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Die Konzeption des Liebesdiskurses in "La hija de Celestina"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. LA HIJA DE CELESTINA - EINE ZUSAMMENFASSUNG -

3. LIEBE IM MATERIALISTISCHEN DISKURS DES PIKARESKEN ROMANS

4. DIE EINSTELLUNG DER HAUPTCHARAKTERE ZUR LIEBE
4.1 ELENA
4.2 MONTÚFAR
4.3 DON SANCHO DE VILLAFAÑE

5. ERSCHEINUNGSFORMEN DER LIEBE
5.1 VERBLENDETE LIEBE
5.2 KRANKHAFTE LIEBE
5.3 LIEBE ALS KONSUMGUT

6. SCHLUSS

7. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Alonso Jerónimo de Salas Barabadillos La hija de Celestina ist einer der interessantesten pikaresken Romane Spaniens des 17. Jahrhunderts, dessen Inhalt das Leben einer weiblichen Schelmenfigur namens Elena behandelt. Im Zentrum des Geschehens steht Elenas Betrug an einem sehr reichen und einflussreichen Adligen, von dem sie zusammen mit ihren Komplizen in der Stadt Toledo mittels ihrer außerordentlichen Schönheit und ihres schelmischen Talents Diebesgut von hohem Wert erbeutet. Während sie sich mit ihren Begleitern zusammen lange Zeit auf der Flucht befindet, werden die verschiedensten Facetten ihres Lebens und Charakters offenbart. Gleichzeitig verliebt sich jedoch gerade der verheiratete Neffe des betrogenen Adligen in Elena und versucht diese unter allen Umständen zu finden.

Ein äußerst wichtiges und zentrales Thema des Romans ist die dargestellte Liebesthematik und deren Ausgestaltung innerhalb der Beziehungen der Charaktere zueinander. Dabei lassen sich im Roman Liebesdiskurse verschiedener gesellschaftlicher und ethisch-moralischer Ebenen finden, welche sich aufgrund der bestehenden Personenkonstellationen ergeben. Inmitten dieser verschiedenen Liebesdiskurse tritt die Liebe in diversen Formen auf, welche sowohl unmittelbar nebeneinander Bestand haben als auch im Lauf des Romans miteinander verknüpft werden. Einer der markantesten Zusammenhänge der im vorliegenden pikaresken Roman behandelten Liebesthematik ist, dass diese zum einen als typischer Bestandteil einer materialistisch geprägten Grundstruktur des pikaresken Romankonzepts auftritt und zum anderen von dieser direkte Beeinflussung zu erfahren scheint.

Infolgedessen soll in der vorliegenden Untersuchung die Betrachtung und Analyse des Liebesdiskurses von besonderem Interesse sein. Jedoch besitzt diese Arbeit nicht den Anspruch einer lückenlosen Gesamtinterpretation der Liebesthematik, sondern hat vielmehr zum Ziel einen Überblick über den Liebesdiskurs aufzuzeigen und dessen Bedeutung im Roman zu veranschaulichen. Nach einer kurzen Zusammenfassung des Handlungsverlaufs, wird im dritten Kapitel ein spezielles Augenmerk einerseits auf die Bedeutung der Liebe innerhalb des materialistischen Diskurses des Schelmenromans im Allgemeinen gelegt und andererseits die Haltung der Hauptfiguren des Romans gegenüber der Liebe in Kapitel vier analysiert. Zudem sollen die im Roman vorherrschenden Erscheinungsformen der Liebe im fünften Kapitel aufgezeigt und systematisiert werden.

2. LA HIJA DE CELESTINA - EINE ZUSAMMENFASSUNG -

Alles beginnt mit der Ankunft der wunderschönen Elena, deren Liebhaber Montúfar und ihrer Dienerin Méndez in Toledo, wo zur gleichen Zeit ein Maskenball zu Ehren der Hochzeit des Edelmannes und Frauenhelden Don Sancho de Villafañe mit einer aus Toledo stammenden Dame gefeiert wird. In mitten des Geschehens erfährt Elena durch den von ihr betörten und gesprächigen Pagen Antonio des Don Rodrigo de Villafañe, dem äußerst vermögenden Onkel des Don Sancho, die Umstände der Hochzeit und beschließt augenblicklich sich die Gelegenheit einer Bereicherung nicht entgehen zu lassen.

Gemeinsam mit ihren Komplizen, verkleidet als Trauernde, begeben sie sich zu Don Rodrigo, deren Weg Don Sancho kreuzt, welcher lediglich flüchtig Elenas Gesicht erblickt und sofort von ihrer Schönheit besessen ist. Sie täuschen Don Rodrigo mit der Lüge, dass sein Neffe Elena vergewaltigt habe und ergaunern auf diese perfide Weise eine Menge Dublonen. Als Don Sancho tags darauf von seinem Onkel erfährt was in der Nacht geschehen war, bekommt er den Auftrag sich mit seinen Dienern auf die Suche nach den Flüchtigen zu begeben. Tatsächlich können sie die Kutsche auf dem Weg Richtung Madrid ausfindig machen, lassen diese jedoch, nachdem die unbekannte Schöne aus der Kutsche steigt und Don Sancho davon überzeugt ist, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss, weiterziehen.

Besorgt, schließlich doch noch von Don Sancho in Madrid gefasst zu werden, setzen sie ihre Reise weiter nach Burgos fort, lediglich mit dem nötigsten bepackt und als Pilger verkleidet. Da Elena Montúfar allmählich überdrüssig wird, versucht sie zusammen mit Méndez sich ihm zu entledigen, indem sie ihn schwer erkrankt zurücklassen. Da Montúfar unerwartete genest, ergreift er die Möglichkeit sich für den Vertrauensbruch der beiden Frauen zu rächen, indem er sie auf ihrem Weg einholt und sie fälschlicherweise Glauben macht vom Weg abgekommen zu sein. Froh darüber, dass Montúfar nicht nachtragend zu sein scheint, folgen sie ihm in ein entlegenes Waldstück. Dort überwältigt er sie und knebelt die beiden Frauen an Bäume.

Zufälligerweise befindet sich Don Sancho gerade zu jener Zeit auf der Jagd in dieser Gegend und findet die beiden gefesselten Frauen, bevor er ihnen, unterbrochen vom Degengenkampf zweier ihn begleitender Jäger, den Rücken zuwendet. Als er jedoch zu den Bäumen zurückkehrt, sind die beiden Frauen verschwunden, da Montúfar, dem die Notwendigkeit Elenas Schönheit zum Erhalt seiner Lebensgrundlage bewusst wurde, sie just im Moment des Kampfes der beiden Jäger befreite. Nach einer Versöhnung setzen Elena und ihre Gefährten die Reise weiter nach Sevilla fort, da sie befürchten in Burgos erneut auf den Edelmann zu stoßen.

Dort genießen sie Tag für Tag mehr Bewunderung und höheres Ansehen unter der Bevölkerung, da sich Montúfar als falscher Apostel auszugeben wusste und ihnen damit einen Ruf moralischer Unfehlbarkeit verschaffte. Jedoch fliegt der Schwindel einige Zeit später auf und kostet Méndez letztlich das Leben. Nachdem die Zeit den Aufruhr der Bevölkerung besänftigte, begeben sich Elena und Montúfar nach Madrid, heiraten und führen ein Leben im Wohlstand. Doch obwohl Montúfar Elenas Prostitution duldet, da er stets darauf bedacht ist ihren beider Reichtum zu vermehren, erweckt einer ihrer Liebhaber seine Eifersucht. Schließlich wird Montúfar gerade von jenem Liebhaber erstochen, nachdem Elenas Versuch ihn zu vergiften scheiterte. Sowohl der Liebhaber als auch Elena werden daraufhin zum Tode verurteilt.

3. LIEBE IM MATERIALISTISCHEN DISKURS DES PIKARESKEN ROMANS

Die Quelle des pikaresken Romans entspringt in Spanien zu Zeiten des Siglo de Oro. Jene Epoche, deren Beginn zeitlich etwa in die Mitte des 16. Jahrhunderts einzuordnen ist und einen Übergang der Renaissance zum Barock kategorisiert, repräsentiert die Blütezeit spanischer Kunst und Kultur sowie besonderer politischer Macht Spaniens in Europa. Nichtsdestotrotz zeichneten sich bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts schwerwiegende Konfliktströme innerhalb des Staates und der Gesellschaft ab. Sowohl eine hohe Staatsverschuldung, die unweigerlich zu hoher Arbeitslosigkeit großer Bevölkerungsschichten führte, als auch eine Schwächung der römisch-katholischen Lehre, repräsentierten hinter der Fassade einer herrschaftlichen Pracht, die auch in der Literatur vorherrschte, die Realität.1

Als direkte Folge etablierte sich innerhalb der Bevölkerung ein Gefühl der Ungültigkeit des vorherrschenden Wertesystems, welches sich merklich auch in der Literatur manifestierte. Kinzkofer vertritt hierzu die Meinung, dass der pikareske Roman als eine Art „Anti-Romanze“ aufgrund der dargelegten Diskrepanz zwischen herrschendem Wertesystem und Realität entstand.

Das Auftreten der spanischen Pikareske in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts scheint einer didaktischen Entwicklungslogik literarischer Traditionslinien zu folgen. Sämtliche Gattungsmerkmale der novela picaresca konkretisieren sich nämlich als die genaue Inversion einer Schreibweise, die im ausgehenden Mittelalter, in Renaissance und Barock im europäischen Raum dominierte und als 'Romanze' im weitesten Sinne bezeichnet werden kann.2

Kinzkofer verbindet innerhalb ihrer definierten Gattung der 'Romanze' die literarischen Traditionen mittelalterlicher höfischer Literatur des Ritter-, Liebes- und Schäferromans miteinander, die primär den Eindruck des feinen Lebens, der höfisch-ethischen Werte sowie Verhaltensweisen transportieren. Jedoch geriet diese realitätsferne und realitätsverzerrende Darstellung bedingt durch die herrschenden soziokulturellen Verhältnisse stetig weiter in Misskredit.3 Gerade auch im pikaresken Roman wurde jener Unzufriedenheit Ausdruck verliehen und die bestehenden Missstände angeprangert, indem nicht mehr die vornehme Welt des Adels, sondern die der Schelme, Gauner und Prostituierten im Mittelpunkt des Geschehens stehen.

Die zentrale Figur der novela picaresca, deren Tradition mit dem 1554 anonym veröffentlichten Lazarillo de Tormes begann, stellt regelmäßig der pícaro dar. Ein Schelm der niederen Gesellschaftsebenen, den Guillén folgendermaßen charakterisiert:

Der Pikaro vereinigt in sich den Abenteurer, den Schalk und den Habenichts, geht aber gleichzeitig über sie hinaus. Er besteht nicht nur aus picardía, aus der Gerissenheit des Gauners, der sich mit Pfiffigkeit durchs Leben schlägt und, wenn möglich, gerade noch vor dem Verbrechen haltmacht. List und Tücke dienen ihm nur als Angriffswaffen. Zur Verteidigung dient seine heitere Gelassenheit.4

In den darauffolgenden Jahrzehnten erblickten viele weitere Schelmenfiguren das Licht der Welt, bis schließlich mit dem Erscheinen der Pícara Justina 1605, eine Frau als Hauptfigur den bisher männlichen Schelm erstmals ersetzte: “Durante el Siglo de Oro español la mujer comenzó adquirir forma literaria como protagonista exclusiva [...].“5 Die Gegenbestrebungen zur Romanzenliteratur hatte somit auch eine grundlegende Umkehrung des Frauenbildes zur Folge. Moralische Unfehlbarkeit und körperliche Schönheit zeichneten noch die romanzenhafte Vorstellung einer vollkommenen Dame aus, deren Qualitäten nun jedoch einem pikarischen Charakter weichen mussten. Dabei ist die Darstellung der Lebensgeschichte sowohl beim Schelm als auch bei der Schelmin weitgehend identisch und zeigt gemeinsame Eigenheiten und Veranlagungen. Dabei stellen List und Berechnung beispielsweise Eigenschaften dar, die sie beide im gleichen Ausmaß besitzen. Sie haben weder Skrupel, noch empfinden sie Mitleid gegenüber denen, die in ihre Schurkerei verwickelt sind.

Die markanteste Gemeinsamkeit beider scheint indes der Beweggrund ihres niederträchtigen Verhaltens zu sein, der sich einzig und allein an deren Habgier orientiert. Um diese Gelüste zu befriedigen bedient sich die Schelmin stets ihres scheinbar angeborenen und ausgefeilten Scharfsinns und ihrer körperlichen Schönheit, die sie in Perfektion auszuspielen versteht.

[...] una o varias mujeres protagonizan historias donde, con amplio grado de libertad, y recurriendo siempre a su belleza e ingenio, buscan mejorar su sitación socioeconómica, actuando generalmente al margen de la moral imperante.6

Das konkrete Ziel ist für sie dabei das Erjagen eines reichen Mannes, der sich einfach und mit wenig Zärtlichkeit sowie Hingabe betören lässt, um ihm nur mit dem Mindesten an Zuwendung die größtmöglichen Geschenke und finanziellen Beigaben zu entlocken.7 “[...] las pícaras [...] eran conscientes del poder de sus encantos, y de ellos se servían para lograr sus fines.“8 Die Schelmin ist überdies von einem derartig materialistischen Begehren getrieben, dass sie keiner günstigen Gelegenheit oder lockenden Versuchung einer Bereicherung widerstehen kann. Mangels ihrer gewissenslosen Unverfrorenheit schreckt sie vor keinerlei schändlicher Tat zurück. Dabei ist ihr wohl bewusst, wie zwingend notwendig es ist nach außen hin sittsam und fromm zu leben und eine vorzeigbare Reputation inne zu haben, denn nur so ist es ihr möglich auch wirklich an diejenigen Männer zu gelangen, deren finanzielle Situation aussichtsreich und lohnend ist.

Ein äußerst zentrales Thema innerhalb des materialistischen Diskurses der novela picaresca bildet die Abhandlung der Liebesthematik. „Pikarisches Lieben scheint gänzlich infiziert von einem allumfassenden Materialismus, bedeutet bloß sinnliches Begehren, propagiert das gemachte Geschäft der Prostitution und Kupplerei.“9 Noch zu Zeiten der Ritter-, Schäfer- und Liebesromanen im ausgehenden 15. und beginnenden 16.

[...]


1 Vgl. Bauer, Matthias: Der Schelmenroman. Stuttgart: Metzler 1994, S. 32 ff.

2 Kinzkofer, Alexandra: Der Schelmenroman als Anti-Romanze: Frauenbild und Liebesthema, München: m- press 2003, S. 8 [Hervorhebung im Original].

3 Vgl. ebd., S. 8 ff.

4 Guillén, Claudio: „Zur Frage der Begriffsbestimmung des Pikaresken“, in: Heidenreich, Helmut (Hg.): Pikarische Welt: Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969, S. 380 [Hervorhebung im Original].

5 Calzón García, José / Pernández Rodriguez, Natalia: “Entre la transgresiyn y la norma: pícaras y pecadoras penitentes en la narrativa española del Siglo de Oro”, In: Archivum 56, 2006, S. 68.

6 Calzyn García, José / Pernández Rodriguez, Natalia: “Entre la transgresiyn y la norma: pícaras y pecadoras penitentes en la narrativa española del Siglo de Oro”, In: Archivum 56, 2006, S. 73.

7 Vgl. Praag, Jonas Andries van: „Die Schelmin in der spanischen Literatur“, in: Heidenreich, Helmut (Hg.): Pikarische Welt: Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1936, S. 151 ff.

8 Calzyn García, José / Pernández Rodriguez, Natalia: “Entre la transgresiyn y la norma: pícaras y pecadoras penitentes en la narrativa española del Siglo de Oro”, In: Archivum 56, 2006, S. 83.

9 Kinzkofer, Alexandra: Der Schelmenroman als Anti-Romanze: Frauenbild und Liebesthema, München: m- press 2003, S. 56.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656169406
ISBN (Buch)
9783656170037
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192068
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Romanische Sprachen und Literaturen
Note
1,3
Schlagworte
Celestina pícara novela picaresca Siglo de Oro Schelmenroman Schelmin 17. Jahrhundert

Autor

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