aber nicht mehr weiter geschlossen, die Lohnannähehrung ist zum Stillstand gekommen. Außerdem zählten Frauen zur Leichtlohngruppe, da sie leichtere Arbeit verrichteten; Huhnke, Brigitta, Macht, Medien und Geschlecht. Eine Fallstudie zur Berichterstattungspraxis der DPA, der TAZ sowie der Wochenzeitung die Zeit und der Spiegel von 1980- 1995, Wiesbaden 1996, Seite 132.

[16] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland 1848-1933, Seite 1.

[17] Riedmüller, Barbara, Das Neue an der Frauenbewegung. Versuch einer Wirkungsanalyse der neuen Frauenbewegung, in: Gebhardt, Uta/ Schütze, Yvonne (Hrsg.), Frauensituation. Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren, Frankfurt a. M. 1988, Seite 16.

[18] Vgl., ebd., Seite 15.

[19] Nienhaus, Ursula, Berufsstand weiblich. Die ersten weiblichen Angestellten, Berlin 1982.

[20] Frevert, Ute, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt a.M. 1986.

[21] Vollmer-Heitmann, Hanna, Wir sind von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt. Die Zwanziger Jahre. Frauenleben, Hamburg 1993.

[22] Riedmüller, Barbara, Das Neue an der Frauenbewegung, Seite 17.

[23] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 72.

[24] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 16.

[25] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 72- 73.

[26] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 6.

[27] Frauenbewegung um die Jahrhundertwende (19./20.Jahrh.), in: Gerber, Uwe (Hrsg.), Loccumer Protokolle 10/1975, Emanzipation der Frau, Loccum 1975, Seite 15.

[28] Vgl., ebd., Seite 19.

[29] Vgl., ebd., Seite 31.

[30] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 1.

[31] Vgl., ebd., Seite 6.

[32] Vgl., ebd., Seite 42.

[33] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 109.

[34] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 6.

[35] Vgl., ebd., Seite 1.

[36] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 14.

[37] Vgl., ebd., Seite 15.

[38] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 4.

[39] 15 Stunden Arbeitstag, geringe Löhne, schlechte Wohnverhältnisse und Krankheiten prägten das damalige Arbeiterleben, welches auch Frau und Kinder mit einbezog.

[40] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 12.

[41] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 17.

[42] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 77.

[43] Vgl., ebd., Seite 74 – 75.

[44] Vgl., ebd., Seite 96.

[45] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 41.

[46] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 16; Twellmann, Margit, Die deutsche Frauenbewegung. Ihre Anfänge und erste Entwicklung 1843-1998, Meisen am Glan 1972, Seite 41: Im §2 ihrer Statuten hieß es: „Wir halten es für unabweisbares Bedürfnis, die weibliche Arbeit von den Fesseln des Vorurteils, die sich von den verschiedensten Seiten geltend machen, zu befreien. Wir halten in dieser Hinsicht neben der Agitation durch Frauenbildungsvereine und die Presse , die Begründung von Produktiv-Assoziationen, welche den Frauen vorzugsweise empfohlen werden, die Errichtung von Industrie-Ausstellungen für weibliche Arbeitserzeugnisse, die Gründung von Industrie-Schulen für Mädchen, die Errichtung von Mädchenherbergen, endlich aber auch die Pflege höherer wissenschaftlicher Bildung für geeignete Mittel, dem Ziel näher zu kommen.“

[47] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 19.

[48] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 98.

[49] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten , Seite 22.

[50] Heymann, Lida Gustava, Heymann- Memoiren, Meisenheim am Glan 1972, Seite 85.

[51] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 23.

[52] Heymann, Lida Gustava, Heymann- Memoiren, Meisenheim am Glan 1972, Seite 93.

[53] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 23.

[54] Vgl., ebd., Seite 24.

[55] Vgl., ebd., Seite 30.

[56] Vgl., ebd., Seite 4, 19: Das im März 1850 in Preußen erlassene Vereinsgesetz verbot „Frauenspersonen, Schülern und Lehrlingen“ die Mitwirkung in politischen Vereinen und ihre Teilnahme an politischen Versammlungen. Dieses Gesetz galt bis 1908 fast überall in Deutschland.

[57] Vgl., ebd., Seite 32.

[58] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 2: Clara Zetkin distanzierte sich immer davon Arbeiterinnenvereine als Teile der Frauenbewegung zu sehen. Für sie hatte jede Klasse ihre eigene Frauenbewegung.

[59] Zetkin, Clara, Für die Befreiung der Frau, in: Ausgewählte Reden und Schriften, Band 1, Berlin 1857, Seite 10: „Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage- wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an!“

[60] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 2, 38.

[61] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 33.

[62] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 92.

[63] Bookhagen, Renate, Warum die Frauen spalten, Seite 33.

[64] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 3.

[65] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 76.

[66] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 15, 22.

[67] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 76.

[68] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 23; Gerhardt, Uta, Frauenrolle und Rollenanalyse, Seite 69.

[69] Schaser, Angelika, Frauenbewegung in Deutschland, Seite 46.

[70] Vgl., ebd., Seite 5.

[71] Vgl., ebd., Seite 7.

[72] Linnhoff, Ursula, Die Neue Frauenbewegung. USA- Europa seit 1968, Köln 1974, Seite 6; Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 273; Ehmsen, Stefanie, Der halbe Weg zur Hälfte des Himmels, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (9) Berlin 2008, Seite 92.

[73] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 280; Linnhoff, Ursula, Die Neue Frauenbewegung, Seite 8: „Sie bewarfen ihre Genossen mit Tomaten, klagten mit drastischen Plakaten deren repressive Sexualität an und stellten [...] in Hamburg moralinsauere Juristen bloß, als sie zu einem Gerichtsverfahren, zu dem sie erscheinen mussten, mit nackten Brüsten kamen.“

[74] Riedmüller, Barbara, Das Neue an der Frauenbewegung, Seite 20; Ehmsen, Stefanie, Der halbe Weg zur Hälfte des Himmels, in:, Seite 92.

[75] Linnhoff, Ursula, Die Neue Frauenbewegung, Seite 1.

[76] Lenz, Ilse, Bewegung und Veränderungen. Frauenforschung und Neue Frauenbewegungen in Deutschland, in: Hornung, Ursula/ Gümen, Sedef/ Weilandt, Sabine (Hrsg.), Zwischen Emanzipation und Gesellschaftskritik. (Re)Konstruktion der Geschlechterordnung, Forum Frauenforschung, Schriftenreihe der Sektion Frauenforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Band 14, Münster 2001, Seite 189.

[77] Frevert, Ute, Frauen- Geschichte, Seite 276.

[78] Linnhoff, Ursula, Die Neue Frauenbewegung, Seite 37.

[79] Ebd., Seite 37: „Des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen Männern und Frauen, der den Klassengegensätzen übergeordnet und aus dem die Unterdrückung der Frauen ‚in allen Gesellschaften’ abgeleitet wurde.“

[80] Vgl., ebd., Seite 242: „Bei Großkundgebungen, nationalen Kongressen und Tribunalen forderte die Bewegung, die sich den Namen ‚Aktion 218’ gegeben hatte, die ersatzlose Streichung des §218 aus dem Strafgesetzbuch, Bezahlung des Schwangerschaftsabbruches durch die Krankenkassen, Pille auf Krankenschein, Hearing zum §218 und umfassende Sexualaufklärung.“ Schließlich wurde die Fristenlösung in das Gesetzbuch am 26. April 1974 aufgenommen, welche ein Jahr später wieder zurückgenommen wurde.

[81] Lenz, Ilse, Bewegung und Veränderungen, Seite 199.

[82] Doormann, Lottemi, Die neue Frauenbewegung. Zur Entwicklung seit 1968, in: Hervé, Florence (Hrsg.), Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Köln 1982, Seite 243.

[83] Vgl., ebd., Seite 244.

[84] Vgl., ebd., Seite 246.

[85] Vgl., ebd., Seite 245.

[86] Vgl., ebd., Seite 260.

[87] Lenz, Ilse, Bewegung und Veränderungen, Seite 197- 198.

[88] Doormann, Lottemi, Die neue Frauenbewegung, Seite 262.

[89] Frevert, , Ute, Frauen- Geschichte, Seite 276.

[90] Meibom v., Irmgard, Organisierung der Frauen, in: Gerber, Uwe (Hrsg.), Loccumer Protokolle 10/1975, Emanzpation der Frau, Loccum 1975, Seite 112,114: „[Der Deutsche Frauenrat] ist vielmehr ein Zusammenschluss auf freiwilliger Basis von gleichberechtigten Einzelverbänden [gewesen].“

[91] Frevert, , Ute, Frauen- Geschichte, Seite 276.

[92] Doormann, Lottemi, Die neue Frauenbewegung, Seite 209.

[93] Lenz, Ilse, Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008, Seite 21.

Details

Seiten
42
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656154846
ISBN (Buch)
9783656154624
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190543
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Schlagworte
Emanzipation Frauenbewegung Erwerbstätigkeit Frauen

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Erwerbstätigkeit in den Frauenbewegungen