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Familienrat - Eine Interventionsmethode in der Einzelhilfe

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ursprung und Entstehung des Familienrates
2.1 Der Stamm der Maori
2.2 Neuseeland 1989: Der „Children, Young Persons and their Families Act“

3. Das Modell, der Ablauf eines Familienrates
3.1 Zustandekommen, Initiierung
3.2 Teilnehmer
3.3 Phasen
3.4 Der Systemische Ansatz

4. Einordnung der Methode des Familienrates in die Soziale Einzelhilfe
4.1 Fallbeispiel
4.1.1 Fallgeschichte Tina:
4.1.2 Der Familienrat findet statt:
4.2 Exkurs: Familienrat, ein neuer methodischer Ansatz in der Sozialarbeit mit Straffälligen
4.2.1 Hintergrund
4.2.2 Umsetzung

5. Fazit

6. Literatur

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Der Weg zum Familienrat

Abbildung 2: Phasen eines Familienrates

1. Einleitung

Im zweiten Semester lernte ich das Modell „Familienrat“ im Rahmen eines Campus Abend an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen kennen. Heike Hör, die Fachfrau und Referentin aus Stuttgart ist mit unter beteiligt, dieses Modell in Deutschland einzuführen und umzusetzen. Sie ist Mitarbeiterin im Jugendamt Stuttgart und Trainerin für angehende Familienrat-Koordinatoren.

Fasziniert von der Methode „Familienrat“ bekam ich im Rahmen des Moduls Soziale Einzelhilfe die Möglichkeit mich mit dieser Seminararbeit intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Für mich stellte sich die Frage, wie es dazu kommt, dass einer Familie in Deutschland diese Methode zur Problemlösung vorgeschlagen wird.

Zunächst werden in dieser Arbeit die Ursprünge und die Entstehung des Konzeptes Familienrat beleuchtet. In Neuseeland ist die Methode der „Family Group Conference“ – wie sie dort bezeichnet wird – fest im Gesetz verankert. Das Volk der Maori war daran nicht unbeteiligt und hat aufgrund seiner Tradition und Wurzeln einen großen Beitrag zur Reformation des bestehenden Jugendhilfegesetzes geleistet.

Noch ist das Konzept in Deutschland in seinen Grundzügen und wird in einigen Projekten bereits durchgeführt, dennoch konnte ich mit Hilfe ausgewählter Literatur das Zustandekommen eines Familienrates beleuchten. Ebenso werde ich in diesem Kontext auf den Ablauf und die Phasen eines Familienrates eingehen.

Da diese Seminararbeit im Modul Einzelhilfe verfasst wird, stellte sich mir die Frage, ob die Methode des Familienrates dort eingeordnet werden kann. Schließlich geht es dabei um die gesamte Familie und darüber hinaus um ein erweitertes Netzwerk. Dies soll mit Hilfe eines Fallbeispiels erläutert werden.

Desweiteren ist in dieser Seminararbeit ein Exkurs in die Bewährungshilfe aufgeführt, mit dem ich zeigen möchte, dass die Grenzen der klassischen Einzelhilfe bzw. des Hilfeplanverfahrens gelockert sind. Auch in der Bewährungshilfe gibt es Möglichkeiten und Ansätze die Methode des Familienrates durchzuführen.

Abschließen möchte ich meine Seminararbeit mit einer kritischen Reflexion und einem Fazit.

Um ein erleichtertes Lesen zu ermöglichen, wird in dieser Arbeit die männliche Form verwendet, sie schließt jedoch das weibliche Genus mit ein.

2. Ursprung und Entstehung des Familienrates

Zwar findet das Konzept des Familienrates weltweit stetig mehr Anhänger, seinen Ursprung hat es jedoch in Neuseeland. Familienrat oder aber auch „family group conference“ in der internationalen Bezeichnung, ist das Ergebnis eines Widerstandes der Ureinwohner Neuseelands, den Maori, gegenüber der damalig bestehenden Jugendhilfegesetzgebung und -praxis.

Um die Beweggründe des Stammes zu verstehen muss man sich zunächst einen Einblick in ihre Kultur verschaffen.

2.1 Der Stamm der Maori

Kultur und Tradition spielen im Stamm der Maori eine wichtige Rolle. Sie prägen das gesamte Miteinander und spiegeln sich auch im gemeinschaftlichen Umgang.

Das Verständnis von Familie endet bei den Maori nicht an der ursprünglich bekannten „Kernfamilie“ sondern ist erweitert um viele weitere Stammesmitglieder, was im Allgemeinen zu verstehen wäre unter Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen etc. Die Erziehung der Kinder ist Aufgabe und Pflicht aller Stammesmitglieder. Besondere Auchtsamkeit liegt dabei auf dem Wohlergehen jedes Kindes (vgl. Schmidt 2010, S. 17).

Leben Menschen miteinander sind auch Konflikte nicht ausgeschlossen und so haben es sich die Maori zur Tradition gemacht diese gemeinsam zu lösen. Dies könnte man als den Ursprung des Familienrates betrachten.

Dabei spielt nicht eine möglichst schnelle Lösungsfindung eine Rolle, sondern der „Weg“ zur Lösung ist entscheidend. Alle Beteiligten sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Gedanken und Gefühle zum Konflikt äußern zu können und erst wenn ein gemeinsamer Konsens über einen Lösungsweg besteht, darf dieser auch in die Tat umgesetzt werden.

Diese kulturelle Tradition veranlasste die Maori gegen das bis 1989 bestehende Jugendhilfegesetz zu protestieren. Dieses sah vor, dass Kinder in Krisensituationen aus den Familien herausgenommen und in Pflegefamilien untergebracht wurden. Nicht nur, dass damit die Kinder aus dem Stamm der Maori komplett ihren kulturellen Wurzeln und traditionellen Familiensystemen entrissen wurden, auch wurde die Tradition der Maori missachtet und übergangen. Der Protest der Ureinwohner zeigte Wirkung und leistete 1989 mitunter einen Teil zur Reformation des Jugendhilfegesetzes (vgl. Hansbauer et al. 2009, S. 44).

2.2 Neuseeland 1989: Der „Children, Young Persons and their Families Act“

Dieses Gesetz schreibt fest vor, wie in Fällen von Kindeswohlgefährdungen, aber auch Jugendkriminalität, vorgegangen werden muss.

So ist darin geregelt, dass zunächst ein Familienrat stattfinden muss bevor ein Kind bspw. in einer Pflegefamilie untergebracht werden soll. Die Familie und das einzelne Individuum stehen wieder im Mittelpunkt. Mit Respekt für unterschiedliche Kulturen und einer Achtung der Ressourcen jedes individuellen Mitgliedes soll dazu beigetragen werden, dass Familien an Entscheidungsprozessen teilhaben und diese hauptverantwortlich gestalten können.

Bei einem Interesse der Gesetzestexte, verweise ich auf die folgende Seite.[1]

In vielen weiteren Ländern hat sich das Modell des Familienrates verbreitet, wobei sich stets am Ursprung in Neuseeland orientiert wird.

- Der Begriff der „Kernfamilie“ hat sich erweitert bzw. verändert.
- Zur Durchführung und Unterstützung des Familienrates steht eine neutrale Person als Koordinator zur Verfügung.
- Eine Konferenz verläuft in mehreren Phasen, die „family only“ Phase ist dabei die entscheidende.
- Die Fachkräfte der Jugendbehörde müssen den Plan vor der Umsetzung akzeptieren. Dies ist meist der Fall, sofern keine Gefahr für das Kind gegeben ist (vgl. Hansbauer et al. 2009, S. 45).

In meinen weiteren Erläuterungen werde ich mich auf die Umsetzung des Familienrates in Deutschland beziehen, wenn auch die Verbreitung und Durchführung in anderen Ländern bereits fortgeschrittener ist.

„Man hilft den Menschen nicht,

wenn man für sie tut,

was sie selbst tun können.“

(Abraham Lincoln)

3. Das Modell, der Ablauf eines Familienrates

Jeder Mensch ist Teil eines sozialen Netzwerkes. Dass dieses aus weit mehr als der eigenen Familie besteht, ist aus soziologischer Sicht längst bekannt. Hinzu kommen Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Vereinskollegen usw. (vgl. Hansbauer et al., 2009, S.19).

Diese Netzwerke will sich das Konzept des Familienrates zu Nutzen machen.

Es handelt sich dabei um ein Entscheidungsfindungsverfahren, welches die vorhandenen Ressourcen der Familien stärken und nutzen will. Die Grundhaltung ist, dass jede Familie in der Lage ist die Lösung für ihr Problem selbst zu formulieren.

3.1 Zustandekommen, Initiierung

Wann wird die Entscheidung getroffen, dass es günstig ist, einen Familienrat abzuhalten?

Die Gründe dafür können genauso vielfältig sein wie es unterschiedliche Problematiken in Familien geben kann.

Vorliegende Probleme können beispielsweise sein, dass Eltern Hilfe und Unterstützung bei der Erziehung ihres/r Kindes/r benötigen oder aber auch, dass Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten in der Schule oder ihrem sozialen Umfeld haben und die Unterstützung der Familie benötigen, um Alltagsprobleme zu bewältigen. Die Methode dient auch zur Unterstützung bei der Reintegration von Kindern und Jugendlichen, nachdem sie in einer stationären Maßnahme untergebracht waren. Auch im Falle von Suchtproblemen oder einer psychischen Beeinträchtigung der Eltern kann die Methode des Familienrates greifen. Besteht die Gefahr auf eine Kindeswohlgefährdung oder müssen Kinder bzw. Jugendliche neu untergebracht werden, ist es nach Abschätzung der Fachkraft des Sozialamtes auch möglich, den Familienrat als mögliche Methode einzusetzen (vgl. Hansbauer et al. 2009, S.47).

Besteht bereits Kontakt zwischen der Familie und einer Fachkraft vom Jugend- bzw. Sozialamt, so kann diese der Familie vorschlagen einen Familienrat stattfinden zu lassen.

Zuvor ist es die Aufgabe des Sozialarbeiters zu entscheiden, ob ein üblicher Weg der Jugendhilfe oder der des Familienrates eingegangen wird.

Stimmt die Familie dem Verfahren des Familienrates zu, nimmt die Fachkraft des Jugendamtes Kontakt zu einem Koordinator auf.

Es ist essentiell, dass eine Trennung von Fachkraft und Koordinator vorliegt, um eine Neutralität zu bewahren. Der Koordinator ist somit explizit nur für den Zeitraum des Familienrates in das Geschehen mit einbezogen (vgl. Hansbauer et al. 2009 S.21).

3.2 Teilnehmer

Im Zeitalter von „Patchworkfamilien“ und eingetragenen Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder, ist der Begriff der „Kernfamilie“ fast schon zu einer Rarität geworden. Dies wird auch deutlich, wenn sich der Koordinator gemeinsam mit der Familie bzw. einer einzelnen Person Gedanken macht, wer zum bevorstehenden Familienrat eingeladen werden soll. Zunächst ist dabei zu klären, welche Personen dafür in Frage kämen. Dies können jegliche Personen sein, die einen Bezug zur Familie haben: Nachbarn, Freunde, Bekannte, Lehrer, Ärzte, Betreuer usw. (vgl. Helbig/ Ruppel, 2008, S.27).

Der Koordinator hilft dabei, das Netzwerk zu aktivieren und alle in Betracht kommenden Personen einzuladen.

Oft dienen dabei unterstützende Fragen wie z.B. „Wen würden Sie zu Ihrem Geburtstag einladen?“ oder „Wer würde Ihnen bei einem bevorstehenden Umzug helfen?“

Wird ein Familienrat für nur eine Person abgehalten, dann ist sie es alleine, die bestimmt, wer dazu eingeladen wird. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist eine hohe Sensibilität gefordert. Der Koordinator begleitet den jungen Menschen bei der Auswahl und Einladung der für ihn wichtigen Personen. Dass die Rolle des Koordinators bereits in der Vorbereitungsphase eine bedeutende ist, wird klar, wenn es darum geht, auch Teilnehmer zu aktivieren, die nicht im näheren Umfeld wohnen. Möchte ein Kind, welches bei seinen Eltern in Süddeutschland lebt, beispielsweise, dass seine Großeltern aus Hamburg an dem geplanten Familienrat teilnehmen, so wird der Koordinator sein Möglichstes tun, die Großeltern einzuladen und daran teilnehmen zu lassen.

Neben logistischen Problemen bezüglich der Entfernung einzelner Teilnehmer kann es desweiteren auch zu Schwierigkeiten bei der Suche nach einem geeigneten Raum kommen. Dieser muss für alle am Familienrat teilnehmenden passend und akzeptabel sein, sodass sich alle darin wohlfühlen können.

Die folgende Abbildung macht deutlich, wie es zu einem Familienrat kommen kann.

Abbildung 1: Der Weg zum Familienrat

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hansbauer et al., 2009, S 69

3.3 Phasen

Ein Familienrat ist in mehrere Phasen eingeteilt.

Hansbauer et al. zählen im groben Überblick dazu:

- Die Vorbereitungsphase
- Die Informationsphase
- Die Familienphase
- Die Entscheidungsphase
- Die Überprüfungsphase

(vgl. Hansbauer et al. 2009, S.22 u. 23)

Stimmt eine Familie einem Familienrat zu, dann nimmt in der Vorbereitungsphase der zuständige Koordinator Kontakt mit der Familie auf. Er erklärt der Familie den Sinn und Zweck des Familienrates und informiert sie auch über seine Rolle während der Zeit. Die Familie erhält alle nötigen Informationen für das Verfahren und bekommt ausführlich die nächsten Schritte mitgeteilt. In der Vorbereitungsphase entscheidet die Familie wann und wo der Familienrat stattfinden soll und auch mit wem. Bei der Aktivierung des Netzwerkes unterstützt und begleitet sie dabei der Koordinator. Wird ein Familienrat für eine Einzelperson – Kind oder Jugendlicher – abgehalten, dann wird unterstützend eine Person des Vertrauens eingeladen, die nach Erfahrungswerten weder zur Familie, noch zum primären Netzwerk gehören sollte, um ihm eine zusätzliche Sicherheit zu bieten (vgl. MacRae/Zehr in Schmidt, 2010, S.24).

Eine gute Vorbereitung, umfassende Netzwerkanalyse der sozialen Umwelt sowie Information und Motivation der Teilnehmer sind entscheidende Erfolgskriterien für das Gelingen des Familienrates.

[...]


[1] Children, Young Persons, and Their Familys Act: http://www.austlii.edu.au/nz/legis/hist_act/cypatfa19891989n24426/

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656176954
ISBN (Buch)
9783656178361
Dateigröße
820 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192622
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen – Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
familienrat eine interventionsmethode einzelhilfe

Autor

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