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Bürgerliches Reisen als Selbstvergewisserung - Bildung und Sommerfrische

©2011 Hausarbeit (Hauptseminar) 24 Seiten

Zusammenfassung

Das im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert wirtschaftlich, politisch und kultu-rell erstarkende städtische Bürgertum etabliert das Reisen in Anknüpfung an die adlige Tradition der ‚Grand Tour’ als Bildungsreise. Bildung wurde jedoch nicht allein als die Ansammlung von Wissen über die Welt, das mittels Anschauung gewonnen wird, verstanden, sondern zunehmend im neuhumanistischen Sinn als Bildung der Persönlichkeit und wurde also zu einem eigentlichen, grundlegenden Zweck bürgerlichen Reisens.
Während das bürgerliche Reisen zu Bildungszwecken einer Minderheit von sehr wohlhabenden Großbürgern vorbehalten blieb, adaptieren vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein sozial aufsteigende bürgerliche Gruppierungen mit der ‚Sommerfrische’ einen Urlaubsstil des Großbürgertums und finden so die Möglichkeit zur Selbstdefinition als Teil des Bürgertums.

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einleitung

2 Bildung
2.1 Begriffliche Eingrenzung

3 Reisen
3.1 Begriffliche Eingrenzung
3.2 Reisen im 19. Jahrhundert
3.3 Voraussetzungen für touristisches Reisen

4 Bürgerliches Reisen
4.1 Reisen als Gegenwelt und Bildung als Legitimation
4.2 Begegnung mit der Moderne und Zeitreise
4.3 Reisen und Distinktion

5 Die ‚Sommerfrische’
5.1 Begriffliche Eingrenzung
5.2 Großbürgerliche Anfänge in Wien
5.3 Der Urlaub für den Mittelstand
5.4 Familienurlaub
5.5 Erholungsurlaub in der Natur
5.6 Gegenwelt und bürgerliche Selbstvergewisserung

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit wöchentlicher Regelmäßigkeit lädt die renommierte deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ in großformatigen Anzeigen ihre 2 Millionen Leserinnen und Leser, von denen etwa die Hälfte einer Mediaanalyse zufolge dem „gesellschaftlich- wirtschaftlichen Status 1 oder 2“1 zu zurechnen ist, ein, auf Reisen zu gehen. Un- ter dem Namen ‚Zeitreisen’ werden auf der Website der Zeitung Kulturreisen un- ter anderem nach Griechenland angeboten. Die Teilnehmer erwartet ein umfang- reiches Programm von „Vorträgen und Diskussionen über die großen Köpfe der Antike“ und „Exkursionen zu archäologischen Stätten“ auf einer Reise zu ausge- wählten griechischen Inseln von Santorin über „das blendendweiße Mykonos und das heilige Delos nach Samos, der Heimat des Pythagoras“, ebenso wie „kon- templative Wanderungen“ und die Möglichkeit einer „Badeverlängerung“2.

In gewisser Weise beginnt diese Reise jedoch nicht erst im September 2011, sondern schon vor etwa 200 Jahren. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entsteht in Deutschland3, ausgehend vom städtischen Großbürgertum, eine Form zu reisen, in denen zwei Begriffe eine konstituierende Rolle spielen: Bildung und Erholung, wobei der Urlaub zu Erholungszwecken bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein allgemein als ‚Sommerfrische’ bezeichnet wurde.

In der vorliegenden Hausarbeit soll diesen Konstituenten nachgegangen werden, indem zunächst nach dem Bildungsbegriff des beginnenden 19. Jahrhunderts gefragt und dann ein kurzer Überblick über die Entwicklung des touristischen Reisens und deren Voraussetzungen gegeben wird.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet die Beschäftigung mit dem ‚bürgerlichen Rei- sen’, das als eine eigenständige Reiseform begriffen wird. Dem schließt sich die Auseinandersetzung mit dem Urlaubsphänomen ‚Sommerfrische’ als zweitem Schwerpunkt an. Abschließend wird versucht, nach einer knappen zusammenfas- senden Darstellung einen Ausblick auf die Wirkmächtigkeit der dargestellten Rei- semodelle des 19. Jahrhunderts auf die Reisepraxis des beginnenden 21. Jahr- hunderts zu geben.

2 Bildung

Der Begriff der Bildung birgt eine „typisch deutsche, unübersetzbare Bedeutungsfülle“4, die sich aus verschiedenen Quellen speist und eng mit dem Entstehen des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert verbunden ist.

2.1 Begriffliche Eingrenzung

‚Bildung’ ist eines der wirkungsmächtigen Attribute bürgerlicher Selbstvergewisse- rung im 19. Jahrhundert und als Deutungsmuster hat ‚Bildung’ (in Zusammen- hang mit ‚Kultur’) wesentlich zur Konstituierung des Kollektivs Bürgertum beigetra- gen5.

Reinhart Koselleck verortet den modernen Bildungsbegriff als Ergebnis der Aufklä- rung und schreibt ihm eine vorwärtsgerichtete Perspektive auf eine „ständig inno- vative Zukunft“6 zu. Er verweist auf die Anknüpfung des Bildungsbegriffes an den bildenden Erziehungsanspruch der Aufklärung des 18. Jahrhunderts7. So findet sich ‚Bildung’ an zentraler Stelle schon bei Immanuel Kant, der in seiner Schrift ‚Über Pädagogik’ fordert, dass sich Erziehung praktisch-moralisch um die Bildung des Menschen bemühen sollte, „damit er wie ein freyhandelndes Wesen leben könne [...] Sie ist die Erziehung zur Persönlichkeit, Erziehung eines frey handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen inneren Wert haben kann.“8

Allerdings umfasste die Idee von Bildung in der bürgerlichen Vorstellungswelt nach der Aufklärung nicht nur vernunfts- und verstandesmäßige Bildung, sondern ausdrücklich auch die des Herzens und des Geschmacks. Es ging also um „die Bildung des ganzen Menschen als Zweck seiner selbst.“9

Georg Bollenbeck bringt durch Johann Gottfried Herders Pointierung der Kulturfä- higkeit als genuin menschlicher Eigenschaft eine weitere Dimension des Bil- dungsbegriffes ein. So sei für Herder die Kultur gleichzeitig Ergebnis und Voraus- setzung menschlicher Betätigung. Das Herdersche Verständnis von Kultur als ge- schichtlichem Prozess führte ihn letztlich zu der Auffassung, dass verschiedene Umwelten unterschiedliche Kulturen hervorbringen. Die Begegnung und Ausei- nandersetzung mit anderen Kulturen konnte also folgerichtig zur Beförderung der eigenen Kultur und Bildung führen.10

Eine weitere Bedeutungsfacette des Bildungsbegriffes findet sich bei Wilhelm von Humboldt. In einer 1792 entstandenen und erstmals 1851 veröffentlichten Schrift formuliert er den Kantschen Zusammenhang von Freiheit und Bildung sehr präzise als ein konditionales Verhältnis:

„Der wahre Zweck des Menschen [...] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung.“11

Als eines der treibenden Grundmotive bei der Entstehung touristischen Reisens sieht denn auch Hans Magnus Enzensberger „ein Freiheitsbewusstsein“12, das nach der französischen Revolution von 1789 seine Wirkung entfaltete. Auch Wolf- gang Kaschuba identifiziert das Bedürfnis nach Freiheit, den Wunsch nach Erle- ben von Freiheit als einen wichtigen Entwicklungsfaktor für touristisches Reisen13.

3 Reisen

Mobilität scheint dem Menschen eigentümlich zu sein. Schon immer sind Menschen gereist, aus ganz unterschiedlichen Gründen: Auf der Suche nach Nahrung, nach besiedelbaren Räumen, um Handel zu treiben, aus Abenteuerlust, in kriegerischer Absicht, aus politischen und religiösen Gründen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit wird der Versuch unternommen, zu klären, was ‚Reisen’ im 19. Jahrhundert insbesondere für bürgerliche Schichten bedeutete und wie sich Reisen als bürgerliche Praxis entwickelte.

3.1 Begriffliche Eingrenzung

Bei der Definition dessen, was ‚Reisen’ meint, kann in zwei vereinfachende Kate- gorien unterschieden werden: Zuerst in solche Unternehmungen, die aus berufli- chen Gründen, eher unfreiwillig unternommen werden und auf ein Ziel und einen bestimmten Zweck hin ausgerichtet sind. Dabei spielt nicht der Weg zwischen dem Ausgangs- und dem Endpunkt die entscheidende Rolle, sondern das Ziel.

Die Reise wird gewissermaßen in Kauf genommen.14 Burkhart Lauterbach spricht in diesem Zusammenhang auch von ‚Nutzreisen’. In die zweite Kategorie fallen dann alle Reiseformen, die „aus vollkommen freien Stücken“15 unternommen werden, die nicht zweckgerichtet und ausschließlich zielorientiert sind, sondern die Bewegung zwischen Ausgangspunkt und Reiseziel mit einschließen. Als eine sehr weit gefasste Definition von touristischem Reisen schlägt Jörn W. Mundt unter dem „Oberbegriff Tourismus“ vor:

„Damit fasst man alle Reisen, unabhängig von ihren Zielen und Zwecken zusammen, die den zeitweisen Aufenthalt an einem anderen als den Wohnort einschließen und bei denen die Rückfahrt Bestandteil der Reise ist.“16

Allerdings muss man hier einschränken, dass dies eine Sicht auf Reisen ist, die sicherlich eine gewisse Erklärungsmacht für das späte 20. und das beginnende 21. Jahrhundert entfalten kann, aber für den Beginn bürgerlicher Reisepraxis nur sehr bedingt anwendbar ist. Denn für den in Frage stehenden Zeitraum des be- ginnenden 19. Jahrhunderts war noch kaum von touristischem, zweckfreiem Rei- sen die Rede.

3.2 Reisen im 19. Jahrhundert

Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Reisen stets bestimmten Zwecken unter- worfen. Wer nicht reisen musste, blieb zuhause. „Die Ferne ist Verbannung, Rei- sen ist Irren“17, bemerkt Hans Magnus Enzensberger. Erst im Übergang zum Folgejahrhundert beginnt sich die „strenge Zweckhaftigkeit des Reisens zu lo- ckern.“18 Das Bürgertum beginnt aus der adligen Tradition der ‚Grand Tour’ heraus eine eigenständige Form der Reise zu entwickeln: die Bildungsreise. Doch ist die- ser Reiseform noch deutlich ein Zweck zugeordnet, nämlich Bildung, einerseits als persönliche Bildung und andererseits im Sinne von Aus-Bildung.19 Dazu werden solche Ziele aufgesucht, die nach damaligem Verständnis dieser Prämisse ge- recht werden konnten. Die deutliche Zweckorientierung lässt Hasso Spode die Bil- dungsreise noch als nicht- bzw. prototouristische Reise klassifizieren20. Für ihn beginnt das touristische Reisen erst mit der Entlastung des Reisens vom „huma- nistischen Bildungszweck“21. In einer Begriffsbestimmung der Bildungsreise als Form bürgerlichen Reisens des 19. Jahrhunderts hebt Wolfgang Günter zwei As- pekte hervor. Zum einen erkennt er eine Nähe zu modernen, touristischen Formen der Bildungsreise, denn sie führte auch zu einer „kurzfristigen Unterbrechung des Arbeitsalltages: Sie wurde damit zu einer Urlaubsveranstaltung im modernen Sinn.“22 Zum anderen bemerkt er einen direkten Einfluss auf die innere Motivation der bürgerlichen Bildungsreisenden durch die deutsche Klassik, insbesondere durch Goethe. Dessen ‚Italienische Reise’ gab demnach das Programm vor, „auf deren Spuren [...] deshalb auch die Bildungsreise entstanden“23 war.

3.3 Voraussetzungen für touristisches Reisen

Einerseits gehört das Reisen also ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zu einer der Bildungsstrategien des Bürgertums, andererseits ging es auch darum, „durch die praktische Anschauung des Neuen“24 solche Räume zu erleben, die in Deutschland erst durch die Verbreitung der Eisenbahn ab 1835 erschlossen wur- den.

Insbesondere der Nutzbarkeit der Eisenbahn für touristische Zwecke schreibt Rüdiger Hachtmann eine wesentliche Rolle für die Entwicklung des modernen Tourismus zu, da sie viele Menschen schnell an weit voneinander entfernt liegende Orte transportieren konnte. Eine „erste Phase des modernen Tourismus“25 datiert er auf den Zeitraum 1835-1880. In den Jahren 1880-1930 etabliert sich der moderne Tourismus als ein Reisephänomen, das sich, ausgehend von der Durchsetzung der ‚Sommerfrische’ als spezifisch bürgerlicher Urlaubsform, am Ende auch auf die Mittelschicht ausgedehnt hat.26 In Kapitel 5 wird dieser besonderen Form bürgerlichen Reisens ausführlich nachgegangen.

Als weitere Faktoren, die die Ausbreitung touristischen Reisens in diesem Zeit- raum begünstigten, lassen sich unter anderen diese ausmachen: Eine allgemeine Entwicklung hin zur Rechtstaatlichkeit und damit zu rechtlich verbindlichen Rege- lungen zur Freizügigkeit und Reisefreiheit, der Wegfall kleinstaatlicher Grenzbarri- eren (insbesondere nach der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 und nach der Reichsgründung 1871), die immer deutlicher hervortretende Trennung von Ar- beitszeit und Freizeit (welche sich in der ersten gesetzlichen Regelung jedoch erst ab 1873 im Reichsbeamtengesetz endgültig zu etablieren beginnt), das Entstehen grundlegender touristischer Infrastruktur wie Hotels, Reisebüros und Reiseführer in gedruckter Form.27

Nicht zuletzt ist eine der Vorbedingungen das Entstehen eines wirtschaftlich, kulturell und politisch sich emanzipierenden Stadtbürgertums28, aus dessen Mitte ‚der Tourist’ als Träger der kulturellen Praxis ‚Reisen’, bzw. ‚touristisches Reisen’ heraustritt. Eingebunden in einen Bildungsbegriff, der sowohl verbunden war mit der Idee der persönlichen Charakter-, Verstandes- und Herzensbildung, die den Menschen zu seiner wahren Bestimmung, nämlich der des Handelns in Freiheit, bringt, als auch beherrscht von der Vorstellung, durch die Anschauung der Welt zu eben dieser Bildung zu gelangen, begab sich der Reisende bürgerlicher Herkunft auf die Suche nach sich selbst, seiner Herkunft und Bestimmung.

4 Bürgerliches Reisen

Auf Reisen begegnete der Tourist in erster Linie dem, was nicht alltäglich war. Er traf auf eine Welt, die nicht seinem gewohnten Erleben entsprach, er machte Er- fahrungen in einer fremden Umgebung, mit fremden Menschen und fremden Kul- turen.

Auf welche Weise, aus welchen Gründen und zu welchen Orten Angehörige des Bürgertums im Laufe des 19. Jahrhunderts zu reisen beginnen, soll im folgenden dargestellt werden.

[...]


1 iq media marketing, http://www.iqm.de/medien/zeitungen/die_zeit/media/leserschaft.html (22. 07.2011).

2 http://zeitreisen.zeit.de/2011/griechenland-am-ursprung-des-denkens (22.07.2011).

3 Gemeint ist hier das Gebiet in den Grenzen des Deutschen Reiches seit 1871.

4 Bollenbeck 1994, S. 108.

5 Vgl. Bollenbeck 1994, S. 19-20.

6 Koselleck 1990, S. 19.

7 Vgl. Koselleck 1990, S. 18.

8 Kant 1803, S. 712.

9 Koselleck 1990, S. 20.

10 Vgl. Bollenbeck 1994, S. 119-122.

11 Humboldt 1792, S. 64.

12 Enzensberger 1962, S. 189.

13 Vgl. Kaschuba 1991a, S. 30.

14 Vgl. Lauterbach 2006, S. 26.

15 Lauterbach 2006, S. 16.

16 Mundt 1998, S. 3.

17 Enzensberger 1962, S. 186.

18 Enzensberger 1962, S. 187.

19 Vgl. Lauterbach 2006, S. 25.

20 Vgl. Spode 1993, S. 3.

21 Spode 1993, S. 4.

22 Günter 1993, S. 355.

23 Günter 1993, S. 355.

24 Kaschuba 1991a, S. 31.

25 Hachtmann 2010, S. 9.

26 Vgl. Hachtmann 2010, S. 9.

27 Vgl. Hachtmann 2007, S. 23.

28 Vgl. Kaschuba 1991a, S. 33-34.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656176947
ISBN (Paperback)
9783656177678
DOI
10.3239/9783656176947
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde
Erscheinungsdatum
2012 (April)
Note
1,3
Schlagworte
bürgerliches reisen selbstvergewisserung bildung sommerfrische
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Titel: Bürgerliches Reisen als Selbstvergewisserung - Bildung und Sommerfrische