Lade Inhalt...

Körperbehinderte in der Geschichte - In Zukunft Menschen mit "Korrektur"?

Essay über die Geschichte und mögliche Zukunft von körperbehinderten Menschen und die Auswirkung auf den Beruf der Heilpädagogik

Essay 2012 17 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich zunächst mit der Stellung körperbehinderter Menschen in der Vergangenheit. Dabei geht es mir um die Menschen, welche bereits mit einer Körperschädigung geboren wurden. Im Laufe von Kriegen und infolge schwerer Krankheiten, wie zum Beispiel Lepra, erlitten viele Menschen Verletzungen oder wiesen Symptome auf, in deren Konsequenz ein oder mehrere Körperglied(er) amputiert werden mussten. Da mir der Zusammenhang zwischen einem körperbehinderten Neugeborenen in früheren Zeiten und einem noch ungeborenen Kind in heutigen Zeiten (im Zuge der Diskussion über die PND=Pränataldiagnostik und PID=Präimplantationsdiagnostik) für die Gestaltung einer möglichen Zukunft für körperbehinderte Kinder jedoch sehr wichtig erscheint, möchte ich in meiner Ausarbeitung auf das Einbeziehen von Kriegsinvaliden oder Unfallopfern verzichten.

Charles Darwin, ein britischer Naturforscher, schrieb 1871 in seinem Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtauswahl“:

„Es besteht daher wohl kaum Zweifel darüber, dass die Bewohner dieser zahlreichen Länder, welche nahezu die ganze civilisirte Welt umfassen, einstmals in einem barbarischen Zustande sich befanden. Zu glauben, dass der Mensch vom Ursprung an civilisirt und dann in so vielen Gegenden einer Entartung unterlegen sei, hiesse eine sehr erbärmliche Ansicht von der Menschlichen Natur hegen.“

In der Tat kommt man im Rückblick auf die Geschichte, wenn es die Art und Weise des Umgangs mit körperbehinderten Menschen betrifft, nicht umher, diesen als barbarisch zu bezeichnen.

Im Laufe der Geschichte hat es schon immer Menschen mit körperlichen Schädigungen und Missbildungen gegeben. „Schon in steinzeitlichen Skelettfunden, bei ägyptischen Mumien wie bei römischen Kaisern und indianischen Schamanen finden sich Menschen mit körperlichen Schädigungen.“ (Kallenbach,2000, S.14) „Den Menschen früherer Zeiten waren körperliche Schädigungen bei Kindern nicht biologisch erklärlich. Sie suchten ein Verständnis mit mythischen und auch magischen Deutungen zu gewinnen.“(ebd. S.18) So ist es nicht verwunderlich, dass sich die (gesunden) Menschen in der Geschichte meist vor körperbehinderten oder „missgestalteten“ Kindern fürchteten und diese oft ohne Schutz ihrem Schicksal überließen. In vielen Kulturen war es üblich, Säuglinge mit einer körperlichen Schädigung direkt nach der Geburt zu töten oder sie auszusetzen. Dies zieht sich von der Antike bis hin ins Mittelalter.

Das Idealbild der Griechen und Römer von Schönheit, Sittlichkeit und körperliche Tüchtigkeit wurde zum „begründeten/gerechtfertigten“ Todesurteil vieler körperbehinderter Menschen in der Antike. (Vgl. Bleidick, 1999, S.164) Der griechische Philosoph Aristoteles war ein starker Befürworter der Abtreibung und sprach sich, wie auch der griechische Philosoph Platon, für das Töten missgebildeter Kinder aus. (Vgl. ebd. S. 168) Zudem forderte er das strenge Verbot des Aufziehens von verkrüppelten Kindern, welche seine Vorstellung des Menschen als „soziales und politisches Lebewesen“ nicht erfüllen konnten. Hingegen genossen gesunde Neugeborene besonderen Schutz. (Bleidick, 1999, S.165)

Zitat aus Aristoteles Werk „Politik“ (in der Übersetzung von Rolfes in 1922): „Anlangend die Aussetzung oder Aufzucht der Neugeborenen soll es Gesetz sein, kein verkrüppeltes Kind aufzuziehen, dagegen wegen der Zahl der Kinder, wenn die herkömmliche Ordnung ihr im Wege steht, keines nach der Geburt auszusetzten.“

Auch im alten Rom gab es ein Gesetz, dass die Tötung verkrüppelter Kinder gestattete. (Vgl. Schneider, S.28) Die Kinder, welche nicht getötet wurden oder durch Vernachlässigung verstorben waren, wurden zur Belustigung auf Narrenmärkten eingesetzt oder aufgrund ihres mitleidserregenden Äußeren zum Betteln geschickt. (Vgl: Greving, Ondracek, 2010, S.20).

Im Mittelalter gewann in Europa der christliche Glaube immer mehr an Bedeutung. Die Kirche hatte somit viel Einfluss auf das Zusammenleben und den Umgang mit körperbehinderten Menschen. Dabei zeigte sich eine starke Ambivalenz. „Einerseits durften körperlich geschädigte/verunstaltete Menschen den Ritualen zu Ehren Gottes nicht beiwohnen“, „andererseits haben kranke und geschädigte Menschen im Rahmen des Glaubens eine wichtige Position: Ihre Existenz stellt andere, nicht kranke und nicht behinderte Menschen auf die Probe - diese sollten barmherzig und mildtätig sein.“ (ebd. S.25) „Im Zusammenhang mit der religiös-kirchlichen Auslegung von Erscheinungsbildern und Verhaltensweisen, die von der Norm abweichen, gehörte zum mittelalterlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung die Tendenz, ihnen entweder durch Rituale und Eingriffe die bösen Geister bzw. Dämonen auszutreiben oder sie zum Schutz der Gemeinschaft zu vertreiben.“ (ebd. S.28) Da eine spirituelle Form der „Heilung“ durch fragwürdige Rituale und schmerzhafte Eingriffe jedoch keine Linderung medizinisch bedingter Gegebenheiten hervorrufen konnte, wurden viele körperbehinderte Menschen dazu verurteilt ein- bzw. weggesperrt zu werden, ihr Leben als Vertriebene außerhalb der Gesellschaft zu fristen oder gar für den Schutz der Gemeinschaft gezielt getötet zu werden. Viele Menschen sind zudem an den Torturen der „Behandlungen“ verstorben. „Die Verflechtung des Abnormen mit dem Bösen (…), aber auch die Verflechtung der Ursachenfrage und der Schuldfrage“ sind für diese Zeit bestimmend. (Schneider, S.28) In dieser Zeit wurde auch der Begriff des „Wechselbalges“ neu definiert. So bezeichnete ein Wechselbalg, dem keltisch-germanischen Glauben nach, zunächst einen geistig oder körperlich behinderten Säugling, welcher nachts, ohne die Möglichkeit des Schutzes durch die Eltern, heimlich von Dämonen gegen das vermeintlich gesunde Kind der Eltern ausgetauscht wurde. Wenn die Menschen sich diesem getauschtem Säugling annahmen, sich gut um ihn kümmerten und ihn zu einem Menschen mit Seele erzogen, wurden die Kinder nach einigen Jahren von den „Damöneneltern“ wieder zurückgetauscht. Die menschliche Familie erhielt so nicht nur ihr eigenes Kind wohlbehalten zurück, sondern wurde auch mit reichen Schätzen belohnt. Im Gegensatz dazu wurden im christlichen Glauben behinderte Kinder als ein vom Teufel persönlich untergeschobenes Kind gesehen, welches nicht als Mensch, sondern nur wie ein Stück Fleisch ohne Seele behandelt wurde. (Vgl. Bleidick, 1999, S.172/Cloerkes,1979, S. 316). Die Schuld an einem Wechselbalg trugen nun keine übermenschlichen und nicht beeinflussbaren Kräfte mehr, sondern allein die Eltern. Das Aufziehen eines solchen Kindes wurde sozial geächtet und führte zu einer starken negativen Einstellung gegenüber behinderten Menschen. (Vgl. Cloerkes,1979, S. 316-318) Auch Martin Luther sprach sich um 1540 in seinen Tischreden offen für die Tötung dieser Wechselkinder aus.

Bereits 62 Jahre zuvor, im Jahr 1478, wurde in Nürnberg eine „Bettelordnung“ verabschiedet, welche körpergeschädigten Menschen (…) zum Beispiel das Betteln vor Kirchen untersagte. (Vgl. Greving, Ondracek, 2010, S. 31) Dadurch wird deutlich, dass eine ablehnende Haltung gegenüber Körperbehinderten auch gesetzlich vorgelebt wurde.

Im 17. Jahrhundert „wurde die pädagogisch bahnbrechende Idee formuliert, dass alle Kinder, auch die behinderten, erziehungs- und bildungsberechtigt und befähigt sind.“ (Schneider, S.29/ Greving, Ondracek, 2010, S. 34). Der tschechische Pädagoge und spätere Bischof Jan Amos Komenský (Comenius) erklärte in seiner Schrift „didactica magna“ (Große Didaktik): „Zunächst sind alle als Menschen Geborene zu dem Hauptzwecke geboren, Mensch zu sein (…). Darum sind alle so zu fördern und in Wissenschaft, Sittlichkeit und Religion recht einzuführen, daß sie das gegenwärtige Leben nützlich zubringen und sich auf das künftige angemessen vorbereiten können. Daß bei Gott kein Ansehen der Person gilt, hat er selbst oft kundgetan. Wenn wir also zu solcher Wartung des Geistes nur einige zulassen, andere aber ausschließen, sind wir ungerecht nicht nur gegen die, welche an der gleichen Natur wie wir teilhaben, sondern gegen Gott selbst, der von allen, denen er sein Bild aufgeprägt hat, erkannt, geliebt und gepriesen sein will.“ (Comenius, 1627 in neuer Übersetzung Flitner, 1992, S. 52)

Vorrausgegangen war die Zeit der Renaissance, des Humanismus und der Aufklärung, welche das mittelalterliche Menschenbild positiv veränderten. (Vgl. Greving, Ondracek, 2010, S. 33) Philosophen wie Kant und Rousseau übten zu dieser Zeit harte Kritik an der weltlichen und kirchlichen Autorität und verbreiteten ihr Gedankengut über die Vernunft des Menschen, der sich aus seiner Unmündigkeit befreien und sich zu einem autonomen Lebewesen entwickeln sollte. (Vgl. ebd. S. 37/39) In dieser Zeit wurde der theoretische Grundstein für die heilpädagogische Sichtweise gelegt. (Vgl. ebd. S. 35) Leider muss man hinzufügen, dass diese Fortschritte und Denkweisen den körperbehinderten Menschen zunächst nicht zugesprochen wurden. So schreibt Rousseau in seinem Werk „Emile oder Über die Erziehung“ von 1726: „Ich würde mich nicht mit einem kränklichen und siechen Kind belasten, und wenn es achtzig Jahre alt würde. Ich mag keinen Zögling, der sich selbst und anderen unnütz ist, der allein damit beschäftigt ist, sich am Leben zu erhalten, und dessen Leib der Erziehung der Seele schadet. Verschwende ich meine Fürsorge an ihm, so verdopple ich den Verlust, indem ich der Gesellschaft zwei statt nur einem Menschen entziehe. Mag ein anderer sich dieses Krüppels annehmen. Ich bin einverstanden und lobe seine Nächstenliebe; hier aber liegt nicht meine Stärke. Ich kann nicht jemanden leben lehren, der nur daran denkt, wie er dem Tode entgeht.“ Weiter heißt es: „Ein kraftloser Körper schwächt die Seele.“ Es wird deutlich, dass Rousseau, wie auch Kant, einem missgebildetem Säugling zu dieser Zeit weder Seele noch ein Menschsein zugestanden. „Bei Kant kamen Rechtsfähigkeit und Rechtswürdigkeit nur dem reflektierenden Individuum zu, sofern es in der Lage ist, sich sein sittlich-moralisches Gesetz selbst aufzuerlegen (…).“(Groß, 2007) Da diese Fähigkeiten zu Zeiten der Aufklärung behinderten und schwer kranken Menschen nach wie vor abgesprochen wurden, zeigten sich wenige bis keine Verbesserungen für die (Lebens-)Situation körperbehinderter Menschen.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656166368
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191698
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen – Abteilung Münster
Note
1,0
Schlagworte
Pränataldiagnostik Präimplantationsdiagnostik PND PID Körperbehinderung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Körperbehinderte in der Geschichte - In Zukunft Menschen mit "Korrektur"?