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Schulischer Musikunterricht im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts

Wissenschaftlicher Aufsatz 2005 12 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lehrpläne zum Musikunterricht in Volks- und Mittelschulen – Anspruch und Wirklichkeit
2.1 Lernziele und Methodik

3. Lehrpläne für den Musikunterricht an Gymnasien

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll geklärt werden ob es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts schulischen Musikunterricht gab und wie er gestaltet wurde. Bei der Bearbeitung des Themas sollen nicht nur Fallbeispiele des Musikunterrichts, unterteilt nach einzelnen Schulformen, vorgestellt werden. Auch die zeitgenössische musikpädagogische Diskussion sowie staatliche Beschlüsse sollen hier erörtert werden. Von besonderem Interesse ist an dieser Stelle die Einschätzung der Aufgabe des Musikunterrichts seitens der Behörden und der Lehrer.

2. Lehrpläne zum Musikunterricht in Volks- und Mittelschulen – Anspruch und Wirklichkeit

Das Jahr 1809 war für den schulischen Musikunterricht von entscheidender Bedeutung, insbesondere die Bildungsreform von Friedrich Wilhelm Christian Karl Ferdinand Freiherr von Humboldt. Humboldt hatte Philosophie und Staatswissenschaft studiert und sich mit den Werken Kants, Goethes und Schillers befasst, seine Leidenschaft galt jedoch der Sprachwissenschaft. In den Jahren 1802-1808 vertrat er den preußischen Staat als Diplomat im Vatikan, bevor er, nach dem Zusammenbruch Preußens, 1909 als Sektionschef für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern nach Berlin berufen wurde. Zunächst führte er das dreiteilige Schulsystem bestehend aus Elementarschule, Neuhumanistischem Gymnasium und Universität ein. Die von Humboldt initiierte Bildungsreform, die das gesamte Unterrichtswesen der staatlichen Aufsicht unterstellte, verfolgte das Ziel, im zivilen Bereich ein eigenverantwortliches, hochqualifiziertes Personal heranzubilden. Hierzu sollten die ab 1809 neu gegründeten humanistischen Gymnasien ebenso beitragen wie noch weiterführende Bildungseinrichtungen, etwa die ebenfalls neu entstandene staatliche Universität von Berlin (Humboldt-Universität). In seiner Immediateingabe aus dem Jahre 1809 „Über geistliche Musik“ unterbreitete er Vorschläge „wie die Wirksamkeit der Musik auf den öffentlichen Gottesdienst und die Nationalbildung erhöht werden könne“. Weiter schrieb er:

„Da hier nicht von theoretischen Verbesserungen, sondern recht eigentlich von der Veredlung derjenigen Musik die Rede ist, die man, weil sie vor Versammlungen aus allen Ständen und unter der Autorität des Staats ausgeübt wird, die öffentliche nennen kann; so kommt alles allein auf die Bildung einer richtigen Schule an, damit der Grund gelegt werde, dass das Volk, wo es jetzt bereits Musik hört, häufiger gute ausgeführt vernehme, selbst nach richtig erlangter Fertigkeit mit darin einstimme und den Eindruck, wenn nicht gleich rein und voll, wenigstens doch mit nicht allzu ungeübten Sinnen nicht allzu dürftig und fehlerhaft empfange.“

Hinsichtlich der Schulmusik schrieb er:

„Eine dritte überaus wichtige Sache endlich ist die Behandlung der Musik auf den Schulen. Einige der größern haben zwar öffentlichen Musikunterricht; allein er ist weder zweckmäßig noch hinlänglich, und die Schuldirektionen haben sich der in ihrer bisherigen Verfassung vielen Missbräuchen unterworfenen Sinchöre zu entledigen gesucht. Die Missbräuche der Singchöre aber lassen sich abstellen, und dass vorzüglich die öffentliche Erziehung der Musik nicht entbehren kann, ist unleugbar.“[1]

Humboldt schied jedoch nach 16 Monaten aus dem Amt, da ihm der zugesagte Kabinettsposten nicht zuteil wurde und er so den mangelhaften Stellenwert der Bildung innerhalb der Politik demonstrieren wollte. Besonders hinsichtlich der Elementarschulen hatte das Konzept Humboldts jedoch gravierend Schwächen. Der hier vorgeschlagene „allgemeine Unterricht“ sollte lediglich die Sprachen (Deutsch, Latein, Griechisch) und die Mathematik (als Grundlage der Naturwissenschaften, verwandt aber auch mit der Ästhetik) umfassen, während andere Bereiche, wie auch die Musik, nur ergänzende Funktion hatten. Nach einem Jahrzehnt legte Süvern, der die Pläne Humboldts zu einem Verfassungsentwurf zusammenfassen wollte, die Bildungsreform zu den Akten. Humboldts „Grundbildung für alle“ in der Elementarschule verkümmerte zu einer „volkstümlichen Grundbildung“ in der Volksschule, und das Gymnasialkonzept verkam zur bürgerlichen Standesschule mit dem Ziel der „Sicherung von Bildung und Besitz einer sozial priviligierten Minderheit“.[2] Großen Einfluss auf die Diskussion um die Relevanz des Musikunterrichts hatte die Pädagogik Johann Heinrich Pestalozzis, der die Ausbildung von „Kopf, Herz und Hand“ forderte, also die Kräftebildung im emotionalen und körperlichen Bereich. Humboldt interpretierte die Vorgabe Pestalozzis wie folgt:

„Der Schüler wird durch die Leibesübungen gestärkt und entwickelt, Auge und Ohr durch Zeichnen und Musik zur Richtigkeit und Freiheit gewöhnt, der Kopf durch die Zahlenverhältnisse, von denen das Rechnen ein Teil ist…“.

Dem Anspruch „Auge und Ohr durch Zeichnen und Musik zur Richtigkeit und Freiheit“ zu gewöhnen konnte der alltägliche Unterricht an den Schulen hingegen kaum genügen. Die Publikation zahlreicher „Gesangsbildungslehren“ zeigen, dass der Musikunterricht auf das Singen beschränkt blieb, welches funktionalisiert wurde um religiöse, sittliche und später auch national-vaterländische Gefühle auszubilden. Die Unsicherheit der Lehrer darüber, wie denn die Vorgaben im Musikunterricht umgesetzt werden sollten zeigt der Bericht eines Lehrers aus dem Jahre 1840:

„Noch nicht ein Fall ist mir vorgekommen, dass ein zum Schulfache gebildeter Lehrer einen methodischen Gang zum Gesangunterricht kannte; keiner wusste dazu einen richtigen Weg, wie die Anlage durch ihren Gebrauch entwickelt werden könne, da doch jede Anlage der menschlichen Natur aus sich selbst entwickelt werden soll; keiner hatte eine Ahnung, inwiefern dieser Unterrichtsgegenstand zur Veredelung beitragen könne, und wie der Unterricht darüber behandelt werden müsse, wenn er auf Veredelung des Gefühles und des Schönheitssinnes wirken soll. Man hält dafür, dass schon Alles geschehen sei, wenn Kinder Lieder gut singen können, die durch unendliche Uebungen eingeübt wurden sind…“[3]

In einem von Natorp verfassten Zirkularium des Konsistoriums zu Münster aus dem Jahre 1817 beklagt dieser mangelnde methodologische Fortschritte im Gesangsunterricht und weist Lehrer an eine geeignete Lehrmethode anzuwenden. Natorp betont außerdem dass der Hauptzweck des schulischen Musikunterrichts die „Veredelung des Kirchengesanges“ sei und dass es denn Pfarrern obliegen soll die Choräle auszuwählen. Wie in Natorps Ausführung erkennbar kam dem Gesangunterricht zudem eine starke religiöse Bedeutung zu, dadurch dass „edler Gesang zur Beförderung der andächtigen Gemütsstimmung und der Erbauung beitrage“.[4] In einem weiteren Zirkularium aus dem Jahre 1822 konstatiert Natorp eine befriedigende Befolgung seiner Anweisung in den evangelischen Schulen, betont aber, dass die meisten Volksschulen die Anweisungen noch nicht befolgt hätten.[5] Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand die erzieherische Funktion des Gesangunterrichts im Vordergrund und Musik wurde las Erziehungsmittel geschätzt, da sie „tief und bildend auf die Empfindungen und die Gemüter“ einzuwirken und „der sonst so leicht einreißenden Rohheit entgegenzuwirken“ vermag.[6] Durch „richtige und ununterbrochen fortgesetzte Anwendung (des Gesangsunterrichts soll) auch das roheste Gemüt für sanftere Gefühle zugänglich gemacht, ihrem Einflusse hingegeben und an eine Unterordnung unter allgemeine Gesetze bei gemeinsamer Tätigkeit mit andern gewöhnt werden“.[7] Der Musikunterricht sollte zudem zur Lebensverschönerung beitragen und dem Schüler einen Liedschatz vermitteln der ihm „in allen Verhältnissen des Lebens zum Trost und zur Freude“ dienen und „schlechte und sittenverderbende Lieder aus dem Volk“ verdrängen sollte.[8]

[...]


[1] Wilhelm von Humboldt, Immediateingabe „Über geistliche Musik“ vom 14. Mai 1809, in Nolte (A), S. 31f

[2] Heise, S. 35

[3] In: Heise, S. 36

[4] Nolte, S. 14

[5] Nolte, S. 34ff

[6] Humboldt in: Nolte, S. 31ff

[7] Verfügung der Kgl Regierung zu Köln vom 11. Januar 1828, die Gesangbildung in den Volksschulen betreffend, in: Nolte, S. 43

[8] Nolte, S. 14

Details

Seiten
12
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656169659
ISBN (Buch)
9783656170075
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191935
Note
Schlagworte
19. Jahrhundert Schule Musikunterricht Lehrplan Gymnasium Humboldt Preußen Bildungsreform Schulmusik Unterricht Musiklehrer Chormusik Geistliche Musik

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