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Prostituiertenberatung als Feld der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2012 26 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prostitution in Deutschland
2.1 Heterogenität innerhalb der Prostitution
2.2 Prostitution im Wandel
2.3 Beratung für Prostituierte

3. Prostituierten Beratung am Praxisbeispiel „THEODORA“
3.1 Entstehung der Beratungsstelle THEODORA
3.2 Grundlegende Aspekte der Arbeit von THEODORA
3.3 Fallbeispiele von THEODORA

4. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit
4.1 Grundlagen der Lebensweltorientierung
4.2 Theoretische Basis
4.3 Dimensionen
4.4 Aufgaben und Strukturen
4.5 Nähe und Distanz

5. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Konzept für die Prostituiertenberatung
5.1 Lebensweltorientierung in der Prostituiertenberatung
5.2 Kritische Betrachtung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Prostitution wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Die Thematik ist aufgeladen mit Stigmatisierungen und moralischen Bewertungen, hat Befürworter und Gegner und trifft in unserer heutigen Gesellschaft generell auf reges Interesse (vgl. BMFSFJ 1997, S. 12 f.).

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Prostitution im Rahmen sozialer Beratung. Andere Themenbereiche der Prostitution, wie beispielsweise die feministische Debatte (vgl. Grenz 2005, S. 11 ff.), werden aus Kapazitätsgründen in dieser Arbeit nicht dargestellt oder diskutiert.

Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit wird die Prostitution in Deutschland zunächst in ihren wichtigsten Aspekten skizziert. Um die Bandbreite von Prostitution zu verdeutlichen wird kurz auf die bestehende Heterogenität innerhalb der Prostitution eingegangen. Die weitere Basis für diese Arbeit bildet die Darstellung des Wandels der Prostitution in den letzten Jahren in Deutschland, um anschließend die Prostituiertenberatung zu fokussieren.

Der Hauptteil besteht aus der Darstellung eines Praxisbeispiels für Prostituiertenberatung und einem theoretischen Konzept, welches sich als Grundlage für die Soziale Arbeit in der Prostituiertenszene eignet.

Das Praxisbeispiel ist eine 2011 gegründete Prostituiertenberatungsstelle in Herford. Diese wird kurz in ihrer Entstehung und ihren Grundzügen dargelegt und mit exemplarischen Fällen veranschaulicht.

Ein möglicher theoretischer Zugang für die Soziale Arbeit mit Prostituierten ist die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Das Konzept wird in seinen Grundlagen, seiner theoretischen Basis, seinen Dimensionen, den Aufgaben und Strukturen sowie im Hinblick auf Nähe und Distanz erörtert.

Anschließend an diese Darstellungen wird das theoretische Konzept auf das Praxisbeispiel bezogen und ausführlich kritisch hinterfragt.

Das Fazit bildet den Abschluss dieser Arbeit und greift die Schwierigkeiten der Sozialen Arbeit im Feld der Prostitution auf.

2. Prostitution in Deutschland

Das Angebot sexueller Dienstleistungen gegen Bezahlung besteht seit mehreren tausend Jahren, weshalb in der Umgangssprache auch häufig von dem „ältesten Gewerbe der Welt“ die Rede ist. Die konkrete Art der Ausübung sowie die moralische Bewertung der Prostituierten unterliegen dabei dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel der Zeit (vgl. Ringdal 2007, S. 7 ff.). Der Sexindustrie ist nach wie vor eine hohe ökonomische Bedeutung beizumessen (vgl. Grenz 2005, S. 9). Neben dem in dieser Arbeit verwendeten Begriff „Prostitution“ wird der Begriff „Sexarbeit“ zunehmend geläufiger (vgl. Kavemann 2009, S. 90).

Eine einheitliche Definition von Prostitution liegt in der Forschung nicht vor. Eine klare definitorische Erfassung des Begriffs ist problematisch. Auf eine Definition von dem Soziologen Berensdorf von 1955 wird häufig Bezug genommen. Er beschreibt Prostitution als

„eine geregelte und sozial gebilligte oder geduldete Einrichtung in herrschaftlich organisierten Gesellschaften (Stände- und Klassengesellschaften), die dem Manne und der Frau außerhalb monogamer oder polygamer Eheformen in historisch wechselnder Gestalt neben- oder außerehelichen Geschlechtsverkehr ermöglicht, wobei der eine Partner seinen Körper gewerbsmäßig oder gelegentlich preisgibt, wenn ihm materielle Vorteile dadurch gewährt werden“ (Heinser-Ueckert u.a. 1994, S. 10).

Wie viele Prostituierte tatsächlich in Deutschland tätig sind, ist nicht zuverlässig ermittelbar. In der einschlägigen Literatur bewegen sich die Zahlen zwischen 50.000 und 400.000 und unterliegen somit starken Schwankungen (vgl. BMFSFJ 1997, S. 7). Der Anteil der Migrantinnen, insbesondere aus osteuropäischen Ländern, wird hoch eingeschätzt. Durch das enorm große Dunkelfeld können konkrete Zahlen kaum ermittelt werden, derzeit schwanken seriöse Schätzungen zwischen 50-70 % (vgl. Eickel, 2009, S. 295).

Prostitution ist nach wie vor ein tabuisiertes Thema in unserer Gesellschaft und ist stark geprägt von negativen Stigmatisierungen bei gleichzeitigem voyeuristischem Interesse. Die Prostitution unterliegt einer ausgeprägten Personifizierung und macht die Prostituierte somit zu der Verkörperung ihres Berufes. Trotz der Lockerung individueller sowie gesellschaftlicher Moralvorstellungen stellt die Prostitution ein „soziales Problem“ dar (vgl. BMFSFJ 1997, S. 12 f.).

2.1 Heterogenität innerhalb der Prostitution

Prostitution ist in verschiedenen Formen existent. Prostituierte, die sich mehr oder weniger bewusst und freiwillig für diesen Beruf entschieden haben, können ihrer Tätigkeit hauptberuflich oder nebenberuflich nachkommen. Eine weitere Form stellt die Beschaffungsprostitution dar, welche in der Regel auf einer Drogensucht beruht. Zwangsprostitution und Menschenhandel sind illegal und werden strafrechtlich verfolgt (vgl. Kavemann 2009, S. 90 ff.).

Der Rahmen von Prostitution reicht von großen, organisierten Betrieben wie Bordellen oder Eros-Centren über privat geführte Apartments und Wohnungen bis zum Straßenstrich. Außerdem existieren neben oder gleichzeitig mit den bereits genannten Arten der Prostitution weitere Formen wie bespielweise Callgirls, Escort, Peep-Shows, SM-Studios und viele mehr (vgl. BMFSFJ 1997, S. 18 f.).

2.2 Prostitution im Wandel

Bevor 2002 das Prostitutionsgesetz in Kraft trat, galt Prostitution als sozial- und sittenwidrige Tätigkeit, jedoch nicht ausdrücklich als illegal und verfügte über keine konkrete gesetzliche Regelung. Die Beschäftigten hatten keinen Anspruch auf Sozial- oder Krankenversicherung (vgl. Kavemann/Rabe 2009, S. 9).

„Nach gültiger Rechtsprechung ist die Prostitution eine sozial- und sittenwidrige Tätigkeit. Neben privatrechtlichen Konsequenzen folgt aus der Sittenwidrigkeit der Tätigkeit auch, daß (sic) die Prostituierte im rechtlichen Sinn weder abhängige Arbeitnehmerin noch Selbstständige sein kann. Weiterhin kann sie aufgrund der Sittenwidrigkeit ihrer Tätigkeit auch nicht sozialversicherungspflichtig sein und mit Inkrafttreten des Gesundheitsreformgesetztes auch nicht mehr freiwillig einer gesetzlichen Krankenversicherung beitreten […] (BMFSFJ 1997, S. 32).

Des Weiteren stand die Förderung von Prostitution unter strafrechtlicher Verfolgung, was das Unterhalten oder leiten bordellartiger Betriebe zu einer Straftat machte (vgl. von Gallen 1997, S. 39).

Am 01.01.2002 ist das Prostituiertengesetz (ProstG) in Kraft getreten. Das Gesetz soll unter anderem dazu dienen, rechtliche Benachteiligungen zu beseitigen, vor Ausbeutung zu schützen, für mehr Gleichberechtigung zu sorgen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Prostitution unterliegt jedoch nach wie vor verschiedenen Reglementierungen. In einer ersten wissenschaftlichen Diskussion zu dem neuen ProstG fassen die Herausgeberinnen zusammen:

„Auch nach dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes unterliegt die Prostitution weiterhin bestimmten gesetzlichen Verboten und Einschränkungen. Bei einem Verstoß gegen diese Normen drohen nach wie vor Geldbuße, Geld- oder Haftstrafe. Das Prostitutionsgesetz hat jedoch auch einen Anstoß zu einer Neubewertung der Prostitution gegeben und beginnt in kleinen Schritten, die Rechtsposition von Prostituierten sowie von Betreiberinnen und Betreibern von Betrieben, in denen sexuelle Dienstleistungen angeboten werden, zu verändern“ (Kavemann/Rabe 2009, S. 9).

Prostituierte können selbstständig oder in einem Angestelltenverhältnis arbeiten und haben Zugang zu Kranken- und Sozialversicherung.

Als problematisch erweist sich die unklare Lage bezüglich steuerlicher Angelegenheiten:

„Prostituierte sowie Betreiber/innen von Bordellen und bordellartigen Betrieben sind verstärkt in den Fokus von Steuerbehörden gerückt, die mit rechtlich umstrittenen, pauschalierten Besteuerungsverfahren Prostitutionseinkünfte und -umsätze je nach Bundesland oder auch Stadt in unterschiedlicher Höhe und mit unterschiedlicher rechtlicher Wirkung besteuern“ (Kavemann/Rabe 2009, S. 10).

Das Rechtsverhältnis der Prostituierten und ihrem Kunden fällt nicht mehr unter die Sittenwidrigkeit. Somit ist die Möglichkeit gegeben, nicht gezahltes Geld einzuklagen (vgl. Winter 2009, S. 221 ff.). Die Abschaffung der Strafbarkeit der Förderung von Prostitution soll eine Grundlage für bessere Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten schaffen (vgl. Renzikowski 2009, S. 137).

Aus dem Bericht der Bundesregierung zu den „Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz-ProstG)“ geht hervor, dass die bereits genannten Ziele nur teilweise oder gar nicht erreicht wurden (vgl. BMFSFJ 2007, S.80 ff.).

2.3 Beratung für Prostituierte

Für die Beratung bezüglich Geschlechtskrankheiten ist das Gesundheitsamt ein bedeutsamer Ansprechpartner. Die Zwangsuntersuchung von Prostituierten wurde in Deutschland abgeschafft. Die Untersuchungen sind kostenlos und können anonym erfolgen (vgl. BMFSFJ 1997, S. 23 ff.).

Eine weitere relevante Form der Hilfe ist die soziale Beratung. Renommierte Vereine in Deutschland, welche eine Beratung für Prostituierte anbieten, sind beispielsweise HYRDA e.V. in Berlin oder Madonna e.V. in Dortmund. Im folgenden Verlauf der Arbeit soll exemplarisch auf eine sehr junge Beratungsstelle eingegangen werden. Es handelt sich um THEODARA, eine im Jahr 2011 offiziell gegründete Beratungsstelle für Prostituierte in Herford im Kreis OWL. Die Darstellung der Arbeit von THEODORA soll verdeutlichen, wie sich die Praxis in der Prostituiertenberatung darstellt.

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Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656168119
ISBN (Buch)
9783656168249
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191783
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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