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Die Pestprozession zu Erfurt

Von der Bittprozession zur Gedenkprozession und der Rolle des Rates

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 27 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prozessionen

3. Totengedenken im Mittelalter

4. Der „Schwarze Tod“
4.1. Die Pest in Erfurt
4.2. Die sozialen Folgen der Pest

5. Die Pestprozession am Beispiel Erfurts
5.1. Der Rat der Stadt
5.2. Die Erfurter Pestprozession

6. Fazit

7. Quellen

8. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Prozessionen gehörten im Mittelalter zum festen Bestandteil des Lebens. In den spätmittelalterlichen Städten erfuhren die Bittprozessionen eine große Bedeutung. Die Anlässe hierfür waren zum einen, die Bitte um Frieden und siegreiche Schlachten und zum anderen, dass Bitten für gute Ernten sowie das Abwenden von Plagen. Um eine rege Teilnahme an diesen zu erreichen, motivierte man die städtische Bevölkerung mit Präsenzgeld und kirchlichen Ablässen. Prozessionen wurden überwiegend durch die Kirche organisiert und im Umfeld kirchlicher Feiertage zelebriert. Als 1348-1351 die Pest in Europa auf dem Vormarsch war und zahlreiche Todesopfer forderte, stand man dieser Katastrophe machtlos gegenüber. Mediziner und Ärzte waren hilflos. So lag das Schicksal der Stadtbewohner, nach Auffassung der mittelalterlichen Bevölkerung, in Gottes Händen. Auch in Erfurt wütete die Pest und forderte zahlreiche Opfer. Im Zeichen der Not initiierte der Stadtrat eine Bittprozession, um der Plage Einhalt zu gebieten. Die Pestprozession zu Erfurt. Diese Arbeit soll am Beispiel der Stadt Erfurt aufzeigen, wie es zu dieser Prozession kam. Dies umfasst zum einem den Verlauf der Epidemie und zum anderen deren Auswirkungen auf die Bevölkerung der spätmittelalterlichen Stadt Erfurt. Auch soll diese das Verständnis von Leben und Tod im Mittelalter näherbringen, um die Entstehung dieser Prozession besser zu verstehen. Da Prozessionen meist einen kirchlichen Aspekt verfolgten, wurden diese überwiegend durch die klerikale Schicht organisiert, anders in Erfurt. Im Verlauf dieser Arbeit soll die Rolle des Rates während der Pestprozession erörtert und geklärt werden. Auch soll der Wandel von der „Erfurter Pestprozession“ von einer Bitt- zu einer Gedenkprozession erläutert werden. Desweiterem sollen die Motive des Rates und dessen Struktur beleuchtet werden. Da der „schwarze Tod“ nicht nur Tod und Vernichtung mit sich brachte, sollen hierbei mit Hilfe von Beispielen, die positiven Veränderungen nach diesem beschrieben werden. Quellen und Überlieferungen aus dieser Zeit sollen dazu dienen, all diese Fragen aufzudecken und zu beleuchten.

2. Prozessionen

Prozessionen gehörten in der spätmittelalterlichen Stadt zum festen Bestandteil des Lebens, so auch im Beispiel Erfurts. Eine Prozession ist ein religiöses Ritual, welches durch Menschengruppen durchgeführt wird. Eine Prozession unterliegt einer festgelegten Abfolge und bestimmten Regeln. Ebenso handelt es sich bei Prozessionen um einen geordneten feierlichen Aufzug, der meist zu Fuß durchgeführt wurde. Zu der Abfolge lässt sich so viel sagen, das je höher der Stand des einzelnen Teilnehmers im Mittelalter war, desto näher durfte dieser sich am Heiligtum während der Prozession aufhalten.[1] Man unterscheidet bei Prozessionen vier verschiedene Typen. Die funktionale, theophore, mimetische und die demonstrative Prozession. Bei der funktionalen Prozession handelt es sich um einen festlichen Einzug in die Kirche. Als Beispiele sind hier das Erntedankfest, sowie die Gabenprozession zu nennen. Theophore hat die Bedeutung etwas Göttliches mit sich zu führen. Bei dieser Prozession zeigte man öffentlich einen Gegenstand den man verehrte. Hierzu zählten Reliquien oder bestimmte Symbole, wie Kerzen oder Kreuze. Auch hierbei wurde in Form einer Menschengruppe, in einer festgelegten Ordnung eine bestimmte Strecke mit den Symbolen abgelaufen.[2] Im Falle der spätmittelalterlichen Stadt, war diese mit dem Um schreiten der Stadtmauer verbunden. Als Beispiele sind hierbei die Fronleichnamsprozession, sowie die „Große Kölner Gottestracht“, zu nennen. Die mimetische Prozession beinhaltete das Nachahmen einer historischen oder Mythologischen Begebenheit. Hierbei lassen sich die Palmsonntags-, Karfreitags- und die Osterprozessionen als Beispiele anführen. Die demonstrative Prozession war eine Bittprozession. Diese wurde durch verschiedene Institutionen initiiert. Im Falle Erfurts geschah dies durch den Rat der Stadt. Bittprozessionen hatten den Zweck, bestehendes oder noch bevorstehendes Unheil abzuwenden. Auch bei dieser Art von Prozession, gab es eine festgelegte Route. Der Unterschied zu den anderen Prozessionen lag hierbei in der Selbstdarstellung der Organisatoren.[3] Somit lässt sich sagen das Prozessionen stets als Inszenierung angesehen werden können. Zweck dieser Veranstaltungen war natürlich in erster Linie das Bekunden des Glaubens und die damit verbundene Heiligenverehrung. In Zeichen der Not, dieser Umstand lässt sich deutlich 1348-1351 erkennen, stärkten diese das Gemeinsamkeitsgefühl der städtischen Bevölkerung. Prozessionen stellten die Organisatoren vor elementare Probleme. Diese äußerten sich zum einem in der Sicherheit und zum anderen um die Bemühungen einer regen Teilnahme. Sicherheitsprobleme lassen sich damit erklären, dass Prozessionen im Spätmittelalter ein Publikumsmagnet waren. Dies erfüllte auch die Pestprozession in Erfurt. So wurden Gäste, meist Adelige und Kleriker, zu dieser geladen. Diese mussten natürlich vor der normalen Bevölkerung geschützt werden. Ebenso kamen zu solchen Veranstaltungen stets Bewohner der umliegenden Städte bzw. Ortschaften.[4] Zum einem bot dies eine Abwechslung vom tristen Alltag und die Möglichkeit zum Erwerb des Ablasses. Zum anderen zogen Prozessionen, welche aus heutiger Sicht als Massenveranstaltungen gesehen werden, stets Gewerbetreibende an. Somit füllte sich die Stadt mit mehr Menschen als diese Einwohner hatte. Natürlich kann man davon ausgehen, dass auch Gesetzeslose diese Veranstaltungen besuchten. Dies war für die Stadt ein enormer Aufwand zur Sicherung der Durchführung und deren Schutz. Um die Menschen zur Teilnahme an den Prozessionen zu bewegen, führte man Präsenzgelder, gewährte Ablässe oder Geschenke in Form von Wein ein.[5] Die Ablässe geschahen im Einvernehmen mit der Kirche, da auch die Pestprozession einen christlichen Charakter einnahm. In vielen Städten des Spätmittelalters war die Teilnahme an den Prozessionen, als eher mäßig anzusehen. Erfurt erfreute sich im Gegensatz zu anderen am großen Interesse der Bevölkerung. Dies lässt sich mit dem Umstand deren Entstehung erklären. Im Zeichen der Not, in diesem Falle der Pest, rückten die Menschen näher aneinander und das Verlangen nach Zusammenhalt und Gemeinsamkeit traten in den Vordergrund. Als weiteren positiven Effekt, speziell der Pestprozession zu Erfurt, lassen sich die Entstehungen von Stiftungen erwähnen. Diese sollten im weiteren Verlauf, die Prozession finanziell absichern und ihre Durchführung ermöglichen.[6] Prozessionen werden noch in der heutigen Zeit durchgeführt und gelten somit nicht nur als Symbol der spätmittelalterlichen Städte.

3. Totengedenken im Mittelalter

Um die Entstehung der Pestprozession nachvollziehen zu können, muss man sich mit dem Totengedenken und den dazugehörigen Riten beschäftigen. Diese machen deutlich mit welchen Entbehrungen, die Bevölkerung der spätmittelalterlichen Stadt, zu Zeiten des „schwarzen Todes“ sich auseinandersetzten mussten. Im 14. Jahrhundert war der Tod allgegenwärtig. Im Unterschied zum 21. Jahrhundert, wo dieser meist auf Krankenhäuser und Altenheime beschränkt ist, war dieser im späten Mittelalter ein fester Bestandteil des Lebens.[7] Im christlichen Glauben glaubt man an das Leben nach dem Tod. Das Leben im „Diesseits“, war das Warten auf das Leben im „Jenseits“. So war es für die mittelalterliche Bevölkerung von immenser Bedeutung würdevoll in das „zweite Leben“ überführt zu werden. So versprach man sich von zeremoniellen Begräbnissen, dem Tod durch das Fegefeuer und somit dem Tod nach dem Tod zu umgehen. Zu diesem Zweck entstanden für die Angehörigen Begräbnis- und Trauerpflichten. Zu diesen gehörte neben dem Aufbahren und Abschiednehmen im Totenhaus, auch das Überführen auf den Friedhof durch dessen angemessenen Stand. Dies bedeutete, war der Verstorbene Mitglied einer Zunft oder Gilde trugen deren Mitglieder den Toten zu dessen Bestattungsort. Sie gaben ihm das letzte Geleit und verabschiedeten diesen in das Leben nach dem Tod.[8] Ebenfalls wichtiger Bestandteil des Totengedenkens war, dass der Verstorbene in geweihte Erde bestattet werden musste. Im Verständnis des spätmittelalterlichen Menschen umging man mit Hilfe von geweihter Erde, dem Fegefeuer. Die Grabstätten befanden sich alle in der Nähe der Kirche. Man wollte den „Heiligen“ nahe sein, um deren Schutz während der Auferstehung zu erfahren.[9] Auch dieser Glauben war fest in den Köpfen der Menschen verankert und ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Ebenso wichtig wie das Begräbnis in geweihter Erde, war das Begräbnis an sich. So kleidete man die Toten in deren schönsten Gewänder, um eine angemessene Umrahmung des Aktes zu ermöglichen. Auch spielten Grabbeigaben hierbei eine Rolle. Natürlich waren diese abhängig vom Stand des Toten. Bestattet wurde der Verstorbene stets nach der gleichen Zeremonie. Das Gesicht zum Himmel und der Körper wurden nach Osten ausgerichtet. Mit dem Gesicht zum Himmel, wollte man den Toten den Weg in das Himmelreich erleichtern und ihm somit den Weg zeigen. Der Körper wurde aus diesem Grund Richtung Osten ausgerichtet, da sich in dieser Himmelsrichtung das gelobte Land, Jerusalem, befand. Die Grabbeigaben solltendem Verstorbenen das Leben nach dem Tod erleichtern. Ein Grabstein bzw. Kreuze sollten an den Toten erinnern und den Angehörigen die Möglichkeit geben verschiedene Zeremonien, im Laufe der Jahre, an dessen Grab abzuhalten. So gehörte Beispielsweise das Aschermittwochsritual zu diesen. An diesem Tag verstreuten die Angehörigen Asche auf dem Grab, dies stellte ein Zeichen der Buße dar. All die genannten Zeremonien waren fester Bestandteil des Lebens im Mittelalter. Somit war das Totengedenken eine soziale Pflicht der Angehörigen, welche sie erbringen mussten. Diejenigen die sich ein angemessenes Begräbnis sichern wollten, traten Zünften, Gilden und Bruderschaften bei. Diese übernahmen dann ebenfalls den Part des Totengedenkens, sowie das Begräbnis und begleiteten den Toten auf dem Weg in das Leben nach dem Tod.[10] Mit dem Erreichen der Pest 1348-1351, kamen diese Riten zum Erliegen und beeinflussten den Lebenswandel der Bevölkerung der spätmittelalterlichen Stadt.

[...]


[1] Gerald Schwedler: Prinzipien der Ordnung bei Königlichen Prozessionen im späten Mittelalter. In: Prozessionen, Wallfahrten, Aufmärsche. Bewegung zwischen Religion und Politik in Europa und Asien seit dem Mittelalter. Hg.: Jörg Gengnagel, Monika Horstmann, Gerald Schwedler. Böhlau Verlag Köln, 2008. Seite 122.

[2] Arnd Reitmeister: Pfarrkirchen in der Stadt des späten Mittelalters. Politik, Wirtschaft und Verwaltung . Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 2005 . Seite 350f.

[3] Michael Vennemann: Fürchte Dich nicht, Petrus Romanus. Teil 2. Anmerkungen-Erklärungen-Literatur. Verlag Lulu Enterprises, USA 2008. Seite 488.

[4] Gert Melville und Peter von Moos: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Böhlau Verlag Köln, 1998. Seite 439-440.

[5] Dr. Karl Beyer: Urkundenbuch der Stadt Erfurt. Zweiter Theil. Hg.: von der Historischen Commission der Provinz Sachsen. Druck und Verlag von Otto Hendel, Halle 1897. Seite 375-376.

[6] Dr. Karl Beyer: Urkundenbuch der Stadt Erfurt. Zweiter Theil. Hg.: von der Historischen Commission der Provinz Sachsen. Druck und Verlag von Otto Hendel, Halle 1897. Seite 363 und 371.

[7] Yvonne Leiverkus: Köln. Bilder einer spätmittelalterlichen Stadt. Böhlau Verlag Köln, 2005. Seite 278-279.

[8] ebd.

[9] Hartmut Boockmann: Die Stadt im späten Mittelalter. C.H. Beck Verlag München, 1986. Seite 179.

[10] Gert Althoff, Oliver Auge u.a.: Mittelalter. Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH München, 2009. Seite 270.

Details

Seiten
27
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656168102
ISBN (Buch)
9783656168232
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191802
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Geschichte
Note
Schlagworte
Pest Prozession Erfurt

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