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Der städtische Raum als sportlicher Entfaltungsraum?

Eine Studie zu "Raumqualität" und "Nutzerinteressen" im Rahmen des Projekts "otto motion"

Masterarbeit 2011 88 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Danksagung

Abstracts

0 Einleitung

I Theoretischer Teil

1 Was kann unter Sport verstanden werden?

2 Die individuelle Perspektive des Sportverhaltens
2.1 Die Nutzerinteressen der sportlichen Akteure
2.1.1 Gesundheit und Fitness
2.1.2 Ausdruck, Ästhetik und Gestaltung
2.1.3 Leistung, Wettkampf und Prestige
2.1.4 Spannung, Dramatik und Abenteuer
2.1.5 Miteinander, Geselligkeit, Gemeinschaft und Integration
2.1.6 Spaß und Freude
2.2 Bedingungen der Sportteilnahme
2.2.1 Die biologisch-demographischen Determinanten der Sportteilnahme
2.2.1.1 Das Alter
2.2.1.2 Das Geschlecht
2.2.1.3 Der anthropometrische bzw. konstitutionelle Status
2.2.1.4 Der motorische Zustand
2.2.2 Die sozio-ökonomische Dimension der Sportteilnahme
2.2.2.1 Bildung
2.2.2.2 (Sport-) Sozialisation durch das Umfeld
2.2.2.3 Finanzielle Mittel für Freizeitaktivitäten

3 Der (städtische) Raum und Sport
3.1 Was ist Raum?
3.1.1 Das anthropologische Raumkonzept (Bollnow, 1994) & seine Implikationen für den individuell erlebten Sportraum
3.1.2 Die Soziologie des Raumes nach Löw (2001) & ihre Implikationen für den individuell erlebten Sportraum
3.2 Der Stadtraum als Ermöglichungsraum der sportlichen Aktivität
3.2.1 Die Lesbarmachung des Stadtraumes mit Hilfe des semiotischen 5-Dimensionen Modells (Girmes, 2008)
3.2.2 Das 5-dimensionale Raummodell und der Sportraum
3.2.3 Fragestellungen der Arbeit

II Experimenteller Teil

4 Methodisches Vorgehen
4.1 Die Vorab-Befragung
4.1.1 Das Narrative Einzelinterview
4.1.2 Der offene Fragebogen
4.1.3 Die Itemgenerierung
4.2 Die Hauptbefragung
4.2.1 Vorüberlegungen zur Nutzung des online-Tools
4.2.2 Das Entfalter-Tool
4.2.2.1 Erfassung der Raumnutzerattribute
4.2.2.2 Erhebung der Sportentfaltungspotentiale der Stadt Magdeburg
4.2.2.3 Auswertungsmöglichkeiten des Tools

5 Befragungsergebnisse

6 Zusammenfassung und Interpretation

7 Fazit und Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literatur

Anhang

Abstract (Deutsch)

Sport an sich scheint sinnlos zu sein und ist nur verstehbar durch die aktiven bzw. externen Akteure, die Relevanz herstellen (Heinemann, 2007). Trotzdessen wollen Städte, nicht selten aufgrund von wahrscheinlichen Imagezugewinnen, die Bürger zu mehr körperlicher Aktivität bewegen. Die Absicht dieser Studie ist es den Sport aus zwei Perspektiven zu erkennen. Erstens werden die individuellen sportbezogenen Interessen (z.B. Gesundheit, Abenteuer, Integration) und Bedingungen beziehungsweise Restriktionen (biologisch/demographisch und sozio-ökonomisch) auf der mikrosoziologischen Ebene in der Stadt Magdeburg betrachtet. Zweitens wird der Raum mit seinen Möglichkeiten, aber auch Barrieren in Hinblick auf die Nutzerinteressen untersucht. Das Ziel der Studie ist zu evaluieren, ob der Raum die Interessen der Nutzer befriedigt und zu mehr sportlicher Aktivität animiert. Um dies zu erreichen wird ein semiotisches Modell genutzt, das aus fünf Dimensionen besteht: Raumgestalt, Raumgehalt, Umgangsweise im Raum, Raumimpuls und Rauminszenierung (Girmes, 2008). Die Untersuchung zielt ausschließlich auf den individuell erlebten Sportraum. Die modellgestützte Umfrage besteht dabei aus drei Fragekategorien: 1. Wie charakterisiert sich der Bürger auch im Bezug zum sportlichen Engagement? 2. Wie wird die Sportumgebung in Magdeburg empfunden? 3. Inwieweit stellt der Sportraum Magdeburg angemessene Settings her, die sportliche Entfaltung ermöglichen? Das genutzte Raummodell wurde für den Sportbereich angepasst und dann den Bürgern Magdeburgs für einen Zeitraum von vier Wochen zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse enthüllen potentielle Aufgaben für die Stadt und seine Industrie.

Abstract (English)

Sport seems senseless and is alive due to the fact that participants and also external actors construct relevance (Heinemann, 2007). Despite this fact, cities want to increase the involvement level of their citizens, because of various reasons (e.g. image). The purpose of this study is to unveil the sport from two perspectives. First, the individual sport related-interests (health, adventure, integration, etc.) and terms and restrictions (biological/demographic and socio-economic determinants) are considered on a micro-sociological level in the city of Magdeburg, Germany. The second step consists of an analysis of the space that offers possibilities, but also generates barriers with regard to the interests of sport users. The aim of the study is to evaluate whether the space covers the needs of the population in a proper way and encourages them to involve more in sport-oriented activities. To identify the space a semiotic model was used, which consists of five dimensions: design, content, intercourse, impulse, and orchestration (Girmes, 2008). The research focuses on the individually perceived sport space. In this relation the model-based survey contains three categories: 1.What kind of category does the person represent in relation to sports involvement? 2. How is sport perceived by individuals in Magdeburg?

3. How well does Magdeburg sport environment provide the appropriate possibilities unfold? The model was adjusted to the sport space model in an online tool and the survey was available to the respondents for four weeks. The results reveal potential tasks for the city and its industry.

0 Einleitung

Die Attraktivität einer Stadt zeichnet sich vor allem dadurch aus, wie gut es ihr gelingt ein positiv konnotiertes „City-Image“ zu generieren, welches sowohl nach innen als auch nach außen durch Heterogenität im Dschungel von ständig neu hervortretenden homogenen Städten glänzt (vgl. Löw et al. 2007). Eine lokale Identität, so schreiben Bette und Schimank (2006), die sich verstärkt durch sportive Charakteristika auszeichnet, scheint insofern vorteilhaft, als sie sich mit sportiven Attributen schmückt, die Agilität, Aufregung, Jugendlichkeit usw. implizieren.

Auch die Hauptstadt des Landes Sachsen-Anhalt, Magdeburg, möchte in diesem Sinne mehr Bürger für den Sport im urbanen Raum begeistern. Zu diesem Zweck werden gegenwärtig Bemühungen unternommen eine Kooperation zwischen der Universität Magdeburg als wissenschaftliche Institution und der Stadt Magdeburg als Setting-Provider in die Wege zu

leiten. Die Projektgruppe „otto-motion“, bestehend aus verschiedenen Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachbereiche, soll unter anderem, so der Grundgedanke, nach Abschluss der administrativen Gespräche relevante Ergebnisse liefern, die zur Unterstützung der sportentwicklungstechnischen Aktivitätsplanung dienen. Dabei soll es auch darum gehen, welchen Bedarf die Magdeburger Bevölkerung als Nutznießer in Hinblick auf die Sportteilnahme hat. Folglich müssen alle Gruppen, die im urbanen Raum leben, hinsichtlich ihrer spezifischen Interessen berücksichtigt werden.

In diesen Rahmen schiebt sich die hier vorliegende Arbeit als beschreibende, explorative Vorstudie ein (Bortz und Döring, 2006, S. 11). Sie versucht,

im Gegensatz zu vorangegangenen Untersuchungen (z.B. Göttinger Sportentwicklungsbericht, 1996) neben den reinen Fakten der Sportteilnahme, wie Sportpräferenzen und teilweise infrastrukturellen Gesichtspunkten auch zu erfahren, wie sich der Bürger im Magdeburger Sportraum fühlt. Dafür ist es essentiell speziell nach der sportiven Raumqualität zu fragen, welche als Referenzpunkt für die Interessen der Nutzer gilt und für entsprechende Entfaltungsmöglichkeiten mitverantwortlich ist (vgl. Girmes, 2008).

Die Ziele der Arbeit lassen sich damit klar festsetzen. Primär sollen Erkenntnisse dazu gewonnen werden, welche der sechs vorgeschlagenen und im theoretischen Teil explizierten Nutzerinteressen (z.B. Gesundheit oder Gemeinschaft) die Magdeburger hinsichtlich der Sportpartizipation bevorzugen, und wie sie diese im Raum der Stadt reproduziert sehen. Sekundäres Ziel ist es zu erkunden, wie sich die Magdeburger, auch in Hinblick auf sportliche Merkmale, einschätzen.

Um die eben dargestellten Ziele zu erreichen, werden im Theorieteil mehrere zielführende Ansätze zu einem hypothetischen Modell zusammengefügt. Nach einführenden, generellen Gedanken über den Sport wird in diesem Kontext insbesondere auf die Literatur von Kurz (1986), Dieckert und Wopp (2002) und Heinemann (2007) zurückgegriffen, welche sich mit den Interessen des Sportverhaltens beschäftigen. Die theoretisch zu erläuternden Ideen von Lindenberg (1985) geben nachfolgend einen konzeptionellen Ansatz für mögliche Bedingungen, aber auch Restriktionen, die mit dem sportlichen Engagement zusammenhängen. Den letzten Baustein des Theoriemodells bildet das 5-dimensionale semiotisch-symbolische Raummodell, welches von Girmes (2008) auch auf der Basis vorhergehender Konzeptionen entworfen wurde und den Raum mittels verschiedener Raumvariablen lesbar macht.

Der darauf folgende experimentelle Part der Arbeit teilt sich im Sinne der Zielstellung in zwei Bereich auf. Zunächst wird beschrieben, wie anhand einer narrativen Befragung die raumbezogenen Fragebogenitems generiert wurden, die für die online-Umfrage genutzt wurden. Darauf aufbauend wird die Konstruktion des online-Fragebogentools (Entfalter-Tool) dargestellt, welches in der Stadt Magdeburg über eine Periode von vier Wochen theoretisch jedem Bürger zur Verfügung stand. Die Darstellung der Befragungsresultate mit einer anschließenden Interpretation bzw. Diskussion folgen, bevor im letzten Teil einige wissenschaftliche und praktische Empfehlungen gegeben werden.

Die Arbeit hat trotz des umfassenden Ansatzes nicht den Anspruch auf Lückenlosigkeit. Aufgrund kapazitärer, aber auch ökonomischer Begrenzungen bleiben Aspekte ausgeklammert, die sich im Detail mit einzelnen, spezifischen Bevölkerungsgruppen oder Minderheiten auseinandersetzen. Weiterhin wird es nicht möglich sein das bisher bestehende Erkenntnis-Gap zwischen den einzelnen individuellen Merkmalen und der Raumqualität in Bezug auf die tatsächliche sportliche Partizipation komplett zufriedenstellend zu füllen.

Die Studie ist demzufolge nur ein initiierender Ansatz, der beschreibt, wie mit dem Thema der Raumentfaltungsqualität im Bezug zum Sportverhalten umgegangen werden kann und generiert Ideen auch für zukünftige Vorhaben.

I Theoretischer Teil

1 Was kann unter Sport verstanden werden?

Sport ist Sport und es scheint in Anbetracht des massenhaften Konsums, in welcher Form auch immer, recht klar zu sein, was mit dem Terminus Sport gemeint ist. So resümiert auch Fendrich zu Beginn des letzten Jahrhunderts, dass jeder unbefangene Mensch weiß, was unter Sport zu verstehen ist (vgl. Court, 2001, S. 35). An diesem Punkt sei jedoch auf ein Gedankenexperiment, das Heinemann (2007, S. 11) inszeniert, hingewiesen, welches die scheinbare Trivialität der begrifflichen Fassung in Frage stellt. Gesetzt den Fall ein Wesen aus einer anderen Welt würde einen Blick auf die Erde werfen, und dort Menschen auf einer Art Kreisbahn sehen, die infolge eines lauten Knalls wie angestochen loshasten, um eben an der gleichen Stelle von der sie gestartet sind, wieder anzukommen. Es könnte aber auch Personen beobachten, die in kleinen Gruppen einfach nur seltsam anmutende Dinge in die Luft recken und dabei eine rötliche Gesichtsfarbe annehmen. Wie würden wir nun versuchen diesem Fremdling zu erklären, was wir da eigentlich tun, da der Begriff Sport und seine scheinbaren Implikationen ihm nicht bekannt sind und wir aus seiner Perspektive etwas ausgesprochen Unproduktives und damit Sinnloses tun?

Dieses Wesen, welches in den vorangegangenen Darstellungen fremdartig anmutet und mit Sport nichts anfangen kann, ist jedoch in jedem enthalten, da sich Sport nicht aus sich heraus ergibt, sondern „[…] je nach Perspektive unterschiedlich wahrgenommen wird“ (Heinemann, 2007, S. 12). So können sportliche Aktivitäten für den einen im Erzielen von Höchstleistungen liegen, wobei andere dem wöchentlichen Spaziergang sportive Züge beimessen. Das Eigentliche des Sports, was ihn im gesellschaftlichen Raum von anderen Bereichen abgrenzt, ist nicht direkt beobachtbar, sondern geprägt von dem, was laut Kant in den Begriff hineingelegt bzw. hineinkonstruiert wird (zitiert nach von Foerster, 2008). So erhält auch die sportliche Handlung ihre Eigenart durch Bedeutungszumessungen im Unterschied zu anderen Aktivitäten (vgl. Röthig, 1992, S. 421). Diese Bedeutungsdimensionen haben sich im Laufe der modernen Entwicklung des Sports vermehrt, da jenem Bereich immer mehr Funktionen und Sinnbezüge im individuellen, aber auch gesellschaftlichen Umfeld beigeordnet werden (vgl. Peters und Roth, 2006, S. 26). Die daraus resultierende und stetig anwachsende „Heterogenität der sportlichen Semantik“ (Cachay und Thiel, 2000, S. 11) führt dabei zu dem vermeintlichen Problem, dass es keine Definition geben kann, die weit genug gefasst ist, um alles angemessen zu erfassen und die gleichzeitig auch nichts mehr ausschließen kann (vgl. Heinemann, 2007, S. 55).

Infolgedessen hat es auch der DOSB, als höchste Instanz der sportlichen Organisation in Deutschland, aufgegeben eine allgemeingültige Definition von Sport auf den Weg zu bringen (vgl. Cachay und Thiel, 2000, S 12). Ebenso weist die nationale und internationale Journalszene eine ähnliche Sprachlosigkeit bezüglich des Sportbegriffs auf. Die „Zeitschrift für Sport und Gesellschaft“ sowie das „European Journal for Sport and Society“ haben seit ihren Erstausgaben im Jahr 2004 keinen einzigen Artikel diesem Problem gewidmet. Dazu kommt, dass auch die drei renommiertesten sportsoziologischen Zeitschriften „International Review for the Sociology of Sport“, „Sociology of Sport Journal“ und „Journal of Sport and Social Issues“ seit mindestens zehn Jahren nicht mit einer definitorischen Umschreibung des Sportterminus beschäftigt waren.

Sport kann und soll in Anbetracht dessen in den folgenden Ausführungen als ein soziales Konstrukt verstanden werden, dass sich einer definitorischen Präzisierung verschließt (vgl. Güldenpfennig, 1996, S. 18). Volkamer (1984) bringt dies in seiner Schrift um den Sportbegriff auf den Punkt, wenn er sagt: „Man sollte in Zukunft auf den Versuch einer Definition verzichten, da sie wissenschaftlich belanglos ist“.

Im Sinne der vorliegenden Thematik der Arbeit soll es, trotz des zunächst einmal unbefriedigend erscheinen Sachverhaltes, gelingen den Sport auf zweierlei Weise zu erkennen. Eingangs wird es darum gehen, was das Individuum oder der gesellschaftliche Akteur im Sport sucht und welchen individuellen Bedingungen respektive Restriktionen er hinsichtlich der Sport-teilnahme unterliegt. Anschließend wird dann der Sport im städtischen Raum, mittels eines semiotisch-symbolischen Ansatzes aufgeschlossen. In der Essenz soll dabei ein Modell entstehen, welches das Sportverhalten hinsichtlich seiner Einflussfaktoren darstellt.

2 Die individuelle Perspektive des Sportverhaltens

Im primaren Schritt der Analyse des Sports im urbanen Raum wird der Zugang über das mikrosoziologische Theoriekonstrukt genutzt, welches nahezu ausschließlich den Akteur und dessen Handeln (vgl. Esser, 1993, S. 112) in den Blick von gesellschaftlichen Produktionsprozessen nimmt. Der Mensch handelt aus sich heraus und löst damit Strukturgenerierung aus. Dabei soll eingangs festgesetzt werden, dass jener Erschaffungsvorgang ein konkretes Resultat von Einschätzungen und Bewertungen ist, die in keinem objektiven Sinne wahr oder wirklich sind, sondern „Erfindungen“ von Individuen entspringen (vgl. Watzlawick, 2008, S. 90). Der Konstruktivist von Foerster (1998, S. 16) sagt dazu: „[…] alles sind konstruierte Relationen“ und was die Menschen aus den Dingen machen, ist lediglich die Kompetenz von Errechnung des Inputs aus der Umwelt. Auch Turner (2010, S. 275) spricht im Kontext mit Bedeutungs-attribuierungen davon, dass sie „own creation“ sind und im gesellschaftlichen Raum auch Initiatoren von Prozessen darstellen. Auf der Basis des Akteurs sollen im Folgenden zwei Sachverhalte in Bezug zur Sportpartizipation geklärt werden. Erstens wollen die vom Individuum konstruierten Nutzerinteressen, die den Sport für die Menschen attraktiv machen, erkannt und beschrieben werden. Zweitens wird es darum gehen zu erkennen, welche individuellen Bedingungen einen Einfluss auf die Sportteilnahme haben können.

2.1 Die Nutzerinteressen der sportlichen Akteure

In Hinblick auf die Richtung der konstruierten Nutzenbeimessung gibt es eine Reihe von theoretischen Erklärungen, wie z.B. das aus dem Wirtschaftsbereich kommende, aber auch im soziologischen Kanon verwendete „Ökonomische Programm der Soziologie“ (Heinemann, 2007, S. 28), welches Handeln, als Folge von Beurteilung immer darauf ausgerichtet sieht, dass Ziele erreicht und/oder Werte erlangt werden sollen. Treibel (2004, S. 131) beschreibt es prägnant, in dem sie meint, dass dieser Ansatz den Menschen primär als kühlen Kalkulator von konstruierten Nutzendimensionen beschreibt. In seinem Paper über die sogenannte „Rational Choice Theory“ wird Simon (1955) konkreter:

„[…] man has a well-organized and stable system of preferences, and a skill in computation that enables him to calculate, for the alternative course of action that are available to him, which of these will permit him to reach the highest attainable point of his preference scale”.

Anhand dieser Feststellung ist davon auszugehen, dass (individuell) generelle, primäre Zielorientierungen bzw. Wünsche existieren, die sich, so die Annahme des Autors, auch im Sport reproduzieren lassen und den Menschen dazu anregen aktiv zu werden bzw. ihn motivieren bestimmten Gehalten des Sports nachzueifern. In der Literatur lassen sich, bezüglich dieser Nutzeninteressen in verschiedenen Ansätzen, sechs bis acht Sinnbezirke finden, die Menschen zur Sportteilnahme anregen (vgl. z.B. Kurz, 1986; Dieckert und Wopp, 2002; Heinemann, 2007). In der vorliegenden Arbeit wurden jene Konzepte so integriert, dass eine Repräsentation der Nutzerdimensionen auf sechs Ebenen erfolgen kann. Interessant am Kanon dieser Primärinteressen der Sport-partizipation erscheint die Tatsache, dass, bis auf den traditionellen Leistungs- und Wettkampfsport und damit im Zuge des „erweiterten Sportverständnisses“ (Peters und Roth, 2006, S. 21), alle weiteren Nutzerpräferenzen extrasportlichen Charakter haben und Sport vermehrt als Mittel zum Zweck Sinn erhält (vgl. Gabler, 2002, S. 14). Damit wird der Sport durch das Individuum vielmals instrumentalisiert, um extrasportiven Sinnebenen nachzukommen (vgl. Güldenpfennig, 1996, S. 05).

Das folgende Sextett ist nicht hierarchisch oder irgendwie anders geordnet, da es generelle Nutzendimensionen von Individuen hinsichtlich ihrer sportlichen Teilnahme eruiert, welche von Person zu Person verschieden stark attribuiert werden.

2.1.1 Gesundheit und Fitness

Eine Vielzahl von Studien belegt derzeitig den potenziellen Nutzen des Sports in Bezug zu adäquater Fitness für die Erhaltung sowie auch Wiederherstellung der Gesundheit (vgl. Lampert et al., 2005). Woll und Bös (2002, S. 243) untermauern das entstandene effektorientierte Sportverständnis und sprechen so auch von der „health related fitness“. Anhand der demographischen Entwicklung und dem damit verbundenen veränderten Krankheitspanorama werden sportliche Aktivitäten im Sinne der „Wiederentdeckung des Körpers“ (Heinemann, 2007, S. 99) für breite Bevölkerungsgruppen immer wichtiger. In diesem Kontext wird dem Sport, auf Basis empirischer Untersuchungen, zugesprochen die Morbidität und auch die vorzeitige Mortalität einzudämmen (vgl. Knoll et al., S. 84). Dieses Nutzenmoment wird derzeitig vor allem von Bürgern mittleren und höheren Alters zur Begründung der Sportteilnahme genannt. Werle (2006, S. 80) meint dazu, dass die durch Sport verbesserbaren bzw. erhaltbaren Fähigkeiten Menschen im hohen Alter befähigen weiter den täglichen Verrichtungen des Lebens nachzukommen, ohne dabei auf externe Hilfe angewiesen zu sein. Im Bereich des Freizeitsports hat sich daher das Thema Gesundheit und Fitness, aber auch die damit assoziierte Jugendlichkeit und Attraktivität als zentrale Sinnrichtung der letzten Jahrzehnte offenbart.

Auch mit dem Hintergrund der sich mehr und mehr auf Leistungsfähigkeit gründenden Gesellschaft dient der gesunde sowie aktive Körper als Existenz-garantie, was der stereotypisierten Nutzendimension Gesundheit in Hinblick auf das Sportengagement eine besondere Stellung einräumt (vgl. Woll und Bös, 2002, S. 242ff.).

2.1.2 Ausdruck, Ästhetik und Gestaltung

Diese Nutzendimension ist klar mit der Kunst im Sinne der körperlichen Artikulation verbunden, die durch den gegenwärtigen, kaum zu bremsenden Gebrauch von neu-medialen Kommunikationsmitteln auf ein Minimum reduziert ist. Der Sport kann dahingehend Stimmungen, Gefühle und Gedanken zur Entfaltung bringen, die über technische Hilfsmittel, aber auch über den Weg des gesprochenen Wortes nicht ausdrückbar sind. Grupe (1972, S. 3) sagt in diesem Kontext: „Für den Menschen, der Sport treibt, ist er ein Mittel zur menschlichen Entfaltung“. Michels (2002, S. 271) spricht im Kontext von Bewegungen, dann auch von „Ausdrucksbewegungen“, die etwas bedeuten, wobei der Leib als gestaltbares Material bzw. Ausdrucksfläche von inneren Erregungen angesehen werden kann.

„Gebärden, Gesten, Kopf- und Körperbewegungen, Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Blickrichtung, räumliche Nähe und andere nonverbale Äußerungen werden in konkreten Situationen zu ausdruckhaften Signalen einer subjektiven Disposition zur Welt“ (ebd.).

Es geht bei diesem Aspekt zum Zweiten jedoch auch um den Ausdruck gegenüber anderen, die die normal unnütze Bewegung als schön, sensationell, außergewöhnlich und beeindruckend erfahren sollen (vgl. Kurz, 1986, S. 48). Die ursprünglich sportliche Bewegung wird dann eher zur dramaturgischen und präsentativen Ästhetik. Der Hintergrund dieser Sinnzuschreibung ist vor allem in einer generellen „Ästhetisierung des Alltagslebens“ (Michels, 2002, S. 272ff.) zu sehen, bei dem die Realität selbst schon als inszenierte Bühne wahrgenommen werden kann.

2.1.3 Leistung, Wettkampf und Prestige

Das Interesse an der einzigen „intrasportiven“ (Güldenpfennig, 1996, S. 84) Nutzendimension des Sports geht primär mit der Erbringung von hohen körperlichen Leistungen einher, die insbesondere im Hochleistungssektor gefordert und auch gefördert werden. Dabei sei jedoch zu beachten, dass Leistung und Wettkampf auch intraindividuell bedeutsam sind, solange es Maßstäbe gibt, die gewähren, dass das Erbrachte in Kategorien, wie z.B. schneller und langsamer oder besser und schlechter eingeteilt werden kann. Dementsprechend ist „sportbezogenes Handeln […] fast immer ein Handeln in leistungsthematischen Situationen“ (Kuhlmann, 2002, S. 261), auch wenn es Leistungssport, beruhend auf individuellen Richtschnüren ist. Die Faszination für diese Art der sportlichen Aktivität speist sich vornehmlich aus dem -teilweise aus der Öffentlichkeit erwachsenen- Prestige bzw. Selbstbewusstsein, welches erlangt werden kann, wenn Leistungen vollzogen werden, die einzig und allein vom Individuum abhängig sind. „Je höher die Bedeutung der individuellen Leistung, desto höher ist auch der […] Status“. So lautet die einfache Formel, die Heinemann (2007, S. 244) in diesem Nexus aufstellt. Es ist hier zudem auch der natürliche Drang des Menschen sich ein Abbild zu schaffen, welches auch über zeitliche und lokale Grenzen Bestand hat, das den Menschen antreibt aktiv zu werden. Mit dieser Sinngebung fügt sich der Sportsektor in die immer offensichtlicher werdende Leistungsgesellschaft ein (vgl. Kurz, 1986, S. 49ff.).

2.1.4 Spannung, Dramatik und Abenteuer

Dieser Interessenbereich, der im Sport gerade gegenwärtig aufgesucht wird, geht auf das „menschliche Grundbedürfnis“ (Kurz, 1986, S. 50) nach Spannung und Ungewissheit zurück, welches in unserem heutigen Lebensumfeld kaum noch Erfüllung erfährt. Norbert Elias (1970) zeigt in seiner Publikation „The quest of excitement in unexciting societies“ auf eindrucksvolle Weise, dass sich der Alltag der westlichen Moderne immer mehr formalisiert sowie routinisiert hat und sich damit auch der Spannungsgehalt im monotoner werdenden Lebensvollzügen minimiert hat:

„However, in the more advanced industrial societies of our time, compared with societies at an earlier stage of development, occasions for strong excitement openly expressed have become rarer” (Elias, 1970, S. 31).

Den Grund dafür sieht er in einer immer stärker, effektiver sowie strikter werdenden, zwanghaften Affektkontrolle, die sich vom öffentlichen Bereich auch auf den Freizeitsektor ausbreitet, und so „[…] outbreakes of strong excitement […]“ (ebd.) unwahrscheinlicher machen. In diesem Zusammenhang gleicht ein Tag dem anderen und „[…] nothing new, nothing stirring ever happens“ (ebd. S. 50).

Der emporkommende Wille aktiv in den Verlauf sowie den Ausgang des Lebens einzugreifen und eben auch Spannung und Dramatik zu erleben, sind laut Elias Folgen der oben beschriebenen Entwicklungen.

„Social developments towards greater emotional restraint, however, are apt to go hand in hand with counter-moves towards a relative loosening of restraint” (ebd., S. 31).

Sport in bestimmten Formen kann dem Soziologen zufolge dem Durst nach Spannung, Abenteuer und Dramatik nachkommen, welcher innerhalb der früheren Gesellschaften immer gestillt war (vgl. Elias, 1970, S. 35). Dementsprechend erscheint die prognostizierte Ausweitung des Abenteuer-sports, der immer neue Formen ausbildet, logisch nachvollziehbar (vgl. Kunz, 1986, S. 55). Die Suche nach dem „thrill oder ultimativen Kick“ (Neumann, 2002, S. 235) ist in diesem Kontext besonders bei jüngeren Bevölkerungsgruppen anzutreffen.

2.1.5 Miteinander, Geselligkeit, Gemeinschaft und Integration

Sport ist in vielerlei Hinsicht und für Menschen mit verschiedensten Charakteristiken ein Phänomen, welches Kollektivität als „[…] unverzichtbaren Grundbestandteil des menschlichen Lebens[…]“ fördert und demzufolge

„[…] Lebensqualität ermöglicht“ (Strob, 1999). Da formale Gepflogenheiten nur von marginaler Bedeutung sind, begegnet man sich im Sport anders und lernt andere anders kennen (vgl. Kurz, 1986, S. 51). Ein Grund dafür ist die Äußerung anderer Wesenszüge, die im Unterschied zum alltäglichen Lebensvollzug offenbart werden können. Körperbezogenheit, Bewegungsdrang, Leistungsstreben und die Lust an der Dramatik schaffen eine stärkere Nähe fernab von Konventionen.

Einen zweiten gewichtigen Aspekt innerhalb der Sinnebene Geselligkeit stellt die allgemeingesellschaftliche Individualisierung dar, welche zu verringertem Altruismus unter Menschen führt und in der Folge zu Schwierigkeiten der sozialen Kontaktaufnahme auf Vertrauensbasis gipfelt (vgl. Gebken, 2002,

S. 254). In dieser Hinsicht wirkt der Sport, meist auf Vereins- bzw. Gruppenbasis, als „Gegenreaktion auf bestehende Verhältnisse“ (Bachleitner, 1992, S. 69). Eine zentrale Rolle spielt dabei der Sportklub, der laut Gebken (2002, S. 252) als „Beziehungsnetzwerk“ bezeichnet werden kann und Individuen mit der Gesellschaft in Verbindung bringt. Das emotionale Klima in den jeweiligen Gruppen kann für ein „Wir Gefühl“ sorgen und auch eine gemeinsame affektive Grundstimmung, die in einem „Emotionalem Vereinsimage“ mündet, entstehen lassen (vgl. Heinemann, 2007, S. 105).

Starke Korrelationen zum Gemeinschaftsmotiv im Sport können zur Idee der integrativen Potentiale des Sports, insbesondere in Hinblick auf Migranten, vermutet werden. Im Sinne der Universalität der sportlichen Sprache fühlen sich Ausländer, so die Annahme, über diesen Bereich in die Gesellschaft eingebunden und dazugehörig. Dass die Zahlen jener Aktiven mit fremd-ländischen Wurzeln jedoch sehr gering sind, liegt an einer oftmals sehr hohen Homogenität der Vereine, die sich darin zeigt, dass meist ein affektiv eingeschworenes Kollektiv vorhanden ist, welches für Fremde kaum zugänglich ist (vgl. Heinemann, 2007, S. 204).

2.1.6 Spaß und Freude

Trotz der Tatsache, dass Spaß und Freude als häufigste Begründung für eine Sportaktivität, noch knapp vor dem Gesundheitsmotiv, genannt werden

(vgl. Seidenstücker und Wieland, 1999, S. 18ff), fällt eine adäquate Fassung dieser Dimension sehr schwer. Spaß, Freude, Wohlbefinden und ihre synonymen Empfindungen werden zumeist dann aktiviert, wenn die vorangegangenen und individuell bedeutsamen Nutzerinteressen als befriedigt gelten. Bräutigam (1994, S. 238) sagt dazu, dass Spaß dann empfunden wird, wenn die „Befriedigung und gelungene Einlösung bestimmter Sportmotive“ gewährleistet ist. Im Leistungssport bestimmen z.B. das Leistungs- und Könnenserlebnis den Kern der Spaßorientierung (vgl. Opaschowski, 1994, S. 238). Für andere stellt die Geselligkeit die Quelle des Wohlbefindens dar (vgl. Dieckert, 2002, S. 231).

Spaß kann demnach keine nach außen wirkende Funktion zugesprochen werden und ergibt sich als „gute Folge des Sporttreibens“ (Güldenpfennig, 1996, S. 204). Somit kann er als Korrelat oder Effekt anderer Motive bezeichnet werden.

2.2 Bedingungen der Sportteilnahme

Das Sportverhalten von Individuen ist verständlicherweise nicht nur von den Nutzeninteressen des Einzelnen abhängig, sondern gründet sich zum Zweiten auf innere und äußere Bedingungen, welchen die Menschen gegenüber stehen. Diese nehmen nicht selten eine prädiktive Rolle hinsichtlich der Realisationswahrscheinlichkeit von bestimmten Handlungen in Richtung avancierter Outcomes ein (vgl. Heinemann, 2007, S. 237). Beispielhaft sei hier der in die Jahre gekommene, lange sportabstinente männliche Akteur genannt, der das Interesse hat seinen Gesundheitszustand mittels Sport zu verbessern. Dieser wird sich aufgrund seiner konstitutionellen bzw. altersspezifischen Merkmale usw. wohl kaum dazu entscheiden dieses Ziel mit leistungsbasiertem Kampfsport zu realisieren.

Das von Lindenberg (1985) entwickelte „RREEMM Modell“ soll in diesem Kontext die Basis für alle weiteren Betrachtungen auf der Akteursebene sein, da es den Menschen auch hinsichtlich seiner Eigenwahrnehmung und –bewertung erkennt. Jenes Modell beschreibt den Menschen als „Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating and Maximizing“ (Lindenberg, 1985). Davon ausgehend umreißt Esser (1993, S. 238) den Menschen wie folgt:

„Der Akteur sieht sich Handlungsmöglichkeiten, Opportunitäten bzw. Restriktionen ausgesetzt; er nimmt aus den Alternativen Selektionen vor; er ist dabei findig, kreativ, reflektiert und überlegt, also: resourceful; er hat immer eine Wahl; Selektionen sind über Erwartungen und Bewertungen gesteuert; die Selektion des Handelns aus den Alternativen folgt der Regel der Maximierung”.

Das Konzept integriert die wichtigsten Determinanten auch bezüglich des Sportverhaltens, da es in Rechnung stellt, dass jedes Handeln an Restriktionen [in unserem Fall auch an Bedingungen] geknüpft ist, über die es nach dem Wahrnehmungsprozess zu reflektieren gilt. In Hinblick auf das Sportverhalten sehen Bach und Köhl (1992, S. 166) das Alter und das Geschlecht als Bedingungen für die Wahl der körperlichen Aktivität. Eine Erweiterung jener Faktoren schlägt Heinemann (2007, S. 235) vor, welcher auch ökonomische und soziale Facetten einbezieht.

Diese Betrachtung soll auch die Grundlage des folgenden Vorschlages sein, wobei hier nur ein Bezug zum Individuum hergestellt wird, da die Gegebenheiten des Raumes Thema des zweiten Theoriekomplexes sind.

Tabelle 1 zeigt die zwei Bedingungsdimensionen der Sportpartizipation auf individueller Ebene, welche im nachfolgenden Abschnitt aufgeschlossen werden sollen.

Tab. 1. Bedingungsdimensionen und Subkategorien der Sportpartizipation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der vorgeschlagenen Dimensionierung muss allerdings festgehalten werden, dass es interdimensionale und –kategoriale Zusammenhänge gibt, auf die nicht näher eingegangen werden soll, da sonst die Gefahr des Fokusverlusts droht.

2.2.1 Die biologisch-demographischen Determinanten der Sportteilnahme

Biologisch-demographische Bedingungen, wie Alter, Geschlecht und auch konstitutionelle Merkmale der Sportteilnahme, stellen die am wenigsten beeinflussbaren sportrelevanten Determinanten dar. Im Gegensatz dazu ist der wahrgenommene motorische Zustand nicht zwangsweise an genetische Setzungen gebunden, da er auch von den Aktivitäten des Einzelnen abhängig ist. Inwieweit die einzelnen Kategorien einen Einfluss auf die Wahl zur Teilnahme an sportiven Aktivitäten haben können, wird folgend ausgeführt.

2.2.1.1 Das Alter

Im Zuge der vorliegenden Arbeit soll das chronologische Alter „[…] als Zeitspanne im Leben eines Menschen, die seit seiner Geburt vergangen ist“ (Clemens, 2001, S. 489), betrachtet werden.

Für die erste hier interessierende Alterskategorie, der Adoleszenz, kann laut Piaget und Inhelder (1955, zitiert nach Kesselring, 1988, S. 153) davon ausgegangen werden, dass sich hier der Übergang zu formalen kognitiven Operationen vollzieht und es somit möglich wird abstraktere Denkprozesse in Gang zu setzen. Ein sich daraus indirekt ableitender Punkt ist der, dass Kinder und Jugendliche in dieser Altersstufe zunehmend „[…] die Träger ihres biographischen Selbst“ (Behnken und Zinnecker, 2001) werden und folglich ihrer individuellen Wahrnehmung mehr und mehr nachgehen. Sie sind zwar noch im Kontext der Familie gebunden, lernen jedoch fortschreitend individuelle Rollen als biographische Akteure selbst auszugestalten (ebd.). Jene sich ausformende „soziokulturelle Autonomie“ (Schmidt et al., 2003, S. 44), die sich vor allem im Bereich der Freizeitgestaltung erkennen lässt, macht deutlich, dass die Einschätzungen in Hinblick auf die Sportteilnahme tatsächlich zu großen Teilen individuell vollzogen werden können. Durch das noch flexible Zeitraster von Kindern und Jugendlichen, das sich bis etwa zum 18. Lebensjahr erhält, treiben etwa 40-60% der Mädchen und 60-80% der Jungen aktiv Sport (vgl. WIAD, 1/2001).

Im frühen Erwachsenenalter, welches sich je nach individueller Biographie vom 20. bis zum 39. Lebensjahr erstreckt, kommt es zu tiefen Einschnitten in Zusammenhang mit der persönlichen [sozialen/emotionalen] und beruflichen [professionellen] Entwicklung, die stark mit biographischen Gegebenheiten korrelieren. In jener Phase, in der es zur Übernahme sozialer Rollen kommt, die ihrerseits mit den neu generierten Bedeutungsinhalten des Lebens verkoppelt sind, werden bestehende Sinnzuschreibungen reorganisiert (vgl. Bauer, 1997, S. 61f.). Hinsichtlich der sportiven Partizipation, Wahrnehmung und Erwartung stellt sich somit die Frage, inwieweit jener Bereich als relevant im Verhältnis zu bzw. im Vergleich mit existenzielleren Life-Markern wie Partnerschaft und Beruf betrachtet wird. Hohe Drop-Out-Raten sprechen dahingehend eine eindeutige Sprache (ebd.).

In Anlehnung an Laura E. Berk (2005, S. 670) kennzeichnet das mittlere Erwachsenenalter von etwa 40 bis 59 Jahren die Neudefinition der Lebensstruktur. Diese ist besonders vom sogenannten „empty-nest- Phänomen“, also dem Auszug der Kinder aus dem gemeinsamen Heim geprägt (vgl. Bee, 1996, S. 200). Weiterhin befinden sich Menschen in dieser Lebensphase zumeist auf dem Höhepunkt beruflicher und intellektueller Entwicklung (vgl. Berk, 2005, S. 9). Ersteres Phänomen kann zu einem Gewinn an Freizeit führen, wobei sich auf professioneller Ebene die Verantwortlichkeiten als Folge „kognitiver Kompetenz in vertrauten Kontexten“ (Berk, 2005, S. 692) erweitern. In der Essenz sorgen beide Aspekte kumuliert für eine „[…] greater openess to self […]“ und „[…] increased confidence, self esteem as well as independence […]“ (Bee, 1996, S. 301). Einhergehend stabilisiert sich die eigene Identität und der Wunsch nach persönlicher Befriedigung. In diesem Kontext spielt die Offenheit für neue Erfahrungen eine Rolle und es kommt zur Wiederentdeckung körperlicher Aktivitäten. Diese sind meist altersgemäß und können bis ins hohe Alter betrieben werden (vgl. Faltermaier, Mayring, Saup und Strehmel, 1992, S. 124ff.).

Der Austritt aus dem Berufsleben und der auftretende Verlust von nahestehenden Menschen können als zwei vermehrt zu beobachtende, externe Marker des späten Erwachsenenalters betrachtet werden (vgl. Faltmaier et al., 1992, S. 140ff.). Beide Ereignisse führen in der Konsequenz meist zu einem „Rückgang sozialer Interaktionen“ (Berk, 2005, S. 826). Ältere Menschen streben nach der Entdeckung neuer Rollen und Beziehungen, die Lebenszufriedenheit sichern, aber erst durch adäquate Strukturen ermöglicht werden müssen. In diesem Zusammenhang ließe sich auch das Feld des Sports mit seinen Potentialen verorten.

Zweitens sieht sich der alternde Mensch einem Übergewicht von Abbau-prozessen gegenüber, die durch entsprechende Aufbaumechanismen nicht mehr kompensiert werden können (vgl. Berk, 2005, S. 760). Dahingehend lässt sich der Sport als eine Maßnahme zum „Konstruktiven Altern“ (Faltmaier et al., 1997, S. 153f.) verstehen, von der sich Alternde eine Stabilisation des körperlichen Status erhoffen. Sport, der mit gesundheitlichen Aspekten verbunden ist, sorgt bei Älteren für eine zunehmend steigende Teilnahme.

2.2.1.2 Das Geschlecht

Auch in Hinblick auf das Geschlecht können verschiedene Charakteristika bezugnehmend auf die sportive Teilnahme gekennzeichnet werden. Es lassen sich dabei besonders physiologische Unterschiede von Frauen und Männern hinsichtlich der körperlichen Belastbarkeit eruieren (vgl. Knoll, 1997, S. 108). Wilmore, Costill und Kenney (2008) sprechen dahingehend von erkennbaren Einschränkungen in der kardiovaskulären und kraftspezifischen Leistungs-fähigkeit bei Frauen. Daraus erschließt sich auch die Tendenz, dass Frauen eher technisch kompositorische Aktivitäten bevorzugen, wohingegen Männer Kraft- und Schnelligkeitsdisziplinen präferieren. Die Analyse von Sallis, Zakarian, Hovell und Hofstetter (1996) bestätigt dies, indem sie aufzeigt, dass männliche Jugendliche verstärkt Gewichtheben, Baseball und Basketball ausführen, wobei adoleszente Mädchen Tanz, Aerobic und Gymnastik bevorzugen.

Es sei an jener Stelle jedoch darauf verwiesen, dass die rein biologische Geschlechterzugehörigkeit lediglich einen Faktor der Geschlechterspezifität hinsichtlich bestimmter Verhaltensweisen darstellt. Hartmann-Tews und Combrink (2008, S. 9) sprechen übereinstimmend auch von einer sozial konditionierten Geschlechterrolle. Demzufolge wird in der „Genderforschung“ (Combrink, Rulofs und Hartmann-Tews, 2008, S. 14) davon ausgegangen, dass es ein soziologisches Geschlecht gibt, welches als Outcome bestehender Sozialstrukturen ausgeformt wird. Konsequenterweise hat demnach auch die Sportpartizipation nicht nur primär etwas mit dem biologischen „sex“ (ebd.) zu tun, sondern ergibt sich zudem aus Erwartungen, Deutungsmustern, strukturellen Konstellationen, materiellen Artefakten und Handlungen alltäglicher Interaktionen. Ein Indiz dafür kann in der etwas geringeren Sportteilnahme von Frauen im Vergleich zu Männern abgelesen werden

(vgl. Burrmann, 2006, S. 184).

2.2.1.3 Der anthropometrische bzw. konstitutionelle Status

Nach Hoffman (2006) beschreiben konstitutionelle Merkmale den menschlichen Corpus hinsichtlich Größe, Gewicht und anderer Körper- und Gliederumfänge. Schnabel, Harre und Krug (2008, S. 194) benennen, wie nachstehend dargestellt, fünf Parameter, die in hohem Maße erblich bedingt sind:

1. Körperhöhe,
2. Körpermasse und Relationen zur Körperhöhe,
3. Körpermassenzusammensetzung,
4. Körperproportionen und
5. Körperbautyp.

Die Konstitution bzw. die Anthropometrie können, laut der oben genannten Autoren, Präferenzen hinsichtlich der Sportteilnahme begründen.

Kretschmer schlug (1961) im Hinblick auf generelle Körperbaumodelle eine Typologie vor, die hier lediglich unter rein somatischem Aspekt aufgeführt wird[1].

Tab. 2. Körperbautypen und deren Charakteristiken nach Kretschmer (1961, S. 24ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die dargebotenen Körperbautypen sind meist in Mischformen anzutreffen, bei denen ein Typus dominant erscheint. Mannigfaltige Modelle der sportlichen Leistungsstruktur sehen entsprechende Körperbaumerkmale als „unmittelbare“ Faktoren der Leistung an (Scholl, 1986, S. 20). In vielen Sportarten erscheinen daher anthropometrische Mindestvoraussetzungen sinnvoll und notwendig, um entsprechende Leistungen vollbringen zu können. So dient eine über-durchschnittliche Körpergröße beim Volleyball als Selektionskriterium in oberen Leistungsklassen (vgl. Scholl, 1986, S. 41/55). Norton und Olds (2004,

S. 289ff.) geben in diesem Kontext mannigfaltige Beispiele für konstitutive Voraussetzungen in einzelnen Sportarten. Es sei an diesem Punkt jedoch darauf verwiesen, dass günstige Merkmale hinsichtlich der Anthropometrie kein Garant für hohe Leistungen sind, da die Struktur der sportlichen Leistung immer nur im Zusammenwirken verschiedener Parameter erklärbar ist (ebd.). Weiterhin konnten keine Hinweise auf sportliche Präferenzen hinsichtlich der Konstitution gefunden werden, die Menschen außerhalb des Leistungssektors bzw. in verschiedenen Altersklassen usw. betreffen.

2.2.1.4 Der motorische Zustand

Neben den körperbaulichen Gesichtspunkten besitzt auch der motorische Status prädiktiven Charakter in Beziehung zu sportlicher Partizipation und Perzeption. Dabei geht es vor allem um die [für die Studie interessante] wahrgenommene motorische Funktionsfähigkeit auf der Ebene der informationsorientierten Koordination und der energetisch determinierten Kondition, welche beide durch den Faktor Beweglichkeit Ausformung erhalten können (vgl. Bös und Tittlbach, 2006, S. 308f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Motorische Fähigkeiten nach Bös (1987, S. 94).

Die Koordination beschreibt „[…] die zeitliche, räumliche und kraftmäßige Steuerung einer Einzelbewegung oder komplexer Bewegungsvollzüge […], die entsprechend sensorisch vermittelter Vorgaben oder Ziele zustande kommen“ (Mechling, 2003, S. 93). Die Relevanz der Koordination beschränkt sich in diesem Kontext nicht einzig auf sportliche Bewegungsvollzüge, sondern ist auch für alltagsmotorische Tätigkeiten und nicht automatisierte Arbeitsprozesse begründbar (vgl. Meinel und Schnabel, 2007, S. 212). Die sieben koordinativen Fähigkeiten Rhythmisierungsfähigkeit, Differenzierungsfähigkeit Orientierungsfähigkeit, Kopplungsfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Reaktions-fähigkeit und Umstellungsfähigkeit, die Blume (1978) für den sportlichen Bereich herausstellt, illustrieren jenen Sachverhalt. Sie geben Auskunft darüber, welche Anforderungen auf motorischer Ebene mit welchen Fähigkeiten bewältigbar sind. Trotz der Tatsache, dass diese Modellvorstellung explizit für leistungssportliche Kontexte entwickelt wurde, können auch sportferne Bereiche bearbeitet werden. Die Gleichgewichtsfähigkeit kann z.B. als grundlegende Leistungsvoraussetzung eines Akrobaten angesehen werden, wird aber auch beim alltäglichen Überwinden von Stufen oder Gegenständen benötigt.

In Anlehnung an die vorliegende Arbeit und die durchgeführte Untersuchung lässt sich festhalten, dass die Prozesse der Steuerung und Regelung der Bewegungsfähigkeit bei allen Menschen nach gleichen Gesetzen ablaufen, sich jedoch individuell hinsichtlich Geschwindigkeit, Exaktheit, Differenziertheit, Flexibilität usw. unterscheiden (vgl. Meinel und Schnabel, 2007, S. 214).

Damit können koordinative Performanzen einen Einfluss auf die jeweilige Sportteilnahme haben.

Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit zählen zu den energetisch bedingten Fähigkeiten körperlicher Vollzüge, wobei letztere nur für den Hochleistungs-bereich von Bedeutung ist. Auch sie sind im sportlichen Kontext, je nach Disziplin, Voraussetzungen um ein gewisses Level zu erreichen bzw. überhaupt in eine Sportform einzusteigen (vgl. Scholl, 1986, S. 18). Auf der anderen Seite kann ein wahrgenommenes Defizit auch Motivation zur Verbesserung des Leistungsstandes sein.

[...]


[1] Kretschmer (1961) versuchte in seinem Werk „Körperbau und Charakter“ den entsprechenden Körperbautypen bestimmte Temperamente und Charakterzüge zuzusprechen. Jenes Konzept hielt jedoch keiner unabhängigen empirischen Untersuchung stand und wird auch in der vorliegenden Arbeit nicht tangiert.

Details

Seiten
88
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656268550
ISBN (Buch)
9783656269397
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191993
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Sportwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
sportliche Entfaltung Raum und Sport

Autor

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Titel: Der städtische Raum als sportlicher Entfaltungsraum?