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Die Herausbildung doppelter Perfektbildungen im Deutschen in diachroner Perspektive

Ein Ansatz zur Klärung der Entstehung und Entwicklung von Doppelperfekt und Doppelplusquamperfekt im Indikativ

von Cand. M. A. Christine Porath (Autor:in)
Magisterarbeit 2010 131 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Vorgehensweise

4 Das Doppelperfekt
4.1 Die Funktion des Doppelperfekts Indikativ in der Gegenwartssprache
4.1.1 Das Doppelperfekt als Plusquamperfektersatz
4.1.2 Die Bedeutung ‚abgebrochener Zustand’
4.1.3 Die aspektuelle Bedeutung und die ‚weiter geltende Resultativität’
4.1.4 DPf zur Bezeichnung der „einfachen Vergangenheit“
4.2 Systeminterne Voraussetzung für das DPf: Das einfache Perfekt
4.3 Perfekt, Präteritum und Präteritumschwund
4.4 Analyse der historischen Doppelperfekt-Belege
4.5 Zusammenfassung zum Doppelperfekt

5 Das Doppelplusquamperfekt
5.1 Die Funktion des Doppelplusquamperfekts in der Gegenwartssprache
5.1.1 Die Bedeutung ‚Vor-Vorvergangenheit’
5.1.2 Die Funktion „einfache Vorzeitigkeit“
5.1.3 Die Bedingung „versetzter Referenzpunkt“
5.1.4 „Abgebrochener Zustand“ oder „abgebrochene Vollendung“
5.2 Systeminterne Voraussetzung: Das einfache Plusquamperfekt
5.3 Analyse der historischen Doppelplusquamperfekt-Belege
5.4 Zusammenfassung zum Doppelplusquamperfekt

6 Afinite Doppelformen
6.1 Allgemeines zum Vorkommen afiniter Konstruktionen
6.2 Afinite Doppelformen in der linguistischen Forschung
6.3 Analyse der historischen afiniten Doppelformen
6.4 Zusammenfassung zur afiniten Doppelform

7 Schlussfolgerung

8 Ausblick

9 Quellenverzeichnis

10 Literaturverzeichnis

11 Abbildungsverzeichnis

12 Tabellenverzeichnis

13 Abkürzungsverzeichnis

14 Anhang
I. Belegsammlung
II. Selbständigkeitserklärung

1 Einleitung

Die Beschäftigung mit den doppelten Perfektformen im Deutschen hat in den letzten Jahren in der linguistischen Forschung immer mehr an Interesse gewonnen. Das Hauptanliegen ist hier jedoch vorrangig die synchrone Bedeutung und Funktion von Doppelperfekt und Doppelplus-quamperfekt. Eher nebenbei wird auch die Entstehung dieser Formen thematisiert, wobei in vielen Fällen die Bildung auf synchroner Ebene als Grundlage dazu dient. Aufgrund fehlender empirischer Untersuchungen zu dieser Fragestellung weiß man daher bislang recht wenig über die Genese der doppelten Perfektbildungen.

Unter den Begriffen „Doppelperfekt“ resp. „Perfekt II“ und „Doppelplusquamperfekt“ resp. „Plusquamperfekt II“ – zusammengefasst unter der Bezeichnung „doppelte Perfekt-bildungen“ – wird allgemein das um das Partizip II des Auxiliars, d. h. um gehabt oder gewesen erweiterte Perfekt bzw. Plusquamperfekt verstanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die doppelten Perfektbildungen (DPF) kommen also sowohl im Indikativ als auch im Kon-junktiv (dort durchaus auch mit dem Aux. sein) vor, können zudem aber auch mit Modal-verben oder Infintiven gebildet werden (siehe u. a. Rödel 2007, 14). Auch wenn darüber, welche Erscheinungen unter den Terminus doppelte Perfektbildung fallen, in der Forschung weitestgehend Einigkeit besteht, so sieht dies in Bezug auf die Bedeutung und Funktion sowie den grammatischen Status dieser Formen anders aus (Litvinov/Radčenko 1998, 95ff.).

Da die diachrone Erforschung sprachlicher Phänomene nicht nur Aufschluss über ihre Entstehung und Entwicklung gibt, sondern zudem Klarheit über deren Funktion sowie Semantik verschaffen kann, bietet sich eine empirische Untersuchung der doppelten Perfektbildungen in einem diachronen Rahmen in ebenso doppelter Weise an. Das soll daher im Rahmen dieser Arbeit geleistet werden. Dazu wurde im Vorfeld ein geeignetes Korpus sowie eine Belegsammlung erstellt, die als Grundlage für die empirische Untersuchung dienen werden. Vorab sollen jedoch die theoretischen Grundlagen geliefert werden, die dem Verständnis und der Plausiblität der Analyse dienen sollen. Aus diesem Grund folgt zunächst ein Kapitel zum Forschungsstand sowie zur konkreten Vorgehensweise im Rahmen der Untersuchung. Danach wird in separaten Kapiteln das Doppelperfekt, das Doppelplusquam-perfekt sowie die afinite Doppelform behandelt werden. Diese Vorgehensweise bietet sich an, weil auf diese Weise die theoretischen Grundlagen zu den einzelnen Phänomenen kompakt in unmittelbarer Nähe zur diachronen Analyse gebracht werden können. Dementsprechend sind die jeweiligen Kapitel unterteilt in Abschnitte zur synchronen Bedeutung der entsprechenden Doppelform, zu den systeminternen Voraussetzungen sowie ergänzenden Grundlagen, auf die der umfangreichste Abschnitt zur Analyse der historischen Belege folgt. Am Schluss werden die gewonnenen Ergebnisse mit den zuvor dargestellten Forschungserkenntnissen und Infor-mationen in einem separaten Abschnitt zusammengeführt und aus diesem Wissen ggf. Schlussfolgerungen gezogen. Der afiniten Doppelform, die i. d. R. nur selten und zudem nicht unter diesem Namen in der Forschungsliteratur erwähnt wird, wurde ein eigenes Kapitel gewidmet, weil diese Variante der DPF besonders häufig im ausgewerteten Korpus ermittelt wurde. Der Unterschied zum Doppelperfekt und Doppelplusquamperfekt besteht darin, dass bei der afiniten Doppelform die finite Verbform des Auxiliars fehlt.

afinite Doppelform: [...] welche er [...] zu Zeugen ernennet gehabt. (Topalović 2010, 187)

Den Kapiteln zum DPf, DPq und zur afiniten Doppelform wird anschließend ein allgemeines Fazit folgen, bei dem die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammengebracht und auf-einander bezogen werden und zudem Bezug zum Forschungsstand genommen wird. Diesem folgt beschließend ein kurzer Ausblick mit Anregungen für zukünftige Arbeiten.

2 Forschungsstand

Obwohl es zur Genese der doppelten Perfektformen bisher nur wenige Untersuchungen hauptsächlich neueren Datums gibt, wurden schon seit ihrer ersten Erwähnung in einer Grammatik des 16. Jahrhunderts Mutmaßungen über den Grund ihres Vorkommens ange-stellt. Der erste deutsche Grammatiker, der auf das Vorkommen des Doppelperfekts hinweist und über dessen Entstehung mutmaßt, ist A. Ölinger (1574):

In quibusdam locis Germaniæ tempus plusquamperfectum, per præteritum perfectum verbi auxiliaris, & participiū præteriti temporis ita coniugatur, vt & apud Gallos in eiusmodi exēplis, I’ ay eu escrit, vt, Ich hab geschrieben gehabt / ich bin kommen gewesen / pro ich hatte geschrieben / ich war gewesen / rc. id quod non omnes approbant. (Ebd., 154)

Die hier angedeuteten Überlegungen werden auch im aktuellen Diskurs von zahlreichen Forschern immer noch vertreten. Dies gilt vor allem für die Annahme, dass das DPf funk-tional dem Plusquamperfekt zuzurechnen sei und daher gerade in den obd. Dialekten und Umgangssprachen verwendet wird, weil dort das einfache Plpf. aufgrund des Präteritum-schwundes nicht mehr gebildet werden könne. Mit dieser Präteritumschwundhypothese (Buchwald-Wargenau 2010, 223) wird also angenommen, dass das Doppelperfekt das einfache Plusquamperfekt in jenen Dialekten ersetzt, in denen das Präteritum nicht mehr vorkommt[1] und das Perfekt dessen Funktion der einfachen Vergangenheit übernommen hat. Die Funktion des Plusquamperfekts wurde dadurch jedoch besonders wichtig, da es Vor-zeitigkeit gegenüber dem Perfekt ausdrückt; es hat hier also eine Systemlücke gegeben, die durch das doppelte Perfekt funktional geschlossen wurde. Allerdings sprechen einige Fakten gegen die Plausibilität dieser These: Zum einen kommt das Präteritum einiger Verben – vor allem der Modalverben und des Verbs sein (vgl. Eller 2008; Schnabel 2002; Maiwald 2002) – auch in den obd. Dialekten der Gegenwart vor. Zum anderen wird das DPf durchaus auch in der Schriftsprache und in anderen deutschen Mundarten verwendet, die keinen Präteritum-schwund kennen. Erwähnt wird das doppelte Perfekt sowohl in Abhandlungen zum Nieder-deutschen (Sarauw 1924, 224; Saltveit 1983, 293) als auch zu wmd. und omd. Mundarten (Hauser-Suida/Hoppe-Beugel 1972, 257ff.)[2]. Auch Topalović (2010, 179) kann anhand ihrer Belege aus dem 17. Jh. nachweisen, dass die DPF in allen Dialektgebieten Verwendung finden[3]. Diese Fakten schränken die Erklärungskraft der Präteritumschwundhypothese in Bezug auf die Entstehung der DPF und deren Ursachen erheblich ein. Ein Zusammenhang mit dem Präteritumschwund gerade in den obd. Regionen muss jedoch nicht völlig ausge-schlossen sein – dies betont auch Topalović:

Die Ergebnisse untermauern auch den Schluss, dass Perfekt II und Plusquamperfekt II nicht ursprünglich durch den sog. Präteritumschwund im Süddeutschen erklärt werden können [...], allerdings stehen sie im (Süd)deutschen [...] in einer besonderen Beziehung zueinander. (Ebd. 2010, 190)

Eine weitere These, die bereits bei A. Ölinger (1574) anklingt und gelegentlich in der Forschungsliteratur in Erwägung gezogen wird, nimmt als Ursache für die Verwendung der doppelten Perfektformen im Deutschen Sprachkontakt mit dem Französischen an und kann als Sprachkontakthypothese bezeichnet werden. Grund für diese Annahme ist, dass das Französische ebenfalls doppelte Formen wie I’ ay eu escrit (ebd., 154) oder Quand il a eu déjeuné (Schlieben-Lange 1971, 45) kennt. Problematisch ist hierbei jedoch, dass diese These wenig zur funktionalen Beschreibung der deutschen DPF beiträgt[4] und das Tempussystem des Französischen (als dessen integraler Bestandteil auch die Doppelformen beschrieben werden müssen) nicht mit dem dt. Tempussystem vergleichbar ist[5]. Zudem bestehen formale Unter-schiede, die einen möglichen Einfluss des Französischen beim „Auftauchen“ der DPF im Deutschen zweifelhaft machen. Die französischen passé surcomposé zeigen bereits im 16. Jh. (vgl. das Beispiel bei Ölinger 1574) die syntaktische Abfolge Aux fin + PII aux + PII v, die im Deutschen bei den DPF weder im Fnhd. noch in der Gegenwartssprache regelhaft auftritt: il a eu mangé aber nicht * er hat gehabt gegessen[6] (Topalović 2010, 182). Dieser Unterschied lässt vermuten, dass die DPF im Deutschen und Französischen weder voneinander abhängig sind noch die gleichen Bedingungen für deren Herausbildung angenommen werden können.

Eine dritte und neuere These zur Entstehung der DPF ist die Aspekthypothese (Buchwald-Wargenau 2010, 227). Sie wurde zuerst von Rödel (2007) formuliert, der davon ausgeht, dass der Verlust der aspektuellen Differenzierbarkeit im Verbalsystem vom Ahd. zum Nhd. die Entstehung der DPF bedingte, da diese eine aspektuelle Markierung wieder ermöglichten. Im Ahd. konnte durch das Präfix ge / gi an der Präsens- oder Präteritumform eines Verbs das be-zeichnete Verbalereignis aspektuell als abgeschlossen markiert werden. Dieses Präfix wurde bei der Entwicklung und Grammatikalisierung des Perfekts zunächst für die Bildung des Partizips II genutzt und schließlich in der Perfektperiphrase generalisiert, welche sich zudem von einer anfangs nur Resultativität bzw. Abgeschlossenheit eines Verbalereignisses bezeich-nenden Konstruktion mit Gegenwartsbezug zu einem Tempus entwickelte (vgl. hierzu auch Oubouzar 1974; Kuroda 1999). Dadurch ging jedoch laut Rödel (2007, 185) die Möglichkeit zur aspektuellen Differenzierung verloren. Um diese entstandene Lücke zu schließen, bildeten sich die doppelten Perfektbildungen heraus.

Die doppelten Perfektbildungen grammatikalisierten sich schließlich als perfektive Partner der Perfektformen, die ihrerseits ihre aspektuellen Komponenten immer stärker neutralisierten. (Ebd., 202)

Doch auch diese Hypothese weist gewisse Probleme auf: Zum einen geht Rödel (ebd.) m. E. –ohne dass dies expliziert wird – davon aus, dass das Perfekt im Laufe seiner Entwicklung bis zum Nhd. eine einheitliche temporale Bedeutung angenommen hat. Doch dies ist gerade in der aktuellen Forschungsdiskussion sehr umstritten. Bspw. weisen Löbner (1988), Thieroff (1992), Welke (2005) und Rothstein (2008) darauf hin, dass in der Gegenwartssprache die Bedeutung des Perfekts in Abhängigkeit von der Aktionsart des verwendeten Verbs und bestimmter Kontextfaktoren ‚Vergangenheit’ oder ‚Nachzustand’ sein kann (Welke 2005, 185ff.). Wenn aber schon die Bedeutung des Perfekts nicht einheitlich ist, scheint es fraglich, wie darauf eine einheitliche Bedeutung der DPF bzw. des PII aux operieren soll[7]. Auch im Lichte historischer DPF-Belege zeigt sich, dass diese These die Entstehung der DPF nicht zur Genüge erklären kann. Denn es finden sich durchaus DPF-Belege bei Autoren, die das PII im Perfekt bei terminativen Verben, die ursprünglich nicht durch ein Präfix perfektiviert werden mussten[8], auch ohne ge -Präfix bilden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass bei diesen Autoren die aspektuelle Bedeutung des Präfixes noch aktuell ist, was außerdem heißt, dass es noch „zur Herstellung perfektiver Semantik genutzt“ wurde (Buchwald-Wargenau 2010, 231). Zudem finden sich auch Doppelformen, bei denen das ge -Präfix des Vollverbs fehlt: ist kummen gewesen (Şandor 2008, 35). Die Aspekthypothese ist also in Anbetracht dieser Gegenargumente nicht vollkommen zufriedenstellend.

Während die genannten Hypothesen in der Forschung schon ansatzweise einer diachronen Überprüfung unterzogen wurden (vor allem bei Buchwald-Wargenau 2010), ist dies bei einigen Ansätzen, die in der hauptsächlich synchronen Literatur zu den doppelten Perfekt-formen formuliert wurden, nicht der Fall. Besonders erwähnenswert sind hiervon die Überlegungen von Litvinov/Radčenko (1998, 127ff.) auf Grundlage der Ausführungen zum Verhältnis von Resultativ und DPF bei Litvinov/Nedjalkov (1988). Letztere stellen fest, dass es im Deutschen Formen des Resultativs gibt, die mit dem Perfekt formal identisch sind. Dies ist beim Subjektresultativ[9] intransitiver terminativer Verben (die ihr Perfekt mit sein bilden) und bei einigen transitiven Verben bzw. deren Perfekt mit dem Auxiliar haben (dem sog. possessiven Resultativ) der Fall. Das Präsens dieser Resultativa entspricht formal dem Perfekt – d. h. Aux. + Partizip II (m. a. W.: das Perfekt dieser Verben hat präsentische Bedeutung), sodass, um ein Perfekt bilden zu können, ein zusätzliches PII notwendig ist, womit also das Perfekt dieser Resultativformen formal den DPF entspricht (Litvinov/Nedjalkov 1988, 102):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von diesen Überlegungen ausgehend erwägen Litvinov/Radčenko (1998), ob die Tatsache, dass im Deutschen ein Perfekt in bestimmten Fällen auch ein Resultativ sein kann, mit der Verwendung doppelter Perfektformen zusammenhängen könnte, d. h. ob die These „Wäre das Perfekt nicht als Resultativ verwendbar, brauchte das Deutsche keine DPF zuzulassen“ (ebd., 133) zutreffend ist, ob also für die DPF eine Kombination aus den Bedeutungen ‚Vorzeitig-keit’ und ‚Resultativ’ angenommen werden kann. Da Litvinov/Radčenko (ebd.) an einer syn-chronen Beschreibung und Erklärung der DPF interessiert sind und feststellen, dass unter diesen Annahmen nur 1/3 ihrer Belege erklärt werden kann und sie zudem von einer Tren-nung der Kategorien Resultativ und Tempus ausgehen[10], verwerfen sie diesen Ansatz (zu den genauen Ausführungen über die Gegenargumente siehe ebd., 135ff.).

Im Gegensatz dazu wird diese These jedoch in der ndl. Forschung in Bezug auf die Entstehung der DPF im Mnl. (die im Nndl. immer noch vorkommen) in Erwägung gezogen:

De bovengenoemde verbindingen [mit Gegenwartsbedeutung], zoals heeft vercoren, heeft gemint waren echter tegelijk het perfektum van verkiesen, minnen enz. (een strenge scheiding tussen de twee betekenissen is zelfs onmogelik), en het lijkt mij hoogst waarschijnlik dat deze tweeledige rol van de konstruktie bijdrog tot de bijvoeging van gehadt in ’t perfektum in ’t Laat-Mndl.[11] (Kern 1912, 36)[12]

Diese Überlegung ist insofern bedeutend für die diachronische Betrachtung der Doppelformen im Deutschen, weil zum einen das Mnl. bis ins 16./17. Jahrhundert terminologisch nicht vom Mnd. unterschieden wurde und beide als nahe verwandte westgermanische Sprachen in dieser Zeit sehr große Ähnlichkeiten aufwiesen (Vekeman/Ecke 1992, 8ff.). Zum anderen stellt alleine die Erwähnung des Vorkommens von DPF im Mndl. gerade unter Berücksichtigung der großen Ähnlichkeit von Mndl. und Mnd. die Beschränkung der Genese der doppelten Perfektformen in der germanistischen Sprachwissenschaft einzig auf das Obd. unter dem Zeichen des Präteritumschwundes stark in Zweifel. Jedenfalls ist dies ein wichtiger Hinweis darauf, dass es die DPF auch aus historischer Sicht nicht nur im Obd. gab und ihr „Ursprungs-gebiet“ nicht (nur) im Obd. gesucht werden sollte. Diese Ansätze zur diachronen Erklärung der Entstehung der DPF im Mndl. sollten daher nicht außer Acht gelassen und in Bezug auf das Deutsche überprüft werden, denn auch im Deutschen hat die Entwicklung des Perfekts vom Ahd. zum Nhd. (vom Resultativ zum Tempus) dazu geführt, dass die alte resultative Bedeutung in bestimmten Fällen nicht gänzlich verloren gegangen ist, wie dies Litvinov/Nedjalkov (1988) durch ihre Zuordnung einiger Periphrasen aus Aux. + Partizip II sowohl zum Resultativ als auch zum Perfekt sehr eindrücklich zeigen.

3 Vorgehensweise

Um vor allem die letzten beiden vorgestellten Hypothesen (im Folgenden der Kürze halber Aspekthypothese und Resultativhypothese genannt) überprüfen zu können, wurde eine Belegsammlung anhand von Texten aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert[13] erstellt, wobei der Schwerpunkt hier besonders auf dem 15. bis 17. Jh. liegt, um u. a. den Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens der doppelten Perfektbildungen annähernd bestimmen, aber auch einen eventuellen semantischen oder funktionalen Wandel an den Belegen dieser Zeitspanne nachvollziehen zu können[14]. Für die Zeit nach 1900 wird hauptsächlich auf die umfangreiche Belegsammlung von Litvinov/Radčenko (1998) zurückgegriffen.

Zur Erstellung der diachronen Belegsammlung wurden unterschiedliche Quellen in Abhängigkeit von Entstehungszeit und Zugehörigkeit zu verschiedenen Dialekträumen verwendet. Optimal wäre ein diatopisch und diachronisch abgestimmtes Korpus, mit dem das Vorkommen von DPF in den einzelnen Dialekträumen in chronologischen Zeitabschnitten verfolgt werden könnte. Denn wie erwähnt, kommen doppelte Perfektformen im gesamten deutschen Sprachraum vor, sodass es durchaus sinnvoll ist, zu überprüfen, ob es aus diachroner Perspektive ein „Ursprungsgebiet“ gibt, von dem aus sich die neuen doppelten Periphrasen ausgebreitet haben, oder ob diese Formen regional autochthone Erscheinungen sind und unabhängig voneinander in den unterschiedlichen Sprachräumen des Deutschen entstanden. Im Rahmen dieser Untersuchung konnte die Erstellung solch eines optimalen Korpus jedoch nicht geleistet werden. Dennoch wurde versucht, Texte aus unterschiedlichen Dialekträumen zu berücksichtigen. Insgesamt wurden aus dem Zeitraum 1400-1500 elf Texte, aus der Zeit 1500-1600 23 Texte sowie sieben Texte aus dem Zeitschnitt 1600-1700 und jeweils vier Texte aus den Zeiträumen 1700-1800 sowie 1800-1900 untersucht. Sofern diese Texte als digitale Versionen verfügbar waren – z.B. auf den Internetseiten www.zeno.org[15] und www.wikisource.org[16] – wurden diese per Browser-Suchfunktion, durch Eingabe der Schlagwörter „gehabt“/“gehapt“ und „gewesen“/“gewest“[17], durchsucht. Dies ist möglich, weil das Vorhandensein des PII aux konstitutiv für die DPF ist. Eine Reihe von Texten, die nicht digital verfügbar waren, aber bezüglich des Vorkommens von DPF geeignet schienen, wurde außerdem gelesen bzw. durchgesehen. Dazu gehören vor allem Chroniken und Tagebücher des 15. und 16. Jahrhunderts. Darunter befinden sich acht Chroniken, die bereits von Lindgren (1957) in Hinblick auf den Präteritumschwund untersucht wurden. Da Lindgren (ebd.) das Verhältnis von Präsens-, Präteritum-, Perfekt[18] - und Plusquamperfektformen in den einzelnen Texten untersucht und statistisch ausgewertet hat, liegen für diese Texte quantitative Werte zu den einzelnen Tempusformen vor, die mit dem Vorkommen oder auch Nicht-Vorkommen von DPF verglichen und in Beziehung gesetzt werden können. Es wäre natürlich von Vorteil gewesen, wenn von jedem Text, der nach Doppelformen untersucht wurde, auch das Verhältnis zu den anderen Tempusformen erhoben worden wäre. Denn gerade wenn die Entstehung der doppelten Perfektformen als Ursache einer Veränderung im Tempussystem (denn genau davon gehen bislang alle Hypothesen zur Genese der DPF aus) überprüft bzw. erforscht werden soll, wäre diese Vorgehensweise eigentlich obligatorisch. Dieses sehr zeitaufwendige Unterfangen konnte jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht realisiert werden. Um trotzdem ansatzweise die Verwendung von DPF in Beziehung zu anderen Tempusformen setzen zu können, wurden auch solche Texte durchgesehen, zu denen bereits Daten zum Tempusgebrauch vorliegen. Zusätzlich wurden für die Erstellung der Belegsammlung zwei bereits vorhandene und online verfügbare historische Korpora nach Doppelformen durchsucht: Zum einen das Bonner Frühneuhochdeutschkorpus (BFnhdC), das 40 Texte aus zehn Dialekträumen von 1350-1700 in annotierter Form bereitstellt, die über eine Webschnittstelle nach Wortformen durchsucht werden können. Zum anderen wurde das historische Zeitschriftenkorpus GerManC der Universität Manchester verwendet, das insgesamt 67 Zeitungstexte von 1650-1800 aus fünf Dialektgebieten zur Verfügung stellt, die heruntergeladen und per Text-Editor-Suchfunktion durchsucht werden können. Insgesamt liegt der erstellten Belegsammlung also ein Korpus von 156 Texten unterschiedlicher Länge, Entstehungszeit, Dialektzugehörigkeit sowie Genres zugrunde.

Bei der Auswahl der Texte war neben der Verfügbarkeit vor allem wichtig, dass es sich um erzählende oder berichtende Prosa-Texte handelt, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit vergangene Ereignisse beschrieben werden, weil nur dadurch geeignete Kontexte für die Verwendung von Vergangenheitstempora und damit von doppelten Perfektformen auftreten. Zudem wurde angestrebt, möglichst unterschiedliche Genres bzw. Textsorten in die Textaus-wahl einzubeziehen, damit die Gefahr, dass das untersuchte Vorkommen von DPF nur das Bild einer bestimmten schriftsprachlichen Gattung ergibt, wenigstens ansatzweise ausge-schlossen werden konnte. Daher wurden sowohl Chroniken, Urkundenbücher, Protokolle und Traktate als auch Tagebücher, Briefe, Romane und Flugschriften durchsucht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.3.1: Verteilung der Korpora-Texte in Zeitabschnitten nach Textgattung und Dialektraum

Unter den ausgewählten Texten findet sich zudem eine geringe Anzahl von Übersetzungs-texten mit franz. Vorlage. Diese wurden ausgewählt, um herauszufinden, ob sich bei den DPF dieser Texte Bedeutungs- oder Funktionsunterschiede im Vergleich zu den genuin deutschen Belegen zeigen. Zu diesen Texten zählt der Roman Pontus und Sidonia von einem unbe-kannten dt. Verfasser des 15. Jahrhunderts sowie das Werk De Magorvm Daemonomania von J. Bodin in einer Übersetzung von J. Fischart aus dem 16. Jh. Die Recherche in diesem selbst erstellten Korpus sowie in den Korpora BFnhdC und GerManC ergab eine Belegsammlung mit 253 Doppelformen[19] mit den Hilfsverben sein und haben.

Bei der Analyse dieser Belege sollen folgende Hypothesen (neben den bereits unter Aspekt- und Resultativhypothese beschriebenen Fragen und Thesen) überprüft werden:

- Die Herausbildung doppelter Perfektformen steht im engen Zusammenhang mit der Entwicklung des einfachen Perfekts, bei dem die Reanalyse von einer prädikativen bzw. attributiven Resultativkonstruktion mit Gegenwartsbezug zu einem Tempus mit Vergang-enheitsbedeutung zu einer mehrdeutigen Tempusform in Abhängigkeit von der Aktionsart des Verbs im Partizip II geführt hat.
- Die Doppelformen kommen zu Beginn ihrer Entstehung hauptsächlich bei terminativen Verben vor und ihre Bedeutung kann als ‚Vergangenheit eines (gegenwärtigen) Resultats-zustands’ beschrieben werden.
- Seit ihrer Entstehung haben sich die DPF semantisch bereits weiterentwickelt. Anzu-nehmen wäre diesbezüglich bspw. die Grammatikalisierung der möglichen konversationellen Implikatur[20] ‚Vergangenheit eines Vorganges’ zur ursprünglichen Bedeutung der doppelten Perfektbildungen, womit eine Ausbreitung auf nicht-terminative Verben möglich sein könnte. Andererseits wäre auch ein übertragener bzw. meta-phorischer Gebrauch der DPF als Distanzmarker im Neuhochdeutschen denkbar.

Die ersten beiden Thesen gehen aus den Überlegungen von Lidvinov/Radčenko (1988) im Rahmen der Resultativhypothese hervor. Denn wenn die Grammatikalisierung des einfachen Perfekts zu einer Konstruktion geführt hat, die bei durativen Verben bzw. bei eventiver Fokussierung terminativer Verben[21] die Bedeutung ‚Vergangenheit eines Ereignisses’ hat und bei terminativen Verben bzw. unter Verwendung stativierender Adverbiale ‚Zustand als Resultat eines abgeschlossenen Ereignisses’ bezeichnet, besteht im Sprachsystem eine Asymmetrie dahingehend, dass eine relativ einheitliche Form recht gegensätzliche Bedeutungen besitzt und das Pf. nicht bei allen Verben die gleiche Funktion erfüllen kann. Auch Ammann (2005) geht auf das Verhältnis zwischen den DPF und dem funktional inhomogenen Perfekt im Deutschen ein und mutmaßt, dass die Doppelformen eine Folge dieses asymmetrischen Systems sein könnten:

[Beim Perfekt terminativer Verben] haben wir es mit einem verbalen Ausdruck zu tun, der in einem ursprünglichen Vergangenheitstempus (im Falle der Präteritoprä-sentia dem indogermanischen Perfekt) steht, semantisch aber präsentisch ist. Diese Diskrepanz zwischen Form und Semantik kann offensichtlich zu Formen führen, die bei anderen Verben weniger gebraucht werden. Die Literatursprache verwendet dann auch Formen, die so aussehen, als seien sie doppelt markiert. (Ebd., 259)[22]

Ob diese Asymmetrie tatsächlich dazu geführt hat, dass sich die Doppelformen herausgebildet haben, um die einfache Vergangenheitsbedeutung des Perfekts auch bei Verben terminativer Aktionsart (bei denen in vielen Fällen das einfache Pf. Zustandsbedeutung hat; bspw. bei Verben, die ihr Perfekt mit sein bilden[23] ) zugänglich und somit das System funktional wieder einheitlich zu machen, muss anhand der historischen Belege überprüft werden, da diese Überlegung im Rahmen einer diachronen Darstellung zu den deutschen doppelten Perfektformen bisher noch nicht in Erwägung gezogen wurde.

Es ist jedoch vor allem wichtig, sich den tatsächlich vorkommenden DPF zu widmen und anhand eingehender Analysen ihre Funktion in den verschiedenen Sprachstufen heraus-zuarbeiten. Davon ausgehend kann dann auf die Ursachen ihrer Entstehung geschlossen werden. Für die Auswertung der ermittelten DPF-Belege in den folgenden Kapiteln in Hinblick auf ihre Entstehung sollen folgende Fragen in die Analyse einbezogen werden:

- Weisen die vorkommenden DPF Aktionsartaffinitäten auf? Wenn ja, was leistet diese Erkenntnis für die Analyse der konkreten Belege?
- Welche Funktion erfüllen die jeweiligen DPF im Textzusammenhang?
- Gibt es spezifische benennbare Kontexte, in denen sie besonders oft auftreten?
- Wie stehen diese doppelten Formen zu den Vergangenheitstempora in den jeweiligen Sprachständen bzw. Zeiträumen sowie Dialekten in Beziehung?

Über diese Fragestellungen zur konkreten Analyse der DPF-Belege hinausgehend, soll die Auswertung der diachronen Belegsammlung zudem möglichst zur Beantwortung weiterer allgemeiner Fragen beitragen:

- Zeichnen sich in diachroner Perspektive quantitative Besonderheiten und Verschiebungen im Vorkommen der DPF bzw. der DPF-Varianten ab?
- Zeigen sich unterschiedliche Funktionen oder Bedeutungen und korreliert deren Vor-kommen mit dem Alter der doppelten Perfektkonstruktion?

Zunächst wird im folgenden Kapitel das Doppelperfekt mit sein und haben vor dem Hinter-grund der vorgestellten Fragestellungen untersucht werden.

4 Das Doppelperfekt

Bevor die doppelten Perfekta der diachronen Belegsammlung analysiert werden, sollen zu-nächst einige Ausführungen zum DPf in der Gegenwartssprache sowie zur Entwicklung des einfachen Perfekts als systeminterne Voraussetzung für die Entstehung der DPF und zum Präteritumschwund erfolgen. Dadurch kann deutlich gemacht werden, wie die Herausbildung des DPf zum einen mit dem einfachen Perfekt und allgemein mit den Erneuerungen im Tempussystem des Deutschen zusammenhängen, und zum anderen von einer gewissen Kontinuität sowie von funktionalen Veränderungen gekennzeichnet ist. Außerdem ist für die Analyse sehr aufschlussreich zu sehen, wie das Doppelperfekt als sprachliches Phänomen bisher überhaupt beschrieben wurde und unter welchen Systemvoraussetzungen das DPf gewissermaßen ins sprachliche Leben tritt.

4.1 Die Funktion des Doppelperfekts Indikativ in der Gegenwartssprache

Über die Bedeutung und die Leistungen des doppelten Perfekts in der Gegenwartssprache gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Ansätzen und Auffassungen, die aus z. T. sehr gegen-sätzlichen Annahmen bestehen. In den meisten Fällen jedoch wird das DPf der gesprochenen Sprache zugeordnet. Die bisherigen Beschreibungen sollen im Folgenden aufgeführt und in Einzelfällen kritisch besprochen werden.

4.1.1 Das Doppelperfekt als Plusquamperfektersatz

Die gängigste Annahme zur Funktion des DPf besagt, dass dieses das Plusquamperfekt als Vorzeitigkeitstempus ersetzen kann, wenn bspw. das einfache Plpf. geschwunden (in den obd. Dialekten) bzw. in seiner temporalen Bedeutung entwertet (in der Umgangssprache) ist oder ein Sprecher das DPf als eine Art „Tempusassimilation“ (Hauser-Suida/Hoppe-Beugel 1972, 263) zum einfachen Perfekt bildet (letzteres wird eher zur Erklärung schriftsprachlicher DPf-Vorkommen erwähnt, während ersteres auf die gesprochene Sprache bezogen wird). In diesen Fällen wird i. d. R. darauf hingewiesen, dass das DPf hier mit dem einfachen Plpf. austausch-bar und daher nicht obligatorisch ist. Auch Buchwald (2005) beschreibt diese Ver-wendungsweise mit der Bedeutung ‚Vorvergangenheit’ und der Relation E vor R vor S[24]. Als Beispiel dafür führt sie folgenden Beleg an:

(1) Also, ich habe ja schon mal vorgeschlagen gehabt, dass wir uns für eine Weile trennen, aber er denkt dann gleich, dass es dann für ganz ist [...]. (Buchwald 2005, 46)

Als implizierte Referenzzeit (R) für die Ereigniszeit (E) nimmt Buchwald (ebd.) hier den Zeit-punkt an, zu dem der gemachte Vorschlag abgelehnt wurde. Dies ist zwar eine plausible An-nahme, jedoch ist diese Beschreibung mit impliziertem Referenzzeitpunkt m. E. besonders für die gesprochene Sprache zu kompliziert. Es scheint weniger das Auftreten eines zwischen-zeitlichen Ereignisses zu sein, das den Sprecher dazu veranlasst, eine DPF zu verwenden, sondern eher die Intention in Bezug darauf, wie ein Zustand zum Sprechzeitpunkt dargestellt werden soll. Offenbar möchte der Sprecher betonen oder deutlich machen, dass zur Äußerungszeit die Tatsache, dass er einen Vorschlag gemacht hat, nicht mehr gültig oder relevant ist. Dass dies von dem Umstand des abgelehnten Vorschlages herrührt, kann na-türlich aus dem weiteren Kontext geschlossen werden. Doch ist dies nicht entscheidend, son-dern die Tatsache, dass der Sprecher mit seinem Partner wieder in der gleichen Situation ist, die schon bestand, bevor der erwähnte Vorschlag gemacht wurde und dieser daher nicht mehr relevant ist. Besonders instruktiv ist hier dagegen der Verweis auf die Aktionsart und Seman-tik des Verbs im Doppelperfekt. Vorschlagen ist ein terminatives bzw. Achievement-Verb mit den Merkmalen [+resultativ] und [-durativ], das einen punktuellen Zustandswechsel bezeich-net (Nicolay 2007, 35). Das einfache Perfekt dieses Verbs mit obligatorischem Objekt ich habe x vorgeschlagen bezeichnet einen gegenwärtigen Zustand (v. a. mit einem Adverb wie schon mal, das auf einen Zeitpunkt, aber nicht auf eine Zeitdauer referiert), der zur Sprechzeit gültig ist. Da dies jedoch nicht den Umständen entspricht, die die Sprecherin darstellen möchte, wäre ein einfaches Perfekt unpassend, obwohl dieses durchaus Vorzeitigkeit gegen-über einem Präsens ausdrücken kann (Helbig/Buscha 2001, 142). Um aber auszudrücken, dass dieser Zustand bzw. die Gültigkeit des Vorschlages vergangen ist, kann nur eine doppel-te Perfektform verwendet werden. Auf dieses Beispiel wurde etwas ausführlicher einge-gangen, weil einige Fälle des DPf-Vorkommens in dieser Weise fälschlich als Plusquamper-fektersatz interpretiert werden, obwohl das einfache Plpf. in den meisten Fällen nicht das gleiche ausdrücken kann wie das DPf. So meinen z.B. auch Litvinov/Radčenko (1998), dass das Doppelperfekt (bzw. Perfekt II) Vorzeitigkeit in der Vergangenheit ausdrückt:

[Das] Perfekt II hat in Bezug auf das Perfekt I als Vergangenheitsform dieselbe Funktion zu erfüllen wie das Plusquamperfekt in Bezug auf das Präteritum als Vergangenheitsform. (Litvinov/Radčenko 1998, 167)

Hier wird allerdings eine Funktionsverteilung von Plusquamperfekt und Doppelperfekt angenommen, die nicht empirisch belegbar ist (wie das obige Beispiel von Buchwald (2005) zeigt, wo sich ein DPf nicht auf ein Perfekt sondern ein Präsens bezieht). Zudem wird das Plusquamperfekt durchaus auch vorzeitig einem einfachen Perfekt gegenüber gebraucht (ein Beispiel bei Litvinov/Radčenko 1998, 169). Selbst das einfache Perfekt kann Vorzeitigkeit gegenüber einem anderen einfachen Perfekt ausdrücken. Allerdings ist eben dies von der Aktionsart der verwendeten Verben abhängig. Dazu folgendes Beispiel:

(2) Auf der Bank, die ums Heck führt, hat sich eine Bäuerin ausgestreckt, die ihre Verwandtschaft in der Stadt besucht hat. (Ebd., 168)

Hier folgt ein Perfekt mit durativem Verb (besuchen) auf ein Perfekt mit einem terminativen Verb (ausstrecken) und bezeichnet Vorzeitigkeit. Diese Handlungsabfolge wird deutlich, ohne dass ein DPf verwendet wurde oder werden müsste. Es wird auch an weiteren Beispielen, die Litvinov/Radčenko (ebd.) aufführen, deutlich, dass dies offenbar von der Abfolge: V terminat. – V durat. in den verwendeten Perfektformen abhängig ist[25]. Es lässt sich vermuten, dass eine umgekehrte Aktionsartabfolge zur Verwendung des DPf beim terminativen Verb führt, wenn eine Semantik ähnlich wie beim Beispiel (1) von Buchwald (2005) vorliegt, wenn also ein im Perfekt bezeichneter Zustand als vergangen dargestellt werden soll, da bei dieser Abfolge das zweite Perfekt keine Vorzeitigkeit ausdrücken könnte und auch das einfache Plusquamperfekt weiterhin Zustandbedeutung hätte.

4.1.2 Die Bedeutung ‚abgebrochener Zustand’

Ein älterer Ansatz zur Beschreibung des Doppelperfekts nimmt für dieses die Bedeutung ‚abgebrochener Zustand’ an. Im Prinzip ähnelt diese Überlegung der im vorigen Kapitel dar-gestellten alternativen Interpretation zur Plusquamperfektersatzfunktion. Ein DPf mit dieser „Gebrauchsvariante“ bilden laut Sherebkow (1971, 28) Verben, die im Präsens nicht die aktuelle Gegenwart bezeichnen können und deren einfache Perfektform „die Gegenwart des Sprechenden positiv“ (Sherebkow 1971, 28) einschließt – also terminative Verben. Statt von Zustand spricht Sherebkow (ebd.) allerdings von „positiver Inklusion“, die nur bei Verben terminativer Aktionsart im Perfekt entsteht. Nicht-terminative Verben (bzw. Verben die im Präsens die aktuelle Gegenwart ausdrücken können) bilden ein Perfekt ohne bzw. mit nega-tiver Inklusion. Zur Veranschaulichung führt er folgende Beispiele an (Sherebkow 1971, 28):

positive Inklusion:

a) ich habe vergessen (= es ist immer noch vergessen)
b) ich habe es mir vorgenommen (= ich will es immer noch)

negative Inklusion:

c) Ich habe gearbeitet (= jetzt arbeite ich nicht mehr)
d) Ich habe es gewollt (= jetzt will ich es nicht mehr)

Die positive Inklusion der ersten beiden Beispiele (d. h. beim Perfekt terminativer Verben) kann jedoch im Doppelperfekt aufgehoben werden.

Soll die Inklusion in a) und b) aus irgendwelchen Gründen aufgehoben werden, kann das auf verschiedene Weise geschehen. Wenn sie aber nur nach dem Muster von c) oder d) semantisch konventiert werden soll, ist das „doppelte Perfekt“ eines der geeignetesten Mittel dazu. (Ebd., 28)

Interessant ist hier vor allem der Vermerk, dass die DPF nach dem Muster des einfachen Perfekts nicht-terminativer Verben funktioniert. Das erinnert stark an die Überlegungen von Litvinov/Nedjalkov (1988) zum Resultativ im Deutschen, deren Perfekt wie bei den DPF durch zusätzliches PII von haben oder sein gebildet wird und semantisch als eine Kombina-tion aus ‚Resultativität’ + ‚Vergangenheit’ beschrieben werden kann. Allerdings ist es tatsäch-lich nicht immer ohne weiteres möglich, einen als vergangen gedachten Zustand im DPf auszumachen – dies war ja schon bei dem Beispiel (1) mit dem Verb vorschlagen schwierig. Hierbei scheint es jedoch nicht darauf anzukommen, dass der vergangene Zustand immer objektiv und sichtbar ist, sondern dass die Folge eines vorausgehenden Ereignisses als subjektiv abgebrochen oder vergangen wahrgenommen wird. Diese Feststellung machen Litvinov/Nedjalkov (1988) in Bezug auf das Pf. resp. Plpf. des Resultativs und kann auch auf DPf und DPq übertragen werden. Diese Überlegung sei an einem Beispiel erläutert:

(3) Wir gingen in einen kleinen Büroraum und kamen in ein Zimmer, das sicher nur besonderen Kunden vorbehalten war. Im Vorraum, wo die gewöhnliche Kundschaft empfangen wurde, war der Boden mit Linoleum belegt gewesen. (Ebd., 113)

Bei diesem Plusquamperfekt des Zustandspassivs kann nicht behauptet werden, dass es sich um die Bezeichnung eines vergangenen Zustandes handelt. Zwar ist das Betreten des Vorraumes zum Sprechzeitpunkt vergangen, aber dieser Raum wird auch nach dessen Ver-lassen weiterhin mit Linoleum belegt sein. Entscheidend für den Sprecher ist hier viel mehr, dass dieser Zustand im kleinen Büroraum nicht mehr relevant – oder wie beim Beispiel (1) festgestellt wurde, dass der Zustand nicht mehr gültig – ist.

Die Bedingung für den Gebrauch des Resultativs im Plusquamperfekt ist also nicht das Aufhören des Zustandes, um den es geht, sondern das Aufhören der Zugehörigkeit dieses Zustandes zu dem Bestand relevanter Merkmale unserer Situation. (Litvinov/Nedjalkov 1988, 113)

Dementsprechend kann die Bedeutung ‚abgebrochener Zustand’ auch für das DPf in An-spruch genommen werden, wenn davon ausgegangen wird, dass damit nicht zwangsweise ein objektiv sichtbarer und auch objektiv beendeter Zustand gemeint sein muss. Es könnte aber möglich sein, dass sich diese übertragene Bedeutung aus einer konkreteren Bedeutung und entsprechenden Anwendungsmöglichkeit des DPf entwickelt hat. Trotz der plausiblen Erklärbarkeit von Doppelperfekt-Belegen anhand dieser Bedeutung, wird in den neueren Forschungsarbeiten zu den DPF eine Funktion rekonstruiert und diskutiert, die im Prinzip das Gegenteil annimmt und mit der Aspekthypothese in Verbindung steht.

4.1.3 Die aspektuelle Bedeutung und die ‚weiter geltende Resultativität’

Ausgehend von der Annahme, dass durch eine DPF eine Zustandsform des einfachen zugrunde liegenden Perfekts impliziert und betont wird, schreiben Litvinov/Radčenko (1998, 143) dem Doppelperfekt die Bedeutung ‚weiter geltende Resultativität’ zu. In diesem Sinne ermöglicht das DPf die Bezeichnung einer resulativen Vorvergangenheit (Litvinov 1969, 23), die durch die einfachen Tempusformen Pf. oder Plpf. nicht ausgedrückt werden kann. „Die Perfektstreckung β-α hat in diesen Formen nur Sinn als Bezeichnung der in eine Gegenwart reichenden Gültigkeit des Zustandes β“ (ebd., 23). Die Zustandsbedeutung, die hier offenbar in der Verbbedeutung gegeben sein muss, jedoch in der einfachen Perfektkonstruktion zu „verschwinden“ scheint, kommt damit nicht dem einfachen Perfekt sondern erst dem DPf zu, wobei in der ersten Perfektbildung die temporale Bedeutung bezeichnet (‚Vergangenheit’ bzw. ‚Vorzeitigkeit’) und beim zweiten Bildungsschritt das Ereignis oder die Handlung des einfachen Perfekts als Zustand kodiert wird, der für ein folgendes Geschehen Bedeutung hat.

Die weiter geltende Resultativität kann das Resultat als konkretes Verändertsein von physischen Körpern oder Substanzen, oder als eine andere Art von neuer Sachlage, oder aber als dieselbe Sachlage mit verändertem Sinn meinen. (Litvinov/Radčenko 1998, 143)

Ähnlich wie bei der Bedeutung ‚abgebrochener Zustand’ wird hier also davon ausgegangen, dass es sich beim Doppelperfekt um die Kombination von zwei verschiedenen Funktionen handelt, nur dass hier im Prinzip eine aspektuelle Bedeutung ‚Abgeschlossenheit’ bzw. eine Zustandsbedeutung zu einer Tempusbedeutung der einfachen Perfektbildung hinzukommt. In ähnlicher Weise nimmt auch Rödel (2007) an, dass es sich beim zusätzlichen Partizip II des Auxiliars in der Doppelform um so etwas wie eine „Aspektpartikel“ handelt, die zu einem einfachen Perfekt hinzugefügt wird (ebd., 111). Dieser Erweiterungsschritt ermöglicht die Markierung der Perfektivität eines Ereignisses und dient gleichzeitig der Außenperspekti-vierung[26]. Obwohl Rödel (2007, 59ff.) durchaus darauf verweist, dass das einfache Perfekt in der deutschen Gegenwartssprache unterschiedliche Bedeutungen haben kann, geht er davon aus, dass die DPF perfektivierende Wirkung haben und daher auch besonders häufig von Sprechern verwendet werden, bei denen die Vergangenheitstempora einer allgemeinen Erosion unterlegen sind und daher keine perfektive Bedeutung mehr haben. Dies ist laut Rödel (2007, 60) besonders in den obd. Dialekten der Fall, weshalb angenommen wird, dass vor allem das DPf besonders häufig von Sprechern aus Süddeutschland verwendet wird (dieser Erklärungsansatz findet sich z.B. auch bei Klare (1964) oder Welke (2009)). Aller-dings wird vornehmlich in neueren dialektologischen Arbeiten zum Tempus obd. Mundarten betont, dass auch hier (wie in der Standardsprache) das Perfekt die Bedeutungen ‚einfache Vergangenheit’ oder ‚Resultat aus einer abgeschlossenen Handlung mit Gegenwartsbezug’ haben kann (siehe Schnabel 2002; Maiwald 2002; 2004). Dass trotzdem an der aspektuellen Funktionszuweisung des Doppelperfekts auch in neueren Arbeiten zum Thema festgehalten wird, liegt wohl daran, dass in vielen Belegen „der Erweiterungsschritt keine temporal-semantische Konsequenz“ (Rödel 2007, 137) bewirkt und dies besonders beim DPf im Gegensatz zum DPq den Anschein erweckt, dass die Resultatslesart in diesen Fällen durch das zweite Partizip II hervorgerufen würde und damit das Doppelperfekt eine zusätzliche aspektuelle Bedeutung hätte, die zudem die Austauschbarkeit mit dem Plpf. zumindest ohne Bedeutungsverlust einschränke.

Dass das Doppelperfekt mit dem Plusquamperfekt, das in den Grammatiken meist als Tempus klassifiziert wird, in vielen Fällen austauschbar ist, bedeutet also nicht, dass sich in dieser morphologischen Form nicht aspektuelle und temporale Komponenten vereinigen könnten. (Ebd., 136)

Im Zusammenhang damit scheint Rödel (ebd.) außerdem der Meinung zu sein, dass die aspektuelle Bedeutung, die die DPF zum einfachen Perfekt hinzufügen, von der perfektiven Bedeutung, die letzteres durchaus noch haben kann, verschieden sei:

Vielen Lesarten des Perfekts ist (noch) eine aspektuelle Komponente inhärent, die jedoch von anderer Qualität ist (Bedeutung der Gegenwartsrelevanz, resultative Lesart) als die [...] ermittelten aspektuellen Eigenschaften (Perfektivität) doppelter Perfektbildungen. Die Erweiterung durch gehabt bzw. gewesen minimiert die Anzahl der möglichen verschiedenen Lesarten des „grams“ deutlich. (Ebd., 151)

Das ist sicher zweifelsohne der Fall; für Rödel (ebd.) aber offenbar kein Grund an der aspek-tuellen Funktion der Doppelumschreibungen zu zweifeln, denn wenn die DPF zur Kompensa-tion einer fehlenden Resultativbedeutung beim Perfekt genutzt würde, wäre es verwunderlich, dass das Doppelperfekt bei solchen Verben vermehrt verwendet wird, die im einfachen Perfekt schon die besagte resultative Lesart realisieren können bzw. nur diese zulassen. Rödel (2007) zweifelt jedoch die Aktionsartaffinität der DPF an[27] (was m. E. das Problem nicht löst, denn so müsste geklärt werden, warum das Doppelperfekt bei allen Verben vorkommt und welche unterschiedlichen Leistungen diese dort erbringen). Dabei erwähnt Rödel (2007) selbst – auf Eroms (1984) und Thieroff (1992) verweisend – dass „Perfektivität [...] eine Funktion [ist], die lediglich die Funktionsart der verwendeten Verben beisteuern [kann], und zwar dann, wenn das Verb selbst resultative Semantik [besitzt]. Bei nicht-resultativen Verben tragen doppelte Perfektbildungen auch keine perfektive Semantik“ (ebd., 103). Auch beim Perfekt des Zustandspassivs, das formal Ähnlichkeiten zum DPf aufweist, geht Rödel (ebd., 104ff.) auf deren „perfektische Deutung“ ein, ohne jedoch zu beachten, dass diese Perfek-tivität bereits die Eigenschaft des präsentischen Zustandspassivs ist und durch das zusätzliche gewesen die präsentische Periphrase eine Vergangenheitsbedeutung bekommt, was durch Litvinov/Nedjalkov (1989) plausibel gezeigt wurde. Dass das DPf allerdings die Bedeutung des zugrunde liegenden Perfekts desambiguiere (Rödel 2007, 151), scheint eine Implikatur zu sein, die sich ergibt, wenn die temporale Semantik des zusätzlichen PII hinzugefügt und dadurch deutlich wird, dass ein Zustand objektiv oder subjektiv vergangen ist. Inwieweit die DPF mit durativen Verben die gleichen oder andere Funktionen wie mit terminativen Verben erfüllen, zeigt Rödel (ebd.) jedoch nicht an konkreten Belegen.

Obwohl diese Bedeutungsanalyse, ausgehend von Litvinov/Radčenko (1998) und Rödel (2007), die Forschungsmeinungen der Gegenwart stark beeinflusst hat (z.B. bei Maiwald 2002, Şandor (2008), Buchwald-Wargenau (2010), Topalovič (2010)), bleibt in vielen Fällen eine Funktionszuweisung konkreter Belege auf dieser Grundlage oft recht unverständlich, wie ein mittelbairisches Beispiel von Maiwald (2002) zeigt:

(4) Und boed da Broddoag do hint ganga gwen is, na host an Loab raus gemacht. (Ebd., 100)

Maiwald (ebd.) kommentiert dazu, dass hier das Gehen des Brotteiges in der einfachen Vergangenheitsform (Perfekt) noch nicht beendet wäre und dieser Sachverhalt nur im DPf ausgedrückt werden kann. Das Temporaladverb boed (‚sobald’) bezieht sich hier auf die Referenzzeit, an der sich das einfache Perfekt hat gemacht orientiert. Das DPf ist diesem Perfekt gegenüber vorzeitig und das bezeichnete Ereignis abgeschlossen. Doch könnte diese Handlungsstruktur auch ohne DPf ausgedrückt werden, denn das Verb gehen ist zwar an sich ein duratives Verb, bezeichnet aber im Perfekt ein Resultat (und ist damit abgeschlossen) – er ist gegangen hat die Bedeutung ‚er ist fort’ und bei dem hier im übertragenen Sinne gebrauchten Verb ist dies ebenso der Fall, sodass der Teig ist gegangen die Bedeutung ‚der Teig ist fertig’ hat. Das DPf scheint hier also nicht zur Bezeichnung der Abgeschlossenheit oder zur Bereitstellung eines Resultats bzw. Zustandes für das Folgeereignis notwendig zu sein, sondern bezeichnet für den Sprecher vermutlich eine subjektive Vergangenheit des bezeichneten Zustandes vom Standpunkt der Herstellung des Brotlaibs aus. Dies ist eine Vermutung, die anhand dieses kontextlosen Beispiels nicht bewiesen werden kann. Es sollte jedoch deutlich machen, dass selbst wenn hier das DPf „überflüssig“ erscheint, weil es sich auch als resultative Vergangenheit nach Litvinov/Radčenko (1998) und Rödel (2007) nur schwierig erklären lässt, nicht ausgeschlossen werden sollte, dass der Sprecher diese Doppel-form unter Verfolgung eines bestimmten kommunikativen Ziels verwendet hat und sie demnach ihre spezifische, wenn auch nicht immer grammatische Funktion hat.

4.1.4 DPf zur Bezeichnung der „einfachen Vergangenheit“

Dass das Doppelperfekt als Funktion auch die Bezeichnung der „einfachen Vergangenheit“ aufweisen kann, wird z.B. von Buchwald (2005) in Betracht gezogen, die die DPF in der gesprochenen Sprache untersucht hat. Sie stellt fest, dass das DPf in einigen Fällen (bei ihr sind es 41,4 %; ebd., 45) in Verbindung mit anderen einfachen Perfekta oder dem Präsens das Verhältnis E vor S ausdrückt. Als Beispiel dazu führt sie u.a. folgenden Beleg an:

(5) [...] Ich habe für sie alles getan, ich habe da noch gearbeitet gehabt, stand kurz vor meinen Prüfungen, also ich hatte nicht wirklich Zeit für sie.(Ebd., 44)

Als Grund für diese Verwendungsweis sieht sie vor allem das stilistische Empfinden sowie die regionale Herkunft der jeweiligen Sprecher. Welke (2009) nimmt entsprechend eine stereotype Verwendung an, ohne diese tatsächlich zu erklären. Bei Rödel (2007) hingegen findet sich die Annahme, dass die einfache Vergangenheitbedeutung beim DPf eine Folge der fortgeschrittenen Grammatikalisierung der DPF ist, bei der die ursprünglich aspektuelle Bedeutung, wie ehemals beim einfachen Pf., ebenfalls bereits verblasst ist: „Die doppelten Perfektbildungen grammatikalisierten sich [...] als perfektive Partner oder Perfektformen, die ihrerseits ihre aspektuellen Komponenten immer stärker neutralisierten“ (ebd., 202). Dementsprechend kann das Doppelperfekt potentiell mehrere Bedeutungen haben:

Wird ein Perfekt-gram verwendet, das dem Präteritum in semantischer Hinsicht ent-spricht, löst der Erweiterungsschritt meist [...] Redundanz-Effekte aus, kann aber ebenso das Potential eines aspektuellen Rückgriffs in der Vergangenheit bereit-stellen. (Ebd., 140)

Dieses Zitat erweckt nun allerdings den Anschein, als wäre die redundante einfache Vergangenheitsbedeutung die üblichere, während Rödel (ebd.) die Aspektfunktion der DPF an anderer Stelle als deren eigentliche Leistung beschreibt (Rödel 2007, 137; 197). Im Allge-meinen scheint in Bezug auf die Funktionalität und die Bedeutung der DPF noch viel Rat-losigkeit zu herrschen, was an einem weiteren Zitat von Rödel (2007) deutlich wird:

Die doppelten Perfektbildungen sind ein nicht-obligatorisches Phänomen und werden daher nicht benötigt, um Perfektivität in der Vergangenheit oder durch die Semantik der Perfektivität eine Vergangenheitsbedeutung zu generieren. (Ebd., 141)

Es ist sicher eine praktische Methode, Sätze nach der Austauschbarkeit von grammatischen Formen, d. h. nach der von einfachem Perfekt, Plusquamperfekt und Doppelperfekt, zu überprüfen, um ihre Funktionen und Bedeutungen ausfindig zu machen. Dennoch sollte dabei das gesamte Tempussystem sowie der Kontext dieser Sätze nicht in den Hintergrund geraten. Es fällt jedoch auf, dass bei der Anwendung dieses Austauschtests viele Faktoren nur ungenau oder gar nicht berücksichtigt werden. Dazu zählen z. B. die Verwendung von Temporalad-verbien (und deren Einfluss auf die Bedeutung von Äußerungen), die Reihenfolge von Tempusformen sowie die Funktion und Bedeutung der zugrunde liegenden Tempora, nämlich des Perfekts, mit den jeweils verwendeten Verben.

Da dies in der diachronen Analyse möglichst vermieden werden soll, wird im folgenden Kapitel zunächst die Entstehung und die Bedeutung bzw. Funktion des Perfekts in seinem Wandel dargestellt, um davon ausgehend das Vorkommen des Doppelperfekts im Lichte des Tempussystems (der Vergangenheitstempora) der jeweiligen Zeitstufen betrachten zu können.

4.2 Systeminterne Voraussetzung für das DPf: Das einfache Perfekt

Das Tempussystem des Ahd. bestand aus zwei Grundtempora: Dem Präsens und dem Präteritum[28]. Zusätzlich dazu gab es die Möglichkeit, den Präsens- oder Präteritumstamm eines Verbs mit dem Präfix ge - zu kombinieren, wodurch dieses perfektiviert und gleichzeitig das bezeichnete Verbalereignis mit einer Außenperspektive versehen wurde (Leiss 1992, 67ff.). Daneben konnte von bestimmten Verben ein sog. Verbaladjektiv (Grønvik 1986, 8) – das Partizip I und II – gebildet werden. Vor allem das Partizip II, das nur mit terminativen Verben verwendet werden konnte und einen Zustand – als Folge einer vorausgegangenen abgeschlosssenen Handlung – bezeichnete (ebd., 9; Betten 1987, 105), wurde in sog. Prädikativ- bzw. Resultativkonstruktionen (Grønvik 1986, 15; Kuroda 1999, 54) verwendet und hatte hier die Funktion eines Attributs zum Objekt resp. Subjekt.

Als älteste, bereits im Gotischen belegte Konstruktion gilt das Subjektsprädikativ aus sein + Partizip II (Grønvik 1986, 15). Durch die Kopula sein (aus ahd. wesan) wurde dem Subjekt ein Zustand prädikativ zugeschrieben, der durch das jeweilige Partizip II ausgedrückt wurde. Daher hatte das Subjekt eher die passive Rolle des Patiens als des Agens, das in der Vergangenheit eine Zustandsveränderung erfahren hatte und sich nun in diesem denotierten Zustand befand. Damit war diese ursprüngliche „mutative stative Resultativkonstruktion“ (Kuroda 1999, 92) stets gegenwartsbezogen.

(6) Uuanta arstorbana sint thie thar souhtun thes knehtes sela. (Ebd., 90)

Der semantische Bezug des Partizip II arstorbana zeigt sich hier deutlich durch die Kongruenz mit dem Subjekt, die jedoch bereits im Ahd. nicht mehr regelmäßig auftritt.

In ähnlicher Weise wurde die Konstruktion aus haben + Partizip II (+ Objekt) verwendet, die erst im Ahd. belegt ist und vermutlich in Analogie zur Bildung mit sein entstanden war[29]. Das Partizip II in dieser Prädikativkonstruktion bezog sich semantisch auf das Objekt und kennzeichnete dieses (mit seiner eigenen Semantik als sich aus einem abgeschlossenen Verbalereignis ergebenden Zustand) in der Funktion eines Attributs näher. Das Objekt selbst wurde durch das Verb haben in eine possessive oder benefaktive Beziehung zum Subjekt gestellt (Kuroda 1999, 55). Auch hier handelt es sich um eine Umschreibung, die präsentische Bedeutung hatte und bei der das Subjekt kein Agens, d. h. keine aktiv handelnde Instanz war.

(7) Sela, habes managiu guot gisatztiu in managiu iar. (Ebd., 52)

Obwohl in beiden Resultativkonstruktionen das PII einen Zustand bezeichnet und wie ein prä-dikatives Adjektiv verwendet wurde, ergab sich ein grundlegender Unterschied. Während in der sein -Konstruktion das Partizip direkt auf das Subjekt bezogen war, war dies beim Partizip in der haben -Resultativkonstruktion nur mittelbar über das Objekt der Fall. Dadurch war im Prinzip ein kategorialer Unterschied zwischen der Kombination sein + PII und haben + PII wie zwischen einer Kopulakonstruktion und einer attributiven Fügung gegeben. Bei der Um-funktionierung beider Konstruktionen zur Tempusperiphrase machte sich dieser Unterschied bemerkbar. Zwar wurde sowohl beim haben - als auch beim sein -Resultativ das PII zum Prädikat (d. h. als Verbbestandteil) reanalysiert. Bei der haben -Konstruktion jedoch musste zunächst die obligatorische Objektsrektion des Verbs haben verschwunden sein, bevor das Partizip als Bestandteil des Prädikats und nicht der Nominalphrase interpretiert werden konnte (grafisch und gut nachvollziehbar dargestellt bei Donhauser/Fischer/Mecklenburg (2007)). Auf diese Weise bekam die Konstruktion eine aktivische Bedeutung, sodass das Subjekt jeweils als Erzeuger des durch das Partizip II bezeichneten Zustands aufgefasst wurde (Latzel 1977, 33). Der semantische Kern der Konstruktion verschob sich damit von haben (das zunehmend bedeutungsleer wurde) auf das Verb im PII, das allmählich eine semantische Verschiebung vom Resultatszustand zur vergangenen Handlung (Welke 2002, 299) erfuhr. Diese Verschiebung ging mit der Ausweitung der Konstruktion auf nicht-terminative Verben einher, die ursprünglich sowohl beim haben - als auch beim sein -Prädikativ nicht möglich waren, denn indem bspw. auch durative Verben[30] als Partizip in der Resultativkonstruktion verwendet wurden, kam es vermutlich zu einem Konflikt zwischen „inhärenter Imperfektivität des Verbs und aktueller Perfektivität der Konstruktion“ (Welke 2002, 283). Dadurch wurde die temporale Umdeutung forciert, die zudem die Kombination von sein / haben + PII mit Temporaladverben, die auf nicht-präsentische Zeitpunkte oder -spannen Bezug nehmen, ermöglichte[31]. Entscheidend ist allerdings, dass sich die Semantik des Partizip II nicht generell verändert hat, denn dieses kann bei terminativen transitiven Verben immer noch perfektive Bedeutung haben. Bei durativen Verben, die an sich eine Handlung ohne Grenzen oder Veränderungen bezeichnen, kann das PII nur Vergangenheitsbedeutung haben. Der Grund dafür liegt in der Leistung des Partizips: Bei terminativen Verben bringt das PII[32] „den nach Abschluß des Geschehens erreichten Zustand in Perspektive“ (ebd., 283). Dies ist möglich, weil terminative Verben (wie bspw. ankommen, vergessen oder finden) zweiphasig sind und aus einer Vorphase bzw. einem Vorzustand und einem Nachzustand – dem target state (Welke 2005, 185) – bestehen.

(8) semantische Struktur terminativer Verben: -----+++++ (Welke 2002, 288)

Im Partizip II wird nur der Teil ’+++++’ (d. h. der Nachzustand) denotiert bzw. fokussiert, während die Phase ’-----’ (d. h. der Vorzustand) impliziert wird:

(9) Partizip II terminativer Verben: [-----]← +++++ (Ebd., 289)

Im Gegensatz dazu sind nicht-terminative resp. durative Verben (wie regnen, schwimmen oder wohnen) homogen (bzw. non-additiv; vgl. Leiss (1992)), sodass der im Partizip II fokussierte Teil nicht mit dem terminativer Verben übereinstimmt bzw. immer gleich bleibt, weil es hier keine semantische Unterscheidung in Vor- und Nachzustand resp. -phase gibt:

(10) semantische Struktur durativer Verben: ---------- (Ebd., 289)

Da es bei diesen Verben keinen Nachzustand gibt, der im Partizip II in Perspektive gebracht werden kann, hat dies vermutlich in der Umdeutungsphase der Konstruktion sein / haben + PII zu einer Lösungsstrategie geführt, durch die beim PII der (eigentlich nicht vorhandene) Nach-zustand als „Negation des nichttelischen [d. h. nicht-terminativen] Ereignisses“ (ebd., 289) gedacht wurde, was wiederum zur Folgerung „Vorzustand abgeschlossen/vergangen“ geführt hat, die vermutlich bereits beim Partizip II terminativer Verben möglich war – hier jedoch in der Form: „Wenn bei einer telischen Situation der Nachzustand eingetreten ist, dann ist der Vorzustand abgeschlossen“ (Welke 2002, 289). Diese Folgerung oder Implikatur ist auch in der Gegenwartssprache bei terminativen Verben in der Perfektperiphrase noch möglich. Gleichzeitig ist die ursprüngliche resultative Bedeutung durchaus noch aktualisierbar, sodass das Perfekt – je nach Fokussierung der jeweiligen Phase terminativer Verben im PII – Resultats- oder Vergangenheitslesart haben kann. Die Resultatslesart hat dabei jedoch Bezug zur Sprechzeit und ist damit präsentisch zu verstehen.

(11) a) Er hat es endlich vergessen / gefunden b) Er hat es gestern vergessen / gefunden c) Er hat es allmählich/langsam vergessen / ?gefunden

Die Beispiele (11) a)-c) zeigen, wie bspw. durch Temporaladverbien (TADV) die Lesart hinsichtlich des Vergangenheits- oder Gegenwartsbezugs verändert werden kann. Zudem können TADV je nach Verb im Perfekt unterschiedliche Bedeutungen bzw. Bezüge haben, wie das Beispiel (11 b) zeigt. Bei dem Verb vergessen kann sich das Adverb gestern auf den Vorzustand resp. Vorgang oder auf den Nachzustand beziehen, während es sich bei gefunden nur auf den Nachzustand beziehen kann. Bei Bezug des Adverbials auf den Vorzustand bzw. den implizierten Vorgang des Verbs, ergibt sich eine präteritale Lesart, d. h. Vergangenheits-bedeutung. Dies ist auch bei der Adverbialbestimmung allmählich oder langsam der Fall. Diese kann jedoch nicht mit allen terminativen Verben im Perfekt kombiniert werden. Beim Verb finden in (11) c) ist dies bspw. nicht möglich. Das wird besonders in einem Satz deutlich, bei dem nur die denotierte Bedeutung des Verbs verstanden werden kann[33]:

(12) *Er hat auf der Straße 10 Euro langsam gefunden.

Eine Umdeutung in eine präteritale Lesart ist hier nicht möglich, denn die Voraussetzung dafür ist, dass der Vorgang bzw. das Ereignis, das bei terminativen Verben in einen Nachzu-stand kulminiert, eine gewisse Ausdehnung aufweist. Dies ist jedoch nicht bei allen terminativen Verben der Fall, sondern nur bei solchen, die bei Ehrich/Vater (1989) als Aktionen und Prozesse mit den Merkmalen [+res] und [+dur] klassifiziert werden. Bei Akten und Vorkommnissen mit den Merkmalen [+res] und [-dur] wie bspw. erkennen, eintreten, erblicken oder finden (ebd., 117) gibt es keinen ausgedehnten Vorzustand, der im Perfekt fokussiert werden kann und zu einer reinen Vergangenheitslesart führen könnte. Hier scheint also die Umdeutung der ursprünglichen Resultativkonstruktion mit Gegenwartsbezug nicht vollständig stattgefunden zu haben, was allerdings nicht bedeutet, dass die Reanalyse von einer passivischen und attributiven zu einer mehr oder weniger aktiven Periphrase ausgeblieben wäre. Diese Umstrukturierung hatte jedoch wahrscheinlich keine Auswirkung auf die Resultativbedeutung, die hier erhalten geblieben ist. In ähnlicher Weise gilt dies auch für das sein -Perfekt, allerdings mit dem Unterschied, dass hier keine so großen strukturellen Veränderungen vonstatten gegangen sind und diese Periphrase mit der Ursprungskonstruktion mehr Gemeinsamenkeiten erhalten hat, als dies beim haben -Perfekt der Fall ist. Auch die passivische Deutung ist in einigen Fällen noch gegeben[34].

4.3 Perfekt, Präteritum und Präteritumschwund

Durch die Umdeutung des Perfekts und seine Öffnung für Verben aller Aktionsarten kam es dazu, dass die einstige nicht-temporale Resultativkonstruktion semantisch zu einer Tempus-form wurde und zunehmend in Konkurrenz mit dem Präteritum geriet, das ursprünglich im Ahd. und Mhd. die einzige morphologische Vergangenheitsform war. Von Latzel (1977) wird angenommen, dass das Perfekt bei terminativen Verben, welche noch bis ins 14. Jh. in den Perfektformen dominierend waren (Dentler 1997, 167), zunächst eine Opposition mit dem Präteritum aufbaute, sodass infolgedessen ein Verbalgeschehen als Resultat (mit dem Perfekt) oder als Vorgang (mit dem Präteritum) dargestellt werden konnte.

Das Perfekt entwickelte sich aus dem attributiven Partizip II, vergröbert gesprochen, hauptsächlich als Form für Verben, die sich auf eine Veränderung beziehen. Im Hinblick auf diesen Bereich baut sich eine Opposition von Perfekt und Präteritum auf, in dem Sinne, daß man sich beim Perfekt auf Folgen einer Veränderung bezieht, beim Präteritum auf den Ablauf von Veränderung [...]. (Latzel 1977, 43)

Dieser Bedeutungsunterschied, der sich durch das Verhältnis von Referenzzeit (R), Sprechzeit (S) und Ereigniszeit (E) ergibt, lässt sich mit Latzel (ebd., 34) wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4.1: Das Verhältnis von R, S und E beim Prät. und resultativem Pf. (nach Latzel 1977, 34)

Während also E (= [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) und R (=[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) vor S (=[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) lokalisiert sind (E,R < S) und damit ein Ereignis in seinem Ablauf bzw. nur ein Abschnitt dieses Verlaufs betrachtet wird, ist beim Perfekt nur der Nachzustand (=[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) zur Sprechzeit gegeben und in einer Äußerung von Bedeutung. Da diese spezifische Bedeutung des ursprünglichen Perfekts durch die Semantik der verwendeten terminativen Verben bedingt war, ist es nicht verwunderlich, dass die oben beschriebene Opposition zwischen Präteritum und Perfekt z. T. verloren ging, als auch nicht-terminative Verben in der Perfektkonstruktion verwendet werden konnten. Zunächst kann jedoch vermutlich davon ausgegangen werden, dass neben der immer noch bestehenden Opposition Prät. versus Pf. (bei terminativen Verben) sozusagen ein zweites nicht-terminatives Tempussystem entstand (Prät. = Pf.), bei dem es diese Opposition nicht gab. Dies mag dazu geführt haben, dass, um einen semantischen Tempusausgleich zu schaffen, auch bei terminativen Verben die präteritale Bedeutung salienter wurde. Es ist jedoch selbst im Nhd. nicht der Fall, dass Perfekt und Präteritum bedeutungsgleich sind.

Was einen Austausch von Perfekt und Präteritum angeht, so ist er entweder nur zum Teil möglich oder aber total blockiert; einen generell möglichen Austausch beider Formen in dem Sinne, daß an jeder nur denkbaren Stelle zwischen beiden Formen frei gewählt werden kann, gibt es nicht. (Hervorhebung im Orig.; Latzel 1977, 46)

In den obd. Dialekten hat die Ausweitung des Perfekts (neben anderen Ursachen; siehe Dentler 1998; Abraham 2005a) jedoch – anders als im Standarddt., Md. und Nd. – zum Schwund des Präteritums beigetragen, wodurch hier die Opposition beseitigt und somit zunächst ein Tempusausgleich geschaffen wurde. Obwohl daher in diesen Mundarten das Pf. als einfache und einzige Vergangenheitsform[35] verwendet wurde und immer noch wird, führte dies offenbar nicht dazu, dass das Pf. vollständig und in allen Fällen die Bedeutung des Präteritums übernehmen konnte. Das Perfekt ist demnach auch in den obd. Dialekten kein äquivalenter oder gar identischer Ersatz für das Präteritum geworden (Maiwald 2002; 2004). Das Tempussystem konnte dadurch zwar formal vereinheitlicht werden, doch bei gewissen Verben wurde eine parallele semantische Vereinheitlichung durch deren Aktionsart blockiert.

Im ausgehenden 15. Jahrhundert, in dem wahrscheinlich vor allem die semantische Annäherung des Perfekts an das Präteritum und damit einhergehend der Präteritumschwund stattgefunden hat, muss also mit einem Tempussystem gerechnet werden, bei dem das Perfekt immer häufiger bei durativen Verben verwendet werden konnte und erst langsam in den Funktionsbereich des Präteritums eindrang und selbst noch zu großen Teilen resultative und gegenwartsbezogene Semantik besaß. Zumindest scheint es unwahrscheinlich, dass zu dieser Zeit das Perfekt bereits seine aspektuelle Bedeutung verloren hatte (zumal dies selbst im Nhd. nicht der Fall ist) und das Auftreten von DPF in dieser Zeit dadurch zufriedenstellend erklärt werden könnte. Doch dies muss anhand der historischen Belege im folgenden Kapitel überprüft sowie generell die Funktion der DPF in historischer Perspektive beleuchtet werden.

4.4 Analyse der historischen Doppelperfekt-Belege

Insgesamt konnten anhand des Korpus 28 Doppelperfekte (von 38 finiten Doppelformen) mit sein und haben ermittelt werden. Die diachrone Verteilung stellt sich folgendermaßen dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4.2: Diachrone Verteilung des Doppelperfekts

Der früheste Beleg stammt demnach aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts:

(13) Item in desem Sexterne sall men vynden die geschychte ind verhandelunge, die van den ghenen, die sych noement van den geslechten, bynnen Coelne vurtzijtz verhandelt haint, darumb dat vplouffe ind mancherleye vngelucke bynnen der Stat van Coelne vntstanden gewest synt. [16][36]

Es handelt sich hier um ein sein -DPf aus dem Ripuarischen (Wmd.), also gerade nicht aus dem favorisierten Obd. Das doppelte Perfekt steht in einem Nebensatz und ist von einem terminativen bzw. ingressiven Verb[37] gebildet. Aus der beschriebenen Handlungsfolge und den verwendeten Verbformen ergibt sich folgende Zeitstruktur[38]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4.3: Zeitstruktur des Textausschnittes zum DPf-Beleg [16]

Diese Abbildung macht deutlich, dass die Handlungen bzw. Ereignisse sprachlich genau entgegengesetzt dargestellt sind, als sie tatsächlich stattgefunden haben[39], weshalb es für den Schreiber notwendig war, Vergangenheits- und Vorzeitigkeitstempora zu gebrauchen. Die erste im Textabschnitt erscheinende vergangene Handlung steht im Perfekt mit dem durativen Verb verhandeln. Es scheint, dass der Schreiber diese hier zwar als abgeschlossene Handlung darstellt, diese sich jedoch qualitativ von einer entsprechenden Handlung im Perfekt mit terminativem Verb (wie z.B. entstehen) unterscheidet, weil es keinen Folgezustand (target state) gibt, der sich an den Abschluss von verhandeln anschließt. Abgeschlossen und nicht nur vergangen scheint das Pf. von verhandeln dadurch, dass dem Kontext entsprechend die Verbalhandlung als abgeschlossenes Ganzes betrachtet wird, auf die als verhandelunge, die vurtzijtz – also „ehemals, einst, früher“ (GWB Bd. 26, 1998f) – stattgefunden hatte, referiert wird.[40] Obwohl diese aspektuelle Konnotation im gegebenen Textbeispiel noch durchscheint, hat das Pf. hier vorrangig Vergangenheitbedeutung[41]. Auf dieses bezieht sich das doppelte Perfekt mit entstehen. Da das mit ist entstanden gewesen beschriebene Ereignis (bzw. das daraus folgende Resultat; in der Zeitstruktur verdeutlicht durch den nach unten weisenden Pfeil) vor der Handlung im einfachen Perfekt stattgefunden hat, kann als Bedeutung dieser Tempusform also zunächst ‚Vorzeitigkeit’ angenommen werden. Wie im Kap. 4.1.1 erwähnt, kann das einfache Perfekt nur bei der Verbfolge V terminat. - V durat. Vorzeitigkeit bezeich-nen. In (13) ist die Reihenfolge der verwendeten Verben jedoch genau entgegengesetzt: V durat. - V terminat. Dass das DPf die Funktion der Vorzeitigkeit übernehmen kann, wird auch für das Gegenwartsdeutsche festgestellt – häufig mit dem Vermerk, dass dieses hier das einfache Plusquamperfekt ersetze (i.d. R. wird diese Funktion den obd. Dialektformen zugeschrieben). Dieser Ansatz kann jedoch nicht einfach für ein Beleg aus dem 14. Jh. übernommen werden. Denn zum einen stammt das Textbeispiel aus einer Mundart, in der m. W. kein Präteritumschwund stattgefunden hat, von dem ausgehend dieses DPf als eine Art Kompensationsstrategie erklärt werden könnte. Zum anderen würde die Ersetzung des Doppelperfekts durch ein Plpf. den intendierten Sinn verändern. Da das einfache Perfekt oder Plusquamperfekt mit diesem terminativen Verb resultative Bedeutung auf der Gegenwarts- resp. Vergangenheitsebene hat, könnte hierdurch keine Vorzeitigkeit in Bezug auf ein Präsens bzw. Präteritum ausgedrückt werden. Der veränderte Beleg verhochdeutscht: Sie haben verhandelt, wegen der Aufläufe und Unglücke, die vorzeiten entstanden waren würde implizieren, dass die Folgen der Unglücke bzw. die Aufläufe (von Menschen) immer noch beständen. Der Textzusammenhang scheint aber zu verdeutlichen, dass dies eben nicht der Fall ist und gerade durch die erwähnten Verhandlungen die Folgen der Unglücke (und auch die Menschenansammlungen, die ja meist nur eine gewisse Zeit bestehen) beseitigt sind bzw. zumindest rechtlich bereinigt wurden. Erwartbar wäre hier also m. E. eigentlich ein DPq, denn auch das einfache Plpf. mit dem terminativen Verb entstehen könnte diese Bedeutungs-komponente nicht wiedergeben (näheres dazu im Kap. 5.2.). Dem Textproduzenten scheint dementsprechend vor allem wichtig zu sein, dass das Resultat von vntstanden nicht mehr aktuell, also vergangen ist. Dazu gibt es jedoch keine passende Tempusform, denn das einfache Perfekt und Plusquamperfekt bezeichnen bei terminativen Verben ein Resultat – als Ergebnis eines vergangenen Ereignisses – das zur jeweiligen Referenzzeit (Gegenwart oder Vergangenheit) gültig ist. Um bei Verben dieser Aktionsart Vorzeitigkeit ausdrücken zu können, müsste das Resultat (oder der Resultatszustand) als vergangen beschrieben werden. In diesem Sinne scheint der Schreiber sehr innovativ zu sein, indem er nämlich das resultative Perfekt bzw. ein PII v mit einem weiteren Partizip II kombiniert, das wegen seiner durativen Aktionsart keine resultative, sondern nur vergangene Bedeutung haben kann: gewesen. Dass der Verfasser dies allerdings nicht in Bezug auf ein Plpf. getan hat (denn die Vorzeitigkeit müsste sich ja nicht auf die präsentische, sondern die präteritale Ebene beziehen), könnte daran liegen, dass die Verwendung des Plusquamperfekts zum Ende des Mhd. und Anfang des Fnhd. erst allmählich im Nebensatz Verwendung fand, wo es das mit ge - präfigierte Präteritum verdrängte, das ursprünglich die Funktion des heutigen Plusquamperfekts und damit der Bezeichnung von Vorzeitigkeit auf der Vergangenheitsebene hatte (Oubouzar 1974, 45). Obwohl in diesen Fällen auch oft das Plpf. bereits vorkommt, verwendet der kölnische Schreiber tatsächlich noch diese Vorzeitigkeitsform des Präteritums – allerdings nur noch bei einigen Verben wie sinnen (mit dem präfigierten Präteritum gesan (3Ps Sg)/ gesonnen (3Ps Pl)) oder fallen (im Sinne von ‚eintreffen, stattfinden’ (Götze 1967, 97) mit dem präfigierten Präteritum gevielt (3Ps Sg)). Da mit dem präfigierten Präteritum bei entstehen m. W. nur die Bedeutung ‚Abgeschlossenheit und Vorzeitigkeit des Entstehens’ ausgedrückt werden konnte, wäre auch diese Form nicht zum Ausdruck der zugrunde liegenden Semantik (die im Textzu-sammenhang deutlich wird) geeignet gewesen. Diese Systembedingungen könnten also eine plausible Erklärung für das Vorkommen des Doppelperfekts in diesem sehr frühen Text sein. Allerdings handelt es sich hier um einen Einzelfall, sodass diese Überlegungen nicht an anderen Beispielen aus dem 14. Jahrhundert überprüft werden können.

Die nächsten Doppelperfekta konnten erst wieder für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts (also ca. 100 Jahre später) nachgewiesen werden. Für diesen Zeitraum wurden insgesamt fünf Belege gefunden; zwei mit dem Auxiliar sein und drei mit haben. Allerdings stammen drei dieser DPf aus dem zwischen 1455 und 1470 entstandenen Prosatext Pontus und Sidonia mit französischer Vorlage. Diese doppelten Perfektformen wurden bereits bei Litvinov/Radčenko (1998, 92) erwähnt und galten bislang als die ältesten bekannten Belege. Neben diesen kommen zwei unabhängige DPf mit sein (von 1457) und haben (von 1493) vor:

[...]


[1] Zu den möglichen Ursachen des Präteritumschwunds siehe Lindgren (1957); Dentler (1998).

[2] Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972, 257ff) verweisen auf fünf Arbeiten, die das Vorkommen der DPF für einige wmd. und omd. Dialekte nachweisen bzw. darauf hinweisen.

[3] Allerdings wäre bei Topalović’ Ergebnissen zu fragen, ob sie auf alle doppelten Perfektformen übertragbar sind, denn ihre Belegsammlung besteht hauptsächlich aus DPF im Konjunktiv. Von 50 Belegen sind nur drei im Indikativ, von denen ein Beleg aus dem Ostfäl. bzw. Wnd. und zwei aus dem Wmd. (Rhein- und Mittelfränkisch) stammen. Da für die Entstehung der konjunktivischen DPF andere Ursachen angenommen werden (hierzu zählt vor allem die mangelnde temporale Differenzierung im konj. Formenparadigma; vgl. u.a. Litvinov/Radčenko 1998, 150ff; Ammann 2005, 255ff) als für die ind. Formen, ist es fraglich, ob die Verbreitung der konj. DPF ohne weiteres auf die der indikativischen DPF übertragen werden kann.

[4] Hinzu kommt, dass im Rahmen dieser Hypothese bisher nicht gezeigt werden konnte, durch welche Bedingungen diese „Entlehnung“ aus dem Französischen motiviert und bedingt sein könnte, denn einzig durch das Verweisen auf eine benachbarte Sprache mit ähnlichen Formen kann nicht erklärt werden, warum denn die deutschen Sprecher gerade diese seltene und zudem grammatische Form übernehmen sollten.

[5] Das Französische verfügt bspw. über ein passé antérieur (neben dem passé simple und dem passé composé), das im Deutschen nicht vorkommt und vielfach in Verbindung mit dem passé surcomposé (DPF) gebracht wird, indem angenommen wird, dass in einigen Fällen die französischen Doppelformen das passé antérieur funktional ersetzen (vgl. hierzu Schlieben-Lange 1971, 38ff; Ayres-Bennett/Carruther 2001, 169ff).

[6] Anders als das Deutsche weist das Jiddische diese Abfolge im Verbalkomplex der DPF auf: Er iz geven gekumen – wörtl.: ‚Er ist gewesen gekommen’; Er iz gehat avēkgeforn – wörtl.: ‚Er ist gehabt abgefahren’ (Kiefer 1994, 141;142).

[7] Es wäre vielleicht denkbar, dass das zusätzliche PII in den Fällen, in denen das zugrunde liegende Perfekt die Bedeutung ‚Vergangenheit’ hat, eine resultative oder Nachzustandsbedeutung herstellt, während es bei einem Perfekt mit der Bedeutung ‚Nachzustand’ Vergangenheitsbedeutung bewirkt, doch scheint dies nicht der Sprachwirklichkeit zu entsprechen (vgl. zu den angenommenen Bedeutungen der DPF im Kapitel 4.1 und 5.1).

[8] Im Ahd. wurde das PII in der Perfektperiphrase ohne ge - verwendet, da diese nur von terminativen Verben gebildet werden konnte, die nicht eigens durch dieses Präfix perfektiviert (was dessen Hauptfunktion im Ahd. war) werden mussten. Nicht-terminativen Verben konnten jedoch durch ge - perfektiviert und somit der Perfektperiphrase zugänglich gemacht werden. Noch bis zum Fnhd. wurde das PII von term. Verben im Pf. ohne Präfix verwendet, weil sie die perfektive Bedeutung, die notwendig für die Bildung des Perfekts war, bereits in ihrer Semantik enthielten (siehe u.a. Geders/Spellerberg 1978, Schecker 1994, Girnth 2000, 105ff). Buchwald-Wargenau (2010) nimmt also zutreffend an, dass das Vorkommen von unpräfigierten Partizipien ein Hinweis darauf sein kann, dass die perfektivierende Kraft des Präfixes ge - in gewisser Hinsicht noch wirksam war.

[9] Litvinov/Nedjalkov (1988, 30ff) bezeichnen als Subjektresultativ alle Formen, die aus sein + PII gebildet sind (unabhängig von der Transitivität des verwendeten Verbs). Bei transitiven Verben handelt es sich nach traditioneller Terminologie um das Zustandspassiv, bei intransitiven terminativen Verben um das sein -Perfekt.

[10] Dies führt dazu, dass Litvinov/Radčenko (1998) annehmen, dass in den Fällen, in denen eine Konstruktion aus Aux + PII (z.B. hat geschrieben, ist verschwunden) formal dem Resultativ und dem Perfekt entspricht, auch semantisch sowohl ‚Vorzeitigkeit’ als auch ‚Resultativität’ ausdrückt und die Bedeutung nach Bedarf in die eine oder andere Richtung akzentuiert werden kann. Dies ist jedoch nur bedingt und zudem nur bei einigen Fällen in Abhängigkeit von der Aktionsart des Verbs möglich. (vgl. u.a. Ehrich/Vater 1989, 121ff; Thieroff 1992, 184).

[11] Übersetzung: Die oben genannten Verbindungen, wie heef vercoren (‚hat erwählt’), heeft gemint (‚hat gedacht; geliebt’) waren jedoch gleichzeitig das Perfekt von verkiesen, minnen usw. (eine scharfe Trennung zwischen diesen beiden Bedeutungen selbst ist unmöglich), und es scheint mir höchst wahrscheinlich, dass diese zweideutige Rolle der Konstruktion zur Beifügung von gehadt zum Perfekt im Spät-Mndl beitrug.

[12] Obwohl Kern (1912, 37) bemerkt, dass die von ihr erwähnten Doppelformen auch im Ndl. des beginnenden 20. Jh. verwendet werden („In de volkstaal is dit perfektum nog zeer gewoon [...] (ik he d @r veul g @kocht g @had) [...]“ (ebd.)) wird das Niederländische bei Thieroff (2001) nicht zu den Sprachen mit „Supercompound pluperfect“ (=DPF) gezählt und fehlt dementsprechend – allerdings fälschlicherweise – in der kartografischen Darstellung (ebd., 217).

[13] Die Festlegung auf das 15. Jh. als frühste zeitliche Begrenzung für die Recherche begründet sich durch die Annahme, dass DPF vermutlich erst dann entstanden, als das einfache Perfekt bereits weitestgehend als Tempus grammatikalisiert war. Girnth (2000, 106) nimmt als Zeitpunkt dafür das 14./15. Jahrhundert an.

[14] Da für die historischen Sprachstufen des Deutschen nur schriftliche Texte überliefert sind, wird es unmöglich sein, die Entstehung der DPF in der gesprochenen Sprache nachvollziehen zu können, denn darüber, inwieweit die überlieferten schriftlichen Denkmäler von der gesprochenen Sprache abweichen, kann letztlich nur spekuliert werden. Dies schmälert jedoch nicht den Wert der aus schriftlichen Texten gewonnenen Erkenntnisse.

[15] Auf der Internetseite www.zeno.org der Zenodot Verlagsgesellschaft mbH sind eine Vielzahl von Texten gemeinfrei verfügbar (bspw. literarische Werke von mehr als 700 Autoren) – insgesamt besteht die digitale „Bibliothek“ aus über eine Million Artikel aus der Zeit der Antike bis zum 20. Jahrhundert.

[16] Das Portal www.wikisource.org „ist eine Sammlung von Quelltexten, die entweder urheberrechtsfrei sind oder unter einer freien Lizenz stehen. Wikisource versteht sich als Qualitätsprojekt, das mit Scans einer jeweils zuverlässigen Textgrundlage arbeitet.“ Die Texte sind jeweils als Scan sowie als Textdatei (die anhand der Scans mehrmals korrekturgelesen wird) verfügbar und als Quelle sehr zuverlässig.

[17] Auf mögliche Variationen bezüglich der Schreibung des Partizips II von haben und sein verweist bspw. auch Semenjuk (1981, 26ff). Um diese Variation bei der Recherche einzubeziehen, wurden in Texten mit variabler Schreibung bzw. Konjugation jeweils beide Varianten abwechselnd in die Suchmaske eingegeben.

[18] Lindgren (1957, 6) zählt zu den Perfektformen auch die doppelten Perfektformen. Aufgrund dieser fehlenden Differenzierung war eine erneute Durchsicht der Texte in Hinblick auf das Vorkommen der DPF nötig.

[19] Dazu zählen alle DPF im Ind. und Konj. sowie sog. afinite Doppelformen, Formen mit Modalverb; zu-Infinitiv und einigen Zweifelsfällen, die Schwierigkeiten bei der Zuordnung bereiten.

[20] „Konversationelle Implikaturen sind Schlussfolgerungen aus Äußerungen, die nicht Teil der Bedeutung von sprachlichen Zeichen sind, sondern beim Benutzen von Zeichen in der Kommunikation entstehen und auf gemeinsamem Hintergrundwissen der Beteiligten basieren“ (Nübling 2006, 151).

[21] Thieroff (1992, 27ff) und Welke (2005, 188ff; 215ff) weisen darauf hin, dass bei terminativen Verben, die semantisch aus zwei Phasen bestehen (Vorgang und Nachzustand), durch Temporaladverbien entweder der Vorgang oder das Resultat fokussiert werden kann (Thieroff 1992, 190).

[22] Bei den Präteritopräsentia hat diese Diskrepanz dazu geführt, dass ihr Präteritumstamm als Präsensstamm umge-deutet wurde und die Präteritumform neu gebildet wurde (Birkmann 1987).

[23] Welke (2002, 315) bspw. ist der Meinung, dass eine Resultatsbedeutung im Perfekt nur bei einigen Verben mit sein -Perfekt möglich sei. Daher wäre nur bei diesen Verben eine Umschreibung mit zusätzlichem PII aux akzeptabel. Er rechnet diese Formen zudem zum einfachen Perfekt der Kopulakonstruktion (d. h. sein + PII ist kein Perfekt), weshalb es laut Welke (2009, 77) keine sein -DPF gäbe. Es ist jedoch strittig, ob sein + PII tatsächlich kein Perfekt ist und mit anderen „Kopulakonstruktionen“ gleichgesetzt werden kann (vgl. u.a. Maiborn 2007).

[24] E = Ereigniszeit; R = Referenzzeit; S = Sprechzeit. Diese Terminologie geht auf Reichenbach zurück, wird jedoch in vielen Publikationen modifiziert oder umbenannt (Rothstein 2007, 20), was z.T. ein terminologisches Durcheinander hervoruft. In dieser Arbeit wird die Bezeichnung nach Reichenbach von Bußmann (2002, 681) übernommen.

[25] Diese Regularität hängt vermutlich damit zusammen, dass ein Perfekt mit terminativem Verb in den meisten Fällen eine Resultatsbedeutung mit präsentischem Bezug hat und ein Perfekt mit durativem Verb in einfacher Vergangenheitsbedeutung sich in diesem Fall auf eine semantisch präsentische Form beziehen würde – eine Relation bei der das einfache Perfekt als Vorzeitigkeitstempus akzeptiert ist (vgl. Helbig/Buscha 2001, 142).

[26] Der Begriff Perspektivierung mit den Polen Innen- und Außenperspektive stammt aus der Aspektforschung. Außenperspektivisch ist ein Geschehen, wenn es als Ganzes, mit „überschaubaren“ Grenzen dargestellt wird. Obwohl das Deutsche die Kategorie Aspekt nicht aufweist, wird angenommen, dass zumindest die Funktion Aspektualität durch verschiedene lexikal. Mittel ausgedrückt werden kann (Leiss 1992, 20ff; Alexandrova 1999).

[27] Rödel (2007) will dies anhand einer Google-Recherche nachweisen, indem er das Verhältnis von Trefferzahlen der Perfekta und Doppelperfekta mit Verben verschiedener Aktionsart vergleicht. Allerdings finden sich unter seinen sechs durativen Verben (bzw. Activities) keine wirklich eindeutig durativen Verben. Die Verben steigen und werkeln können auch terminativ gebraucht werden (z.B. auf den Berg steigen; einen Gegenstand werkeln). Die Verben überlegen und wundern sind als psychische Verben ebenfalls nicht genuin durativ (siehe Nicolay 2009, 231) und ergeben bei ihm dementsprechend hohe Trefferzahlen (Rödel 2007, 147).

[28] Mit dem unterscheidenden Merkmal [±vergangen], wobei Präteritum durch [+vergangen] und Präsens durch [-vergangen] gekennzeichnet war (Schrodt/Donhauser 1982, 2515).

[29] Leiss (2002, 33ff) nimmt überzeugend an, dass es sich bei der Konstruktion haben + PII um den transitiven Ausbau des Resultativs (d. h. die sein -Konstruktion, die nur mit intransit. oder intransitivierten Verben gebildet werden konnte) handelt, durch den die Resultativkonstruktion auch für transitive Verben zugänglich wurde.

[30] Jedoch nur nach Präfigierung mit dem ursprünglichen Aspektmarker ge -, der wahrscheinlich seine aspektuelle und perfektivierende Bedeutung mit Obligatorisierung in der Perfektperiphrase allmählich verlor.

[31] Interessant ist, dass diese Verwendungsmöglichkeit nicht-präsentischer TADV beim sein -Perfekt zutrifft, jedoch nicht beim Zustandspassiv, das bspw. Leiss (1992) mit dem sein -Perfekt als Resultativum kategorisiert und damit eine einheitliche Funktion bzw. Bedeutung annimmt. Vgl. mit Argumenten dagegen Maiborn (2007).

[32] Im Gegensatz zum Partizip I, das die Handlung bzw. den Vorzustand fokussiert (Welke 2002, 282ff).

[33] Ein Satz wie Er hat es langsam gefunden scheint deshalb z. T. akzeptabel zu sein, weil auf eine Nebenbedeutung ausgewichen wird, die mehr in Richtung ‚suchen’ geht und mit einem durat. ADV kombinierbar ist. Das Bedeutungswörterbuch (Duden Bd. 10, 366) gibt für finden die Bedeutung „ zufällig oder durch Suchen entdecken “ an. Beide Varianten unterscheiden sich in Bezug auf die Ausgedehntheit der Vorphase bzw. des Vorzustandes der terminativen Bedeutungsstruktur.

[34] Diese Semantik des sein -Perfekts wird i. d. R. darauf zurückgeführt, dass die hier vorkommenden sog. unakkusativischen oder ergativen Verben als Subjekt kein Agens seligieren, sondern dieses einem Akkusativ-Objekt entspricht. Ob dies der Grund für die hier z. T. immer noch vorhandene Resultativbedeutung hat, ist jedoch unklar (vgl. hierzu v. a. Abraham 2005 und 2007).

[35] Mit Ausnahme weniger Präteritalformen beim Auxiliar sein und einigen Modalverben (Maiwald 2002, 92).

[36] Die jeweils in eckigen Klammern stehende Zahl gibt die Nummer an, die das Textbeispiel in der Belegsammlung hat, wo Angaben zur Quelle sowie das genaue Entstehungsjahr zu finden sind.

[37] Ingressive Verben als Subklasse der terminativen (bzw. perfektiven) Verben bezeichnen den Anfang eines Geschehens (Helbig/Buscha 2001, 63).

[38] Die Darstellung orientiert sich an Litvinov/Radčenko (1998, 197).

[39] Dies ist nach Litvinov/Radčenko (1998, 101) eine günstige Bedingung für das Auftreten doppelter Perfektformen, aber auch generell für Vorzeitigkeitstempora (vgl. dazu auch Rothstein 2007, 70ff).

[40] Zur Umdeutung der aspektuellen Außenperspektive in eine temporale Innenperspektive beim Perfekt in Abhängigkeit von der Aktionsart der verwendeten Verben siehe Leiss (1992, 271ff).

[41] Was jedoch nicht bedeutet, dass das Perfekt bereits zu diesem Zeitpunkt und in diesem Dialektraum das einfache Präteritum in der Funktion der einfachen Vergangenheit verdrängt habe. Es ist m. E. jedoch auch anhand der Verwendung des Temporaladverbs, das auf Vergangenheit referiert, in diesem Kontext deutlich, dass das Perfekt hier diese Funktion schon übernehmen kann. Da sich der Beleg genau am Anfang eines längeren Textes befindet, wäre es zudem denkbar, dass das Perfekt hier eine bestimmte Textgliederungsfunktion übernimmt, die bereits bspw. bei Notker festgestellt wurde (Oubouzar 1975, 19, Latzel 1977, 58).

Details

Seiten
131
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656167976
ISBN (Buch)
9783656168287
DOI
10.3239/9783656167976
Dateigröße
4.9 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Erscheinungsdatum
2012 (April)
Note
1,1
Schlagworte
Doppelperfekt Perfekt Sprachgeschichte Grammatik Sprachwandel Plusquamperfekt

Autor

  • Cand. M. A. Christine Porath (Autor:in)

    19 Titel veröffentlicht

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Titel: Die Herausbildung doppelter Perfektbildungen im Deutschen in diachroner Perspektive