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Vereine als (Re-) Produzenten sozialen Kapitals

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Sozialkapital
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Putnam’s Konzept
2.3 Bourdieu’s Konzept
2.4 Synopse der Konzepte

3 Vereine im Dritten Sektor
3.1 Das Modell des Dritten Sektors
3.2 Freiwillige Vereinigungen

4 Die Rolle von Vereinen bei der (Re-)Produktion von Sozialkapital
4.1 Rolle von Vereinen bei Putnam
4.2 Exkurs: Bürgerschaftliches Engagement
4.3 Rolle von Vereinen bei Bourdieu
4.4 Fazit: Bedeutung von Vereinen zur Bildung von sozialem Kapital

5 Fazit und kritische Anmerkungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen sozialwissenschaftlicher Auseinandersetzungen um Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft ist das vorliegende Thema angesiedelt. In diesen Debatten werden Funktionen und Aufgaben von Vereinen zur Lösung gesellschaftspolitischer Problemlagen diskutiert. Diese Diskurse erstrecken sich von der Krise des Wohlfahrtsstaates über die Krise der Erwerbsgesellschaft bis hin zur Erosion des sozialen Zusammenhalts und der Krise der Demokratie. So bestehen z.B. Besorgnisse über das Ende des Sozialstaats, die Dominanzökonomischer Prinzipien oder/und die fortschreitende Individualisierung und deren Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben Den Hintergrund der Ausführungen bildet der Komplex um den Verfall sozialen Zusammenhalts. Soziales Kapital gilt in diesen Diskursen als Mittel der Sozialintegration, um so soziale Beziehungen zu stärken und damit die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Bürger zu erhöhen. Vertreter der kritischen These sehen dagegen in den Debatten um Sozialkapital den „Ausdruck eines Gemenges aus politischen Erwartungen, mehr oder minder theoretisch gehaltvollen Gegenwartsdiagnosen und sozialwissenschaftlicher Forschung“1.

Als Teil einer Sphäre, die weder zu Staat, Markt oder der Privatsphäre zählt, sind Vereine den Organisationen der Zivilgesellschaft zuzuordnen. Vereinen kommt die Bedeutung zu, dass in ihnen soziales Kapital vorhanden und messbar ist. Aus diesem Grund soll das Verhältnis zwischen Sozialkapital und Vereinigungen näher betrachtet werden, wobei die zentrale Frage aufgeworfen wird, ob Vereinigungen soziales Kapital produzieren und reproduzieren.

An den Begriff „Sozialkapital“ soll sich durch zwei verschiedene Ansätze angenähert werden. Anschließend werden Vereine als Organisationen im Dritten Sektor verortet sowie die Differenzierung zu freiwilligen Vereinigungen dargelegt und definiert. In der Zusammenführung der Termini Sozialkapital und Vereinigung soll der Rolle von Vereinen in den beiden Konzepten von sozialem Kapital nachgegangen werden. Ein Exkurs zum bürgerschaftlichen Engagement soll dieses nicht nur definieren, sondern auch einen Einblick in den politisch motivierten Hintergrund der Diskussion um das Sozialkapital geben. Schließlich geht es um die Bedeutung, die Vereinigungen bei der Produktion und Reproduktion sozialen Kapitals erlangen.

2 Sozialkapital

2.1 Begriffsbestimmung

In der Forschung existieren eine Reihe von Interpretationen, Deutungen und Verwendungen des Begriffs „Sozialkapital“, die im Kontext unterschiedlicher theoretischer Ansätze und Forschungsdisziplinen stehen.

Aus historischer Perspektive läßt sich die erstmalige Verwendung des Terminus „Sozialkapital“ am Beginn des 20. Jahrhunderts verorten. Lydia Judson Hanifan prägte den Begriff zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Gemeinschaftsengagement und Demokratie.2

Mehrfach wurde seitdem der Terminus von diversen Forschern „unabhängig voneinander [...] wieder erfunden“3. So differenzieren sich die unterschiedlichen Dimensionen vor allem in politische, soziologische undökonomische Konzepte, die jeweils verschiedene Aspekte des Begriffs in den Vordergrund rücken4. Meier beschreibt beispielsweise das allgemeine Ziel des Konzepts vom sozialen Kapital als „primäre Analyse der Funktionsvoraussetzungen von Systemen und Strukturen“5 und bezieht sich damit auf einen systemtheoretisch-strukturfunktionalen Ansatz.

Um sich dem Terminus „Sozialkapital“ zu nähern, muss auch die Debatte um das Wort „Kapital“ berücksichtigt werden. Der Kapitalbegriff definiert sich durch vierökonomische Kriterien: Erstens ist dann von Kapital die Rede, wenn es einen Eigentümer mit juristischen Rechten gibt, der zweitens mit dem Kapital Erträge erzielen will. Drittens ist es möglich in dieses Kapital zu investieren, um die Erträge zu steigern. Viertens sinkt mit dem Ver-/Gebrauch des Kapitals dessen Wert (sog. Abschreibung)6. Die vierökonomischen Bestimmungen sind nach Claus Offe bei sozialem Kapital nicht zutreffend. Es handelt sich daher bei dem Begriff „Sozialkapital“ um eine „irreführende Metapher“7. Wie Offe aufzeigt, gibt es keinen Eigentümer, keine Erträge, keine Investitionen und auch keine Abschreibung des Sozialkapitals. Der alleinige Grund der Verwendung des Kapitalbegriffs sei der Beitrag, den soziales Kapital für die kollektive Wohlfahrt leistet. Daher wird von ihm empfohlen den Terminus „Sozialvermögen“ zu benutzen, „also einer wohlfahrtssteigernden sozialen und moralischen Kompetenz, mit der Gesellschaften oder Teile ausgestattet sein können“8. Obwohl in der vorliegenden Ausarbeitung die Erklärung von Offe unterstützt wird, soll hier der Begriff „Sozialkapital“ bzw. „soziales Kapital“ beibehalten werden, weil er die Forschungsdiskussionen dominiert.

Im Folgenden sollen zwei Konzepte von sozialem Kapital dargestellt werden. Der erste Ansatz ist mit dem Namen Robert D. Putnam verbunden, der in seinen Studien über den Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts in den USA ein Konzept von Sozialkapital lieferte, dass soziale Vorgänge auf der Mikroebene analysiert. Auf der Makroebene werden diese Prozesse inökonomische und politische Perspektiven eingebunden. Das zweite Konzept ist von Pierre Bourdieu vorgelegt worden, der vor allem die objektiven Strukturen und Funktionen der gesellschaftlichen Welt beschreiben wollte.

2.2 Putnam ’ s Konzept

Robert D. Putnam untersuchte zunächst die Ursachen der regional unterschiedlichen Umsetzung der Kommunalreform in Italien. Die „Qualität der Verwaltungsarbeit“9 wird „durch dauerhafte Traditionen des Zivilengagements (oder deren Fehlen)“10 beeinflusst, konstatierte Putnam. Er entwickelte in dieser Studie den Begriff „Sozialkapital” als „features of social organization, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions“11.

Diese Kennzeichen sozialer Organisationen, die Sozialkapital definieren, sieht Putnam in folgenden drei Komponenten12:

- Soziales Vertrauen
- Normen generalisierter Reziprozität
- Netzwerke zivilgesellschaftlichen Engagements.

In einer Gemeinschaft wirkt sich ein hoher Bestand an Sozialkapital vielfach positiv auf das Zusammenleben aus. Die Netzwerke stabilisieren die Norm der Gegenseitigkeit und bilden dadurch soziales Vertrauen. Ebenso erleichtern Netzwerke die Kommunikation und Koordination zwischen den Individuen, so dass „die Dilemmata des kollektiven Handelns gelöst werden können“13. Mit der Lösung kollektiver Konflikte wird auch die Notwendigkeit sozialer Kontrolle reduziert14.

Soziales Kapital gilt als kollektive Ressource, weil Sozialkapital in Netzwerken entsteht. Die Qualität der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebenszusammenhänge in der gesamten Gesellschaft wird durch die Existenz von Netzwerken und zivilem Engagement positiv beeinflusst15.

Diese Korrelation untermauert er in seinen Untersuchungen über das Niveau des Sozialkapitals in den USA16. Um eine Diagnose des Bestands an Sozialkapital leisten zu können, zieht Putnam „als Maßstab das Zivilengagement in formalen organisatorischen und institutionellen Kontexten heran“17. D.h. Putnam misst Engagement mittels quantitativer Daten über die politische Partizipation, zivile Vereinigungen, Familien und Bindungen zur Nachbarschaft. Seine Feststellung nach den Studien lautet: Als Folge sinkenden zivilen Engagements und reduzierter sozialer Einbindung erodieren der gesellschaftliche Zusammenhalt sowie das soziale Vertrauen. Bei geringem sozialem Zusammenhalt sinkt wiederum das Niveau sozialen Kapitals18. Dieser Sachverhalt veranlasst Putnam zu der Schlussfolgerung, dass das „bedrohlichste soziale Phänomen im heutigen Amerika […] der Mangel an Sozialkapital (ist, d.A.), das die tiefsten Klüfte der amerikanischen Gesellschaft überbrücken könnte“19.

Die Ursachen des rückläufigen Sozialkapitals erklärt er in seiner Studie durch den Eintritt der Frauen ins Erwerbsleben, die gestiegene räumliche Mobilität, demographische Transformationsprozesse und den technischen Wandel20. Sämtliche Veränderungen „staatlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Normen - haben die Oberfläche der Bürgergesellschaft aufgewühlt“21. Um die Bürgergesellschaft zu modernisieren bedarf es nach Putnam einer hohen Dichte der „auf organisierter Gegenseitigkeit und Zivilsolidarität beruhenden Netze“22, also der Ressource Sozialkapital.

In einer international vergleichenden Untersuchung (2001) betont Putnam aber auch, dass nicht jedes Sozialkapital „gut für die Demokratie und die soziale Gesundheit“ ist. Diesen Überlegungen angeschlossen, müssen Zweck und Effekt von Sozialkapital verstanden werden, um zu beurteilen, wer in einer Gesellschaft durch welche Form von Sozialkapital Vorteile bzw. Nachteile hat23.

Aufgrund des Anspruchs, Zweck und Effekt sozialen Kapitals zu erfassen, entwickeln Putnam und Goss vier (komplementäre) Differenzierungsmöglichkeiten zur Feststellung der Form von Sozialkapital24:

1. Formell vs. informell: Hierbei geht es um die Form der Organisation, nämlich formell (Verein) oder informell (unregelmäßige oder spontane Treffen).
2. Hohe vs. geringe Dichte: Die Dichte von Sozialkapital hängt zusammen mit der Unterscheidung einer starken oder schwachen Bindung zwischen Individuen. Eine starke Bindung äußert sich in häufigen und exklusiven Kontakten, wobei dann von einer hohen Dichte sozialen Kapitals gesprochen werden kann.
3. Innenorientierung vs. Außenorientierung: Innenorientiertes Sozialkapital richtet sich auf „die materiellen, sozialen oder politischen Interessen von Mitgliedern“25, während sich außenorientiertes Sozialkapital auf denöffentlichen Nutzen bezieht.
4. Brückenbildend vs. bindend: Brückenbildendes (bridging) Sozialkapital „bezieht sich auf soziale Netzwerke, die völlig unterschiedliche Menschen zusammenbringt“, während bindendes soziales Kapital (bonding social capital) in Netzwerken besteht, die punktuell sozial homogen sind.

Mit dieser dargestellten Multidimensionalität von sozialem Kapital können Veränderungsprozesse im Kapital qualitativ beschrieben werden26.

2.3 Bourdieu ’ s Konzept

Bourdieu führte in den 1980er Jahren den Kapitalbegriff ein, um die objektiven Strukturen und Funktionen der gesellschaftlichen Welt zu beschreiben. Kapital ist dabei „eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt“ und gleichzeitig das „grundlegende Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ darstellt.27 Nach Bourdieu existieren drei verschiedene Arten von Kapital:ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital28.

a)ökonomisches Kapital

Diese Kapitalsorte ist „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“29. Es stellt demnach die materielle/ökonomische Dimension von Kapital dar.

b) kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital existiert in drei Zuständen: inkorporiert, objektiviert und institutionalisiert. Inkorporiertes kulturelles Kapital meint körpergebundenes Kapital, das der Besitzende durch persönliche Investitionen in Bildungsarbeit erworben hat und damit in seinem Habitus inkorporiert30. Der objektivierte Zustand kulturellen Kapitals manifestiert sich in kulturellen Gütern. Diese können „zum Gegenstand materieller Aneignung werden“ oder aber mittels inkorporierten Kapitals symbolisch angeeignet werden31. Institutionalisiertes kulturelles Kapital ist über Legitimitätsnachweise (Titel etc.) institutionalisiertes inkorporiertes Kapital. Dadurch wird inkorporiertem Kapital eineökonomische Verwertbarkeit ermöglicht.

c) soziales Kapital

Sozialkapital ist die „Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“32. Soziales Kapital beruht demnach auf der „Zugehörigkeit zu einer Gruppe“33 und stellt eine individuelle Ressource dar. Soziales Kapital wird produziert und reproduziert durch ständige „Beziehungsarbeit“34.

[...]


1 vgl. Braun, 2003a: 33

2 vgl. Putnam/Goss, 2001; vgl. Keupp, 2001

3 vgl. Putnam/Goss, 2001: 17

4 Zwei Aufsätze geben einen kurzen, aber prägnanten Überblick: Putnam/Goss, 2001; Herrmann-Pillath/Lies, 2001a

5 vgl. Meier, 1996: 12

6 vgl. Offe, 1999

7 vgl. Offe, 1999: 117

8 vgl. Offe, 1999: 118

9 vgl. Putnam, 1999: 27

10 vgl. Putnam, 1999: 27

11 vgl. Putnam, 1993: 167

12 vgl. Putnam, 1999; vgl. Braun, 2001

13 vgl. Putnam, 1999: 29; vgl. Putnam/Goss, 2001:21

14 vgl. Braun, 2001

15 vgl. Putnam, 1999; vgl. Putnam/Goss, 2001

16 1999, 2000, 2001

17 vgl. Putnam, 1999: 30

18 vgl. Braun, 2001

19 vgl. Putnam, 1999: 66

20 vgl. Putnam, 1999

21 vgl. Putnam/Goss, 2001: 34

22 vgl. Putnam, 1999: 27

23 vgl. Putnam/Goss, 2001: 24f

24 vgl. Putnam/Goss, 2001: 25ff

25 vgl. Putnam/Goss, 2001: 27

26 vgl. Putnam/Goss, 2001: 27

27 vgl. Bourdieu, 1983: 183

28 Die Kapitalsorten dienen der analytischen Trennung.

29 vgl. Bourdieu, 1983: 185

30 Die Akkumulation von inkorporiertem kulturellem Kapital, also Bildung, bedarf eines Verinnerlichungsprozesses.

31 vgl. Bourdieu, 1983: 188

32 vgl. Bourdieu, 1983:190

33 vgl. Bourdieu, 1983: 190f.

34 vgl. Bourdieu, 1983: 193

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638232777
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19061
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Vereine Produzenten Kapitals Freiwillige Vereinigungen Dritten Sektor

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Titel: Vereine als (Re-) Produzenten sozialen Kapitals