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Bitte auf Deutsch!

Über Anglizismen in der deutschen Sprache

Essay 2012 4 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Bitte auf Deutsch!

2004 hat der damalige Bundestagsprӓsident Wolfgang Thierse gefordert, sich wieder stӓrker auf die Muttersprache zu besinnen. Im Jahre 2012 scheint dies leichter gesagt als getan.

Nach meinem einjährigen Aufenthalt als Sprachassistentin in Deutschland, habe ich eine für mich riskante Entscheidung getroffen, alle meinen fünfzehnjährigen Schüler im sozialen Netzwerk „Facebook“ als Kontakte zu akzeptieren. Meine Logik war: ich habe ihnen Englisch beigebracht, jetzt bin ich dran! Nun kӧnnte ich ab und an ihren Status und ihre Kommentare lesen und auf diese Weise mein Deutsch auf den aktuellen Stand bringen. Gefolgt von einem bӧsen Lachen und einem hämischen Händereiben, setzte ich mich an meinen Laptop, um ein wenig „echtes“ Deutsch aus erster Quelle zu erfahren.

Leider laufen die meisten Konversationen in der virtuellen Welt fast immer so ab:

„Hey man, was treibst du heute so, bist du busy?“

„Hey, ich gehe erst mal joggen, downloade dann einen Film und schaue ihn auf meinem Beamer an. Was machst du so Schönes?“

„Ok, nice. Ich trinke gerade einen Kaffee to go, dann fange ich wohl mit meinem Marketing- Essay an. Wollte nur wissen, ob du spӓter zur Party gehst“

Als Englӓnderin, merkt man schon, dass ich nicht viel Neues gelernt habe. Der Grund hierfür: Denglisch.

Meine Schüler „surfen“ das „Internet“ auf ihrem „Laptop“, „liken“ Fotos auf Facebook und „googeln“ information dazu. Sie „chillen“ in ihrer Freizeit, essen „Toast“ und „Ketchup“, bekommen einen „Haircut“ und gehen ins „Fitness Studio“. Anstatt deutsche Alternativen für die Fremdwӧrter zu verwenden oder zu erfinden, werden englische Wӧrter einfach eingedeutscht. Da Deutsch für mich schon eine komplizierte Fremdsprache ist, regte es mich persӧnlich gar nicht auf. Je mehr Anglizismen, desto besser eigentlich. Wichtig aber ist, was die stetige Zunahme von Anglizismen für die Zukunft der deutschen Sprache bedeutet und vor allem, was die Deutschen darüber denken.

Vor kurzem habe ich meine ehemaligen Schüler über Facebook ‚gestalkted‘ und sie gefragt, weshalb sie so gerne Englisch verwenden. Die einen sind sehr begeistert über die Sprache an sich und mӧgen es wie es klingt. Die anderen meinten, dass es einfach so herausrutscht, ohne sich darüber Gedenken zu machen. Nach dem Autor Bastian Sick, dessen Meinung natürlich irgendwann in solch einem Artikel erscheinen muss, seien die deutschen Äquivalente für englische Wӧrter einfach nicht „hip“ oder „trendy“ genug.

Fakt ist jedoch offenbar, dass die Medien eindeutig einen riesigen Einfluss auf die deutsche Sprache haben. Die Deutsche Telekom will uns ihre „Telekom Story“ erzӓhlen. In dem Magazine der Parfümeriekette Douglas, werden die Leserinnen mit „Hi, girls“ und „Hello-you“ angesprochen. Und da heisst etwa, "Du bist hip und absolut hot. Immer unterwegs in der City, beim Clubbing oder Flirten". Via Marketing-Sprache gerieten die neuen Begriffe in die Alltagssprache. Ferner führt der Zustrom von amerikanischen und englischen Fernsehsitcoms zu einem Anstieg englischer Redewendungen in der deutschen Alltagsprache. Ein beliebtes Beispiel ist „true story“, ein von dem Charakter Barney aus der Sitcom „How I met your Mother“ geprägter Begriff. Wer heutzutage Anglizismen verwendet, hat eine höhere soziale Akzeptanz, als jemand, der sie meidet. True story.

Das ist aber nicht nur ein Trend unter Jugendlichen. Etwa 4000 englische Wӧrter beeinhaltet die deutsche Sprache heutzutage. Besonders in der Welt der Wirtschaft stößt man stӓndig auf englische Begriffe. Man geht zu einem „Marketing briefing“, macht ein „Brainstorming“ in einem „Team“ und gibt danach gegenseitiges „Feedback“. Viele deutsche Unternehmen kommunizieren sogar haupsӓchlich auf Englisch. Gerard Stickel, Leiter des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache sagte zu diesem Aspekte: „Wo es um die Wurst geht, wird fast nur noch Englisch gesprochen“. Hat das aber nicht was mit der Selbstdarstellung zu tun? Englisch ist nun mal eben die globale lingua Franca. Wenn eine Firma sich dies zu Nutze macht, ist es oftmals reines Image der internationalen Orientierung, wodurch die Firma als ein wichtiger „global player“ dargestellt wird.

Die Sprachpuristen hingegen, bemühen sich der denglischen Sprache die Tür zu weisen. Insbesondere der Verein Deutsche Sprache (VDS) treibt dies auf die Spitze. Jedes Jahr verleiht der VDS einen Negativpreis für „Sprachschänder“ an Unternehmen aus der Wirtschaft, die ihrer Ansicht nach einen übermӓssiger Gebrauch englischer Begriffe verwenden. Beispielsweise im Jahr 2011 hat der Deutsche Telekom Chef René Obermann einen Preis, für seine Produkte Complete Call Friends, Extreme Playgrounds, Call & Surf Mobile Friends, and Company-Connect erhalten, obwohl die Sprachimporte für den Großteil der jungen Zielgruppe wohl eigentlich klar verständlich waren.

Vielleicht liegt hier eine der Hauptsorgen: Wie der Sprachwandel die Menschen differenziert. Kann es sein, dass Anglizismen die Jüngeren von den Älteren abgrenzen, oder sogar die Reicheren von den Ärmeren? Wenn man beispielsweise einen „Kaffee to go“, anstatt einem „Kaffee zum Mitnehmen“ bestellt, kommuniziert man dann auf diese Weise seine Englischkenntnisse und somit seinen Bildungsstand? Könnte dies eventuell Menschen untereinander abgrenzen, obwohl der durchschnittliche Deutsche unwissentlich vom westafrikanischen Land „Togo“ spricht? Holger Klatter, Repräsentant des VDS, fürchtet, dass zu viele Fremdwӧrter die Menschen in ihrer eigenen Sprache fremd machen können.

Anstatt gegen die Welle zu kämpfen, empfängt Linguistik Professor Anatol Stefanowitsch Anglizismen mit offenen Armen. Stefanowitsch zelebriert die positiven Aspekten des Sprachwandels mit seinem Wettbewerb „Aglizismen des Jahres“. Hier werden die vielen technologischen Begriffe aus der dominierenden Sprache angepriesen. Shitstorm war der Sieger der Nominierung in 2011, eine Bezeichnung für „eine unvorhergesehene, über soziale Netzwerke transportierte Welle der Entrüstung“. Stefanowitsch argumentiert, dass englische Wӧrter den deutschen Wortschatz bereichen. Weiterhin, meinte er dass die Entlehnung von Wӧrter ein natürlicher Prozess sei, der in jeder Sprache stattfindet.

Im Allgemeinen scheint der Kampf von Wolfgang Thierse, dem VDS und vielen weiteren besorgten Linguisten heutzutage futil zu sein. Ist dies nicht ein Anzeichen dafür, dass Deutsch und Englisch anstatt als Konkurrenten eher als Komplementäre verstanden werden sollten? Man muss auch daran erinnern, dass die deutche Sprache sich stӓndig verӓndert und entwickelt, und eine „reines“ Deutsch gab es noch nie. Haupsache ist, das die Menschen ihre Sprache benutzen kӧnnen, um zu kommunizieren, nur wenn sie dies nicht mehr können und dabei in allen Aspekten des Lebens nicht zurechtkommen kӧnnen, muss etwas umgedacht werden. Ausserdem, die Tatsache dass ich jede fünf minute auf google-translate muss, wenn ich ein deutsche Film schaue, ein aktuellen deutsche Novelle lese, oder sogar als ich diesen Artikel geschrieben habe, ist ein guter Anzeichen dafür, dass Deutsch gar nicht so dringend von Denglisch gerettet muss, wie man denkt.

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Details

Seiten
4
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656214847
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192438
Institution / Hochschule
King`s College London
Note
A
Schlagworte
bitte deutsch über anglizismen sprache

Autor

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Titel: Bitte auf Deutsch!