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Von der Straße ins Haus

Theorien und Forschungskonzepte der New Social Studies of Childhood

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias als Begründung von Verhäuslichung als allgemeine Rationalisierungs- und Kontrolltendenz
1.1 Die Barmbeker Kinderstudie von Martha und Hans Muchow als Beispiel für Aneignungsprozesse von Kindern in ihrer Umwelt
1.2 Verinselte Kindheit (Helga Zeiher)
1.3 Verhäuslichte Kindheit (Jürgen Zinnecker)

2. Kinder & Freizeit
2.1 Kinder zwischen Schutz und Selbstbestimmung
2.2 Verhäuslichte Kindheit & Medienkindheit
2.3 Das Moratorium der Kindheit im Diskurs

3. Resümee

4. Literatur

1. Einleitung: Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias als Begründung von Verhäuslichung als allgemeine Rationalisierungs- und Kontrolltendenz

In meiner Hausarbeit möchte ich untersuchen, welche unterschiedliche Ausprägung Kindheit in früheren Jahrzehnten und heute erfahren hat unter den Aspekten der Verhäuslichung (Jürgen Zinnecker) und Verinselung (Helga Zeiher).

Wie kann der Erziehungsauftrag, Kinder in ihrer Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten zu begleiten, in Einklang gebracht werden mit den heutigen Lebensbedingungen von Kindern, die sich in separierten und geschützten Räumen und Institutionen bewegen?

Die Problematik von Straßenkindern, die auf der Straße leben, ist damit nicht gemeint.[1] Durch die Notwendigkeit, das Thema einzugrenzen, stehen nur die Konzepte der Verhäuslichung und Verinselung im Blickpunkt. Das ursprünglich angedachte Ortswächter-Konzept wird nicht dargestellt, da es nach meiner Auffassung nach an Aktualität eingebüßt hat, da viele Kinder nicht mehr auf viele als Ortswächter fungierende Erwachsene treffen (Behncken/Zinnecker 1987 und im Internet: http://www.stephan-barth.de/kindheit.htm Zugriff 19.09.2011).

Am Anfang steht die Barmbeker Kinderstudie als Beispiel, wie Kinder ihre Umwelt erleben und „umleben“, für sich entdecken und nutzen (Zinnecker 2001: 13). Auch wenn die meisten Kinder eine solche Kindheit „auf der Straße“ nicht mehr erleben, so ist doch die Sichtweise Muchows, wie sie Kinder ernst nimmt und Auskünfte von ihnen direkt einholt, immer noch richtungsweisend.

Die Thesen von Zinnecker und Zeiher werden mit den Ergebnissen der 2. World Vision Kinderstudie von 2010 und der KIM-Studie verglichen. Kritikpunkte am Ansatz der Verhäuslichung sollen zu Sprache kommen. Anschließend diskutiere ich die Frage, inwieweit der Verhäuslichungsansatz auf die Kindergeneration von heute zutrifft.

Um diese gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse zu verstehen, ist meiner Meinung nach das Werk des Soziologen Norbert Elias hilfreich: „Die historische Evolution von Kindheit wird als Teil eines umfassenderen Prozesses der Zivilisierung verstanden.“ (Zinnecker 2001: 12).

In seiner Zivilisationstheorie beobachtet Elias die gesellschaftliche Entwicklung vom Mittelalter bis in die Neuzeit und kommt dabei zu dem Schluss, dass immer mehr Regeln aufgestellt wurden, an die sich der moderne Mensch halten muss: „Elias shows that over the centuries these rules have changed. Standards have become more ‚delicate‘, do’s and don‘t’s have become more detailed, and behavior has become more tightly regulated.“ (Smith 2001: 23).[2]

Elias beobachtet eine fortschreitende Kontrolle und Rationalisierung im alltäglichen Leben. Nicht nur der Prozess der modernen Staatsbildung, die Arbeitsteilung, die Geldwirtschaft oder die Verstädterung ist mit der Zivilisierung verknüpft, sondern auch die „Veränderung der psychischen Strukturen der beteiligten Menschen.“ (Korte in Kaesler 2003: 325). Es wird nötig, dass die Individuen aufgrund ihrer wechselseitigen Abhängigkeit ihre Handlungen kontrollieren und nicht einfach impulsiv handeln. In der modernen Gesellschaft sind gegenseitigen Abhängigkeiten überall erkennbar – z.B. die Verflochtenheit der Weltwirtschaft, die Welt wird ein „globales Dorf“. „Zivilisation, das ist zunächst die langfristige Umwandlung der Außenzwänge in Innenzwänge.“ (Korte über Elias in Kaesler 2003: 324).

Diese Tendenz zu[r] „Rationalisierung des gesellschaftlichen Handlungsraumes“ spiegelt sich im Trend zur Verhäuslichung als wirksames Muster, um Handlungen auch „langfristig zielgerichtet, plan- und präzise wiederholbar“ über Räume und Personen und berechenbar zu machen (Zinnecker 2001: 28). Zinnecker erkennt in der Verhäuslichung eine Entwicklungstendenz im historischen Prozess, die zur Effizienzsteigerung und „Optimierung reproduktiven, konsumtiven Handelns“ beiträgt und Individualisierungstendenzen durch „die Entfaltung personorientierter Bedürfnisse, Handlungsziele und Lebensstile“ sowie konsumtives Verhalten begünstigt (Zinnecker 2001: 30).

Die Tendenz zur Verhäuslichung hat auf die Bewegungsformung von Kindern ebenfalls Einfluss. Zinnecker weist darauf hin, dass Sport in Vereinen oder kommerziellen Spiel- und Funwelten z.B. Indoor-Spielplätze verhäuslicht wird (Zinnecker 2001: 13). Sport wird „veranstaltet“; Geräte auf Spielplätzen lassen vorbestimmte, immer gleiche Bewegungsabläufe zu. Verbreitet sind auch Spielsachen wie Lego oder Playmobil, die die Feinmotorik fördern (Zeiher 2002: 270). Zeiher verweist darauf, dass Kinder auf die von Fernsehen und Computerspielen vorgegebene Bewegungslosigkeit bereitwillig eingehen, sich also kontrollieren lassen (Zeiher 2002: 271).

1.1 Die Barmbeker Kinderstudie von Martha und Hans Muchow als Beispiel für Aneignungsprozesse von Kindern in ihrer Umwelt

Martha Muchow beobachtete Anfang der 30er Jahre das kindliche Explorations- und Spielverhalten im Hamburger Stadtteil Barmbek und kam damals zu dem Schluss, dass „ganz eindeutig die Straße die Welt des Kindes dar[stellt]“ (Muchow, Hamburg 1935: 38 zit. aus ND hg. von Zinnecker, Bensheim 1978). Zunächst ließ sie Kinder Pläne ihrer Umgebung zeichnen und darstellen, wo (in welchen Straßenzügen) sie sich am meisten aufhielten. Sie ermittelte dabei einen „Spielraum“ und einen größeren „Streifraum“ (Muchow 1935: 14 zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978).

Kinder erschließen sich ihre Umwelt anders als Erwachsene (vgl. Muchow 1935: 28 zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978). Räumliche Nähe spielt dabei eine Rolle, aber nicht nur. Nicht Verkehrsanbindung oder Einkaufsmöglichkeiten sind wichtig, sondern die Eignung der Umgebung als Spielwelt. Sie zeigt auf, wie anders im Vergleich zu Erwachsenen Kinder ihre Umwelt nutzen (Muchow 1935: 56f zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978) und wie sie Baulücken als Spielflächen nutzen, die für Erwachsene einen „Schandfleck“ darstellen (S. 59).[3] Diese Erkenntnis ist nach wie vor aktuell, gerade wenn es um Vandalismus geht und Kinder oder Jugendliche die ihnen angedachten Plätze nicht wie vorgesehen nutzen (Nissen 1998: 170).

Sehr wichtig ist nach Muchow die elterliche Wohnung, um den sich „schichtenförmig“ der Lebensraum gruppiert (Muchow 93f zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978).

Diese Form der Aneignung der Umwelt trifft auf heutige Kinder nicht mehr zu. So konstatiert auch Zinnecker in der Einleitung zum Reprint von Muchows Studie die Zunahme an institutionellen Inseln, während Kinder aus der Straßenöffentlichkeit weitgehend verschwunden sind: „Spielende Kinder auf der Straße treffe ich selten an.“ (Zinnecker in der Einleitung zum Nachdruck der Barmbeker Kinderstudie 1978: 18).

Das Besondere an ihrer Studie sind – wie Zinnecker im Vergleich zur Milieuforschung hervorhebt – Muchows moderne Schlussfolgerungen, wie sie erst in den letzten Jahrzehnten von Erziehungswissenschaftlern aufgegriffen werden. So begreift Muchow die Barmbeker Kinder nicht als Opfer ungünstiger Lebensbedingungen, sondern beschreibt sie als Subjekte und Mitgestalter ihrer Umwelt begriffen (Zinnecker in der Einleitung zum ND 1978: 25).[4]

Muchow beleuchtet den Sozialisationsort „Straße“ außerhalb des pädagogischen Zugriffs auf Kinder durch die Institutionen (Zinnecker in der Einleitung zum ND 1978: 31). Sie erkennt in der Betonung der Bedeutung der Institutionen Familie, Schule und Betreuungseinrichtungen eine Verengung des pädagogischen Blickfelds auf Kinder, diese einseitig als Lernende zu betrachten und Erziehung zweck- und zielgebunden zu betrachten (Zinnecker in der Einleitung zum ND 1978: 32). Muchow sammelt sogar Beobachtungen von Erziehungssituationen in Straßenbahnen und auf Spielplätzen (Zinnecker in der Einleitung zum ND 1978:33).

1.2 Verinselte Kindheit (Helga Zeiher)

Der Barmbekehr Kinderstudie kann man entnehmen, dass die Kinder ihre Umgebung durch Erlaufen kennenlernten. Elisabeth Pfeil hat ein Modell vorgelegt, dass Kinder mit zunehmendem Lebensalter ihren Lebensraum in konzentrischen Kreisen entdecken und ihn sich so aneignen (vgl. Nissen 1998: 167; Zeiher 1983: 187). Dies setzt aber voraus, dass die Kinder für ihre Tätigkeiten geeignete Orte finden, an die sie durch eigene Kraft gelangen können, doch heute sind die meisten Kinder auf den Transport im Auto durch Bezugspersonen angewiesen. Helga Zeiher definiert in ihrem „Modell des verinselten Lebensraums“: “Der Lebensraum ist nicht ein Segment der realen räumlichen Welt, sondern besteht aus einzelnen separaten Stücken, die wie Inseln verstreut in einem größer gewordenen Gesamtraum liegen, der als ganzer unbekannt oder zumindest bedeutungslos ist” (Zeiher 1983: 187).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1 im Internet: http://www.sozialraum.de/deinet-aneignung-und-raum.php Zugriff 19.09.2011

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[1] Zur Definition von Straßenkindern siehe auch Deutsches Jugendinstitut (DJI 1995): Straßenkinder. München/Leipzig. S. 138.

[2] „Elias zeigt, dass im Laufe der Jahrhunderte die Regeln sich verändert haben. Umgangsformen sind feiner geworden, was man zu tun und zu lassen hat ist detaillierter ausgeführt und Verhalten wurde immer enger geregelt.“ (eigene Übersetzung d. Autorin)

[3] Muchow beschreibt die Welt der „schmutziggrauen Mietshäuser“ auch an anderer Stelle: „Hier hat man seine ‚Freunde‘, hier kennt man alle Ecken und Winkel, hier ist man mit der ganzen Nachbarschaft vertraut, von hier aus orientiert man sich im Stadtteil, in der Stadt und…im Leben.“ (Muchow 1935: 30f zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978).

[4] Hans Muchow selbst weist in der Einleitung zur Studie seiner Schwester daraufhin, dass die Studie zu Beginn noch nicht völlig frei war von der „milieu-psychologischen Blickrichtung“, der besondere Wert der Studie aber darin liegt, dass sie aufzeigte, nicht wie eine beliebige Umwelt Kinder beeinflusst, sondern wie Kinder sich ihre Umwelt aneignen und wie sie sie wahrnehmen. (Muchow 1935: 7 zit. aus ND hg. von Zinnecker 1978).

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656163381
ISBN (Buch)
9783656163947
DOI
10.3239/9783656163381
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191576
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
straße haus theorien forschungskonzepte social studies childhood

Autor

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Titel: Von der Straße ins Haus