Lade Inhalt...

Das Verfahren gegen Galileo Galilei

Seminararbeit 2003 25 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Ausarbeitung

I. Vorwort

II. Historische Einordnung

III. Biographie des Galileo Galilei
1. Anfangsjahre bis zum Bekenntnis zu Kopernikus
2. Erste astronomische Beobachtungen
3. Exkurs: Gegenüberstellungen der Weltbildtheorien
4. Eintreten für das heliozentrische System
5. Die ruhigen Jahre: 1616 bis 1623
6. Exkurs: Papst Urban VIII.
7. Der Dialog
III. Der Prozess

IV. Wertung
1. Wertung aus damaliger Sichtweise
2. Wertung aus heutiger Sichtweise
3. Gründe für Prozessführung und Verurteilung
a) Feinde in Wissenschaft und Kirche
b) Wissenschaftliche Fehler
c) Öffentlichkeitswirksamkeit
d) Staatspolitik
e) Verhältnis zu Papst Urban VIII.

V. Rehabilitationsfrage

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ausarbeitung

I. Vorwort

Wer sich mit Galileo Galilei beschäftigt, wird sehr rasch bemerken, dass es nicht nur zwei Galileis – nämlich den der Belletristik und den der Wissenschaft –, sondern auch die zwei dazugehörigen Darstellungen des Prozesses gegen ihn gibt. In den lesenswerten aber unwissenschaftlichen Geschichten erfährt man die schnell erzählte einfache Fassung des Prozesses. Dabei wird Galilei vor die Inquisition gezerrt. In manchen ist von Folterung, aber immer von Gefängnishaft die Rede. Dann musste Galilei abschwören und rief danach mit dem Fuß auf die Erde stampfend die geflügelten Worte: „Und sie bewegt sich doch!“

In dieser simplen Art muss der Galilei-Prozess immer noch als Argument gegen Wissenschaftler herhalten, die ihren Glauben und die Wissenschaft in Einklang bringen wollen. Ihnen wird am Beispiel der Verurteilung Galileis entgegengehalten, dass der Glaube blind für den wissenschaftlichen Fortschritt mache. Dieses Bild des Galilei-Prozesses, dass der Wissenschaftler von der Inquisition der „reaktionären“ katholischen Kirche deshalb verurteilt wird, weil er neue Erkenntnisse vertritt, ist aber ein unwissenschaftliches ausgedachtes Schema; denn die historische Wirklichkeit, die die Darstellung des „anderen“ und realen Prozesses übernimmt, ist anders und meiner Meinung nach auch interessanter.

Um dies aber erkennen zu können, ist es notwendig, den Prozess gegen Galileo Galilei genau zu analysieren. Meine Analyse gliedert sich in dieser Arbeit folgendermaßen: Zuerst wird der Prozess kurz historisch eingeordnet. Anschließend werde ich eine ausführliche Biographie der Person Galilei geben; denn die Kenntnis über Galileis Leben ist unabdingbar für das Verständnis des Prozesses gegen ihn. Außerdem werde ich Bezug auf die Gegenpartei, in persona Papst Urban VIII., nehmen. Die genaue Schilderung des Prozesses wird folgen, um danach eine Wertung dessen vorzunehmen. Abschließend werde ich kurz zur Vervollständigung auf die Rehabilitierungsfrage eingehen.

II. Historische Einordnung

Eine historische Einordnung des Galilei-Prozesses, die sich mindestens von Ende des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts erstrecken sollte, stellt ein gewaltiges Arbeitsvolumen dar. Deshalb können in dieser Arbeit nur die wichtigsten Fakten stichpunktartig zusammengefasst werden.

Von 1618 bis 1648 herrschte in Europa der Dreißigjährige Krieg. Die katholische Kirche mit der Regentschaft im Kirchenstaat war direkt in diesen verwickelt. Zusätzlich wurde kurz vor dem Galilei-Prozess von 1627 bis 1630 um die Mantuanische Erbfolge in Italien Krieg geführt. Welche Auswirkungen die kriegerischen Handlungen auf die Verurteilung Galileis hatten, wird zu einem späteren Zeitpunkt dargestellt werden.

Ein Blick auf Italien zu Beginn des 17. Jahrhundert zeigt, dass die Apenninenhalbinsel genauso wie die deutschen Gebiete aus Territorialstaaten bestand. Davon sind drei zu erwähnen. Venetien ist durch seine wirtschaftliche Stärke weitgehend unabhängig von dem großen Kirchenstaat. Der Kirchenstaat hatte nicht die Gestalt des heutigen Stadtstaates Vatikan, sondern erstreckte sich über weite Teile Mittelitaliens, an der Ostküste in der nördlichen Ausdehnung sogar bis nach Bologna. Mit diesem musste das Großherzogtum Toskana unter der Regierung der Medici starke Auseinandersetzungen führen; denn das Großherzogtum, wenngleich die Medici durch die Größe der Toskana sehr mächtig waren, musste auf seinen unmittelbaren Nachbarn, den Kirchenstaat, Rücksicht nehmen.

Der Stato Ponteficio wurde in der Zeit von 1605 bis 1623 von Papst Paul V. regiert. Sein Nachfolger wurde Papst Urban VIII., der bis 1644 die Tiara auf dem Haupt trug. Unter seiner Regentschaft wurde gegen Galilei prozessiert.

III. Biographie des Galileo Galilei

Im Folgenden soll das Leben des Wissenschaftlers im Bezug auf seine astronomischen Forschungen dargestellt werden. Dies geschieht sehr ausführlich, weil nur so aufgezeigt werden kann, wie es zu einem Prozess gegen diesen Wissenschaftler überhaupt kam.

1. Anfangsjahre bis zum Bekenntnis zu Kopernikus

Galileo Galilei wurde am 15. Februar 1564 in der Nähe von Florenz geboren, wuchs aber in Florenz auf. Der fromme Knabe Galilei wollte eigentlich Geistlicher werden.[1] Er begann dennoch mit einem Medizinstudium, entdeckte aber dabei seine Liebe zur Geometrie und wechselte zu Mathematik. Sein Vater war darüber keineswegs erfreut, erachtete er doch die Mathematik als brotlose Kunst. Mit 21 Jahren kehrte Galilei aus seinem Studienort Pisa als freiberuflicher Mathematiker zurück nach Florenz. Dort hatte er fast kein Tätigkeitsfeld und verdiente deshalb nur sehr wenig Geld. 1589 wurde Galilei an der Universität Pisa Dozent der Mathematik und drei Jahre später erhielt er einen Lehrvertrag in Padua.[2] Durch Privatstunden war es Galilei möglich, sein Gehalt aufzubessern, so dass ihm zumindest keine Existenzsorgen mehr plagten.

In Padua hatte er eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, in der sich auch die ersten Forschungserfolge einstellten. So konstruierte er ein Thermoskop zur genauen Messung von Temperaturen sowie den „Geometrischen und Militärischen Kompass“, eine Art Rechenschieber, der in ganz Europa vertrieben wurde.[3] Die 18 Jahre in Padua waren – nach seiner eigenen Aussage – Galileis besten Jahre. Hier lernte er auch Maria Gamba kennen, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hatte, obwohl sie niemals heirateten.[4]

In Padua kam Galilei auch zum ersten Mal mit der kopernikanischen Theorie in Kontakt. 1597 bekannte sich Galilei in einem Brief an Johannes Kepler mit bis dahin unveröffentlichten Thesen zu Kopernikus.[5]

2. Erste astronomische Beobachtungen

1609 wendete sich das Leben des Galilei dramatisch. Er erfuhr von der holländischen Erfindung des Fernrohrs und konstruierte als Nachbau ein eigenes. Dieses brachte ihm viel Ruhm ein. Er bekam sogar aus Venedig ein Arbeitsangebot auf Lebenszeit.[6] Doch Galilei hatte andere Pläne, er wollte wieder nach Florenz zurück. Seine erste astronomische Schrift siderius nuntius, die 1610 erschien, sollte ihm dabei helfen. Dieses Buch zeigt die Himmelsbeobachtungen Galileis auf, die er mit Hilfe seines Fernrohrs anstellen konnte. Galilei beschreibt darin genau die Oberfläche des Mondes, die Gestalt der Milchstraße als Ansammlung von Sternen und die Entdeckung der Jupitermonde.[7] Zu Ehren des Großherzogs Cosimo II. de Medici nannte er diese Monde „Mediceische Sterne“. Cosimo II. war dadurch sehr geschmeichelt, und nachdem Galilei eine offizielle Bewerbung auf Anstellung an dessen Hofe geschrieben hatte, stellte er Galileo Galilei als „Ersten Mathematiker und Philosophen des Großherzogs der Toskana“ ein.[8] So kehrte also Galilei 1610 nach Florenz zurück und genoss am Hofe alle Freiheiten des Forschens.

Zusätzlich muss hier schon angemerkt werden, dass Galilei in seiner Schrift siderius nuntius ein erstes öffentliches Bekenntnis zur Richtigkeit des kopernikanischen Systems abgab. Die meisten Gelehrten sprachen Galilei aber die Authentizität seiner Beobachtungen ab und waren sehr verärgert darüber, dass Galilei seine astronomischen Beobachtungen als Argument für Kopernikus auffasste.[9] Sie waren Anhänger des ptolemäischen Systems und hielten dieses für das einzig Wahre.

Um sich die genauen Unterschiede vor Augen führen zu lassen, sowie zur Verdeutlichung, warum Galileis siderius nuntius ein Argument pro Kopernikus darstellt, ist eine Gegenüberstellung der beiden Systeme unerlässlich.

3. Exkurs: Gegenüberstellungen der Weltbildtheorien

Das ptolemäische oder geozentrische Weltbild geht auf den griechischen Astronomen Claudius Ptolemäus, der von 100 bis 170 lebte, zurück. Ptolemäus konstruierte ein Weltbild, in dem die Erde der Mittelpunkt des Universums ist. Um die Erde kreisen auf kugelförmigen Sphären der Mond, fünf Planeten sowie die Sonne. Ptolemäus beobachtete aber, dass die Planeten sich eben nicht immer gleichförmig sondern auch schleifenförmig rückwärts bewegten. Um die Beobachtungen der Rücklaufschleifen verifizieren zu können, musste er für jeden Planeten zusätzliche komplizierte Kreisbewegungen - die Epizykel - als Ausgleich in sein System einbauen.[10] Das geozentrische Weltbild hatte jedoch einen „unübertroffenen“ Vorteil in der Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift. In Buch Josua Kapitel 10 Vers 12, 13 heißt es:

„Damals, als der Herr die Amoriter den Israeliten preisgab, redete Josua mit dem Herrn; dann sagte er in Gegenwart der Israeliten: Sonne bleib stehen über Gibeon und du, Mond, über Tal Ajalon! Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte.“

Ein Befehl von Gott an die Sonne stehen zu bleiben, setzt natürlich deren Bewegung voraus. Beim Stellenwert des Wortlautes der Heiligen Schrift und deren Auslegung stand damals die Bewegung der Sonne und die Existenz einer unbewegten Erde indiskutabel fest.

Galilei konnte mit seinem Teleskop aber nicht nur die schon erwähnten Himmelsgestirne beobachten, sondern auch in seiner Schrift siderius nuntius zusätzlich die Veränderung der Venus in Phasen – ähnlich wie die Mondphasen – beschreiben. Aus astronomischer Sicht resultiert daraus, dass die Erde auf keinen Fall stillstehen kann. Deshalb ist nun das ptolemäische System mit seiner bewegten Sonne unhaltbar geworden.[11] Ein astrophysikalischer Beweis kann hier allerdings nicht erfolgen. Dies muss in vorliegender Arbeit als erwiesen gelten. Galilei, der die Falschheit des geozentrischen Systems so erkannt hatte, proklamierte nun das kopernikanische oder heliozentrische System.

Dieses Weltbild geht auf Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) zurück. Er war Domherr in Frauenberg und entwickelte Anfang des 16. Jahrhunderts nach dem Studium antiker Texte – vor allem Aristarchos von Samos – das heliozentrische Weltbild. Papst Clemens VII. fasste seine These mit Wohlwollen und Interesse auf und bat Kopernikus, diese der gelehrten Welt zugänglich zu machen.[12] Es bleibt also festzuhalten, dass die kopernikanische Revolution nicht gegen, sondern gerade mit dem Willen der Kirche angefacht wurde.

In dem Werk de revolutionibus orbium coelestium veröffentlichte Kopernikus seine Theorie der bewegten Erde. Seiner Auffassung nach steht die Sonne im Zentrum des Weltalls. Um diese drehen sich alle Planeten von West nach Ost in ungefähr gleicher Ebene. Jedoch konnte man auch in diesem System nicht auf die Epizykel verzichten, ja sogar wurden diese noch komplizierter. Kopernikus definierte zudem jeden Planeten durch eine dreifache Bewegung. Diese Thesen konnten jedoch vorerst nicht mathematisch-physikalisch bewiesen werden, und so waren sie nur Behauptungen.

4. Eintreten für das heliozentrische System

1611 reiste Galilei auf Einladung der Kirche nach Rom. Die Astronomen des jesuitischen Collegium Romanum wiederholten die Beobachtungen Galileis und überboten diese noch an Exaktheit.[13] Die geistlichen Astronomen bestätigten Galileis Entdeckungen und stimmten der Meinung zu, dass das ptolemäische System nicht richtig sein kann. Galilei schrieb aus Rom an einen Freund: „ Ich bin von vielen der illustren Kardinälen, Prälaten und Fürsten dieser Stadt festlich bewirtet worden, die zu sehen wünschten, was ich beobachtet habe.“[14] Es ist also deutlich erkennbar, dass es zwischen der Kirche und Galilei zu dieser Zeit überhaupt keine Spannungen, geschweige denn einen Streit gab.

Gegenteiliges lässt sich aber von dem Verhältnis zwischen Galilei und den Schulgelehrten an den Universitäten berichten; denn diese hielten an Ptolemäus fest. Bei den daraus hervorgehenden Konflikten übertrieb Galilei seine Anfeindung ständig. So erklärte er offen, dass die, die nicht an Kopernikus glaubten, Dummköpfe seien, ja sogar „geistige Pygmäen, die es kaum verdienten, menschliche Wesen genannt zu werden“[15] Für ihn war die kopernikanische Theorie über jeden Zweifel erhaben und absolut wahr. Dies brachte Galilei jetzt aber nicht nur die Feindschaft mit weltlichen Professoren, sondern auch die mit Vertretern der Kirche vor allem mit den naturwissenschaftlich verständigen Jesuiten; denn Galilei hatte keinen Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Theorie; und die Falschheit des ptolemäischen Systems kann als solcher eben nicht gelten.

Die Kirche ließ die das heliozentrische Weltbild als Arbeitshypothese zu. Dies zeigt ein Brief Kardinals Bellarmin von 1615, dessen Inhalt wegen der hohen Stellung Bellarmins als offizielle Haltung der Kirche zur kopernikanischen Lehre angenommen werden muss. Darin schreibt er, dass die Benutzung des kopernikanischen Weltbildes als Arbeitshypothese keine Gefahr für den Wissenschaftler darstelle, jedoch ein Eintreten für die absolute Richtigkeit eine Beleidigung für den Heiligen Glauben wäre und Konsequenzen nach sich ziehen würde.[16]

[...]


[1] vgl. Šolle, S. 6

[2] vgl. Šolle, S. 6f

[3] vgl. Fölsing, S. 113, 117

[4] vgl. Šolle, S. 6

[5] vgl. Šolle, a.a.O.

[6] vgl. Fölsing, 185ff.

[7] vgl. Prause, S. 175; Fölsing, S. 192ff.; Hamann S.7

[8] vgl. Prause S. 175; Šolle, S. 7

[9] vgl. Hamann, S.7

[10] vgl. Brockhaus, Band 17, S. 599

[11] vgl. Hamann, S. 7; Prause, S. 175; Fölsing, S. 226ff.

[12] vgl. Prause, S. 172

[13] vgl. Fölsing, S. 239; Prause, S. 175

[14] zitiert nach Fölsing, S. 242

[15] zitiert nach Prause, S. 175f.

[16] vgl. Fölsing, S. 311ff.; Šolle, S. 10f.; Prause, S. 176f.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638232791
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19065
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Juristische Fakultät
Note
17 von 18 Punkten (sehr gut)
Schlagworte
Verfahren Galileo Galilei Seminar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Verfahren gegen Galileo Galilei