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Aspekte der Co-Abhängigkeit und der Nutzen psychotherapeutischer Gruppen für Angehörige von Suchtkranken

Masterarbeit 2011 86 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Selbsthilfe - Entstehung von Gruppen und Konzepten
2.1 Angehörige von Suchtkranken - eine Entwicklung
2.2 Al-Anon-Familiengruppen und ihre Entstehung
2.3 Vom Co-Alkoholismus zur Co-Abhängigkeit
2.4 Co-Abhängigkeit - ein umstrittenes Konzept

3. Neue Entwicklung und Forschung zu Angehörigenarbeit
3.1 Angehörige als „Enabler“
3.2 Angehörigenbetreuung im Rahmen des Anton-Proksch-Institutes

4. Unterschiedliche Ansätze der Angehörigenarbeit
4.1 CRAFT - Community Reinforcement and Family Training
4.2 Johnson-Methode
4.3 Das 12-Schritte-Programm

5. Personzentrierte Angehörigenarbeit
5.1 Aspekte eines personzentrierten Ansatzes in der Angehörigenarbeit
5.2 Das Leiden der Angehörigen
5.3 Inkongruenz
5.4 Angehörigenbetreuung und Krisenintervention
5.5 Die Gruppe als Ort der Begegnung

6. Psychotherapeutische Angehörigengruppen am Beispiel des Anton-Proksch-Instituts

7. Eine empirische Untersuchung
7.1 Methodischer Zugang, Ziel und Fragestellung der Untersuchung
7.1.2 Erstellung und Durchführung des Leitfadens
7.1.3 Kodierverfahren und Kategorienbildung
7.1.4 Setting
7.1.5 Empirische Daten und demografische Daten

8. Darstellung der Ergebnisse innerhalb der Kategorien
8.1. Psychische und psychosoziale Belastungen
8.2. Wirkfaktoren in der Gruppe
8.2.1. Entlastung als Wirkfaktor
8.2.2. Erfahrungsaustausch und Lernen als Wirkfaktor
8.3. Bewältigungsstrategien
8..4. Veränderungsprozesse
8.4.1. Änderung der Gefühle
8.4.2. Änderung in der Beziehung zur Umwelt
8.5. Lebensqualität

9. Vergleichende Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
9.1 Psychosoziale Belastungen
9.2 Ausgewählte Wirkfaktoren
9.3 Soziales Lernen
9.4 Veränderung und Entwicklung

10. Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Interviewleitfaden

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit bezieht sich, wenn von Suchtkranken und deren Ange- hörigen die Rede ist, auf die Substanzen Alkohol und illegale Drogen. Während der Literaturrecherche ist mir bewusst geworden, dass mein Anspruch auf Vollständigkeit dem umfangreichen Thema bei Weitem nicht gewachsen ist und Einschränkungen dringend notwendig sind. Daher habe ich mich im engeren Sinne auf die Arbeit mit erwachsenen Angehörigen von alkohol- und drogenabhängigen Personen beschränkt. Selbstverständlich gibt es auch auf anderen Gebieten der Suchtforschung, bei substanz- und nicht substanzgebundenen Süchten, neue Entwicklungen und Forschungsergebnisse, doch bleibt Alkohol jene Substanz, die am häufigsten missbräuchlich verwendet wird, deren gesellschaftliche Akzeptanz sehr hoch ist und die ganz selbstverständlich in unseren Alltag integriert ist, sofern sie nicht zu Störungen führt.

Wie dem „Handbuch Alkohol - Österreich“, herausgegeben vom Bundesministerium für Gesundheit zu entnehmen ist, ergaben Spitalsentlassungsdiagnosen, der Anteil von erstmals behandelten AlkoholikerInnen im Anton-Proksch-Institut und eine Dunkelzifferabschätzung für das Jahr 2004 eine Anzahl von rund 340.000 an chronischem Alkoholismus erkrankten Personen. Eine Repräsentativerhebung aus dem Jahr 2004 ergab, dass unter den 14- bis 99-jährigen ÖsterreicherInnen 10,5 % als alkoholgefährdet, aber nicht alkoholabhängig und 5,0 % als Alkoholiker zu bezeichnen sind. Auch AlkoholikerInnen, denen es gelingt, phasenweise oder gänzlich abstinent zu leben, gelten in der Medizin als Alkoholiker, da die grundlegende Suchtproblematik auch im Falle einer Abstinenz bestehen bleibt (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2009 S. 141-143)

Illegale Drogen haben eine höhere Medienpräsenz, die Anzahl der Betroffenen Personen liegt aber nach aktuellsten Prävalenzschätzungen des problematischen Drogenkonsums in Österreich aus dem Jahr 2007 mit 22.000 bis 33.000 Personen deutlich niedriger (vgl. Gesundheit Österreich GMBH, 2009, S. IV).

In dieser Arbeit verwende ich die Begriffe„Sucht“ und „Suchtkrankheit“, obwohl die Weltgesundheitsorganisation den Begriff „Sucht“ im Jahr 1963 wegen begrifflicher Unklarheiten und vieler negativer Zuschreibungen durch den Begriff „Abhängigkeit“ ersetzt hat. Im medizinischen und sozialen Bereich spricht man heute weitgehend von einem Abhängigkeitssyndrom, bzw. vom Missbrauch. Es gibt aber auch wiederum neue Überlegungen, den Begriff „Sucht“ wieder einzuführen.

Mein Vorhaben im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit ist es, die Entstehung und Entwicklung des Begriffes „Co-Abhängigkeit“ darzustellen und damit einhergehend den Verlauf dieser Entwicklung über mehrere Jahrzehnte sichtbar zu machen. Eine Darstellung der unterschiedlichen schulenspezifischen Ansätze in der Angehörigenarbeit, ein ausführlicher Blick auf den theoretischen Bezugsrahmen von Al-Anon (den Familiengruppen der Anonymen Alkoholiker) und die Berücksichtigung neuer Entwicklungen und die Darstellung der „angehörigenzentrierten“ Arbeit im Anton-Proksch-Institut soll einen Überblick über den aktuellen Stand der Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken bringen.

Der Abschnitt über Selbsthilfegruppen und hier insbesondere das 12-Schritte- Programm wurde ausführlich behandelt, weil in der Fachliteratur, aber auch in der umfangreichen Selbsthilfeliteratur, immer wieder darauf Bezug genommen wird und das 12-Schritte-Programm in der amerikanischen Suchtkrankenhilfe in vielen institutionellen Einrichtungen Teil des Behandlungsprogramms ist.

Die Beschreibung meiner eigenen Arbeit mit Angehörigen in der Betreuung und Beratung steht natürlich in engem Bezug zu meiner personzentrierten Ausbildung und folgt den Handlungskonzepten, die sich aus der therapeutischen Grundhaltung der Personzentrierten Psychotherapie ableiten.

Welche Faktoren in Gruppen wirksam werden, welche Angebote innerhalb einer Gruppe für Angehörige besonders hilfreich sind und wie Angehörige sich und andere in der Gruppe erleben, wird im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit untersucht.

2. Selbsthilfe - Entstehung von Gruppen und Konzepten

2.1 Angehörige von Suchtkranken - eine Entwicklung

In den ersten Jahrzehnten der Suchtbehandlung und Suchtforschung waren Angehörige von Suchtkranken Menschen, denen niemand besondere Aufmerksamkeit oder Interesse schenkte. Sie wurden bestenfalls über den Verlauf der Suchtbehandlung, über Behandlungsbeginn und Behandlungsdauer informiert und im Übrigen von den behandelnden Institutionen weitestgehend ignoriert, wenn nicht als störend empfunden.

Übermäßiger Alkoholkonsum galt lange Zeit als moralische Schwäche und als Zeichen eines haltlosen und schwachen Charakters. Mäßigkeitsvereine und Abstinenzverbände haben sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition.

Ehefrauen von „trunksüchtigen“ Männern wurden, dem tradierten Rollenbild der Frauen entsprechend, ausschließlich in ihrer aufopferungsvollen und fürsorglichen Rolle gesehen. Nachdem Alkoholismus als Krankheit klassifiziert wurde und die Gesundheitssysteme damit plötzlich mit einer Unzahl von Symptomträgern konfrontiert waren, suchte man wohl die krankmachenden Täter(innen), und in den Ehefrauen waren diese schnell gefunden. Erste Untersuchungen über Ehefrauen von Alkoholikern waren in ihren Schuld- zuweisungen eindeutig und finden sich schon in sehr frühen Publikationen. 1953 beschreibt Wahlen, ein amerikanischer Arzt, 4 Typen von Ehefrauen von Alkoholikern:

„‚Suffering Susan’ bestraft sich selbst, indem sie einen Mann heiratet, der ihr ein unglückliches Leben beschert, ‚Controlling Katherine’ heiratet einen Mann, den sie unterdrücken kann, ‚Weavering Winifred’ sucht sich einen schwachen Mann, der ihr verzweifeltes Bedürfnis, geliebt zu werden, erfüllt. ‚Punitive Polly’ nimmt einen ‚entmännlichten’ Mann, den sie kontrollieren und bestrafen kann.“ (Schmidt 2007, S. 22)

Erst in den 1970er-Jahren wurde den Angehörigen und insgesamt den Familien von Suchtkranken mehr Aufmerksamkeit zuteil. Es entstanden neue theoretische Überlegungen, die ihren Ursprung in Erfahrungsberichten und der Aufarbeitung eigener Lebensgeschichten in der Selbsthilfeliteratur fanden. Gleichzeitig entdeckten systemtheoretische Ansätze ihr Interesse an Familiensystemen mit einem suchtkranken Mitglied, wobei im klinischen Bereich vorerst nur jene Angehörigen erreicht wurden, deren suchtkranker Partner sich einer Therapie unterzog. Mittlerweile haben neben den Angeboten von Selbsthilfegruppen, die auf diesem Gebiet tatsächlich Pionierarbeit geleistet haben, auch Fachkliniken und Beratungsstellen ihre Angebote ausgeweitet und bieten Unterstützung für Angehörige, unabhängig davon, ob der Suchtkranke krankheitseinsichtig und in Therapie ist. Im Bereich der Suchtkrankenhilfe werden Partner und Familienmitglieder in den letzten Jahren vermehrt in die stationäre und ambulante Behandlung miteinbezogen.

Hatten Angehörige zunächst als Symptomträger und damit als neue Klientel in der Suchtkrankenhilfe gegolten, so gelangt neuerdings das Beziehungsgefüge immer mehr in den Blickpunkt des Interesses:

„Individualdiagnostik muß [in der Suchtkrankenhilfe, Anm. der Verf.]

durch eine Beziehungsdiagnostik ergänzt und möglicherweise auch ersetzt werden. Daraus ergibt sich, daß Suchtbehandlung immer den Kranken und seine Bezugspersonen zum Adressaten hat. Wer nur mit dem Suchtkranken allein arbeitet, verkennt das Wesen dieser Krankheit und verweigert einen wesentlichen Anteil der Hilfe. Die Beziehungen bleiben bei Behandlung allein des Suchtkranken weiterhin krank. Das kranke Gleichgewicht wird bestenfalls durch ein ebenso krankes Ungleichgewicht ersetzt. Das Scheitern der Therapie ist damit in sehr vielen Fällen vorprogrammiert.“ (Kuypers 1980, S. 12f.)

2.2 AL-ANON-Familiengruppen und ihre Entstehung

Die Al-Anon-Familiengruppen haben sich in den USA aus den 12-Schritte- Gruppen der Anonymen Alkoholiker entwickelt. Ein kurzer historischer Rückblick mag dazu geeignet erscheinen zu verstehen, wie sehr die Geschicke von Suchtkranken und deren Angehörigen in den Anfängen der Entstehung von Selbsthilfegruppen miteinander verwoben waren.

Die Gründer der Anonymen Alkoholiker waren zwei Männer, deren Ehefrauen wesentlich zur Entstehung dieser Gemeinschaft beigetragen haben. Die Ehefrauen nahmen an den Gruppentreffen teil, beteiligten sich an den Ge- sprächen, waren für die Kaffeeküche zuständig und sorgten dafür, dass die Ehe- männer ungestört an den Meetings (dieser Begriff wird weltweit für die Gruppentreffen von 12-Schritte-Gruppen verwendet) teilnehmen konnten. Die Frauen stellten ihre Wohnzimmer, ihr Mitgefühl und ihre Fürsorge zur Verfügung, denn ihr Schicksal, ihr Wohlbefinden und vielfach auch ihre materielle Sicherheit waren mit dem Schicksal ihrer Ehemänner verbunden [vgl. Anonyme Alkoholiker deutscher Sprache , 1992, S. 260-268].

Erst als auch alleinstehende Personen, Männer und sehr viel später auch Frauen, die Hilfe der Anonymen Alkoholiker in Anspruch nahmen, kam es zu den ersten Konflikten und die aktive Teilnahme der Angehörigen an den Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker wurde als immer weniger hilfreich empfunden. Es entstanden die ersten „geschlossenen“ Meetings, an denen nur Alkoholiker teilnahmen, und daneben „offene“ Meetings, an denen auch Ehefrauen und andere Angehörige, die keine Alkoholiker waren, zugelassen wurden. Diese Trennung in offene und geschlossene Meetings wurde bis heute beibehalten. Aus diesen Anfängen entstanden bereits im Jahr 1951 die ersten Al-Anon- Familiengruppen, die mit geringfügigen Abweichungen das 12-Schritte- Programm der Anonymen Alkoholiker verwenden, aber eigenständig und in ihrer Struktur von den Anonymen Alkoholikern völlig getrennt sind.

Ein Zitat aus diesen frühen Jahren unterstreicht den Leidensdruck und die Einsicht in die machtvolle Verstrickung von Angehörigen, die innerhalb dieser Gruppierungen bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich gemacht wurde:

„… sagte, daß du, wenn du zu AA kommst und der Ehemann getrunken

hat, an dem Punkt bist, wo du ebenso verrückt bist wie er und daß du lange Zeit brauchst, um die Dinge wieder normal zu betrachten.“ (vgl. ebd., S. 268)

Vor dem historischen und gesellschaftspolitischen Hintergrund der Vereinigten Staaten in den 50er-Jahren war die Entstehung der ersten Al-Anon-Gruppen auch ein großer emanzipatorischer Schritt, getragen von Frauen, die füreinander Verständnis aufzubringen suchten und sich aus der familiären Isolation an die (anonyme) Öffentlichkeit wandten.

Einige der Erfahrungen, die in den Familiengruppen weitergegeben werden, sind in Sonderdrucken der Gemeinschaft zu finden:

„Will der Ehepartner eines Alkoholsüchtigen Ordnung in sein eigenes Denken bringen, so sollte er sich das bohrende Fragen, warum der andere Partner trinkt, völlig aus dem Kopf schlagen. Daß es die Alkoholsucht gibt, ist eine Tatsache, die als Erfahrungstatsache hingenommen werden muß. Die Frage nach dem Warum bleibt ohne Antwort und lähmt nur die eigene Aktivität. So wie der Süchtige selbst in der Gruppentherapie lernt, seine Krankheit anzunehmen, so sollte auch der Ehepartner, wenn er dem Süchtigen helfen will, dessen Krankheit als Tatsache hinnehmen und nicht in einem ständigen Nichtwahrhabenwollen dagegen anrennen. Es ist erfahrungsgemäß sinnlos, die versteckten Alkoholflaschen des Ehepartners aufspüren und vernichten zu wollen. Wenn man dem Alkoholiker eine Flasche wegnimmt, hat man lediglich verhindert, daß er diese Flasche austrinkt. Aus immer wieder unerfindlichen Quellen bekommt er zehn andere Flaschen dafür. Ein Nutzen erwächst somit nicht aus dieser Flaschenjagd, wohl aber schadet sie, denn der Nichtsüchtige erschöpft seine ohnehin strapazierten Nerven, und im Süchtigen, der sich wie ein Kind behandelt fühlt, erweckt sie Aggressionen. Auf diese Weise wird die krankhafte Atmosphäre in der Familie weiterhin aufgeheizt.“ (Teßmann 1973, S. 162-163)

Die sogenannte Flaschenjagd, der Versuch der Kontrolle, hat bis heute nichts an Aktualität verloren und wurde als „Illusion der Kontrolle“ weiterentwickelt (vgl. Schaef 1991, S. 126).

In den Al-Anon Familiegruppen werden Angehörige von Suchtkranken nicht als Co-Alkoholiker oder Co-Abhängige bezeichnet, der Begriff ist außerhalb dieser Gruppen entstanden. Im ersten Abschnitt der Al-Anon-Präambel ist das Selbstverständnis der Gruppen festgehalten:

„Die Al-Anon Familiengruppen sind eine Gemeinschaft von Verwandten und Freunden von Alkoholikern, die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander teilen, um ihre gemeinsamen Probleme zu lösen. Wir glauben, daß Alkoholismus eine Familienkrankheit ist, und daß eine veränderte Einstellung die Genesung fördern kann.“ (Al-Anon-Familiengruppen, 1996, S.1)

Den Angehörigen von Alkoholikern wurde es dadurch erstmals in einer Gruppe möglich, sich getrennt vom alkoholkranken Partner oder Familienangehörigen als eigenständige Person wahrzunehmen und innerhalb der Gruppe ihre eigene Identität wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln. Die Verbesserung der eigenen Lebensqualität in den Vordergrund zu stellen, sich selbst und anderen in der Gruppe zu begegnen und Schwierigkeiten besser zu verstehen, sind weitere Ressourcen, die in diesen Gruppen genutzt werden können.

2.3 Vom Co-Alkoholismus zur Co-Abhängigkeit

Vorerst waren es Angehörige von Alkoholkranken, die sich als „Co-Alkoho- liker“ bezeichneten und damit auch ihren Anteil an der Aufrechterhaltung der Sucht bekannten, ohne jedoch das „Mit-Leiden“ aus dem Blick zu verlieren. Seine Entstehung verdankt dieser Begriff den Erfahrungsberichten Betroffener, die meist mit der Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte einherging. Bemerkenswert ist bei dieser Entwicklung die Tatsache, dass es vor allem Frauen waren, die zur Entstehung dieses Begriffes beigetragen haben. Waren doch Frauen ihrem traditionellen Rollenbild entsprechend jahrelang für den Zusammenhalt von Familien verantwortlich und werden ihnen vor allem Attribute wie Fürsorge und Anteilnahme in hohem Maß zugeschrieben. Ehefrauen und Partnerinnen von Alkoholikern, die sich dieser Entwicklung folgend nun als Co-Alkoholikerinnen bezeichneten, hatten oft jahrelang für das reibungslose Funktionieren eines Haushaltes gesorgt und versucht, den trinkenden Partner und somit sich selbst und die Familie vor allzu großem Schaden zu bewahren. In dieser Rolle als Familienmanagerin waren Frauen in solchen „Suchtfamilien“ über Jahre großen Belastungen ausgesetzt.

Dann machten auch die erwachsenen Kinder aus Suchtfamilien auf sich aufmerksam. Meist waren es auch hier Frauen, Töchter und mitunter selbst Therapeutinnen, die sich mit ihrer Rolle in einem nach systemischer Sicht dysfunktionalen Familiensystem auseinandersetzten und daraus ihre eigene Entwicklung und ihre Schwierigkeiten besser zu verstehen suchten.

Der alkoholkranke Mensch im Zentrum der familiären Aufmerksamkeit und die daraus erwachsenden Beeinträchtigungen der anderen Familienmitglieder ließen auch außerhalb der Selbsthilfegruppen den Begriff der „Familienkrankheit Alkoholismus“ entstehen.

Diese Strömung, die ihren Ursprung in den USA fand, brachte in den 1970er- Jahren auch im deutschsprachigen Raum eine Diskussion in Schwung, die bis heute anhält. Dort, wo es zunächst um Co-Alkoholismus ging und sich Angehörige von Alkoholabhängigen mit ihrer Rolle als „heimliche Suchthelfer“ auseinandersetzten und versuchten, in Selbsthilfegruppen den Stigmatisierungen zu entkommen, die diese Zuschreibung sehr mit sich brachten, entstand sehr rasch der vage Begriff der „Co-Abhängigkeit“.

Eine ungeheure Fülle von Selbsthilfeliteratur und populärwissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema wurde auf den Markt gebracht. Viele dieser Bücher wurden Bestseller und von den Frauen, die sich betroffen fühlten oder betroffen „gemacht“ wurden, begehrlich aufgenommen. Co-Abhängigkeit wurde zum weiblichen Störungsbild schlechthin.

Eine der Autorinnen, deren Bücher auch im deutschsprachigen Raum vielfach aufgelegt wurden und die einen erheblichen Einfluss auf das Selbstbild von Frauen hatte, ist Anne Wilson Schaef. In der Widmung zu ihrem Buch „CoAbhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht“ schreibt sie:

„Dieses Buch ist all denen gewidmet, die an dieser bisher namenlosen Krankheit leiden und nicht wußten, daß es möglich ist, diese Krankheit zu behandeln und sie zu heilen.“ (Schaef 1986, S. 53)

Als Krankheit bezeichnet die Autorin in diesem Zusammenhang die Co-Ab- hängigkeit, die aus dem Suchtprozess einer „systemischen Krankheit“ entsteht und unter anderem durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:

„Unehrlichkeit, Kontrollverhalten, Verwirrung, gestörte Denkstrukturen, Perfektionismus, Außenorientierung, Abhängigkeitsprobleme, Angst, Rigidität, moralisierendes Verhalten, Depression und ähnliches.“ (ebd. S. 54)

Weitere Bücher dieser Autorin hatten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Bildung von Selbsthilfegruppen und auf eine Bewegung, die vor allem den Frauen aus suchtbelasteten Familien keine andere Wahl ließ als sich ebenfalls zu einer Krankheit zu bekennen und Heilung zu suchen, wollte man wieder mit „seinen Gefühlen ihn Verbindung“ kommen.

In einem später erschienenen Buch von Schaef wird der Begriff der „Co-Abhän- gigkeit“ so ausgeweitet, dass er beliebig auf alles und jedes zutreffen kann:

„Schon seit einiger Zeit vertrete ich die Ansicht, daß Co-Abhängigkeit nicht nur eine auf Beziehungen beschränkte Krankheit ist und ein CoAbhängiger nicht unbedingt irgendeinen anderen Menschen braucht, an dem er seine Krankheit auslebt. Ein Co-Abhängiger kann genauso gut von einem Zaunpfahl co-abhängig sein.“ (Schaef 1992, S. 112)

Trotz der Beliebigkeit ihrer Aussagen räumt Schaef ein, dass „über den Begriff ‚Co-Abhängigkeit’ erhebliche Verwirrung besteht“ (ebd., S. 112), und übersieht in diesem Zusammenhang wohl, dass sie selbst zu dieser Verwirrung nicht unerheblich beigetragen hat.

Mit diesen und ähnlichen vagen Zuschreibungen wurde eine Bewegung losgetreten, die Frauen dazu „ermutigte“, sich selbst als krank und abhängig zu betrachteten. Die Antwort auf die Frage, warum Frauen diese Etikettierung weitgehend widerstandslos und bereitwillig auf sich nahmen, kann nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.

Man kann sich in diesem Zusammenhang wohl aber die Frage stellen, ob dies nicht doch eine Ausdrucksform des „weiblichen Masochismus“ ist, wie ihn Margarete Mitscherlich beschreibt:

„Übertrieben sich aufopferndes Verhalten, die Frau als demütige Dienerin, die Neigung der Mutter, für alle in der Familie stets verfügbar zu sein, wodurch die übrigen Familienmitglieder unselbständig und infantil bleiben - solche masochistischen Charakterzüge sind die Folge falscher Ideale, wie sie der Frau unserer Kultur seit Jahrhunderten aufgezwungen worden sind. Letztlich haben diese Charakterzüge ihr aber mehr Verachtung als Bewunderung eingetragen.“ (Mitscherlich 1985, S. 145f.)

Ein weiterer Bestseller im deutschsprachigen Raum, der in den 1970er-Jahren großen Einfluss auf das Selbstverständnis von Frauen hatte, war: „Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht gebraucht zu werden“ von R. Norwood. Norwood hat ausgehend vom Begriff des „Co-Alkoholismus“ und dessen Merkmalen einen Ansatz zur „Beziehungssucht“ entwickelt, der frauen- spezifisch, aber nicht suchtspezifisch ist.

Auch sind ihre Aussagen zum Begriff „Co-Alkoholismus“ sehr weit gefasst:

„Das Wort Co-Alkoholiker bezieht sich auf Menschen, deren Verhalten im Umgang mit anderen gestört ist, weil sie eine sehr enge Beziehung zu jemandem hatten, der alkoholkrank war. Ganz gleich, ob der Alkoholiker nun ein Elternteil, Ehepartner, Kind oder Freund gewesen ist - eine solche Beziehung bewirkt meistens, daß beim Co-Alkoholiker bestimmte Gefühle und Verhaltensweisen auftreten; ein niedriges Selbstwertgefühl, das Bedürfnis, gebraucht zu werden, ein starkes Verlangen danach, andere zu verändern und zu kontrollieren, und eine Bereitschaft zu leiden.“ (Norwood 1986, zitiert in Rennert 1989, S. 179)

Die Fallbeschreibungen bei Norwood und die zentralen Aussagen beschreiben die Beziehungen von Frauen zu Männern; in diesen Fällen ist die Co- Abhängigkeit determiniert und die Schuldfrage wird wieder aufgeworfen. Eine wechselseitige Entwicklung von Sucht und Co-Abhängigkeit in einer Beziehung lässt Norwood außer Acht:

„Es ist sicher Norwoods Verdienst, auf die Tatsache aufmerksam gemacht zu haben, daß diese Form von Co-Abhängigkeit (welcher der Enabler- Rolle und jener der Heldin entspricht) überwiegend bei Frauen auftritt. Eine konsequente Weiterführung des geschlechtsspezifischen Ansatzes würde jedoch nicht die Frauen pathologisieren, sondern das Krankmachende an überholten gesellschaftlichen Normen für Frauen und Männer aufzeigen, die ja ebenfalls eine starre Rollenzuschreibung und Einschränkung der Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten bedeuten.“ (Rennert 1989, S. 182)

Beachtenswert ist, dass die Überlegungen und Zuschreibungen dieser Autorinnen und die Popularität ihrer Bücher dazu geführt haben, dass in jenen Jahren Gruppen entstanden sind, in denen sich Frauen organisierten, jedoch nicht zum gesellschaftspolitischen Widerstand, sondern um dem eigenen Leiden nachzuspüren und neue Leiden zu entdecken und zu klassifizieren. So gab es in Wien in den 1980er-Jahren eine „Norwood-Selbsthilfegruppe für Frauen, die zu sehr lieben“, und in den CODA-Meetings (Co-Dependent Anonymus, eine 12- Schritte-Gruppe), werden für die Betroffenen nicht weniger als 78 Süchte, denen sie anheimfallen können, klassifiziert.

Abschließend zum Themenkomplex „Frauen als Angehörige Suchtkranker und Co-Abhängigkeit“ noch ein Zitat aus der Fachliteratur von Christa Appel:

„Das bißchen Haushalt, das bißchen organisieren, das bißchen trösten und zuhören und mehr für andere da zu sein als für sich selbst. Das alles gehört zum gesellschaftlichen Codex der weiblichen, aber nicht der männlichen Pflichten. Häufig werden diese zur Überforderung, und wenn die Frauen sie nicht mehr perfekt erfüllen können, erleben sie das als ihr persönliches Versagen. Von Fachleuten wird das dann als ‚Co-Abhängigkeit’ kategorisiert. Oder, was noch unverschämter ist, den Frauen wird gesagt, diese Probleme seien die Folge davon, daß sie zuviel lieben. Ich kenne wenige Frauen, die zuviel lieben. Dafür aber sehr viele, die zu wenig geliebt werden.“ (Appel 1993, S. 22 )

Im Internet findet sich unter dem Begriff „Co-Abhängigkeit“ eine schon unüberschaubar gewordene Anzahl an Einträgen und Hinweisen und häufig finden sich Schuldzuweisungen und Krankheitsdiagnosen. Vice versa werden die Süchtigen zu Tätern, wenn auf scheinbar seriösen Seiten vor medizinischem Hintergrund Behauptungen wie: „Das Phänomen Co-Alkoholismus: Trinker machen auch ihre Familien krank“, auftauchen.

Es gibt mittlerweile unzählige Selbsthilfebücher und Erfahrungsberichte und im Internet finden sich auch Fragebögen zur Selbstdiagnose. Viele Bücher führen Titel, die rasche Hilfe versprechen, und die nachstehende Titelauswahl zeigt ein großes Feld, auf dem viel geschrieben, aber noch immer wenig geforscht wird: „Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit“, „Co-Abhängigkeit in Beziehungen und die Ängste des inneren Kindes“, „Co-Abhängigkeit. Nicht erkannt und falsch behandelt“, „Die Sucht, gebraucht zu werden“, „Ich befreie mich von deiner Sucht: Hilfen für Angehörige von Suchtkranken“, „Zusammen besiegen wir den Alkohol: Erfahrungsbericht einer Co-Abhängigen“, „Um die Kindheit betrogen: Hoffnung und Heilung für erwachsene Kinder von Suchtkranken“.

Betrachtet man die Anzahl der Alkoholerkrankungen in Österreich, wie in Kapitel 1 angeführt, und geht man davon aus, dass zumindest zwei bis drei Personen im unmittelbaren Umfeld einer suchtkranken Person betroffen und somit leidend sind, dann wird damit die Bedeutung der Angehörigenarbeit noch zusätzlich untermauert. Wenn man von durchschnittlich drei Angehörigen pro Abhängigem oder missbräuchlichem Konsumenten von Alkohol ausgeht, so kann die Zahl der Angehörigen von Alkoholkranken in Österreich auf rund eine Million Menschen geschätzt werden.

Im Wörterbuch der Psychotherapie (Stumm, Pritz 2000, S. 111f.) findet man unter „Co-Alkoholismus“ keinen Eintrag, wohl aber unter „Co-Abhängigkeit“. Auch hier wird unter dem systemischen Blickwinkel eine nahe Bezugsperson geortet, die „ …unter der Situation leidet. Grundlage dieses Beziehungsmusters ist eine Persönlichkeitsstörung bei der co-abhängigen Person, deren Merkmale Selbstwertprobleme des Helfers, die bewusst nicht eingestanden werden, sind.“ (ebd., S. 112)

Weiter wird ausgeführt, dass co-abhängige Personen Störungen in der Wahrnehmung der Realität zeigen und nicht sehen können, dass ihr eigenes Handeln keine Veränderung im Verhalten der suchtkranken Person bewirkt. Bei co-abhängigen Personen zeigen sich auch emotionale Beeinträchtigungen mit dramatischen Einrüche, eine übermäßige Wachsamkeit, Zwänge und Ängste und sie leiden an stressbezogenen Krankheiten (vgl.ebd.).

Im vom Bundesministerium für Gesundheit herausgegebenen Handbuch Alkohol - Österreich, einem umfassenden Werk mit immerhin 544 Seiten, wird der CoAbhängigkeit im Zusammenhang mit Alkoholismus lediglich eine Seite gewidmet. Die systemtheoretische Perspektive wird in diesem Bericht als positiv und richtungweisend angesehen.

„Damit ermöglicht der Begriff ‚Co-Abhängigkeit’ auf der positiven Seite eine komplexe systemtheoretische Analyse, die Identifizierung von Problemfeldern, die Abhängigkeit aufrecht erhalten, und macht damit das Auffinden angemessener Lösungsstrategien für alle Beteiligten wahrscheinlicher. Auf der negativen Seite bietet der Begriff aber auch eine einfache Möglichkeit zu Verantwortungsdelegation bzw. Viktimisierung der Opfer, indem er den Suchtkranken, deren Freunden, deren TherapeutInnen oder der allgemeinen Öffentlichkeit eine Argumentationsschiene anbietet, um die Hauptverantwortung an der Aufrechterhaltung des Problems undifferenziert den Angehörigen und dem Umfeld zuzuschreiben.“ (Bundesministerium für Gesundheit 2009, S. 119)

(Anm. der Verf.: Mit „Viktimisierung“ wird in den Sozialwissenschaften die konsequente Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle umschrieben; wenn es sich um gewalttätige Auseinandersetzungen als Folge der Sucht handelt, wird das Opfer für die Folgen verantwortlich gemacht.)

2.4 Co-Abhängigkeit - ein umstrittenes Konzept

„Co-Abhängigkeit“ ist ein Begriff, dem im streng wissenschaftlichen Kontext keine Bedeutung zukommt. Einerseits ist er emotional hoch belegt, andererseits sind viele Konzepte, die mit diesem Begriff arbeiten, spekulativer Natur. So findet sich in der populärwissenschaftlichen Literatur eine Fülle von Zuschreibungen, empirischen Aussagen und vagen Definitionen zu diesem Begriff, die eher dazu dienen, Verwirrung zu stiften, die Betroffenen in die Täterrolle zu drängen und die nicht zuletzt mit versteckten Schuldzuweisungen arbeiten.

Im Wesentlichen war in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Beiträgen immer wieder die mangelnde Forschung zum Thema Co-Abhängigkeit Gegenstand der Debatte:

„Geradezu sträflich hat die Suchtforschung den Bereich der Angehörigen bisher vernachlässigt, was entscheidend zur Persistenz der zahlreichen unüberprüften ‚Szene-Ideologien’ beigetragen haben dürfte. Dementsprechend überwiegen populärwissenschaftliche Beiträge, die entweder ausschließlich auf Eigenerfahrungen Betroffener basieren oder seit Jahrzehnten vorhandene klinische Einsichten unüberprüft wiederholen … Dies ist umso erstaunlicher, wenn man feststellt, dass seit mehr als zehn Jahren systemische Erklärungs- und Behandlungskonzepte in weiten Bereichen der Suchthilfe dominieren. Diese betonen bekanntermaßen die Wichtigkeit des Interaktionsumfelds von Menschen bei der Entstehung dysfunktionaler Symptome.“ (Klein 2001, S. 139)

Zwar wurden die Nöte, die Bedürftigkeit und die Betroffenheit der Angehörigen von Suchtkranken in professionellen Einrichtungen zur Kenntnis genommen, doch wurden diese immer den Bedürfnissen und der Behandlung der Suchtkranken untergeordnet. Wobei, den vagen Aussagen der Theorien zur Co- Abhängigkeit folgend, die Abhängigkeit vom Suchtkranken meist als stärkstes persönliches Problem der Angehörigen gesehen wurde. Wiederholt gab es Ansätze, Co-Abhängigkeit als klinische Störung zu beschreiben, doch fehlt diesen Konzepten die wissenschaftliche Fundierung:

„Auch die große Heterogenität der Gruppe der Angehörigen wurde bislang zu wenig in Form empirisch abgesicherter Subtypen erfasst. Solange keine verlässlichen Subgruppen von Angehörigenverhaltensweisen festgestellt werden und nicht verlässlich diagnostizierbar sind, wird das Co- Abhängigkeitskonzept nicht als wissenschaftlich sinnvolle Kategorie anzusehen sein. Es erscheint eher plausibel, dass Co-Abhängigkeit ein Muster unterschiedlicher Interaktionsverhaltensweisen und Persön- lichkeitseigenschaften darstellt, sie sich zu jeweils unterschiedlichen Mustern suchtkranken Verhaltens in optimaler Weise ergänzen, sodass kontinuierliche und stabile Interaktionssequenzen entstehen.“ (ebd., S. 143)

Für Angehörige von Suchtkranken, die sich mit dem Thema Co-Abhängigkeit auseinandersetzen, um das „richtige“ Verhalten im Umgang mit der suchtkranken Person in ihrem Umfeld zu finden, kann es hilfreich sein, solche Interaktionsmuster zur Überprüfung ihrer Lebenssituation heranzuziehen. Doch daraus explizit zu schließen, dass der Suchtkranke durch verändertes Verhalten des Angehörigen das eigene Suchtverhalten ändert oder gar aufgibt, ist eine grundlegende Fehleinschätzung, zu der auch die vielversprechenden Titel etlicher Selbsthilfebücher verleiten können.

Auch neuere Überlegungen zur Bedeutung des Begriffes „Co-Abhängigkeit“, die wiederum systemische Aspekte in der Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken beachten, schlussfolgern, dass Angehörige einen erheblichen Einfluss auf Suchtkranke haben können, was aber weder zwangsläufig bedeutet an allem Schuld zu sein, noch bedeutet es die Situation tatsächlich beeinflussen zu können. (vgl. Uhl, Puhm 2007, S. 18f )

Und es wird ein Sprachgebrauch befürwortet, der auf den Begriff der „CoAbhängigkeit“ weitestgehend verzichtet:

„Entkleidet man das Co-Abhängigkeitsprinzip aller Irrationalitäten, Widersprüchlichkeiten und Abstrusitäten, so wird ‚co-abhängiges Verhalten’ zum Synonym für ‚suchtförderndes Verhalten’. Wenn man Miss- verständnissen und stigmatisierenden Zuschreibungen vorbeugen will, scheint es zweckmäßiger, in begründeten Fällen die klare Bezeichnung ‚suchtförderndes Verhalten’ zu wählen und auf die unklaren und stark belasteten Ausdrücke ‚co-abhängiges Verhalten’ und ‚Co-Abhängigkeit’ zu verzichten.“ (ebd.)

Obwohl der Begriff der „Co-Abhängigkeit“ in den Jahren vielen Wandlungen und heftiger Kritik ausgesetzt war, eignet er sich als gängiger Begriff, um die Öffentlichkeit für die Anliegen und die Betroffenheit von Angehörigen zu sensibilisieren und den Angehörigen von Suchtkranken zu vermitteln, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Problemen nicht allein sind.

3. Neue Entwicklung und Forschung zu Angehörigenarbeit

3.1 Angehörige als „Enabler“

Im deutschsprachigen Raum hat sich M. Rennert mit ihrem Standardwerk „Co- Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet“ ausführlich mit Co- Abhängigkeit beschäftigt und unter anderem festgestellt, dass die Gemeinsamkeiten betroffener Angehöriger nicht suchtspezifisch sind. Sie bezieht sich in ihrer Theorieentwicklung auf die eigene Praxisarbeit und stützt diese mit Beispielen aus der amerikanischen Suchtkrankenhilfe. Sie hat den Begriff des „Enablers“ entwickelt, der Person im Umfeld eines Suchtkranken, die es ermöglicht, dass die Suchterkrankung in der Familie aufrechterhalten, unterstützt und gefördert wird. Ihre Studie schließt internationale Vergleiche mit ein und beschreibt zentral die Rolle des „Enablers“, eben jener Person, die die Entwicklung von Abhängigkeit ermöglicht und dadurch zum „Komplizen der Sucht“ wird. Rennert hat mit ihrem Bezug zur amerikanischen Suchtkrankenhilfe auch deutlich gemacht, welche große Bedeutung und welchen Einfluss das 12-Schritte-Programm dort in klinisch-institutionellen Bereichen hat. Das 12-Schritte-Programm als Kernstück im Selbsthilfekonzept der Anonymen Alkoholiker, wird im Kapitel 4.3 dieser Arbeit noch eingehend beschrieben.

Ein „Enabler“ kennzeichnet sich dadurch, dass er suchtfördernde Verhaltensstile anwendet, und diese finden ihren Ausdruck in bestimmten Verhaltensweisen, etwa im Vermeiden und Beschützen. Angehörige vermeiden Situationen, in denen die suchtkranke Person mit dem Suchtmittel in Berührung kommen kann, sie vermeiden aber auch jegliche Auseinandersetzung und damit die Konfrontation mit der „Tatsache Sucht“. Sie beschützen die suchtkranke Person vor den Auswirkungen des Suchtverhaltens und verschleiern dadurch die realen Auswirkungen des Suchtverhaltens.

Die Versuche, den Drogenkonsum des Abhängigen zu kontrollieren, gehören ebenfalls zu den gängigen Verhaltensweisen in Suchtfamilien und/oder -partnerschaften. Dazu gehört die bereits in einem vorhergehenden Kapitel beschriebene „Flaschenjagd“ ebenso wie das Mitkonsumieren der Droge, um den Konsum für den Betroffenen insgesamt einzuschränken. Die Motive, die hinter diesem Verhalten stehen, sind der Versuch von Angehörigen, stellvertretend für den Suchtkranken die Sucht unter Kontrolle zu bringen.

Angehörige übernehmen zunehmend Verantwortlichkeiten, die davor der Suchtkranke übernommen hat. Ob es sich nun um kleine alltägliche Pflichten oder große finanzielle oder familiäre Entscheidungen handelt, dem Suchtkranken werden Entscheidungen mehr und mehr entzogen. Dieses Verhalten gleicht einer Teilentmündigung und Suchtkranke verlieren mitunter dadurch noch an Halt.

Durch Rationalisieren und Akzeptieren versuchen Angehörige, Gründe für den Suchtmittelkonsum zu finden, teilweise entschuldigen sie damit das Suchtverhalten ihrer Familienmitglieder oder Partner, aber auch die eigene „Unfähigkeit“, das Problem Sucht zu beseitigen. Unterstützt werden sie darin durch eine (Medien-)Welt, in der Begriffe aus Psychoanalyse, Psychologie und Psychotherapie schon lange umgangsprachig verwendet werden und in Fragmenten Eingang in die Alltagssprache gefunden haben. So finden Angehörige pseudopsychologische Erklärungen für das Suchtverhalten. Akzeptieren und Resignieren beinhaltet, dass die eingangs angeführten Verhaltensstile beibehalten werden und sich verfestigen.

Unter dem suchtfördernden Verhaltensstil von Kooperation und Kollaboration sind jene Unterstützungen zu verstehen, die sich auf Beschaffung des Suchtmittels und die Unterstützung des Konsums beziehen, egal, ob Alkohol oder illegale Drogen. Angehörige wenden sehr viele Mittel an, um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten oder um die Auswirkungen des Suchtmittelkonsums zu minimieren.

In ihrem Bestreben zu helfen und zu retten, stellen Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse völlig in den Hintergrund und ihr Leben ist in zunehmendem Maß ausschließlich auf den suchtkranken Familienangehörigen, dessen Verhalten und Bedürfnisse ausgerichtet (vgl. Rennert 1989, S. 54-56).

Co-abhängiges Verhalten entwickelt sich nach Rennert in einem Stufenmodell und ist deshalb bei Angehörigen in unterschiedlichen Ausprägungen zu finden. Bei sporadisch co-abhängigem Verhalten wird es noch als möglich empfunden, sich so oder anders zu entscheiden, die Entscheidung wird allerdings nicht immer bewusst getroffen. Bei gewohnheitsmäßigem co-abhängigem Verhalten wird eine Entscheidung zwar noch als möglich empfunden, aber nicht mehr als solche erwogen. Bei zwanghaftem co-abhängigem Verhalten gibt es für den Betroffenen keine Wahl und eine alternative Entscheidung ist unmöglich. Bei süchtigem co-abhängigem Verhalten wird eine Entscheidung als unmöglich oder sogar existentiell bedrohlich empfunden, in dieser Phase darf es keine andere Möglichkeit mehr geben (vgl. Rennert 1989, S. 196).

Die „Enabler-Rolle“ zeigt in jedem Fall sehr deutlich das äußerst ambivalente Verhalten von Angehörigen, die dadurch direkt ein Suchtverhalten stützen, das sie zutiefst verurteilen. In diesem Zustand wechseln Angehörige auch häufig ihre Rollen als Märtyrer oder als Manager. Einerseits halten sie massive Spannungen und Frustrationen aus, andererseits erhalten sie die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Kontrolle auszuüben und Veränderungen zu fordern.

„In der klinisch-psychologischen Forschung wurde die ambivalente Rolle des Angehörigen mit dem Modell des tertiären Krankheitsgewinns beschrieben. Darunter wird der Vorteil verstanden, der sich für einen Angehörigen - neben allen Nachteilen - ergibt, wenn der Partner für längere Zeit suchtkrank ist (z. B. Zugewinn an Sozialkompetenz, Achtung und Bewunderung im Bekanntenkreis).“ (Klein 2001, S. 148-149)

3.2 Angehörigenbetreuung im Rahmen des Anton-Proksch-Institutes

Seit 2004 bietet das Anton-Proksch-Institut ein eigenes angehörigenzentriertes Betreuungskonzept, ausgearbeitet und durchgeführt vom ANGNET, dem Angehörigenbetreuungsnetzwerk, das 2003 im Rahmen dieser Institution gegründet wurde.

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Details

Seiten
86
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656155690
ISBN (Buch)
9783656155874
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190747
Institution / Hochschule
ARGE Bildungsmanagement Wien
Note
sehr gut
Schlagworte
aspekte co-abhängigkeit nutzen gruppen angehörige suchtkranken

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Titel: Aspekte der Co-Abhängigkeit und der Nutzen psychotherapeutischer Gruppen für Angehörige von Suchtkranken