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Kontext und der erkenntnistheoretische Status der Metapher

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wörtliche und metaphorische Interpretation
1.1 Die zeitliche Priorität wörtlicher Interpretation
1.2 Kognitiver Ressourcenbedarf der Metapher
1.3 Metapher als Substitution

2. Das erkenntnistheoretische Potenzial der Metapher
2.1 Metapher in der Wissenschaft
2.2 Die Wissenschaftlichkeit der Kunst

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Metapher, der zentrale Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit, bietet sich als Unterscheidungskriterium an, um den Korpus vorhandener literarischer Genres in zwei Gruppen zu teilen: Wissenschaftliche, akademische Werke, stets um die Abwesenheit aller Metaphorik und Mehrdeutigkeit bemüht, auf der einen und alle weiteren – Prosa, Poesie, Rhetorik etc. - auf der anderen Seite, dort, wo auch die Metapher ihren rechtmäßigen Platz hat. So oder so ähnlich kann wohl die zeitgenössische Vorstellung in Alltag und weiten Teilen akademischer Praxis insbesondere der Geisteswissenschaften über den Status der Metapher und das ihr angestammte Terrain beschrieben werden[1].

Es wäre eine grobe Missachtung historischer Tatsachen, wolle man diese Sichtweise als eine althergebrachte bezeichnen, und ein Verweis auf die zahlreichen Werke antiker Philosophen, unter denen beispielsweise Platon nur einer von vielen ist, soll hinreichen, um diesen Punkt zu untermauern. Mit Vorbehalt zu äußern ist die These aber aus ganz anderen, sehr viel schwerwiegenderen Gründen. Sofern sie für wahr gehalten wird, verhindert sie sowohl aufgrund ihrer Voraussetzungen als auch durch ihre Folgen die Anerkennung des Potenzials, das der Metapher innewohnt und für das Verständnis von sprachlicher Kommunikation im Allgemeinen, das Verhältnis von akademischer und künstlerischer Textproduktion im Besonderen und den Nutzen der Metapher im Bereich der Ersteren fruchtbar gemacht werden kann.

Das Ziel, das ich mit dieser Arbeit verfolgen möchte, ist die genauere Betrachtung hauptsächlich eines der genannten Aspekte, nämlich Nutzen, Effekt und Wert der Metapher, sobald sie in akademischer Textproduktion Verwendung findet. Am Ende der Arbeit möchte ich darüber hinaus auf einige bemerkenswerte Folgen für diejenigen Formen der Literatur eingehen, die eher den künstlerischen denn wissenschaftlichen Sphären zuzuordnen sind. Zunächst möchte ich aber die geplante Vorgehensweise, meine Absichten und einige terminologische Besonderheiten erläutern, die dem Leser die Orientierung auf den folgenden Seiten erleichtern sollen.

Friedrich Nietzsche kann als einer der ersten für das zwanzigste Jahrhundert einflussreichen Theoretiker gelten, die sich der Ähnlichkeit von wörtlicher und übertragener Sprachverwendung zugewandt haben, wenn er bemerkt, dass Rhetorik „das Wesen der Sprache“ sei[2]. Er weist damit darauf hin, dass natürliche Sprachen in ihrer Genese und Verwendungsweise immer eine Menge an Ausdrücken besitzen, deren Bedeutung, Sinn und Gebrauch mehrdeutig und mitunter nur schwer zu erschließen sind im Vergleich zu anderen, im Allgemeinen einfach zu deutenden Wort- und Satzgruppen. Damit sei eine natürliche Sprache, deren Bestandteile ausschließlich wörtlich zu verstehende Mitteilungen ausmachen, als Referenz für eine künstliche – und künstlerische – Sprache voller rhetorischer Kniffe, Bilder und Ausschmückungen bloße Illusion; und mit ihr das gesamte Unternehmen, zwischen beiden zu unterscheiden[3].

Diese These ist im nachfolgenden Jahrhundert mehrfach aufgegriffen und modifiziert worden, am wohl einflussreichsten neben anderen von I. A. Richards in einer Vorlesung über die Metapher von 1936[4], von Max Black, Paul Ricoeur und George Lakoff[5]. Ausgehend von Nietzsches Grundgedanken möchte ich im ersten Teil dieser Arbeit einige der Argumente betrachten, die bisher zu Gunsten der Trennung von wörtlicher und figurativer Sprache angeführt wurden. Anzufechten sind vor allem drei Behauptungen, die Sam Glucksberg, der mir hierbei als hauptsächliche Referenz dienen wird, zum Gegenstand seines Buchs Understanding Figurative Language[6] gemacht hat: Metaphorisches Verstehen sei erstens schwieriger als wörtliches, komme zweitens erst dann zur Anwendung, wenn wörtliche Interpretation unüberwindbare kognitive Dissonanzen hervorrufe, und drittens sei die Metapher nicht viel mehr als die Substitution eines Wortes durch ein anderes, die Ähnlichkeit spezifischer Teile beider Bedeutungen ausnutzend.

Im Anschluss daran werde ich den Metaphernbegriff noch einmal zusammenfassend skizzieren, wie er aus den Überlegungen Nietzsches, Glucksbergs und Richards‘ hervorgeht, um danach die Folgen umreißen zu können, die sich für die Verwendung der Metapher im akademischen Kontext einerseits und die Bewertung von und den Umgang mit künstlerischer Literatur im Hinblick auf ihren philosophischen Gehalt andererseits ergeben.

Aufgrund der häufigen Bezugnahme auf Richards werde ich mich auch an seinem Vokabular orientieren, was insbesondere heißt, die beiden Bestandteile der Metapher, Tenor und Vehikel, zu unterscheiden[7]. Der Terminus Metapher wird dabei für die doppelte Worteinheit aus Tenor und Vehikel gebraucht, ersterer beschreibt dann in Metaphern vom Typ [SUBJEKT] IST [PRÄDIKAT] das Subjekt des Satzes, dasjenige, welches mit der Metapher beschrieben werden soll, während das Prädikat das Vehikel darstellt und die Basis[8] für die Metapher liefert. Die Basis stellt die inhaltliche Verbindung her zwischen Tenor und Vehikel und liefert die eigentliche Grundlage der Interpretation einer gegebenen Metapher[9]. In dem Beispiel Der Körper ist ein Tempel ist also der Körper der Tenor, der Tempel das Vehikel und die Basis besteh beispielsweise aus der Möglichkeit, in beiden leben zu können, sie zu pflegen oder nicht, den Konsequenzen, die aus der jeweiligen Behandlung entstehen etc. All das führt letztlich zu einer von mehreren möglichen Interpretationen, etwa dass der eigene Körper zu pflegen ist, wenn man langen und effizienten Gebrauch von ihm machen möchte.

Wie weit dieses Modell hinreicht, um andere Typen von Metaphern angemessen zu beschreiben, wird sich noch zeigen müssen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass selbst über scheinbar simple Metaphern wie das oben genannte Beispiel einiges mehr gesagt werden kann und muss, als oben geschehen ist. Die Metapher entziehen sich auch schon deshalb einem einfachen Definitionsversuch, weil ihr Begriff in verschiedenster Weise gebraucht und je nach Intention des Gebrauchenden sehr unterschiedlich definiert wird[10]. Metaphern, soviel darf als sicher gelten, entfalten ihre Wirkung auf vielfache Art und Weise und stets in Wechselwirkung mit mehreren sehr spezifischen Kontexten.

1. Wörtliche und metaphorische Interpretation

Die Unterscheidung zwischen metaphorischer und wörtlicher Rede stellt ein Problem dar, dem man sich von vielen Seiten her nähern kann. Hier soll nicht das Ziel verfolgt werden, die Grenze zwischen beiden völlig aufzulösen; ein schwieriges Unterfangen, dessen Erfolg und Berechtigung schwer bezweifelt werden darf. Die traditionelle Sichtweise[11] legt jedoch bestimmte Haltungen nahe, die eine möglichst vollständige und maximal ertragreiche Beschäftigung mit einem Text unter Umständen unmöglich macht oder zumindest stark behindert. Aus diesem Grund werde ich die Rechtmäßigkeit dieser Sichtweise bzw. die ihrer kritischen Punkte im Folgenden anzufechten versuchen, um einem produktiveren Modell den Weg zu ebnen.

Die traditionelle Position lebt hauptsächlich von drei bzw. vier Argumenten: zeitliche Priorität der wörtlichen Interpretation, geringerer kognitiver Ressourcenverbrauch derselben im Vergleich zur Metapher, die Leistung der Metapher liegt in der Substitutionsbeziehung zweier Begriffe und Metaphern funktionieren, weil eine Ähnlichkeit zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten besteht. Die letzten beiden Punkte werde ich hier kombiniert behandeln. Orientieren werde ich mich an den Ausführungen Sam Glucksbergs dazu, der diesen Punkten seine ganze Aufmerksamkeit in seinem Werk Understanding Figurative Language widmet.

[...]


[1] Vgl. Miall 1982; Moore 1982; Glucksberg 2001.

[2] Nietzsche 1922, 298.

[3] Cantor 1982, 71f.

[4] Richards 1965, 89-112.

[5] Vgl. für eine Übersicht Glucksberg 2001; Haverkamp 1983.

[6] Siehe Literaturverzeichnis für den vollständigen Verweis.

[7] Vgl. Richards 1983. Hier liegt die deutsche Übersetzung vor, im englischen Original heißt es entsprechend topic/tenor und vehicle (vgl. Glucksberg 2001, 109; Richards 1965, 97ff).

[8] Engl. ground (vgl.Richards 1965).

[9] Glucksberg 2001, 109.

[10] Ebd., 4ff.

[11] Der Ausdruck traditionelle Sichtweise kann Verwirrung stiften, wenn unklar ist, auf welchen zeitlichen Rahmen sich Tradition beziehen soll. Gemeint ist die im nachfolgenden Absatz geschilderte Position. Dafür wird während der gesamten Arbeit der Begriff verwendet. Vgl. auch Miall 1982, xiii.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656159636
ISBN (Buch)
9783656159803
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191242
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Schlagworte
kontext status metapher

Autor

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