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Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939 –1945

Zum Forum: Geschichtswerkstatt Europa 1938-1949 – Dekade der Gewalt

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Fremd- und Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Deutschland
2.1 Leipzig vor und während der NS-Zeit
2.2 Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig
2.2.1 Die Erla-Maschinenwerk GmbH Leipzig
2.2.2 Die Allgemeine Transportanlagen GmbH
2.2.3 Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG
2.2.4 Die Mitteldeutsche Motorenwerke GmbH
2.2.5 Die Hugo Schneider Aktiengesellschaft
2.2.5.1 Anfänge der Hasag
2.2.5.2 Während der NS-Zeit
2.2.5.3 Abwicklung der Hasag
2.3 Erinnerungskultur
2.3.1 Leipziger Erinnerungskultur an die Fremd- und Zwangsarbeit des Zweiten Weltkrieges

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Deine Arbeit und Fleiß

werden entlohnt, sagt der Deutsche.

Die Französin erwidert stolz: Merci, non … Bin zur Arbeit gezwungen,

sehen Sie das nicht?

Und alle Auszeichnungen beleidigen mich bloß. Will gar keinen Lohn sehen, dafür, dass ich herstelle für meine Brüder den Tod.

Henryka Karmel (aus dem Polnischen übersetzt von Ewa Krauß) (Karay 2001, S. 90)

Diese Aussage trifft eine französische Zwangsarbeiterin kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie ist zu diesem Zeitpunkt eine von mehreren Tausend Zwangsarbeiterinnen in den Munitionswerken der Hugo Schneider Aktiengesellschaft in Leipzig. Als die amerikanischen Alliierten im April 1945 Leipzig erobern, gehen sie von nahezu 200.000 ausländischen Fremd- und Zwangsarbeitern im Raum Leipzig aus. Die Stadtverwaltung dagegen spricht zu dieser Zeit von knapp 50.000 (Vgl. Held 2001, S.8).

Die Wahrheit darüber lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen, da Akten, Dokumente und Beweise entweder absichtlich vernichtet wurden oder den Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit zum Opfer gefallen sind. Wahrscheinlich ist, dass die Zahl der in Leipzig zum Einsatz gekommenen ausländischen Fremd- und Zwangsarbeiter nach heutigen Schätzungen bei ca. 100.000 liegt. Keine Schätzung und somit bestätigt ist, dass Leipzig während der Jahre 1939-1945 ein wirtschaftliches Zentrum der Rüstungsindustrie war.

Bestätigt ist auch, dass in Leipzig ein Unternehmen seinen Hauptsitz hatte, dass mehr KZ- Häftlinge beschäftigt als jedes andere deutsche Privatunternehmen. Die Hugo Schneider Aktiengesellschaft (kurz Hasag) gehört während des Zweiten Weltkrieges zu den größten und wichtigsten deutschen Rüstungsbetrieben. Die Hasag beschäftigt zum Ende des Zweiten Weltkrieges 64.000 Menschen, wovon mehr als 40.000 ausländische Zwangsarbeiter sind. Davon arbeiten allein 16.000 in den Leipziger Werken (Vgl. Haikal 2002, S. 81). Zur Hasag und ihrer Bedeutung als deutschlandweit größtes Privatunternehmen bei der Beschäftigung von Fremd- und Zwangsarbeit soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit ausführlich Stellung genommen werden.

Einführend erfolgen aber erst allgemeine Erläuterungen zum Thema Fremd- und Zwangsarbeit in Deutschland w ä hrend der NS-Zeit. Dabei wird speziell auf die Gründe für die Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften sowie auf die Phasen ihrer Rekrutierung eingegangen.

Hauptgegenstand dieser Arbeit ist dann die Betrachtung von Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig. Als erstes wird an dieser Stelle die Bedeutung Leipzigs im nationalsozialistischen Konzept erläutert. Anschließend soll sowohl auf die bereits erwähnte Hasag als auch auf weitere große Rüstungsbetriebe im Raum Leipzig eingegangen werden. Ein Einblick in die Erinnerungskultur der letzten Jahre wird zum Abschluss dieser Arbeit gegeben. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie erinnert sich die Stadt Leipzig bzw. der Leipziger Bürger an die Fremd- und Zwangsarbeiter von damals. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Erinnerungskultur an die damals begangenen Verbrechen? Und wenn ja, wie sieht diese aus?

Seit den 1970er Jahren lässt sich für die BRD eine vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema Fremd- und Zwangsarbeit feststellen. In der DDR wird das Themengebiet dagegen wenig beachtet. Seit Mitte der 1990er Jahre wird sich dieser Problematik zunehmend aus einer gesamtdeutschen Perspektive angenährt. Dieses trifft allerdings nur zum Teil auf Leipzig zu, da hier die Aufarbeitung der eigenen Stadtgeschichte im Vordergrund steht. Dabei ist auffällig, dass viele Publikationen speziell zu Beginn des neuen Jahrtausends erfolgen und oft durch private Gelder finanziert werden. Zu nennen sind an dieser Stelle der Leipziger Stadthistoriker Mustafa Haikal, der sich speziell mit der Geschichte der Hasag auseinandersetzt, Klaus Hesse, der die Rolle der Rüstungsindustrie im Raum Leipzig untersucht sowie das Leipziger Stadtarchiv, das einen Sonderband zur Thematik Fremd- und Zwangsarbeit herausgibt. All diese Forschungsergebnisse werden um das Jahr 2000 herum publiziert. Seitdem hat die Publikationsintensität in diesem Bereich wieder abgenommen.

2 Fremd- und Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Deutschland

Im August des Jahres 1944 sind im Gebiet des Großdeutschen Reiches ca. 7,6 Mio. ausländische Arbeitskräfte registriert und beschäftigt. Sie arbeiten vor allem in der Landwirtschaft und der Industrie, aber auch in Stadtverwaltungen sowie kommunalen Betrieben. Dabei bilden die 2,8 Mio. sowjetischen Zwangsarbeiter die größte Gruppe, gefolgt von Polen und Franzosen (Herbert 1999, S. 11).

Generell muss die Gruppe der ausländischen Arbeitskräfte in mehrfacher Hinsicht unterschieden werden. Zum einen setzt sie sich aus etwa 30 verschiedenen Nationalitäten zusammen und zum anderen sind viele dieser Arbeitskräfte auf ganz unterschiedliche Art nach Deutschland gekommen. So werden beispielsweise die ersten Fremdarbeiter im Ausland zivil angeworben und zum Teil sogar aus ihren Heimatländern zu Arbeitszwecken ins Deutsche Reich entsendet, wie es beispielsweise in Italien der Fall war. Will man den Fremdarbeitern ein Charakteristikum zuschreiben, so lässt sich bei ihnen noch ein gewisser Grad an Freiwilligkeit feststellen, wobei natürlich fragwürdig bleibt, inwieweit es sich um tatsächliche Freiwilligkeit oder doch eher um Zwang handelt. Als Gegensatz dazu können die Zwangsarbeiter angesehen werden. Bei ihnen lässt sich ein klarer Zwang feststellen. Sie kommen größtenteils als Kriegsgefangene nach Deutschland oder werden als Inhaftierte von Konzentrationslagern zum Arbeitsdienst gezwungen (Vgl. Held 2001, S.6). Da eine Unterscheidung in Hinsicht der Freiwilligkeit nicht immer einfach ist, soll im Verlauf dieser Arbeit der Einfachheit halber vorwiegend die zusammenfassende Begriffsbezeichnung Fremd- und Zwangsarbeiter verwendet werden.

Erfahrung mit Zwangsarbeit hat man in Deutschland bereits während des Ersten Weltkrieges gemacht. Schon zu diesem Zeitpunkt müssen ausländische Arbeitskräfte, die durch Abkommandierung der Deutschen zum Militär, entstandene Lücke im Arbeitskräftepotenzial kompensieren. Allerdings beläuft sich das Ausmaß der Zwangsarbeit während des Ersten Weltkrieges im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg auf weit niedrigerem Niveau. In der Zwischenkriegszeit werden speziell polnische Saisonarbeiter für den landwirtschaftlichen Bereich angeworben (Vgl. Herbert 1999, S. 27).

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 beginnt hinsichtlich der Fremd- und Zwangsarbeit eine neue Zeitrechnung. Schon 19 Tage nach Kriegsbeginn am 19. September 1939 findet der erste Transport von ausländischen Arbeitskräften vom polnischen Gdingen ins Deutsche Reich statt. Wenige Tage später, Ende September, befinden sich bereits mehr als 100.000 polnische Arbeiter in Deutschland. Diese ersten Fremd- und Zwangsarbeiter werden hauptsächlich in der ostelbischen Landwirtschaft eingesetzt, da durch den Einzug junger Männer zur Wehrmacht Arbeitskräfte beim Einholen der Ernte fehlen (Vgl. Ebd., S. 78).

Nach erfolgreichem Frankreichfeldzug und der groß angelegten Deportation französischer Arbeiter steigt die Zahl der sich in Deutschland befindenden Zwangsarbeiter bis zum Herbst 1940 auf mehr als zwei Millionen (Vgl. Ebd., S. 112). Ab Sommer 1941 erfolgt zudem der massenhafte Transport sowjetischer Kriegsgefangener nach Deutschland. Sie sollen den stetig steigenden Arbeitskräftebedarf der deutschen Wirtschaft decken, der durch die stark angewachsene Rüstungsproduktion sowie den gleichzeitigen Einzug deutscher Industriearbeiter zur Wehrmacht entsteht (Vgl. Müller 1991, S. 237).

Als 1943 der Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen beschlossen wird, nimmt die Lage der Zwangsarbeiter immer dramatischere Ausmaße an. Die Arbeitszeit steigt auf bis zu 14 Stunden täglich, die Versorgung mit Lebensmitteln wird immer schlechter und die Kasernierung in Arbeitslagern zunehmend desaströser. „Vernichtung durch Arbeit“ (Herbert 1991 S. 384) lautet die von den Nazis ausgegebene Formel.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges gehen die Alliierten von 11,3 Mio. Displaced Persons auf deutschem Gebiet aus (Vgl. Ebd., S. 396).

Wie dieses System der Zwangsarbeit nun im Kleinen funktioniert soll am Beispiel Leipzigs in den folgenden Abschnitten erklärt werden. Dabei wird zu erst die Bedeutung Leipzigs im Konzept der Nationalsozialisten beschrieben. Anschließend erfolgt die Betrachtung einzelner Unternehmen, wobei der Fokus auf dem größten Leipziger Rüstungskonzern, der Hasag, liegt.

2.1 Leipzig vor und während der NS-Zeit

Leipzig ist vor und auch noch während der NS-Zeit eine blühende Metropole. Seit den 1920er Jahren leben mehr als 700.000 Menschen im Leipziger Stadtgebiet, womit es zu den größten Städten Deutschlands zählt. Europas führende Messe ist hier zu Hause und sorgt für den weltweit bekannten Ruf der Stadt (Vgl. Bergfeld 2002, S. 83). Zudem gilt der Brühl als Welthandelsplatz für luxuriöse Pelze. Durch die Universität und den zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen etabliert sich Leipzig über die Jahrhunderte als eine Wissens- und Buchstadt. Hinzukommend entwickelt sich die Stadt und das angrenzende Umland seit Beginn der Industrialisierung immer mehr zum wirtschaftlichen Zentrum Mitteldeutschlands (Vgl. Horn 1998, S. 14).

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Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656154716
ISBN (Buch)
9783656155003
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190877
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Global and European Studies Institute
Note
1,0
Schlagworte
NS-Zeit Nationalsozialismus Zweiter Weltkrieg Zwangsarbeit Leipzig Hasag Erinnerungskultur

Autor

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Titel: Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939 –1945