Lade Inhalt...

Sollte Großbritannien der Eurozone beitreten?

Eine Analyse anhand der Theorie der optimalen Währungsräume

Bachelorarbeit 2011 46 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition

3. Nutzen einer Währungsunion
3.1. Erweiterung der Geldfunktionen
3.2. Wegfall der Transaktionskosten
3.3. Beseitigung von Preisdiskriminierung
3.4. Wegfall der Wechselkursunsicherheit

4. Kosten einer Währungsunion
4.1. Umstellungskosten
4.2. Verlust von autonomer Geldpolitik und Wechselkursflexibilität

5. Die Theorie der optimalen Währungsräume
5.1. Arbeitskräftemobilität (Mundell)
5.2. Offenheitsgrad (McKinnon)
5.3. Produktionsdiversifizierung (Kenen)

6. Vergleich von Kosten und Nutzen

7. Die Anwendung auf Großbritannien
7.1. Konvergenz
7.2. Flexibilität
7.3. Investment
7.4. Finanzdienstleistungen
7.5. Wachstum, Stabilität und Beschäftigung

8. Fazit der fünf ökonomischen Tests

9. Schlussfolgerungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Evolutionsstufen monetärer Integration

Abbildung 2: Frankreich und Deutschland im Ausgangszustand (Zeitpunkt 0)

Abbildung 3: Asymmetrischer Nachfrageschock (Zeitpunkt 1)

Abbildung 4: Symmetrischer Nachfrageschock

Abbildung 5: Die ökonomischen Regionen

Abbildung 6: Nutzen der Währungsunion

Abbildung 7: Kosten der Währungsunion

Abbildung 8: Nutzen und Kosten im Vergleich

Abbildung 9: Offizielle Leitzinssätze der Zentralbanken

Abbildung 10: BIP-Wachstumsraten

Abbildung 11: Outputlücken

Abbildung 12: Inflationsraten

Abbildung 13: Offenheitsgrad

Abbildung 14: Anpassungsmechanismen

Abbildung 15: Inflation und Arbeitslosigkeit in GB, Deutschland und Frankreich

Abbildung 16: Arbeitslosenquote

Abbildung 17: Langzeitarbeitslosigkeit

Abbildung 18: Entwicklung des britischen Warenhandels

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Korrelation von Konjunkturzyklen

Tabelle 2: Sektorenstrukturen

Tabelle 3: Untergliederung des Bergbauindustriesektors

Tabelle 4: Beschäftigungsstruktur im Finanzdienstleistungssektor

Tabelle 5: Marktanteile Großbankgeschäftsfelder

1. Einleitung

Üblicherweise hat jedes Land seine eigene nationale Währung. Auf den Geldscheinen und Münzen werden Könige, Kaiser, Nationalhelden, historische Szenen oder berühmte Bauwer- ke abgebildet. Eine Währung ist ein Symbol für staatliche Souveränität. Dennoch stellt sich die Frage, ob es ökonomisch sinnvoll ist, dass jedes Land seine eigene nationale Währung besitzt (Baldwin/Wyplosz 2009:315). Warum sollten Länder den Kurs ihrer Währung an eine andere Währung binden? Warum sollten Länder einen gemeinsamen Währungsraum grün- den und eine einheitliche Währung einführen? Nach welchen Kriterien sollte die optimale Größe dieses Währungsraumes bestimmt werden? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch diesen Zusammenschluss? Und warum ist es unter Umständen für bestimmte Länder besser diesem Zusammenschluss fernzubleiben?

Bei der Beantwortung dieser Fragen hilft der Rückgriff auf die Theorie der optimalen Währungsräume. Ausgehend von einer Kosten-Nutzen-Analyse für die betroffenen Länder definiert diese Theorie ökonomische Kriterien, die ein Beitrittsland erfüllen sollte. Den Grund- stein der Theorie legte der Nobelpreisträger Robert Mundell bereits 1961. Seine Arbeit wurde durch Beiträge von Ronald McKinnon 1963 und Peter Kenen 1969 ergänzt. Der theoretische Teil der Arbeit soll potentielle Kosten und Nutzen einer Währungsgemeinschaft benennen und die Evolution der Theorie der optimalen Währungsräume nachvollziehen.

Das wohl bekannteste Beispiel für einen Zusammenschluss der Geld- und Wäh- rungspolitik ist die Europäische Währungsunion[1] (EWU) mit der gemeinsamen Euro- Währung. Seit ihrer vollständigen Umsetzung 1999 mit elf teilnehmenden Staaten (Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Por- tugal, Spanien) sind ihr mit Griechenland (2001), Slowenien (2007), Malta und Zypern (2008), der Slowakei (2009) und Estland (2011) sechs weitere Staaten beigetreten. Gemäß den primärrechtlichen Verträgen ist jeder EU-Staat verpflichtet an der EWU teilzunehmen, sobald er die Maastrichter Konvergenzkriterien erfüllt. Eine Ausnahme hierbei bilden Däne- mark und Großbritannien, die eine „Opt-Out-Klausel“ ausgehandelt haben und damit selbst entscheiden können, ob und wann sie der EWU beitreten möchten, sofern sie die Maastrich- ter Konvergenzkriterien erfüllen (Deutsche Bundesbank 2011). In Großbritannien hat der damalige Finanzminister Gordon Brown versucht die Beitrittsfrage durch eine wissenschaftli- che Studie zu beantworten, die den Titel „UK membership of the single currency - An as- sessment of the five economic tests“ trägt. Die 2003 veröffentlichte Studie besteht aus fünf ökonomischen Tests, die als einfache Fragen formuliert sind. Unter Zuhilfenahme der Struk- tur der Studie und der theoretischen Vorüberlegungen wird schließlich die Leitfrage beant- wortet: Sollte Großbritannien der Eurozone beitreten?

2. Begriffsdefinition

Zunächst erfolgt eine ökonomische Spezifikation des Begriffs der Währungsunion. Das Schaubild von Grassinger (Grassinger 1998:25) zeigt dabei die Evolutionsstufen von monetärer Integration.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Evolutionsstufen monetärer Integration

Der erste Schritt zur Bildung einer Währungsunion besteht darin, die Wechselkurse zwischen den beteiligten nationalen Währungen unwiderruflich zu fixieren. Diese getroffene Vereinba- rung wird durch Interventionsverpflichtungen auf dem Devisenmarkt durch die nationalen Zentralbanken aufrechtgehalten. Erst wenn eine gemeinsame Zentralbank - wie im Falle der EWU die Europäische Zentralbank (EZB) - gegründet wird, spricht man von einer vollständi- gen Wechselkursunion. Eine monetäre Union wiederum ist durch den freien Kapitalverkehr gekennzeichnet. Wenn im gesamten Unionsgebiet eine einheitliche Währung zirkuliert, spricht man von der vollständigen Währungsunion. Die gemeinsame Währung „hat symbol- haften Charakter als Garant der eingegangenen Verpflichtung zu dauerhaft unveränderlichen Wechselkursen“ (Traud 1996:2). Da einige Nutzenzugewinne nur durch die Einführung der gemeinsamen Währung geschaffen werden, wird im Folgenden nur der Fall der vollständi- gen Währungsunion betrachtet.

3. Nutzen einer Währungsunion

Das Entscheidungskalkül, ob sich Länder zu einer Währungsunion zusammenschließen sollten, basiert auf einem Vergleich der zu erwarteten Nutzenzugewinne mit den drohenden Kosten. Die wichtigsten Bestimmungsfaktoren der Kosten-Nutzen-Analyse werden im Folgenden beschrieben.

3.1. Erweiterung der Geldfunktionen

Ein wesentlicher Vorteil einer gemeinsamen Währung ist die Stärkung und Erweiterung der Geldfunktionen. Als Geldfunktionen bezeichnet man die verschiedenen Formen von Nutzen, die Geld stiften kann. Man unterscheidet hierbei die Zahlungsmittel- oder Tauschfunktion, die Wertaufbewahrungs- und die Recheneinheitsfunktion von Geld. Als Zahlungs- oder Tausch- mittel macht Geld den aufwändigen und mit hohen Suchkosten verbundenen Naturaltausch zwischen Käufer und Verkäufer überflüssig. Die Wertaufbewahrungsfunktion ermöglicht es Konsumentscheidungen von heute in die Zukunft zu verlagern. Und die Recheneinheitsfunk- tion erlaubt es den Wert von Gütern in Einheiten derselben Bezugsgröße zu benennen (Mankiw/Taylor 2008:709). Mit zunehmender Größe des Währungsgebietes steigen auch die Geldfunktionen, da mehr Transaktionen ohne zusätzlich entstehende Kosten durchgeführt werden können (Paape 2000:112). Je mehr Menschen eine Währung akzeptieren, umso nützlicher wird sie. Ökonomen bezeichnen dies als Netzwerkeffekt (Baldwin/Wyplosz 2009:316).

3.2. Wegfall der Transaktionskosten

Ein sehr offenkundiger und unmittelbarer Vorteil einer Gemeinschaftswährung ist der Wegfall von Transaktionskosten, die beim Umtausch einer Währung in eine andere Währung entste- hen. Dabei ist der Vorteil sowohl für Reisende und Konsumenten als auch für handeltreiben- de Unternehmen spürbar. Ein deutsches Unternehmen muss beispielsweise beim Import von französischem Wein keine Gebühren mehr zum Umtausch von Deutscher Mark in Französi- schen Francs zahlen (Mankiw/Taylor 2008:922). Die EU-Kommission schätzt die Höhe der jährlichen Transaktionskosten, die beim Währungsumtausch entstehen, auf 13 bis 20 Milliar- den Euro (De Grauwe 2007:63). Obwohl die Banken und Kreditkartenanbieter durch den Wegfall der Umtauschgebühren weniger Einnahmen generieren, ist die Transaktionskosten- reduzierung gesamtgesellschaftlich gesehen von Vorteil. Bei den erhobenen Gebühren han- delt es sich nämlich um Nettowohlfahrtsverluste, da ihnen keine greifbare Gegenleistung gegenübersteht. Die Bankangestellten können - theoretisch betrachtet - produktiver außer- halb der Devisenabteilungen eingesetzt werden (Mankiw/Taylor 2008:922).

3.3. Beseitigung von Preisdiskriminierung

Der Wegfall der Transaktionskosten hat auch einen indirekten aber schwer quantifizierbaren Vorteil für die Konsumenten in einer Währungsgemeinschaft: die Beseitigung der Preisdis- kriminierung. Wenn die Güterpreise in einer einheitlichen Währung ausgezeichnet sind, fällt es den Käufern leichter die Preise direkt miteinander zu vergleichen, ohne zusätzliche Ge- bühren berücksichtigen zu müssen. Somit ist es für Unternehmen schwerer, nationale Preis- differenzierungen vorzunehmen. Die Gemeinschaftswährung erhöht also im Idealfall den Vollkommenheitsgrad der Märkte und steigert die Wohlfahrt der Konsumenten (Mankiw/Taylor 2008:922). Die empirische Evidenz für den Euroraum zeigt jedoch, dass auch durch eine gemeinsame Währung die Preisdifferenzierung nicht vollständig beseitigt wird. Vor allem bei Gütern des täglichen Bedarfs, also z.B. Lebensmitteln, bleiben die Preis- abweichungen zwischen den europäischen Ländern groß. Grund hierfür sind die - im Ver- gleich zum Güterpreis - prohibitiv hohen Transaktionskosten: Der Konsument wird nicht ei- nen weiten Weg auf sich nehmen, um von geringfügig günstigeren Preisen zu profitieren (De Grauwe 2007:67).

3.4. Wegfall der Wechselkursunsicherheit

Der wichtigste Nutzengewinn einer gemeinsamen Währung wird durch die Eliminierung von Wechselkursschwankungen geschaffen. Der Wechselkurs einer Währung ist nichts anderes, als der Preis der Währung ausgedrückt in einer anderen Währung. Angenommen ein deut- scher Supermarkt bestellt französischen Wein, der in drei Monaten geliefert und in Francs bezahlt werden muss. Es ist nahezu unmöglich, den in drei Monaten vorherrschenden Wechselkurs zwischen D-Mark und Franc zu bestimmen. Womöglich hat der französische

Franc in diesem Zeitraum eine starke Aufwertung erfahren, was die Kaufkraft der D-Mark wesentlich schmälert. Dieser Unsicherheitsfaktor könnte den Supermarkt davon abhalten, überhaupt französischen Wein zu importieren. Ein Verzicht, der mit Wohlfahrtverlusten für die deutschen Konsumenten einhergeht (Mankiw/Taylor 2008:923). Der Supermarkt könnte versuchen, sich durch Hedging gegen das Risiko der Wechselkursschwankungen abzusi- chern. Allerdings fallen dabei, ähnlich wie beim Währungsumtausch, volkswirtschaftlich inef- fiziente Gebühren an (Mongelli 2002:33). Auch die Investitionstätigkeit kann durch volatile Wechselkurse reduziert werden: Die Unsicherheit über zukünftige Exporterlöse durch schwankende Wechselkurse erschwert für ein exportorientiertes Unternehmen die Zukunfts- planung und die Kalkulation von Investitionsprojekten, wie z.B. dem Bau einer neuen Pro- duktionsstätte. Die Schaffung von potentiellen Arbeitsplätzen und wirtschaftliches Wachstum bleiben so aus (Mankiw/Taylor 2008:923).

4. Kosten einer Währungsunion

Den möglichen Nutzenzugewinnen einer gemeinsamen Währung stehen die potentiellen Kosten gegenüber, welche hauptsächlich auf makroökonomischer Ebene auftreten (Heinemann 1998:3).

4.1. Umstellungskosten

In der vollkommenen Währungsunion entstehen bei den Banken und Unternehmen durch die Einführung einer neuen Währung Umstellungskosten: Verträge müssen umgeschrieben, Computersysteme angepasst und neue Geldzählmaschinen installiert werden. Da es sich jedoch hierbei um einmalig auftretende Kosten handelt, sind sie eher gering zu gewichten (Heinemann 1998:3). Monetär nicht zu bemessen, aber womöglich trotzdem bedeutsam, sind die psychologischen Umstellungskosten: Das Vertrauen der Bevölkerung der Mit- gliedsländer in die Stabilität der neuen Währung wird unter Umständen nur langsam aufge- baut (Mongelli 2002:33).

4.2. Verlust von autonomer Geldpolitik und Wechselkursflexibilität

Mit dem Beitritt zu einer Währungsgemeinschaft gibt ein Land nicht nur seine nationale Wäh- rung auf, sondern verzichtet auch auf eine eigenständige nationale Geldpolitik und auf den Anpassungsmechanismus der flexiblen Wechselkurse (Mankiw/Taylor 2008:924). Somit ist ein Land nicht mehr in der Lage, selbstständig den Leitzinssatz an nationale Bedürfnisse anzupassen oder den Preis der eigenen Währung durch Auf- und Abwertungen zu beeinflus- sen (De Grauwe 2007:5). Die Mitgliedsländer der EWU haben beispielswiese ihre geldpolitischen Kompetenzen auf die EZB übertragen, welche nur eine einheitliche Geldpolitik für den gesamten Euroraum vorgeben kann (Europäische Zentralbank 2011a). Warum ist der Ver- lust der geldpolitischen Autonomie und der flexiblen Wechselkurse möglicherweise mit Kos- ten verbunden? Eine zentrale Kostenkategorie für eine Währungsgemeinschaft ergibt sich durch das Auftreten von länderspezifischen oder asymmetrisch wirkenden Schocks.

Zum besseren Verständnis der Wirkungsweise eines solchen Schocks wird eine ein- fache Modellbetrachtung gewählt, die an De Grauwe (2007), Mankiw und Taylor (2008) so- wie Baldwin und Wyplosz (2009) angelehnt ist. Angenommen die Welt besteht aus nur zwei Volkswirtschaften, Deutschland und Frankreich, in denen im Ausgangszustand Vollbeschäf- tigung und optimale Produktionsauslastung herrscht. In Abbildung 2 wird auf der Abszisse das Produktionsniveau (Y) und auf der Ordinate das Preisniveau (P) abgebildet. Die Schnitt- punkte der aggregierten Nachfrage- und Angebotsfunktionen markieren das Produktions- und Preisniveau in Deutschland (D) und Frankreich (F) im Ausgangszustand (0). Die Nach- fragefunktion (N) hat eine negative Steigung, weil die heimischen Konsumenten bei steigen- dem inländischem Preisniveau ausländische Güter bevorzugen. Die Angebotsfunktion (A) hat eine positive Steigung, weil heimische Firmen mit steigenden Preisen ihre Produktions- menge ausdehnen werden. Weiterhin wird angenommen, dass die Preise der Produktions- faktoren konstant sind und nicht die Angebotsfunktion beeinflussen (De Grauwe 2007:6). Da beide Länder nicht durch eine Währungsunion miteinander verbunden sind, besitzen sie noch ihre nationalen Währungen und flexible Wechselkurse. Die Geldpolitik wird durch die jeweiligen Nationalbanken autonom ausgestaltet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Frankreich und Deutschland im Ausgangszustand (Zeitpunkt 0)

Nun kommt es zu einer permanenten Verschiebung der Nachfragepräferenzen. Französi- sche Konsumenten bevorzugen jetzt deutsche Produkte und deutsche Konsumenten redu- zieren ihre Nachfrage nach französischen Erzeugnissen. Die aggregierte Nachfragefunktion in Frankreich verschiebt sich also nach links unten und die aggregierte Nachfragefunktion in Deutschland nach rechts oben. Dieser Vorgang hat einen Rückgang des französischen Pro- duktions- und Preisniveaus zur Folge: Die Produktionskapazitäten werden nicht mehr voll ausgelastet, Produktionsanlagen stillgelegt und die Arbeitslosigkeit in Frankreich steigt. Der gegenteilige Effekt tritt in Deutschland ein: Produktions- und Preisniveau wachsen an, Pro- duktionsanlagen laufen auf hoher Auslastung und die Nachfrage nach dem Produktionsfaktor Arbeit steigt. Der Nachfrageschock in Frankreich hat also einen asymmetrischen Effekt für die beiden Volkswirtschaften: Frankreich leidet unter Arbeitslosigkeit und Deutschland unter steigendem Inflationsdruck. Abbildung 3 verdeutlicht diese Verschiebungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Asymmetrischer Nachfrageschock (Zeitpunkt 1)

Ein flexibler Wechselkurs kann als Anpassungsmechanismus das Gleichgewicht zwischen den beiden Volkswirtschaften wieder herstellen. Der Wechselkurs ist nichts ande- res als der Preis einer Währung im Verhältnis zu einer anderen Währung. Französische Konsumenten bevorzugen nach der Präferenzverschiebung deutsche Importe. Um diese Importe bezahlen zu können, steigt auf den Devisenmärkten die Nachfrage nach Deutscher Mark. Dies bedeutet, dass der Wert der Deutschen Mark im Verhältnis zum Franc ansteigt. Die D-Mark wird auf- und der Franc abgewertet. Dies bedeutet aber, dass die deutschen Produkte nun für die französischen Nachfrager teurer werden, da sie nun mehr Francs für einen bestimmten Betrag in D-Mark ausgeben müssen. Gleichzeitig werden die französi- schen Produkte aber durch den Anstieg der Kaufkraft der D-Mark gegenüber dem Franc bil- liger. Französische Produkte gewinnen also an Wettbewerbsfähigkeit und werden für deut- sche Konsumenten wieder attraktiver, was das Exportvolumen von französischen Erzeugnis- sen ansteigen lässt. Parallel dazu sinken das Interesse und die Nachfrage an deutschen Gütern. Der Beschäftigungsgrad in Frankreich nimmt wieder zu und Deutschland erfährt einen Rückgang der Inflation (Mankiw/Taylor 2008:926). Die aggregierten Nachfragefunktionen werden also wieder parallel zurückverschoben und der Ausgangszustand (0) aus Abbildung 2 ist wieder hergestellt. Somit sind flexible Wechselkurse in der Lage, die Auswirkungen von asymmetrischen Schocks abzufedern.

Aber auch eine autonome Geldpolitik kann als Anpassungsmechanismus agieren. Die französische Wirtschaft befindet sich durch steigende Arbeitslosigkeit und nicht ausge- lastete Produktionsmöglichkeiten in der Rezession. Eine expansive Geldpolitik der französi- schen Nationalbank kann durch eine Senkung des Leitzinssatzes die inländische Nachfrage stimulieren. Die Deutsche Bundesbank hingegen verfolgt eine restriktive Geldpolitik, die durch eine Anhebung des Leitzinssatzes das deutsche Wachstum bremst. Somit können durch verschiedene nationale Geldpolitiken das französische Problem der Arbeitslosigkeit und das deutsche Problem des Inflationsdrucks gelöst werden (De Grauwe 2007:9). Die agg- regierten Nachfragekurven verschieben sich wieder in den Ausgangszustand (0).

Was passiert jedoch, wenn beide Länder den Euro als gemeinsame Währung einfüh- ren und die geldpolitischen Entscheidungen einer gemeinsamen Zentralbank überlassen? Zunächst trifft die Währungsunion ein symmetrischer Schock, der die aggregierten Nach- fragefunktionen in beiden Ländern gleichermaßen nach links unten verschiebt wie in Abbil- dung 4 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Symmetrischer Nachfrageschock

Diesmal leiden sowohl Deutschland als auch Frankreich unter den ungenutzten Produkti- onsmöglichkeiten und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit. Die EZB beobachtet diesen Effekt und wird eine expansive Geldpolitik einleiten. Die Reduzierung des Leitzinssatzes ist für beide europäischen Länder gleichermaßen vorteilhaft. Die aggregierte Nachfrage wird angehoben und das Produktionsniveau steigt wieder, was eine Erhöhung der Arbeitsnach- frage mit sich bringt. Liegt also ein symmetrischer Schock vor, so erzeugt der Verlust der flexiblen Wechselkurse und der nationalen Geldpolitiken keine Kosten für die einzelnen Län- der. Ein asymmetrischer Schock hingegen erzeugt für eine Währungsunion eine unvorteilhaf- te Situation. In Abbildung 3 hat ein asymmetrischer Schock die aggregierte Nachfrage in Frankreich nach links unten und die aggregierte Nachfrage in Deutschland nach rechts oben verschoben. Arbeitslosigkeit in Frankreich und Inflationsdruck in Deutschland sind die Kon- sequenz. Das Instrument der Wechselkursanpassung steht innerhalb der Währungsunion nicht mehr zur Verfügung, da ja beide Länder die Euro-Währung eingeführt haben. Die EZB muss also eine gemeinsame Geldpolitik finden, die für beide Länder vorteilhaft ist. Dabei ist sie aber einem Interessenkonflikt ausgesetzt, weil französische Politiker eine expansive Geldpolitik einfordern werden, um das Problem der Arbeitslosigkeit zu reduzieren, während deutsche Politiker sich eine restriktive Geldpolitik wünschen, um die Inflation einzudämmen (Mankiw/Taylor 2008:926). Tatsächlich kann die EZB nur eine durchschnittliche Inflationsrate antizipieren. Liegt die tatsächliche Inflationsrate in einem Land darüber ist die Geldpolitik zu expansiv. Den nationalen Volkswirtschaften ist folglich „ein individuell einsetzbares wirt- schaftspolitisches Instrument abhanden gekommen“ (Mankiw/Taylor 2008:928). Asymmet- risch wirkende Schocks bringen also ein erhebliches Risiko für eine Währungsunion mit sich.

Ein Risiko besteht auch, wenn symmetrische Schocks in verschiedenen Ländern asymmetrische Effekte erzeugen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der plötzliche Anstieg des Öl- und Gaspreises auf dem Weltmarkt. Dieser Anstieg hat in öl- und gasimportierenden Ländern negative Auswirkungen auf die Produktion. Öl- und gasfördernde Nationen, wie z.B. Großbritannien oder Dänemark, hingegen profitieren vom höheren Preis, den sie für ihrer Exporte von Öl und Gas erzielen können (Baldwin/Wyplosz 2009:321). Ein anderer asym- metrischer Effekt kann durch unterschiedliche nationale Strukturen im Interbankenmarkt ent- stehen. So kann eine Änderung des Leitzinssatzes durch die gemeinsame Zentralbank mit unterschiedlichen Verzögerungszeiten erst Wirkung in den Ländern zeigen (Baldwin/Wyplosz 2009:321). Also können unterschiedliche Strukturen asymmetrische Effekte erzeugen, die eine Währungsunion wie ein asymmetrischer Schock treffen können.

5. Die Theorie der optimalen Währungsräume

Die Theorie der optimalen Währungsräume geht davon aus, dass sich der Nutzen, der durch die Gemeinschaftswährung entsteht, permanent positiv auf die beteiligten Länder auswirkt. Die Kosten, die durch den Beitritt entstehen, treten jedoch nur vereinzelt als Folgen von asymmetrischen Schocks auf (Baldwin/Wyplosz 2009:322). Die Theorie „sucht nach Kriteri- en, die zeigen, wann es für eine Gruppe von Ländern optimal ist, eine gemeinsame Währung einzuführen“ (Mankiw/Taylor 2008:928). Der Grundstein der Theorie der optimalen Wäh- rungsräume wurde 1961 vom kanadischen Nobelpreisträger Robert A. Mundell gelegt und durch Beiträge von Ronald I. McKinnon (1963) sowie von Peter Kenen (1969) ergänzt. Die Schlussfolgerungen dieser drei Ökonomen werden oft als klassische oder ökonomische Kernkriterien der Theorie der optimalen Währungsräume bezeichnet. Auf die Darstellung der anderen teilweise eher politisch orientierten Kriterien wird im Folgenden deshalb verzichtet.

5.1. Arbeitskräftemobilität (Mundell)

In seinem Aufsatz „A Theory of Optimum Currency Areas“ zeigt Mundell, dass die Wahl zwi- schen festen und flexiblen Wechselkursen zwischen zwei Währungen von den ökonomi- schen Gegebenheiten der beteiligten Länder abhängig ist. Er definiert einen Währungsraum als Gebiet, in dem Währungen mit fixierten Wechselkursen vorliegen und stellt die Frage, wie die optimale Größe dieses Währungsraumes bestimmt werden kann (Mundell 1961:657). In seiner Modellbetrachtung besteht die Welt nur aus den beiden Volkswirtschaften USA im Süden und Kanada im Norden, die beide über nationale Währungen verfügen. Gleichzeitig existieren zwei länderübergreifende Regionen, Ost und West. Während in der Ostregion die Produktion von Automobilen dominiert, überwiegt in der Westregion die Holzverarbeitung. Eine Nachfrageverschiebung erhöht den Bedarf an Holzprodukten und senkt die Nachfrage an Automobilen. Diese Verschiebung hat einen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Osten und erhöhten Inflationsdruck im Westen zur Folge (Mundell 1961:659). Der flexible Wechselkurs versagt hier als Anpassungsmechanismus, da die Störungen nicht zwischen den Ländern, sondern zwischen den Regionen auftreten. Und auch die nationale Geldpolitik kann nicht zur Wiederherstellung des Gleichgewichts eingesetzt werden, da die Länder regional bedingt sowohl Unterbeschäftigung als auch inflationäre Tendenzen erfahren. Schließlich befinden sich die beiden Zentralbanken in einem „wirtschaftspolitischen Dilemma, denn mit Hilfe der Geldpolitik ist es nicht möglich gleichzeitig Unterbeschäftigung und inflationäre Tendenzen zu bekämpfen“ (Traud 1996:13). Damit zeigt Mundell, dass die politischen Grenzen von Län- dern nicht zwingend mit den Grenzen des optimalen Währungsraumes übereinstimmen. Die Lösung sieht er darin, den kanadischen und den US-Dollar durch einen West- und Ost-Dollar zu ersetzen. Also die Währungsräume anhand der ökonomischen Regionen abzugrenzen (Mundell 1961:660).

[...]

Details

Seiten
46
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656167280
ISBN (Buch)
9783656167488
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191732
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
Schlagworte
Theorie der optimalen Währungsräume Robert Mundell Peter Kenen Ronald McKinnon Eurozone Euro Großbritannien Five Economic Tests Tony Blair Gordon Brown Bank of England EZB Europäische Zentralbank Geldpolitik Währungen Weltwirtschaft Europa

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sollte Großbritannien der Eurozone beitreten?