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Besonderheiten beim Übersetzen von Phraseologismen zwischen dem Deutschen und Russischen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Phraseologismen
2.1 Merkmale
2.2 Klassifikation
2.2.1 Kollokationen
2.2.2 Routinenformen
2.2.3 Sprichwörter
2.2.4 Geflügelte Worte

3. Übersetzungsvoraussetzungen

4. Übersetzungsmöglichkeiten
4.1 Totale Äquivalenz
4.2 Gleiche Bedeutung bei abweichender Form
4.3 Divergenzen
4.4 Paronyme (falsche Freunde)

5. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Sprichwörter, Volksweißheiten, geflügelte Worte und andere phraseologische Verbindungen sind jeder Sprache eigen, machen diese Sprache lebendig und schön, zeigen wie die Sprache sich entwickelt hat - durch Kultur und Geschichte geprägt. Oft werden sie von uns (Muttersprachler) übersehen, oft bringen sie uns zum lachen, lassen uns nachdenken, woher sie kommen oder wie sie entstanden sind. Meistens werden Phraseologismen aber unbewusst verwendet, solange es um die eigene Spra- che geht. Die Nichtmuttersprachler dagegen haben oft damit zu kämpfen, z.B. Sprichwörter in einer fremden Sprache richtig zu verstehen und anzuwenden. Zu ei- nem richtigen Problem kann das werden, wenn man sich auf dem beruflichen Werde- gang für das professionelle Übersetzen entschieden hat. Ist es immer möglich, ein Sprichwort oder eine Volksweißheit richtig in die Zielsprache zu übertragen, ohne dass das Wesentliche dabei verloren geht? Was für Schwierigkeiten beim Übersetzen von phraseologischen Einheiten auftreten können, ob und wie diese vermieden wer- den können und welche Strategien hier hilfreich sein könnten - mit diesen Fragen beschäftigen wir uns in der vorliegenden Arbeit. Als ein Forschungsfeld wurde hier die Konstellation Russisch-Deutsch ausgesucht.

Im Kapitel 1. wird das Thema dargestellt und eingeleitet. Im Kapitel 2. beschäfti- gen wir uns mit dem Begriff „Phraseologismen“: in 2.1 werden die Merkmale von Phraseologismen erläutert; in 2.2 sprechen wir über die Klassifikation von Phraseolo- gismen und versuchen die geläufigsten Typen darzustellen (2.2.1-2.2.4). Im Kapitel 3. werden wir versuchen die Frage zu beantworten, was die Übersetzung von phraseolo- gischen Einheiten voraussetzt. Im Kapitel 4. werden wir einige Übersetzungsmög- lichkeiten darstellen und diese mit Beispielen aus russischen und deutschen Sprache verdeutlichen. Unter anderem sprechen wir über Totale Äquivalenz (4.1), über glei- che Bedeutung bei abweichender Form (4.2), über Divergenzen (4.3) und über Paro- nyme (4.4). Im Kapitel 5 werden wir die Ergebnisse zusammenfassen und Schlüsse ziehen. Unter 6. werden die Literaturquellen aufgelistet, die in der vorliegenden Ar- beit zitiert wurden.

2. Phraseologismen

Bevor wir uns mit Phraseologismen und ihren Merkmalen beschäftigen, muss der Begriff Phraseologismus definiert werden. Nach einer Definitionsrecherche haben wir festgestellt, dass es keine einheitliche Definition gibt und die Meinungen darüber weit auseinander gehen. Entschieden haben wir uns für das „Handbuch der Phraseo- logie“ von Harald Burger, Annelies Buhofer und Ambros Sialm. Dieses Buch be- schäftigt sich unter anderem mit Publikationen einiger sowjetischen Sprachwissen- schaftler und ist deswegen extrem interessant für die vorliegende Arbeit. Die in dem Handbuch angegebene Definition lautet:

Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder mehr W ö rtern dann, wenn (1) die W ö rter eine durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verkn ü p fung nicht voll erklärbare Einheit bilden, und wenn (2) die Wortverbindung in der Sprachgemeinschaftähnlich wie ein Lexem, gebräuchlich ist. 1

Zum Vergleich noch eine Definition vom Gladrow:

„ Ein Phraseologismus ist eine analytische Benennung mit mindestens einem Autose- mantikon, die durch das Merkmal der Idiomatizität gekennzeichnet ist. Die Gesamt- bedeutung des Phraseologismus ist durch die Komponenten in ihrer freien wen- dungsexternen Bedeutung nicht direkt motiviert, sondern erfährt eine Umdeutung. Bei verschiedenen Arten von Phraseologismen ist die Idiomatizität in unterschiedli- chem Grade ausgeprägt. “ 2

Aus diesen Definitionen ergeben sich drei Grundmerkmale von Phraseologismen: Mehrgliedrigkeit (Polylexikalität), übertragene Bedeutung und Festigkeit in der Verwendung (Reproduzierbarkeit). Als nächstes versuchen wir diese und weitere Merkmale zu erläutern.

2.1 Merkmale

Wir versuchen einen Überblick über die Merkmale von Phraseologismen zu schaffen. Als erstes fällt natürlich auf, dass phraseologische Einheiten zwar aus meh- reren selbständigen Wörtern bestehen, funktionieren aber als eine lexikalische Einheit diese Eigenschaft wird als Polylexikalität oder Festigkeit bezeichnet. Vor allem wird die strukturelle Festigkeit gemeint, weil die einzelnen Wörter innerhalb einer phraseologischen Einheit nicht ausgetauscht werden können, ohne dass sich die Bedeutung der ganzen Einheit komplett ändert.

Das nächste wichtige Merkmal ist Konnotation - das bedeutet, dass Phraseologismen keine direkte, wörtliche Bedeutung haben, sondern übertragene, abstrakte. Z.B. die Verbindung ins Gra ß bei ß en - bedeutet nicht die Summe der Bedeutungen von ins+ Gra ß +bei ß en, sondern sterben .

Die Gesamtbedeutung, die Bedeutung die sie als lexikalische Einheit haben, ent- spricht nicht der Summe der Bedeutungen der einzelnen W ö rter, aus denen sie beste- hen. Die phraseologische Bedeutung ist verglichen mit der w ö rtlichen Bedeutung der Wortverbindung ein entweder spezielles oder anderes und neues Ganzes. 3

Bei den meisten phraseologischen Verbindungen ergibt die Summe der wörtli- chen Bedeutungen keinen Sinn, schon gar nicht in einem bestimmten Kontext. Diese Konnotation bildet die größte Schwierigkeit für das Übersetzen von Phraseologismen, was wir in weiteren Kapiteln der vorliegenden Arbeit näher untersuchen werden.

Zwei weitere Aspekte möchten wir noch erwähnen, die ebenfalls wichtig für das Übersetzen sind. Viele Phraseologismen haben einen starken kulturell-historischen Hintergrund, das heißt sie sind entstanden in einer konkreten historischen oder kul- turellen Situation. Dieses Merkmal zählt ebenfalls zu den schwierigsten Hindernissen auf dem Weg des Übersetzens - hier gilt im optimalen Fall gute geschichtliche und kulturelle Kenntnisse sammeln, ansonsten tiefgehende Recherchen und Studien. Ein Sonderfall stellt in dieser Kategorie die Bibel dar - obwohl sie ebenfalls zu kultur- geschichtlichen Aspekt zählt und eine der wichtigsten Quellen von phraseologischen Verbindungen darstellt - bleibt sie stark kulturübergreifend und deswegen sind bibli- sche Phraseologismen für viele Kulturen relativ „durchsichtig“.

Als letztes möchten wir noch auf den individuellen Aspekt der Phraseologismen aufmerksam machen. Obwohl Phraseologismen sehr stabile Bedeutungseinheiten bilden, müssen individuelle Schattierungen berücksichtigt werden. Das heißt, dass dieselbe Verbindung in unterschiedlichen Kommunikationssituationen unterschiedli- che Schattierungen haben kann. Hier spielt unter anderem auch die Bildungsnähe oder Bildungsferne (oder Erfahrungshorizont) des Sprechers eine große Rolle. Stellen wir uns vor, eine Person benutzt oft und gerne phraseologische Einheiten, die aus dem biblischen Bereich kommen (z.B. wie in Abrahams Scho ß sitzen). Wir stellen uns gleichzeitig vor, dass diese bestimmte Person (wir bleiben absichtlich bei einem abstrakten konstruierten Beispiel, referieren aber auf die Realität) die Bibel nie gründ- lich durchgelesen hatte. Ob diese Person sich auch aller Hintergründe dieses Sprich- wortes bewusst ist sei dahingestellt, ebenfalls fraglich bleibt in diesem Fall die „kor- rekte“ Anwendung.

Bevor wir unmittelbar zum Vergleich von deutschen und russischen Phraseologismen übergehen, beschäftigen wir uns in dem nächsten Kapitel mit den verschiedenen Arten von phraseologischen Verbindungen.

2.2 Klassifikation

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit Klassifikation, oder besser zu sagen Klassifikationen von Phraseologismen. Die zahlreichen Publikationen zu diesem Thema bieten weder einen einheitlichen Ansatz noch einheitliche Terminologie, deswegen haben wir uns entschieden, einen Überblick über die geläufigsten Arten von Phraseologismen zu schaffen, damit der Fokus der vorliegenden Arbeit auf den Übersetzungsschwierigkeiten bleibt. Deswegen erheben wir keinen Anspruch auf die Vollständigkeit weiter aufgeführten Klassifikationen.

2.2.1 Kollokationen

Burger definiert Kollokationen so: „semantisch zusammenpassende Wortverbindung, bei der ein Element durch ein anderes konkretisiert wird“.4

Charakteristisch ist hier, dass solche Wortverbindungen nur sehr schwach oder gar nicht idiomatisch sind und meistens keine Bildlichkeit und Emotionalität aufweisen. Burger bringt folgende Beispiele: Zähne putzen, Geld abheben, Fragen stellen. Diese Ausdrücke werden im Deutschen sehr oft benutzt und im Vergleich zu möglichen alternativen Formulierungen bevorzugt - erkennbare semantische Gründe lassen sich hier nicht finden. Ebenfalls lässt sich hier bemerken, dass für einen durchschnittlichen Sprecher solche Einheiten nicht, oder nicht mehr, als Phraseologismen sichtbar sind.

2.2.2 Routineformel

Solche Verbindungen werden auch kommunikative Formeln genannt und haben eine bestimmte kommunikative Funktion - sie helfen uns die sehr oft wiederkehrenden Handlungen zu bewältigen. Semantisch gesehen sind sie heterogen. Syntaktisch gesehen haben die meisten von ihnen die wörtliche Bedeutung verloren, haben aber keine neue beschreibende Bedeutung gewonnen.5

Burger unterscheidet folgende Untergruppen:

1. Grußformeln in geschriebenen (Mit freundlichen Gr üß en) und gesprochenen (Gr üß Gott, Mahlzeit) Sprache.
2. Anredeformeln (Herr Bundespräsident, Herr Professor)
3. Gratulationsformeln (Herzlichen Gl ü ckwunsch)
4. Andere Formeln, wie magische Formel, Slogan, Fluch usw.6

2.2.3 Sprichwörter

Diese Gruppe wurde am intensivsten erforscht. Allgemeine Definition lautet feste Satzkonstruktionen mit lehrhaftem Charakter 7

Sprichwörter beziehen sich auf das praktische Leben und sind meistens Aussagen oder Urteile, mit denen eine gegebene Situation erklärt, ein geordnet oder beurteilt wird. Der Sprechende beruht sich dabei auf die „ Volksweis heit “ , d.h. auf die allgemeine Erfahrung, die diese Sätze geprägt hat 8

[...]


1 Burger, Harald/Buhofer, Annelies/Sialm, Ambros: Handbuch der Phraseologie, Walter de Gruyter, Berlin, New York, 1982, S. 1

2 Gladrow, Wolfgang [Hrsg.]: Russisch im Spiegel des Deutschen. Eine Einführung in den russischdeutschen und deutsch-russischen Sprachvergleich. Frankfurt am Main: Lang 1998. S. 289.

3 Burger, Harald/Buhofer, Annelies/Sialm, Ambros: Handbuch der Phraseologie, Walter de Gruyter, Berlin, New York, 1982, S. 3

4 BURGER, Harald. Phraseologie: eine Einführung am Beispiel des Deutschen, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2003, S. 51

5 vgl. Burger 2003, S. 53

6 Vgl. Buurger 2033. S. 53-55

7 Fleischer, Wolfgang, Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1982, S. 80

8 Burger, Harald/Buhofer, Annelies/Sialm, Ambros: Handbuch der Phraseologie, Walter de Gruyter, Berlin, New York, 1982, S. 39

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656170990
ISBN (Buch)
9783656171157
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192118
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsch als Fremdsprache
Note
1,9
Schlagworte
besonderheiten übersetzen phraseologismen deutschen russischen sprichwörter

Autor

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Titel: Besonderheiten beim Übersetzen von Phraseologismen zwischen dem Deutschen und Russischen